Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 152 Vrflrrrelchtptzr Der Mythe von Herkules und König Augias liegt gewiß ein tieferer Sinn zu Grunde, als der eines bloßen Märchens. Im.Reiche des besagten Königs, und nicht nur in seinem Stalle, magres dieselben Unreinlichkeiten gegeben haben, wie die, über welche wir heute bei uns klagen, nur.meine ich, hat ein Herkules von damals im Verhältniß eine leichtere Arbeit gehabt, als^Eiiier, der gegenwärtig das Amt übernehmen sollte, eine gründliche Säuberung vorzunehmen, gleichwie es einem Christus noch schwerer fiele, als wie vor 1900 Jahren, die bekannte reinliche Scheidung durch ein paar kräftige Peitschenhiebe zu bewerkstelligen. Wenn wir aus die - letzten Zeitabschnitte zurückblicken, besonders auf das jüngstvergangene Jahr, so wirst sich uns unwillkürlich die Frage aus: ,Za, was ist denn eigentlich geschehen?"-Und die Antwort folgt auf dem Fuße: ,Mieles — und nichts. Vieles nämlich zum Schlechten — und nichts zum Besten! Sie werden vielleicht bemerkt haben, daß die politischen Blätter, die zur Jahreswende immer einen Rückblick auf das verflossene Jahr bringen, diesmal in schwerer Verlegenheit waren, was sie eigentlich als besondere Errungenschaft hervorheben sollten. Sie waren in der Lage eines Geschäftsmannes, der seine Bilanz zieht und beim „Haben" lauter Nullen vorfindet, Was soll er nun thun, um seinen Credit ausrecht zu erhalten? Er wird vielleicht darin euren letzten Ausweg suchen, daß er kleine, unsichere Posten, ausstehende unbedeutende Forderungen, 'Bestellungen aus die Zukunft, hüreürzieht und stecht dick unterstreicht, damit diese wenigstens in die Augen fallen. Diesen Eindruck habe ich Heuer bei unserer politischen Jahresbilanz gewonnen, und ich glaube, daß die Meisten von Jhrren diesen Eindruck theilen, denn ich habe vielseitig diese meine Wahrnehmuug bestätigt gefunden. Und wer leidet am meisten unter diesem schweren Vorwurf? ... Die Partei, zu der wir ja Alle in mehr oder weniger abgetönten Nuancen gehören ... Es ist das tief zu bedauern; schon aus dem Grunde, well da hervorragende, ausgezeichnete, von den besten Intentionen beseelte Männer mit einbezogcn werden, die besseren Dank und Anerkennung verdienen, die aber die Verantwortung mittragen müssen, well ihnen Fesseln angelegt sind, die sie unter den herrschenden Umständen nicht zerreißen dürfen. llnd da komme ich aus zwei heikle Punkte, in welchen vielleicht nicht Alle meiner verehrten Zuhörer meine Ansicht theilen werden, es sind dies nämlich die beiden Fragen: „Parteidisciplin" — „Coalition". Zur ersten Frage gestatten Sie mir, zwei Citate aus dem vortrefflich redigirten Blatte „Ethische Cultur", dem Organ der ethischen Bewegung in Deutschland, anzusühren, die meinen Anschauungen in diesem Punkte Ausdruck geben. Herr Gustav Maier-Ermattingen, ein verdienter Mitstreiter uni die Ethll und den Frieden, sagt: „Den Ethller scheidet auf politischem Felde vom Parteimcmn die Thatsache, daß er auf kein bestimmtes Programm schwört, daß er gewissermaßen zwischen den Parteien steht und das Gute nimmt hüben und drüben, wo er es findet;" ferner: „Das Parteiwesen hat fast durch die Bank noch mehr oder weniger den allein selig'machen den Charakter, der auch den Confessionen beiwohnt. Die Partei sagt: nur aus dem Wege meines Programmes kam: das Vaterland glücklich gemacht werden — und das möchte auf die Dauer doch auch manchen Ethller abstoßen." So der von mir citirte Autor. Ich bitte aber, ihn sowie mich nicht mißzuverstehen. Es ist ja ganz unleugbar, daß ein fester Zusanimenhalt nothwendig ist — ich erhoffe diesen sogar immer von Liberalen und Demokraten — doch dieser Zusammenschluß darf nicht zu einer Art absolutistischer Einrichtung werden, wo die eüizig geltende Losung von einem Haupt — wie es vor Kurzem noch war — oder von einem Führer-Collegium, wie es gegenwärtig ist, ausgegeben wird. Wochenschrift Ni 9 Da ist, glaube ich, doch zu bedenken, daß wir nicht Neeruten vor uns haben, die von den Drillmeistern im Zaum gehalten werden müssen. Die Männer, die Sie als Ihre Vertreter entsenden, sind doch, oder sollen und müssen doch in der- Zukunft solche sein, die aus der Höhe der Situation stehen, die wissen, was ihre Wähler wollen und was ihrem Lande frommt. Der Vertretungskörper darf ja doch nicht aus wilden Corps bestehen, über die eine eiserne Disciplin gesetzt werden muß, von der die bestimmten Commandos im Voraus ausgehen. Sie werden mir vielleicht sagen: Ja, dann könnte sehrleicht in wichtigen Fällen eine Zersplitterung der Stimmen stattfinden. Das wäre, glaube ich, ganz gut zu vermeiden, selbst wenn den Einzelnen mehr Ellbogenweite eingeräumt wird. Soweit ich Gelegenheit gehabt habe, die englischen.Gepflogenheiten kennen zu lernen, gibt es unter diesen: die Freiheit über alles schätzendem Volke, bei wichtigen, die ganze Partei berührenden Fragen nur solche Berathungen, an denen sämmtliche Mitglieder theilnehmen; nicht einem Collegiunr von Vertrauensmännern ist es überlassen, zu bestimmen, sondern solche Vertrauensmänner werden erst dann delegirt, wenn man in der Partei selbst über jeden wichtigen Punkt vollkommen im Reinen ist. Gegenwärtig aber hat sich bei uns diese Disciplin zu einer so strengen gestaltet, daß mau thatfachlich verpflichtet wird, aus oft übel angebrachtem esprit de cori s sich gegen seine Ueberzeugung zu ducken — ja sogar zu stimmen. Und gerade daraus wird, wie ich fürchte, eine große Zersplitterung hervorgehen. Kleine Anzeichen haben wir bereits gehabt; die Dissidenten im Gemeinderath, unter der Aera Prix — und gewisse unzufriedene Stimmen, die sich in den Reihen der Mitglieder des Parlaments vernehmen lassen. Von der Frage „Parteiwesen" ist der nächste Sprung der zur Frage der „Coalition". Da, meine verehrten Herren, möchte ich mich auf wenige Worte beschränken; ich bringe Ihnen ein chemisches Gesetz in Erinnerung. Schwarz und Weiß amalgamirt geben — grau. Dem größten 'Chemiker wird es nicht gelingen, aus dieser Mischung Reinweiß herauszubringen. — Ist das Grau aber die Farbe, die unseren Augen behagen kann? — Gewiß nicht! — Und zudem; es wird ja Ihrer Beobachtung nicht entgangen, sein, daß das Grau immer dunklere Tinten annimmt, wie es auch naturgemäß ist, wenn die Beimischung von Schwarz die reichlichere ist. Ist es wahr, wenn man versichert, daß alle bedeutsamen Fügen, die von der Regierung ventilirt werden, erst durch den Filtrirapparat der Nuntiatur am Hof gehen? Ich weiß es nicht — aber es hat mir fast den Anschein. Der Tropfen „idealistischen Oeles", der im verflossenen Jahre einmal von einem Mitglied der Regierung zum Gebrauch der College:: und des Parlamentes gepreßt wurde, scheint mir niehr Chrysam zu sein, als natürliches Product, frisch voni Baum, dem man das Syuibol des Friedens und der Befreiung von Plagen verliehen hat. Alles das zusammengenommen, meine verehrten Zuhörer, hat dazu beigetrageu, die Entwicklung und Bethätiguug des Freigedankens zu hemmen, und weil diese Hemmung nun allgemein fühlbar wird, so kommt das in einer gewissen Verstimnmng zum Ausdruck, die bedauerlicherweise gegen' den Liberalismus gerichtet ist, oder um präciser zu reden, gegen die heutigen Vertreter der liberalen Partei. Ich stelle mich nicht in die. Reihen jener Ankläger, die überhaupt einen Prügelknaben brauchen, um ihrer üblen Laune Luft zu machen. Ich stelle mich aber auch nicht in die Reihen Jener, die glauben, daß da durch Beschönigen noch Abhilfe geschafft werden kann. Ersteres wäre unlogisch, letzteres unehrlich, weil ich diese Ueberzeugung nicht habe. Ersteres wäre die Logik jener, die sagen: „Alle Priester sind schlecht, weil einzelne sich Verbrechen zu Schulden kommen lassen;" — oder: „Der gesammte Adel ist verrottet, weil so manche Mitglieder es wirklich sind;" oder: „Das Judenthum muß vernichtet werden, well sich zufällig unter diesen auch Schand-