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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-01 · 9 (1.3.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 164 Veprrretchtlchr Mochrnptzry Nr. 9 man schreit, man poltert mit den Fäusten aus den Bänken, ohne dabei zu wissen, warum eigentlich — gerade wie die Kmder, um sich durch den Lärm und die Bewegung zu betäuben. In diesem Zustande gibt man wohl auch eine Ohrfeige, fast ohne es zu wollen, denn es sind die Arme, die von selbst dreinschlagen. . . Wie der Körper, verfällt auch der Geist in eine Art Convulsiom" Das stimmt in den Symptomen. Bis zu den letzten Consequenzen, den Debatten mit den Fäusten, ist ja auch bei uns kaum mehr ein ganzer Schritt. Aber nur in den Synrptomen trifft es zu. In der Krankheit selber nicht. Die Antisemiten sind keine Neurotiker; bestenfalls blindwüthige Fanatiker, auf die sich die Beobachtung des italienischen Gelehrten nicht anwenden läßt. Nicht einmal die Entschuldigung neuroser Erkrankung können wir ihnen angedechen lassen, sondern wir müssen leider annehmen, daß da böse Gesinnung und böser Wille die leitenden Principien in chrer Sache sind. Nicht ehrliche Ueberzeugung spielt da die Rolle mit, denn ich behaupte, daß man ebenso wenig von einem „ehrlich überzeugten" Antisemiten sprechen kann, wie von einem „ehrlich überzeugten" Mordbrenner; Beides wäre ein Nonsens. Es ist ein anomaler Zustand der Bestialität, der in manchem Menschen existirt wie ein Krebsgeschwür, und der leider auch vielen Menschen erst künstlich beigebracht, sogar anerzogen wird. Ja, meine Herren, in der Erziehung liegt das große Uebel. Die erste Pflicht, die ein Ünterrichtsminister zu erfüllen hätte, wäre die, jeden nur antisemitisch angehauchten Lehrer zu suspendircn. An einem Brentano hat man sein Müthchen gekühlt, — aber alle jene Erzieher, die offen in die Welt hinausschreien: „Ich bin Antisemit!" läßt man unbehelligt. Und leider gerade auf diese Gattung Volkserzieher paßt nur zu häufig der Spruch: „Was er gelernt, ist eine Handvoll, Was er n i ch t gelernt, ein Land voll, Aber was er w ä h n t, zu wissen, Hat mich zum Staunen hingerissen!" Erlauben Sie, daß ich da noch mit einem Citat komme: es ist der Ausspruch eines Mannes, der hohe Ächtung verdient, denn er ist eurer von jenen hervorragenden Streitern für das allgemeine Wohl, die bereit find, für eine Sache, welche chnen als heilig gilt, das Märtyrerthum auf sich zu nehmen. Es ist das Oberstlieuteuant von E g i d y, ein Mann, der eine glänzende Carriere vor sich hatte, aber ohne Zaudern seine persönlichen Interessen und Vortheile der Mitwelt geopfert hat. Sein „einiges Christenthum" ist, wie Sie wissen werden, kein dogmatisches Christenthum, keine Confession im strengen Sinne des Wortes, es ist das, was mit Christus jeder Ethiker angeftrebt hat, der Cultus der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der allumfasseirden Menschenliebe. Das Blatt, das er herausgibt, heißt „Versöhnung," und aus dem Untertitel können Sie ersehen, daß es nicht auf einen: engbegrenzten Standpunkt steht, denn dieser Untertitel lautet: „Zusammenschluß aller das Gesammtwohl fördernden Bestrebungen . . Ich citire einen Ausspruch aus dem Capitel „Erziehungs-Gedanken", wo der Herausgeber sagt: „Unter Erziehung verstehe ich eine dem Alter und dem geistigen Höhestandpunkt des Einzelnen entsprechende unausgesetzte, unmittelbare und mittelbare Einwirkung durch Wort, Belehrung, Vorstellung und Beispiel aus das Denken, Enrpfinden, Fühlen und Thun, nicht rmr unserer Kinder, sondern unserer M i tmenscheu überhaupt. Dergestalt, daß Alles Erziehung ist, dergestalt, daß die Erziehung ein sich unter einander Abschleifen, ein sich unter einander Veredeln vervollkommnen wird: dergestalt, daß Jeder in jedem Augenblick sein eigener strenger Richter, aber der milde Anwalt seiner Mitmenschen ist, dergestalt, daß ein einiger G e i st die G em e i n s a mkeit beherrscht: ein heiliger Geist, der Geist des Gut-feinwolle ns nach dem inwendigen Menschen." Meine Herren, ich kann mir nicht leicht denken, daß es eine schönere Auffassung des Begriffes Erziehung gibt, als sie uns hier Egidy vorlegt. Das ist es, was die Menschheit braucht und wonach sie sich euch ahnungsvoll sehnt. Darin liegt die Lösung alll der Fragen, die heute die Menschheit entzweien und in verschiedene einander feindlich gegenüberstehende Lager treiben. Nicht einseitige Erziehung, nicht Classen-Erziehung, — s o n d e r n M e n s ch h e i t s e r z i e h u n g soll auf die Tagesordnung kommen. Das Streben des Clerus nach der alten Erziehungsgewalt geht von der Idee aus, die gewisse Eltern ihren Kindern gegenüber haben, nämlich von der Idee, daß ihre Kinder nicht älter werden und ewig nur der Regeln bedürfen, wie sie in der Kinderstube angeschlagen waren. Allerdings soll, wie Egidy so richtig hervorhebt, die Erziehung nie aufhören; das streben ja auch alle Religionsgenossenschaften an, indem in ihren Tempeln Groß und Klein, Jung und Alt zu gemeinsamen Stunden der Andacht und Erbauung herangezogen werden. Aber ich möchte den Tag erleben, wo es noch höhere Erbauungs- und Erziehungs-Institutionen geben wird, in denen die Schüler nicht auf eine einzige Stufe der Kindheit gestellt find und allen nur eine primitive, geistige Kost verabreicht wird. Man versucht es in abgesonderten Vereinen, in künstlerischen, literarischen, wissenschaftlichen, in Volksbildungsvereinen. Doch das ist noch immer nicht das Richtige, nicht im Absondern von Clubmitgliedern hinter ihren Clubmauern liegt die Lösung, sondern im Zusammenströmen aller Massen in solche Tempel, die Tausende und Tausende fassen, damit Alle ohneAusnahme theilhastig werden. Kunst in allen Formen, Wffsenschaft in allen Formen, Aesthetik in allen Formen, kurz Ethik in allen Formen' soll der Gesannntheit zugänglich und erreichbar sein. Es soll d i e Pflicht jedes Einzelnen werden, daß er sich in diesem Sinne verbessere und veredle, ja mehr als Pflicht, es soll Lebensbedürfniß werden, wie er essen und schlafen muß, wie die leibliche Stärkung und Kräftigung, soll er auch der geistigen gar' nicht entrathen können. Menschen, die solche Zustände erhoffen, ersehnen, nennt man kurzweg Idealisten. Das habe auch ich im vergangenen Jahre gelegentlich eines Vortrages zu hören bekommen. Nun ist aber mit dem Wort Idealismus derselbe Mißbrauch getrieben worden, wie mit dem als Begriff des Teuflischem geltenden Materialismus. Diesen letzteren haben die, denen er aus persönlichen Gründen nicht behagt, dahin gedeutet, daß er die Alleinherrschaft der rohen Materie in sich fasse. Das ist falsch; er deutet einfach an, daß Geist und Materie oder Seele und Körper, kurz Kraft und Stoff zusammen gehören, Eines bilden und getrennt nicht existiren können. Idealisten sind nach heutigem Begriffe nichts anderes, als Wolkenträumer. Auch falsch! . . . Idealisten waren und sind die, die von Confucius, Buddha, Christus und deren unbekannten Vorgängern an bis auf den heutigen Tag bestrebt sind, eben daraus hinzuarbeiten, daß der Cult der Materie nicht das Uebergewicht über den des Geistes erlange. Einer: crassen, brutalen Materialismus oder Realismus gibt es nicht in der Natur; diese Behauptung erlaube ich mir als Schriftsteller auszusprechen. Ideales ist überall mit dabei in Verbindung und gleicht sich mehr oder minder harmonisch aus. Beides ist untrennbar und darum ist es ein ungesundes Beginnen, ein krankhaftes Streben, wenn man eine Trennung vornehmen und, sei es das Eine oder das Andere, allein als herrschendes, als alleinberechtigtes Princip darstellen will. Hat je der größte Künstler der Welt schon eine Seele zu schaffen vermocht, ohne ihr Gestalt — also Körper, zu

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