Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 Vrperredtztschr WortzensrtzrM Seite 151 Ordnung niederreißen? Die Antwort auf diese Frage kann nicht mehr Lange auf sich warten lassen! Der „Pester Lloyd", welcher gleichfalls das Scheitern der Mission des Cardinals Schönborn constatirt, bemerkt hierzu: „Als drastisches Beispiel mag es gelten, daß in einer der letzten Landlagssitzungen der bekannte Lueger inittheilte, der Landes-Ausschußbeamte Gerenyi sei bei ihm erschienen und habe ihm bewiesen, er sei von „reiner Abstammung" und habe sich legitimirt, daß bis zu seinem Urgroßvater kein Jude in seiner Familie gewesen sei. Gegen diese Erklärung hatte nicht ein einziges Mitglied der liberalen Majorität ein Wort des Protestes, es siel keine Bemerkung der Verachtung. Da soll der heilige Vater gegen die Antisemiten auf treten, wenn Männer, die auf ein liberales Programm gewählt wurden und welche keine andere Existenzberechtigung besitzen, als die von ihnen behauptete liberale Gesinnung, in der Frage des Antisemitismus eine solche S chw äch e, eine solche F eigh eit z ei gen? Und dieselbe Muthlosigkeit findet man bei der Regierung. Selbst der liberalste Minister, wenn wir uns überhaupt eines solchen erfreuten, würde sich heute nicht getrauen, einen noch so belobten, jüdischen Praktikanten in ein Ministerium zu berufen, oder einen Juden zum Avancement zuzulassen. Es ist ja richtig, daß beispielsweise Herr v. P len er nach seiner inneren Gesinnung gewiß vorurtheilslos genug ist, sich über solche Bedenken hinwegzusetzen, und daß er jüdischen Beamten oder Candidaten für eine Beamtenstelle, wenn sie die Eignung besäßen, die Ernennung nicht vorenthalten würde, aber es wäre ihm nur dann möglich dies zu thun, wenn er dem ernannten Candidaten nach dem Muster: des großen Friedrich die Bemerkung ins Ohr raunen könnte: „Sie sind ernannt, aber ein Schuft, der es weiter sagt." Niemand soll Erfahren, daß Herr v. Plen er auch den Muth besessen hat, einen Juden die ihm gebührende Stelle in der Bureaukratie einzuräumen. Im Ackerbauministeririm, im Landesvertheidigungs-Ministerium, im Ministerium des Innern gibt es keinen einzigen jüdischen Beamten. Im Justizdienste werden nicht einmal Rechtspractikanten jüdischer Konfession, welche zehn Jahre unbesoldet dienen, zur hohen Würde eines Ausculanten erhoben. „Der Antisemitismus hat eben noch eure andere Seite: er ist ungeheuer bequem und er ist ein großer Schutz für die Feigen, welche bei jedem Entschlüsse und bei jeder Action, ja bei jeder Willensäußerung sich auf den Antisemitismus berufen können, um keinen Entschluß zu fassen, auf jede Action zu verzichten, jede Willensäußerung zu unterlassen. Man fragt nicht mehr: Ist eine Sache gut oder schlecht, ist eine Person, welche ernannt werden soll, würdig oder nicht wiirdig, tauglich oder nicht tauglich? Man fragt nicht mehr: Muß im Staatsinteresse dieses oder jenes geschehen, oder muß es unterlassen werden? Nein, man fragt einfach: Was wird Lueger dazu sagen? So regiert der Lueger indirect die Regierung, so beherrscht er den Landtag, und so folgt ihm die liberale Partei im Parlament, unbewußt und unbeabsichtigt, aber geführt von dem Gefühle der Muthlosigkeit, von der herrschenden Mandatsfurcht, welche das ausgesprochenste Gefühl unserer Volksvertreter zu sein scheint . . . Und jetzt blickt Alles nach Rom. Der Heilige Vater soll Rettung sendengegen die Christlich-Socialen und gegen den Antisemitismus. Man wird lange warten, bis die Hoffnung sich erfüllt. Gegen den Antisemitismus gibt es nur ein einziges Mittel, und das ist: daß man sich vor demselben nicht fürchtet, von ihm sich nicht beeinflussen läßt. Aber so lange die Regierung und selbst die liberalsten Männer der liberalen Partei den Muth nicht finden, wird der Antisemitismus immer größere Erfolge erzielen. Ein Bezirk um den anderen wird der liberalen Partei in Wien abgerungen. In diesen! Augenblick stehl sie wieder vor dem Verluste des Bezirkes Landstraße, welcher durch den Tod des Abgeordneten Sommaruga verwaist wurde. Man findet nicht einmal den Muth, einen Candidaten aufzustelleu, dein: man gibt den Bezirk verloren. In wenigen Wochen finden die Gemeinderathswahleu statt und man befürchtet nicht mit Unrecht, daß die Antisemiten eine große Verstärkung in der Gemeinderathsstube finden werden. Der Antisemitismus ist lange keine Frage mehr, welche die Juden viel angeht. Das Gift, welches er ausstreut, beginnt am Staatskörper zu nagen, und es übt Wirkungen auf Gebieten, welche weit von dem Judenthum entfernt sind, auf dem Gebiete der christlichen Hierarchie. Daß man sich dieser nachtheiligeu Wirkungen bewußt ist, dafür liefert die Reise des Cardinals Schönborns nach Rom einen drastischen Beweis." Vitale Fragen des öffentlichen Lebens. Vortrag von A. Gundaecar Baron Suttner. Unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Josef Grünfeld hielt die „Oesterr.-Jsrael. Union" Samstag, den 23. Februar d. I. eine äußerst zahlreich besuchte Plenarversammlung sab. Zu derselben batten sich u. A. Reichsrathsabgeocdneter Dr. Kronawetter, die Gemeinderäthe Theodor Ritter von Goldschmied und Ludwig Lang, die Bezirksausschüsse Julius Frankl und Ludwig W a l d sie in eingefunden. Nach einer Trauerkundgebung für Erzherzog Albrecht, welche die Versammlung stehend anhörte, hielt Herr A. Gundaccar Freiherr von Suttner folgenden Vortrag: „Meine verehrten Damen und Herren! Es ist heutzutage Gepflogenheit, man könnte sagen, Pflicht geworden, einem Vortrage ein politisches Thema zu Grunde zu legen. Sonst, besonders wenn Damen anwesend waren,^ hat man es vorgezogen, über Schöngeistiges, Wissenschaftliches u. dgl. zu sprechen und man stimmte dem Dichter zu, wenn er sagte: „Ein politisch Lied — ein garstig Lied!" Nun, meine verehrten Zuhörer, in der Gegenwart singen auch selbst die Dichter politische Lieder — und sie müssen es thlln, denn sie sind die Träger dessen, was der Zeitgeist fordert . . . Alle Welt ist heute, Männer und Frauen, vom politischen Fieber angesteckt .- . . überall rumort es, überall bewegt es sich. Jeder Stand, ja jedes Geschlecht, hat seine Interessen, die mit der Politik im innigsten Zusammenhänge stehen, imd darum ist dieses Thema dasjenige, das man jetzt mit Vorliebe erörtert. Ich brauche mich also, meine Damen, nicht einmal Ihnen gegenüber zu entschuldigen, wenn ich auch heute diesen Gegenstand zur Grundlage einer Besprechung wühle. Die politischen Zustände unseres heutigen Oesterreich zum Gegenstand von Betrachtungen zu machen, wie sie in einem Vortrag'präcisirt werden sollen, ist eine sehr schwere, ich möchte sagen, eine unmögliche Aufgabe... Es drängt sich Einem so Vieles auf, daß man es nicht einmal in» Programm eines Abends einreihen könnte, wenn man nur ganz oberflächlich, mit einzelnen Schlagworten darüber hinweggehen wollte. Gestatten Sie mir daher, nur Einzelnes herauszusuchen, was mir die Quint-Essenz des großen Ganzen scheint und was nebenbei augenblicklich in der Luft schwebt. Das, was ich meine, liegt in dem einen Stoßseufzer, in den gewiß Sie Alle schon längst eingestimmt haben — in dem Sehnsuchtsruf: „Es muß anders werden!" Fragen wir nun: „Was muß anders werden?" so gibt es nur eine Antwort darauf: „So Vieles, daß wir fast sagen können, Alles!" Uebrigens. glaube ich, daß'chieser Ruf periodisch die Welt durchhallt, seit die Welt, ich meine natürlich unsere kleine Welt, die Erde, aus einem Conglomerat von Nebulösen zu einem festen lebenden Ganzen geworden ist.