Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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•«nun . Seile 144 Vrflrrreichifttzr Wschensttzrtfl Nr. 8 Die „Libre Parole" will nun wissen — und ihr muß die Verantwortung dafür überlasten bleiben — daß dieser A. Niemand Anderer sei als Herr Ayrault, Substitut des Pariser General-Staatsanwalts. Herr Ayrault lag den Gebrüdern Schwöb besonders am Herzen. Sie suchten ihm durch ihren Freund L e v a i l l a n t einen leitenden Platz im Justizministerium zu verschaffen, sei es als Personal-Director, sei es als Director der Criminal-Affairen."' Letzteren brachten sie natürlich aus guten Gründen ein besonderes Interesse entgegen. Es ist überhaupt ein ganz einziger Eindruck, wenn man diese des Betrugs und Bankerolts angeklagtcn Leute am Werke sieht, um die für die staatliche Rechtsvrrwaltung wichtigsten Posten zu besetzen! Herr Ayrault scheint sich für diese kleinen Gefälligkeiten dadurch revanchirt zu haben, daß er mit dem Ansehen seiner Stellung und seiner Person für die Gebrüder Schwad bei deren zweideutigen Handelsgeschäften hier und da Bürgschaft leistete. Das geht wenigstens aus den Aussagen eines der betrogenen Gläubiger des Brüderpaares hervor. Zugleich mit diesen Nebenpersonen war Herr Levaillant als Hauptperson thätig; und wenn man nach seiner Correspondenz urtheilen soll, so regte er sich im Schweiße seines Angesichts, um die bewußten zehn Percent zu verdienen. Es ist allerdings durch nichts bewiesen, daß es ihm wirklich gelungen sei, irgend welchen Richter für die S ch w o b günstig zu stimmen; indessen liegt doch die bemerkenswerthe Thatsache vor. daß die Schwöb zehn Proceffe aller Art, civilwie strafrechtliche, gehabt und sie alle gewonnen haben. Auch soll einer der Schwöbs geäußert haben: Dies habe ihn Geld genug gekostet. Möglicher Weise war damit nur das an Levaillant gezahlte Geld gemeint. In den Briefen beschränkt sich der Letztere mehrfach darauf, allerlei gute Rathschläge zu geben: „Schicken Sie an P. einen Neujahrs-Glückwunsch. Ein Geschenk würde kein Verständniß finden. Vielleicht können Sie ihm im Laufe des Jahres einmal angenehm sein" rc. Aber er spricht auch von seiner persönlichen Action: ,Jch werde versuchen, das gewünschte Resultat zu erreichen. Geben Sie mir den Namen des Friedensrichters?" Oder: „Mein Eingreifen wird, wie ich glaube, nach den Plaidoyers am nützlichsten sein" rc. Diese chnisch gemeine Art. mit der ein hoher Beamter eine Verfügung über das Gewissen von Richtern sich anmaßt, bildet einen Scandal. den die Regierung nicht mit Schweigen übergeben konnte. Herr Ribot hat denn auch mit löblicher Energie Levaillant sofort seines Amtes als General-Steuereinnehmer entsetzt. Damit wird endlich dieses anrüchige Individuum aus der staatlichen Verwaltung entfernt, das bereits einmal in eine Fälschungs-Geschichte verwickelt gewesen war. Ob die Regierung sich mit dieser Maßregelung begnügen kann und nicht auch etwas gegIn die Anderen, Puybarand. Ayrault rc., wird unternehmen müssen, das wird der weitere Verlauf lehren. Die Sache wird natürlich von der extremen Opposition ganz maßlos ausgebeutet, und hierzu liegt noch ein ganz besond.rer Grund vor. Die Gebrüder Schwöb, sowie Herr Leva il l ant gehören nämlich dem israelitischen Glauben an. und die Antisemiten haben nun wieder einmal einen „Beweis" für die ..jüdische Verworfenheit" in Händen. Denn edler Gewohnheit getreu wird natürlich sofort verallgemeinert, natürlich nur soweit die Juden in Betracht kommen, während die christlichen Helden der neuen Scandalaffaire. Puybarand, Ayrault rc., in den Hintergrund treten. Einswahres I u Helge s ch r e i aber stimmt die antisemitische Presse darüber an, daß sich in den Briefen Levaillant's unter Anderen auch folgender Blödsinn findet: „Ich habe sehr lebhaft das Gefühl der Rasse, der wir an gehören und die ich als die erste Aristokratie der Welt b etrachte?" Man kann sich denken, wie das den Antisemiten in den Kram paßt. Ihnen zufolge besteht ja unter den Juden ein geheimer Bund zur Beherrschung und Ausbeutung der Welt. Die Beweise für diese Behauptung ließen bisher Mancherlei zu wünschen übrig. Nun aber hat man es Schwarz auf Weiß. Herr Levaillant hat es gesagt, und obwohl sie sonst jede Aeußerung dieses jämmerlichen Kerls mit Hohn zurückweisen würden — hier werden seine Worte ein Evangelium. Herr Levaillant bat im Namen des gesammten Judenthums gesprochen. Das Unglück für d i e A n t i s e m i t e n ist nur, daß sich die Juden mit derselben Verachtung von Levaillant abwenden, die nur irgend ein noch so rassereiner Antisemit für ihn empfinden könnte. Levaillant ist ein schlechter Psychologe! Das, was er für ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Rasse hält, ist in Wirklichkeit nur das Gefühl der Zugehörigkeit zu den Herren Sch wob, und es besteht zwischen ihnen beiden nicht die Solidarität zwischen Juden, welche ein antisemitisches Hirngespinst ist, sondern die durchaus reelle und in der Praxis oft bewährte Solidarität zwischen Pack und Pack, crapule et crapule. Rotterdam. Herr David Hirsch, welcher den Sprachunterricht für Taubstumme in Holland eingesührt hat, ist im Alter von 82 Jahren hier gestorben. Er war im Jahre 1813 in Müntz in Rhein-Preußen geboren, genoß seine Ausbildung als Taubstummen-Lehrer in einem Institut in Cö ln und wurde mit 25 Jahren Director der Taubstummenschule in Aachen. Im Jahre 1847 wurde Herr Hirsch von Dr. M. Po l a n o, Professor der Universität zu L e y v e n, eingeladen, sich in Rotterdam niederzulassen, um zwei seiner Kinder, die taubstumm waren, zu unterrichten. Hirsch erhielt noch andere gleich unglückliche Schüler und dies führte 1853 zur Gründung des Taubstummen-Jnstitutes, welches seither über die Grenzen Hollands hinaus berühmt wurde. Herr Hirsch wukde Director dieses Institutes und blieb bis 1887, seit welcher Zeit er sich aus Gesundheitsrücksichten zurückzog. Während seines Wirkens bildete er eine Reihe von Lehrern aus, welche ihre Thätigkeit in Holland, England, Belgien und Italien ausüben. Seine Dienste wurden von der holländischen Regierung anerkannt durch die 1862 erfolgte Verleihung des Ordens des Niederländischen Löwen — von der französischen Regierung durch Ernennung zum Officier de l'Academie. Warschau. Die Warschauer „Provinzial-Zeitung" berichtet, daß bei der letzten Recrutirung in Warschau 1335 Christen und 1170 Juden aus gelost wurden. Von diesen wurden 326 Christen und 381 Juden eingereiht, ein Beweis, daß Inden in verhältnißmäßig größerer Zahl zum Militär genommen werden. Odessa. Herr Abraham S. Gruenberg, welcher als Deputirter der Juden seiner Vaterstadt Kisch en eff (Bessarabien) von Ihren Majestäten dem Czaren und der Czarewna in Petersburg empfangen wurde, ist jüngst nach Odessa zurückgekehrt. Ihre Majestäten haben die namens der Juden von Kisch erraff überbrachte Gabe, Brod und Salz auf einem silbernen Präsentirteller, huldvollst angenommen und ihm herzlich gedankt. Herr Gruenberg ist Ehrenbürger der Stadt und Präsident der Chovevei-Zion-Gesellschaft, welche unter seiner Leitung bereits mehrere blühende Colonien in Palästina errichtet hat. Vermißtes. Wien. (O esterrei ch isch- I sra e li tische U n i o n.) Samstag den 23 Februar 1895, Abends Vz8 Uhr, findet im Restaurant Khuner I., Schottenring 19, eine Vereins-Versammlung statt. Tages-Ordnung: 1. Mittheilungen des Vorstandes. 2. Vortrag des Herrn Baron A. G. v. Suttner: „Die vitalsten Fragen in der gegenwärtigen Politik." 3. Anträge und Interpellationen. Wien.- Sonntag den 3. März findet die Generalversammlung der Chewra-Kadischa der Wiener israel. Cultusgemeinde statt und am Abend desselben Tages wird in den Sälen der Gartenbaugesellschaft das übliche Brudermahl veranstaltet. Wien. (T r a u u n g.) Am 24. Februar findet im Tem-, pel der Leopoldstadt die Trauung des Herrn Samuel Waldmann mit Frl. Babette Königsberger statt. Wien. Der Kaiser hat dem Präsidenten des Verwaltungsrathes der Böhmischen Westbahn Max Ritter von Gomperz den Stern zum Comthurkreuze des Franz Josef-Ordens und dem Generalsecretär und Chef der Centraldirection der genannten Bahngesellschaft, Regierungsrath und Vorsteher der Wiener israelitischen Cultusgemeinde Dr. Ang el o Ritter v. Kuh taxfrei den Titel eines Hofrathes verliehen. Wien. (Preisverleihung.) Dem Herrn stnä. jur. Isidor Marmore! ist vom Professorencollegium der Wiener juridischen Facultät für sein das Bergrecht behandelndes Werk, betitelt: „Die Gewerkschaft in rechtsvergleichender Darstellung", derzweitePreis verliehen worden.