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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-01 · 9 (1.3.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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’Ju 9 VellLiretchiptze Ä)m4cn|öirin Leite 157 feilte deutsch liberale mehr, sie wird eine volksthümliche, eine Partei mit neuem Most in neuen Schläuchen, sie wird viel eher eine soeialliberale sein. Das mag Ne auch em von uns wenig sympathisch sein, vielleicht auch mir nicht. Soll und darf uns aber das zurückschrecken? Meine Herren! Vor Allem ist es in gleicher Weise uustaatsmännisch, etwas Unmögliches anzustreben, wie etwas Unausweichlichem zu wider - streben. Keine Partei wird mehr je die führende sein können, die nicht einen reichlichen Tropfen socialen Blutes in sich aufnimmt. Das gilt für Alle. Aber speeiell für uns Juden, wenn wir vor die Alternative gestellt sind, wählen zu müssen, auf der einen Seite zwischen einem Staate mit allgemeinem Wahlrechte, auf der anderen Seite aber zwischen einem Staat etwa mit Prinz Liechtenstein als Minister des Innern, Prof. Schlesinger als Finanz- und Handels-, Monsignore Scheicher als Unterrichtsminister, Cooperator Scherzer vielleicht als Erzbischof von Wien, Gregorig als Kammerpräsident, Geßmann als Landniarschall; oder auch nur zwischen einem. Staate, in welchem sich die Minister vor dnür Gesellj schaff zu fürchten eilte Ursachen herben — kann uns da überhaupt eine Wahl bleiben? Vor dieser Alternative kann, wenn die heutige liberale Partei selbst nicht versteht, sich nmzugestalten, nur eine neue Parteibildung retten. (Rufe: Wollen S i e das machen?) Machen, verehrter Herr, wird es sich von selbst — beitragen können wir Alle dazu — sichren Sie mich aber in menen Ausführungen nicht über das durch die Vorsicht gebotene Ae aß. Man pflegt doch nicht vor einem drohenden Confliet sich und seine Wege zu demerskiren. Für heute hat es vielleicht genügt und ich habe das für eine Pflicht gehalten, der liberalen Partei von unserer Seite eins klaren Wein zu schenken. Uns jüdischen Wählern, die wir heute noch alle zur liberalen Partei gehören, kemn ich aber nur wiederholen, was ich schon bei einer früheren Gelegenheit gesagt: Trauen wir Niemandem als uns selbst und heckten wir unser Pulver trocken. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Reichsrathsabgeordneter Dr. Kr o n a w e t l e r bedauert es, daß der Vorredner von der liberalen Partei blos den Schutz der Juden und nicht auch der Besitzlosen verlange. Solche Fragen dürfen nicht von dem Standpunkte des Einzelnen, der betroffen wurde, behandelt werden, sondern von dem Standpunkte der Gleichberechtigung aller Menschen, ohne Rücksicht auf ihren Besitz und ihre Confession. Die liberale Partei mache Unterschiede zwischen Staatsbürgern, und d a s sei es, was die Demokraten von ihr trenne. Wenn eine Partei Unterschiede zwischen Staatsbürgern mache, dann dürfe man sich nicht wundern, wenn Andere kommen und zwischen Confessionen Unterschiede machen. Man müsse daher sein Hauptaugenmerk darauf richten, daß die niedrigen Classen intelligent werden, daß ihnen alle Zweige der Wissenschaft eröffnet werden. Die Jnteiessen der Juden können nicht durch die Coalition, sondern nur durch rein demokratische Gedanken gewahrt werden, dann wird auch von jüdischen Interessen nicht mehr die Rede sein. Redner tritt für eine Reformnung des österreichischen Ehegesetzes ein, damit die Gegensätze in der Bevölkerung selbst geschwächt werden. Wo das arbeitende Volk gegen Privilegien kämpft, wird es die Demokraten stets an seiner Seite finden. Die Juden werden aber nie ihr Recht erreichen, wenn sie sich wieder an privilegirte Elasten wenden. Ortsschulrath Leop. Strauß wendet sich gegen die Aufforderung des Abgeordneten Kronawetter, daß die Juden sich für das allgemeine Wahlrecht einsetzen sollten. Herr Dr. Kronawetter übersehe, daß es auch unter den Juden Liberale, Demokraten, ja selbst Clericale gebe. Wenn wir in der „Oesterr.-Jsrael. Unioick von der liberalen Partei den Schutz! der Juden beanspruchen, so ist das etwas, was alle Juden ohne Rücksicht auf ihre Parteischattirung interessire. Wir Juden wollen den Schutz der Gesetze, und welche Partei uns hiezu verhilft, ist uns willkommen. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Schneeberger bemerkt gegenüber den Ausführungen des Abgeordneten Krona w e t t e r, daß der jüdische Lhauvinismus erst allerjüngsten Datums sei und seine Entstehung dem Antisemitismus verdanke. Der Antisemitismus habe bewirkt, daß die Judenfrage die im Begriffe war, aus der Welt zu verschwinden, wieder in Ewigkeit aufgerollt worden ist. Wenn Dr. Kronawetter die bedrückende Lage der Juden mit derjenigen der Besitzlosen vergleiche, so müsse er sich dagegen energisch verwahren. Habe man den Besitzlosen je vorgeworfen, daß sie Betrüger und Gauner seien? Man hat noch keinem Arbeiter das Andenken an seinen Vater und Mutter geschmäht! (Stürn sicher Beifall.) Desbalb werden wir, soweit Manneskrast in uns lebt, diesem elenden Gewürm auf den Hals treten, um unserer Eltern willen. (Stürmischer Beifall.) Die liberale Partei könnte Vieles lhun, anderseits müsse man berücksichtigen, daß sie durch eine lange Reihe von Jahren zur Ohnmacht verurtheilt war. Aber gerade deshalb, weil wir uden der liberalen Partei auch in ihrem Exil treu geblieben sind, haben wir das Recht, heute, wo sie an der Macht ist, von ihr zu verlangen, daß sie etwas für uns thue. Gemeinderath Ludwig Lang schließt sich gerne Jenen an, welche diese Aufforderung an die liberale Partei richten wollen. Er sei der festen Ueberzeugung, daß eine solche Aufforderung von Erfolg begleitet sein wird. Auf den Borwurf des Herrn Ehrlich, daß Kronawetter als Demokrat im ersten Bezirke, der Burg des Liberalismus candidirt habe, erwidert derselbe, daß ihm die Wahl von einer großen Anzahl von Wählern angetragen worden sei. Er habe damals offen erklärt, daß er dieses Mandat nur als Demokrat annebmen könne. Was die Ausschreitungen in den öffentlichen Vertretuugskörpern betrifft, so liege ein großer Grund in der energielosen Haltung der betreffenden Vorsitzenden. Zur Ehre des Präsidenten Chlumetzky muffe er gestehen, daß derselbe durch seine würdevolle und energische Leitung der Verhandlungen, stets zu verhüten wiffe, daß Expectorationen auf welchem Gebiete immer Vorkommen. In einem solchen Falle schneide er den Rednern gleich zu Beginn ihrer Rede das Wort ab. Zum Schluffe versichert Redner, stets für die Juden eintreter, zu wollen, falls dieselben in ihren Rechten verkürzt werden sollten. Nachdem noch Herr F ü r st e n t h a l gesprochen und Herr Jenner für einen engen Anschluß ou die liberale Partei plaidirte, schloß der Vorsitzende gegen Miltefnachi die Versammlung. Dir Ausbrüche drs Judenhasses nach den Freiheitskriegen im Lichte Heinrich v. Trrittchke's. Wer die Erscheinungen des Judenhasses auf deutschem Boden in unserem Jahrhundert etwas genauer verfolgt, dem wird sich sofort die Wahrnehmung ausdrüugen, daß jene gewaltige Erregung gegen die Juden, welche nach den Freiheitskriegen ausbrach, keineswegs künstlich hervorgernfen und genährt gewesen ist, sondern daß sie alseine Verirrnngdes Vvlksgemüthks bezeichnet werden muß: daß aber wenige Jahrzehnte später dieselbe politische und nationale Partei, die in dem ersten Jahrzehnt nach den Freiheitskriegen io wüst gegen die Juden getobt hatte, in dieser Frage eine völlige Wandlung erfahren und alle Bestrebungen der Judenemaneipation auf's Entschiedenste begünstigt hat. Diese Aenderung, die uns so sehr zu statten gekommen ist, hat sich zum Theck dadurch vollzogen, weck die Liberalen, besonders nachdem die Demagogenverfolgnngen die Deutschen vom teutonischen Rausche ernüchtert hatten, ihre Doctrinen nach dem Vorbild Frankreichs schufen, und im Westen war damals kein Judenhaß zu lernen; selbst unter dem Bourbonenregiment wurden die Ausnahmebestimmungen außer Geltung l gesetzt, die Napoleon für den Elsaß für den Zeitraum von zehn Jahren angeordnet hatte; aber beiweitem wichtiger für diese Erziehung der öffentlichen Meinung in Deutschland zur Duldung und Anerkennung des Jndenthums sind Heine und B ö r n e. Alan kann die mächtige Wirkung dieser beiden Männer auf den öffentlichen Geist in Europa preisen oder beklagen, den Judenhaß haben sie mit so unerbittlichem Spotte verfolgt, daß, wer nicht ganz den modernen Ideen abgeschworen hatte, sich dieses Haffes schämte und chn ans der Seele

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