Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 150 Nestrrretchiptzr Wochrnsthrtfl Jtt. 9 der europäischen Cultur sind, gewissen Kategorien von Verbrechern haben sie sich bis heute ebenso unzugänglich erwiesen, wie das Judenthum überhaupt. Herr K. H. Wolf wirft sich stolz in die Brust: ,Iann man sich, wenn man vom Rechte so ideale Begriffe hat, wie zum Beispiel wir Deutschnationalen, Angehörige der jüdischen Rasse das seine berufenen und berufsmäßigen Vertreter denken?" Die „idealen Rechtsbegriffe" der arisch-germanischen Rasse mögen sich in Herrn K. H. Wolf in voller Reinheit verkörpern, aber leider ist es eine unumstößliche Thatsache, daß diese Rasse wahre Ungeheuer von Verbrechern und Ungeheuerlichkeiten von Verbrechen hervorgebracht hat, deren auch das „muffigste" und in „unsympathischestem Gerüche" stehende Individuum der semitischen Raffe nicht einmal in Gedanken fähig wäre. Der Mädchenmörder Hugo Schenk, der mit schamloser Selbstgefälligkeit und teuflischer Kaltblütigkeit die Opfer seiner wollüstigen Jnstincte hinschlachtete und beraubte, der Dienstbotenmörder Schneider, der um der armseligsten Beute willen mit thierischer Grausamkeit ein halbes Dutzend Morde vollbrachte — sie sind grauenvolle Illustrationen jener „ibealcu Rechtsbegriffe", welche Herr H. K. Wolf seinen Stammes - genossen zuschreibt. Und wenn von dem Raffinement des Verbrechens die Rede ist, so steigt vor unseren Augen das blutige Bild des Massenmörders Thomas auf, der ein ganzes Schiff mit falscher Declaration versichert und in demselben eine Höllenmaschine verladen hatte, welche zu einer bestimmten Stunde explodiren und das mit Hunderten von Menschen besetzte Fahrzeug auf offener See zertrümmern sollte. Was bedeutet die Schlauheit und Verschlagenheit eines Nuchem Schapira gegen die infernalische Bosheit dieses germanischen Ariers? Gegen all' diese Virtuosen des Verbrechens sind Nuchem Schapira und seine Helfershelfer nur armselige Dilettanten! Was aber die Moralität arisch-germanischer Rechtsanwälte betrifft, io erinnern wir den rassenstolzen Herrn K. H. Wolf an den antisemitischen Rechtsanwalt Leu ß, der zuerst" die Gattin seines intimsten Freundes verführt und sie sodannFzu falscher Zeugenaussage gezwungen hatte. Der Geruchssinn des Herrn K. H. Wolf mag eine Specialität sein, was aber seinen Rechtssinn betrifft, so „muffet derselbe in höchst bedenklichem Maße und auch arische Nasen müssen die faulige Gährung der antisemitischen Moral riechen. Gewiß, Nuchem Schapira und seine Genossen sind Erzgauner und ihr Verbrechen wird im „Neuen Pitaval" zu ewigem Gedächtniß verzeichnet werden. Aber die Helden des „dienen Pitaval" sind in ihrer erdrückenden Majorität raffeureine Arier, an denen Herr K. H. W o lf sehr lehrreiche Studien über die „Eigentümlichkeiten" seiner Raffe machen könnte. Die Misston des Csrdinals Schönborn. Eure förmliche Abordnung des österreichischen Episcopats, bestehend aus dem Cardinal Fürsterzbischof von Prag, Grafen S ch ö n b o r n, dem Bischof von Brünn, Dr. S ch u st e r und einem als Secretär fungirenden Dominicaner, hat sich Anfangs voriger Woche nach Rom begeben, um die Intervention des Papstes gegen die Urrbotmäßigkeit derer um Lueger zu erbitten. Die Ereignisse, welche diese Mission veranlaßten, sind noch in frischer Erinnerung. Eines der unsaubersten Hetzblätter, welches die hierarchische Autorität und die Grundsätze des Wahrheit fort und fort verhöhnt, ist mit dem päpstlichen Segen arlsgezeichnet worden, und zu der Hetzversammlung, welche jüngst die Wiener Christlich-Socialen zu dein ausgesprochenen Zwecke in Linz abhielten, uni den Anhang der clericalen Partei in Oberösterreich in das christlich-sociale Lager herüberzuziehen, hat Prinz Liechtenstein gleichfalls den Segen des Papstes erbeten und erhalten und denselben^ egen die Autorität des Bischofs ausgespielt. In den Rechen der liberalen Partei hat man auf die Reise des Cardinal Schönborn große Hoffnungen gesetzt. Zu schwach und zu schwachmüthig, um dem Antisemitismus ans eigener Kraft entgegenzutreten, rechnete mau auf den Einfluß hochmögender, wenn auch zu der liberalen Partei im diametralen politischen Gegensätze stehenden Kreise. Wie man die rettende Hand des Grafen Hohenw a r t ergriffen hatte, um dem durch die T a a f f eh che Wahlreform drohenden dNachtverluste vorzubeugen, so wollte man auch jetzt nach denrettenden Hand der Bischöfe greifen, um der Bedrägniß durch die Antisemiten zu entgeh«:. Ernste Politiker der liberalen Partei Habeninden letzten Tagen mit begeisterten Worten erklärt, daß von der Sendung des Cardinals S ch ö n b v r n ein plötzlicher Umschwung, eine entschiedene Stellungnahme der Regierung gegen den Antisemitisnms datiren werde. Wir sind solchen Erwartungen und Verheißungen von allem Anfang an mit kühler Skeptik gegenübergestanden und der Erfolg, oder vielmehr der gänzliche Mißerfolg der Romfahrt des Cardinal -schönbor:: hat uns Recht gegeben. Die Mission der von: österreichischen Episcopat abgeordneten Delegirten ist vollständig gescheitert. Der österreichische Episcopat befindet sich nunmehr dem Antisemitismus gegenüber in derselben kläglichen Situation, wie unsere liberale Partei. Der eine wie die andere hat der Hetze solange mit verschränkten Armen zugesehen, solange dieselbe nur gegen die Juden ging. Mit der zunehmenden Kraft wuchs aber auch das Selbstbewußtsein der Hetz-Partei und sie fühlte sich stark genug, ihre Batterien auch gegen die Hierachie und gegen die liberale Partei zu richten. Nun wollte man allerdings den Brand dämpfen, aber das entfesselte Element spottete aller Bemühung. Es gehörte eine grenzenlose politische Naivetüt dazu, zu glauben, daß der Papst sich veranlaßt sehen könnte, den: Antisemitismus entgegenzutreten, jenen: Antisemitismus, welcher in ganz Europa den Mauerbrecher der Ne actio:: bildet. Der Papst sollte gegen die treueste Garde der internationale:: Reaction Stellung nehmen! Auf solch abenteuerliche Gedanken konnten nur die verfallen, die jedes Vertrauen zu sich verloren. „Herrgott, wirf Geld herab!" Was aber unsere liberale Parte: betrifft, so mußte sie wieder einmal die tausendfältig in der Geschichte erhärtete Erfahrung machen, daß eine Partei, welche der Kraft ihrer eigenen Grundsätze nicht mehrvertraut, durch unnatürliche Compromisse mit entgegengesetzten Principien durch leoninische Verträge mit ihren geschworenen Gegnern nur ihr eigenes Unheil beschleunigt. Und -noch Eines! Der Papst ist ein Gegner des Dreibundes; seine Stellung zur Tripel-Allianz ist durch seine Stellung zu Italien gegeben. Wie konnte man im Ernste glauben, daß er eine Bewegung verdammen werde, welche einem der Glieder dieses Dreibundes, Oesterreich und seiner Regierung, die größten Schwierigkeiten bereitet? Wie konnte man glauben, daß Leo XIII. sich herbeilassen werde, die Geschäfte der österreichischen Bureaukratie zu besorgen und eine Enunciation zu erlassen, welche in erster Linie Sache der österreichischen Regierung wäre? Die Mission des Cardinals Schönborn ist gescheitert, und das ist schlimmer, viel schlimmer, als wenn sie gar nicht unternommen worden wäre. Der Antisemitismus geht aus der Action der österreichischen Bischöfe siegreich und ermuthigt hervor und der Episcopat, die clericale und die liberale Partei, ja die ganze Coalition hat eine sehr empfindliche Niederlage erlitten. Die Bischöfe werden mit Hohn übergoffen. Für uns liegt darin keine Ueberraschung, wir haben es so kommen gesehen. Aber die bange Frage drängt sich auf die Lippen: „Was nun?" Wird jetzt endlich das entscheidende Wort von jener Stelle gesprochen werden, welche von allem Anfänge an berufen gewesen wäre, es zu sprechen, oder wird der antisemitische Anarchismus erst recht alle Schranken der hierarchischen und staatlichen