Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 9 Veklrrrelchische WochrnptzrM Seite 155 geben? Nein. Und keiner wird es je zuwege bringen. Oder Hai je ein Künstler ein bewundertes Werk hervorgebracht, das allen seelischen Ausdrucks baar war? Auch nicht. Dann ist es ein Widerspruch, vom Materialismus oder Jdeali.sm u s im landläufigen Sinne zu sprechen. Das gilt auch für die Politik, meine Herren. Es gibt keine reine Realpolitik und auch keine reine Jdealpolitik; gerade hier i st eine ©oafition Naturnothwendigkeit. Alle echten Materialisten sind zugleich Idealisten und umgekehrt. Das mögen Jene bedenken, denen das heilige Amt übertragen ist, an der tele der Mitbürger zu marschiren. Vermögen sie es nicht, Beides in Einklang zu bringen, oder wollen sie an der Harmonie der beiden nicht festhallen, dann verdienen sie nichts anderes, als hinter die allerletzten Reihen znrückgewiesen zu werden, denn wer das Volk zu vertreten berufen wird, der soll sein Amt mit dem heiligen Ernst, mit den: festen Willen übernehmen, denen die ihm ihr Vertrauen geschenkt haben, mit allen Kräften und in Wahrheit zu dienen. Nie vielleicht war das so geboten, wie in unserer heutigen Zeit. Es ist mir, als stünde der Dichter unter uns, der da gesungen: Untröstlich islls noch allerwärts, Doch sah ich manches Auge flammen Und klopfen hört ich manches Herz! (Langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Gin politisches Programm: deutlich, ehrlich, praktisch. Es ergreift nunmehr das Wort Herr Siegmnnd May er: Meine Herren! Ich habe mir das Wort erbeten — nicht um einen Antrag zu stellen. Aber ich halte es für nöthig, einer Ausführung entgegen zu treten, ivelche erst gestern in der Versammlung des „Vereines der Fortschrittsfreunde" gefallen intb gegen jene Resolution gerichtet ist, die von mir in unserer letzten Plenarversammlung eingebracht und von Ihnen einstimmig acceptirt worden ist. Ich halte diese Antwort für doppeltnöthig, nicht nur weildiese Entgegnung von eineln so bedeutenden, Manne wie Professor Sueß gegeben wurde, sondern Ulld noch viel mehr, weil selbst diesem, auch von mir hochverehrten Manne offenbar die volle Klarheit über den Kern des drohenden Conflictes zwischen der liberalen Parteileitung lmd den jüdischen Wühlern zn fehlen scheint. Ich werde mich belnühen, diese Klarheit zu schassen und mich hiebei nicht abhalten lassen, daß ich von dem Standpunkte, speciell eines jüdischen Wählers, ausgehen mich. Denn nicht wir, die Jud en sind es, welche^diesen Standpunkt gewählt haben — im Gegentheile, er ist tzuns sehr gegen unseren Willen, sehr gegen unsere Neigung durch die Brutalität unserer Feinde, und noch mehr durch die Schwäche unserer Freunde gewaltsam aufgedrüngt worden. Worin besteht nun dieser Kern des Conflictes? Vielleicht etwa darin, daß die Herren dem Abgeordneten, Schneider gegenüber geschwiegen haben? Ganz und gar nicht. Nicht um die Thatsache des Schweigens an sich handelt es sich, sondern um die Gesinnung, welcher dieses Schweigen entstammt. Was verlangen die jüdischen Wähler-? Vielleicht daß die liberalen Parteiführer Reden halten? „Mit Rede n ist hier nicht geholfen" läßt Schiller seinen Wilhelm Tell sagen, als es sich um thatsächliche.Hilfe für einen Bedrängten handelt; und dasselbe können auch wir Juden in unserer gegenwärtigen Lage sagen. Was wir von der liberalen Partei verlangen, ist was Anderes. Wir vertangeil mit kurzen Worten, klipp und klar von ihr, daß sie heute, wo sie ans dem Exile der- Opposition, ein Exil, das wir redlich und opfervoll mit ihr getheilt haben, in das allerdings nur von ihr gelobte Land der Coalition gelangt ist, ihre Macht, ihren Einfluß, ihre Unentbehrlichkeit dafür einfetzt, daß die Regierung jene passive, aber äußerst wirkungsvolle Assistenz, welche sie dem Antisemitismus angedeihen läßt und durch welche allein er so „gesund und im Wachsen" steht, aufgibt, daß sie,welche behauptet, eine nicht antisemitischeRegierung zu sein, aufhört, genail so zll handeln, wie wenn sie eine solche wäre. Diese Forderung stellen wir heute nicht zum erstenmale, wir müssen sie immer wieder stellen. Es ist nämlich ganz unmöglich, durch Vernunftgründe auf jene dem Antisemitismus verfallenen christlichen Mitbürger einzuwirken, wenn sie sich durch das Verhalten der Regierungsorgane in der politischen Verwaltung, mitunter - - zugegeben irrthümlich --- durch den Ansgang "mancher Ehrenbeleidigungs - Proeesse berechtigt glauben, die stille Billigung von Obell zu besitzen. Jnsolange nicht dieser Glauben gründlich zerstört ist. werden sie auch ilnmer mehr und mehr all die Möglichkeit glaubell, daß diese Regierung ihre Wünsche gegenüber den Juden auch thatsächlich erfüllen kann. Und lv a s wünschen die Herren? Natürlich Folgendes: Die Juden sollen dem christlichen Schneider und Schuster, Tischler und Tapezierer-, Ni mir er und Schlosser Erwerb, dem christlichen Privat-Lehrer, dein christlichelk Musikmeister Verdienst, beut christlichen Detaillisterl Profit geben — aber sie, die Juden sollen fein Handwerk betreiben, die christlichen Handwerker weigerli sich, die Jndenknaben in die Lehre zll nehmen — keine gelehrten Berufe ergreifen, voll der Beamten-Carriere ausgeschlossen sein, keinen Frllcht- und überhaupt keinen Handel betreiben, kurz, die Juden sollen den christlichen Mitbürgern so viel als liur möglich Verdienst geben — aber beileibe selber llichts verdienen dürfen. Ja wer dieses Hexenstück zu Stande brächte! — Bevor wir Juden nun in Wien uns in unserer Roth zu einer Action znsammengethan haben, ist im letzten Frühjahre diese Forderung mls dem Kreise jüdischer Wähler, und zwar mit ziemlicher Autorisation an einen Kreis maßgebender und bedeutender liberaler Abgeordneten direct, vardis expressis, gestellt worden. Die Abgeordneten haben die Erfüllung derselben abgelehnt, Nun entsteht natürlich sofort die Hauptrage: Warum, aus welchem Motive hat die liberale Partei dieses Begehren ihrer jüdischen Wähler abgelehnt? Will die Partei — oder kann sie nicht, fehlt ihr die Macht? Die Herren Abgeordneten haben das letztere behauptet; ich, welcher an dieser Verhandlung Theil genommen, habe das schon damals ebenso entschieden bestritten. Zu jener Zeit hat uns allerdings der directe Beweis für die Richtigkeit unserer Ansicht gefehlt, heute hat ihn die Partei selbst geliefert. Ich erinnere Sie, meine Herren und auch meinen hochverehrten Freund Herrn Professor S n e ß, an den Jstrianer Conflict. Für die Jtaliener dort hat sich die ganze liberale Partei sofort auf das Entschiedenste ein- und hat auch ihren Willen dnrchgesetzt. Minister Graf Schönborn, welcher der Linken diese verdrießliche Suppe eingebrockt hatte, mußte den Kürzern ziehen. Und warum hat sich diese Lucke für die Italiener sofort eingesetzt? Haben vielleicht die B o s n y a k und Genossen ihre italienischen Mitbürger auch plündert: lind aus den: Lande jagen wollen, wie Schneider und Consorten die Juden? Was ist diesen Italienern denn geschehen?Man denke— man hat in ihren Gerichtsbezirken einige Taserl mit doppelsprachigen Aufschriften aufgehängt! Und dagegen ist die ganze parlamentarisch-liberale Rettungsgesellschaft mit dem äußersten Aufwand von Drohungen und Argumenten vor beit Minister- Hotels vorgefahren. Meine Herren — Politiker, welche heute, in der Zeit der drohendsten, socialen Kämpfe, eine Zeit, in welcher nicht nur der Besitz der paar Juden durch Individuen wie Schneide r, sondern die ganze gesellschaftliche Constrnction bedroht wird, sich mit solchen politischen non vulenrs ernstlich noch beschäftigen, gehören, weiß Gott, sämmtlich und selber in die politische „Taferlclasse". Aber spielt sich denn nicht jetzt vor unseren Augen mit C i l l i dasselbe ab. Ist denn nicht die Linke entschlossen, wegen einigen slovenischen Parallelklassen an einem Unter-Gymnasium die Coalition zu gefährden: und wird sie nicht auch hier ihren Willen durchsetzen? Gewiß wird sie das, man kann die Linke nicht ernstlich ziehen lassen — denn ohne sie keine Coalition! Sie kennt ihre Macht — sie gebraucht sie auch für ihreOParteigenossen — nur dürfen sie eben keine Juden sein. Genügen Ihnen, meine Herren, diese Beweise vielleicht nicht? Nun,