Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 8 VrflrrrrkMrtzr VoltzrnptzrM Seite 135 burts- und Todesdatum werden zwar ein bischen falsch auf demselben angegeben sein, aber dafür gleich darunter die stolzen Worte stehen: „Wer den Bestien seiner Zeit genug g e t h a n. Der hat gelebt für alle Zeiten!"- Von minder wichtigen Vorfällen kann ich kürzer berichten. Der Antrag meines engeren Gesinnungsgenossen Hauck, daß die Landärzte ihre rein-narrische Abkunft vor erfolgter Anstellung nachzuweisen hätten, wurde mit Rücksicht auf die eheliche Descendenz Schönerer's abgelehnt ... Johannes, Du Mann mit der leeren Tasche, Du schnöder Knecht des dekadischen Zahlensystems, was willst Du denn von mir, was schleichst Du denn mit einem verdächtigen Blatt um mich herum? Gewiß Deine langweilige, alte Rechnung. Er ist offenbar scherzhaft aufgelegt und meint ich soll ihm blechen..Schicken Sie mir die Jahrhundertsrechnung, mein Herr! Fin de sieele wird abgerechnet bis die Judengüter confiscirt sind — übrigens fällt mir ein, ich Hab' mich ja um ein, von einem gottverfluchten Juden gestiftetes Stipendium beworben und es ist mir bestimmtest zugesichert worden; wie ich die Moneten fasse, will ich sehen, was sich thun läßt — was? — es ist gar nicht die Rechnung?! Ja was denn sonst — um Schönererswillen!? Eine Huldigungsadresse? Glückwunsch?? Jubiläum??? Ja, wer ist denn der Jubilar? Ich selbe r? Die Miln lächelt mir noch einmal so holdselig herüber als sonst zwischen den chinasilbernen Aufwürtern mit den Zuckertäßchen. Die arische Jungfrau des Sitzes entkorkt eine Flasche mit einer unglaublichen Anzahl von Sternen und füllt mir — o herrliches, deutsches Mädchen! — ein Viertelhundert Gläschen Cognac ein, just so viele, als ich bis n n n Briefe a n Pumpo geschrieben!... Kinder, ich bin gerührt — ich bin sprachlos — überrascht — überwältigt. Ich bin in Jubilüumsstimmung, ich nehme Glückwünsche von jedem Betrage auswärts entgegen, die obligate Festthräne perlt in meinem linken Augenwinkel, Ueberzahlungen werden separat quittirt. Ich bin kein Redner, ihr wißt es, so wenig wie Schneider, höchstens ein Brandredner und kann nur so viel sagen, als: Ich danke euch von rassenreinem Herzen und leiste Euch den germanischen Treuschwur, daß ich Euch und Euer Kaffeehaus niemals verlassen werde. Wenn alle Stammgäste untreu werden, will ich doch bleiben treu! Die Adresse da spricht in schmeichelhaften Ausdrücken von meinen Verdiensten — macht Euch nicht lächerlich Kinder, das ist nicht mein Verdienst, sondern das des großen Schönerer, des humanen Lueger, des geistvollen Gregorig, des zaubergewaltigen Vergani, des wahrheitsliebenden Schneider, des klardenkenden Schlesinger, des drolligen Spitzer-Weimar e tutti anti. Zuerst glaubte ich schon, Ihr wolltet mich frozzeln nnd mein xtes Semester oder meinen 50. Durchfall festlich begehen. Da wärst Ihr aber schön angekommen. Sie, Mila, haben - mir eine große Freude bereitet. Ich werde Ihnen auch einen Festkuß feierlich verabreichen. Ich soll ihn lieber dem Johannes versetzen? Danke, muß nicht von Allem haben. Aber ich zetere trotz Allem und Allem Kinder: „Der S a l z g r i e s muß z e r st ö r t werden!" Diese Brand- und Festrede habe ich, Teutobold der rassenreine Urteutone, gehalten! Bin ich ein Kerl, was? Servus, Pumpo! U. D. G. Teutobold. Zur Geschichte der russischen Juden.*) vn. Ir. Arnold White und die russischen Juden. So sprach der russische General. Er sprach noch weit mehr, weit besser und beredter, als ich hier resumirt. Jeden- *) Von einem hervorragenden Glaubensgenossen in St.,Petersurg. Bergt Nr. I und 7. falls ist der Sinn richtig wiedergegeben, wenngleich ich für den Wortlaut nicht bürge. Und daß er Mr. White überzeugt hatte, besten war ich sicher; nicht nur in dem Augenblick, als er unter dem Zauber der Beredsamkeit des Generals stand, sondern auch späterhin, als er persönlich Gelegenheit hatte, sich zu überzeugen, daß Alles, was er gehört, vollständig wahr und daß der ärmste Schacherjude in der Judenstraße von Wilna weit idealer veranlagt ist, als der glänzendste spanische Ritter in der Puerto bei Sol von Madrid. Nachdem Mr. White in Unterhandlungen mit der Re« gierung getreten und die Ueberzeugung gewonnen, daß der Exodus der russischen Juden nicht nur auf keine Schwierigkeiten stoßen würde, sondern sogar sehr erwünscht sei. begann er die Reise durch's Ghetto von Rußland. Er bereiste das nordwestliche und südwestliche Rußland; er durchwanderte Beffarabien, Neurußland und die Krim und der Saulus ward zum Paulus. Es ist ein weites Ghetto, das hier den Juden zum Zwangsaufenthalt angewiesen ist. Ein riesiges, nach vielen hundert Quadratmeilen zählendes Ghetto, so daß dem Anschein nach die jüdische Bevölkerung in demselben ganz gut leben und fortkommen könnte. Wenn man aber berücksichtigt, daß diese etliche Millionen aus dem flachen Lande, aus den Dörfern und Weilern vertrieben, in den großen und kleinen Städten und Ortschaften zusammengepfercht sind, daß ihnen die Subsistenzmittel nur so karg zugemeffen sind, daß man sich wundert, wieso nicht ein großer Theil dieser Parias von Hunger und Krankheit bereits seit lange decimirt wurde; wenn man bedenkt, daß die Concurrenz eine so furchtbare, der Kampf um's Dasein ein so erbitterter geworden, die Arbeitspreise und Löhne so sehr auf ein Minimum reducirt, daß selbst die anstrengendste Beschäftigung nicht die bescheidensten Mittel zum Leben gibt, so wird man die Qualen dieses großen Ghettos begreifen, sich nur entfernte Ideen von der trostlosen Lage der Bevölkerung machen. Man hatte in Petersburg dem Agenten des Baron Hirsch die Juden von der unsympathischesten Seite geschildert, sie als eine Horde herzloser Wucherer und Blutsauger dargestellt, als Parasiten, Schmarotzerpflanzen, die nur die normale Entwicklung der gelammten Vegetation behindern und die also unumstößlich ausgejätet werden müßte, ohne daß man sich bei dieser gewissen Procedur durch krankhafte Sentimentalität beeinflussen lassen dürfe; man habe sie geschildert als Leute, die nur auf Exploitation ausgehen, die nur darauf bedacht find, den Bauer dem Trünke zuzuführen, um ihn leichter als ihre Beute zu sichern; die den Edelmann, den Gutsbesitzer aussaugen, die Bevölkerung demoralisiren und dabei selbst in Schmutz und Unwissenheit vergehen. Und was fand der Vertreter des Baron Hirsch? Er fand freilich Leute, die große Noth litten, die mit Armuth kämpften, was freilich nicht auf sehr erfolgreiche ^Visitation der Nächsten hindeutet. Er fand, daß die jüdische Bevölkerung im Schweiße ihres Angesichtes um Erwerbung des täglichen Brodes kämpft und ringt; daß in ihrer Mitte häusliche Tugenden und Familiensinn entwickelt sind, wie bei keiner anderen Rasse, daß treue Zuversicht und Gottvertrauen unerschüttert, daß sie treue Unterthanen find und ihre Pflichtthun, trotzdem daß man ihnen die daraus logisch entspringenden Reckte versagt. Er fand Intelligenz und Anstelligkeit; sah im Süden, wie die jüdischen Kolonisten ihre Felder bestellen und sich für den Ackerbau ebenso geeignet erweisen, als ihre christlichen bäuerlichen Nachbarn. Er sah noch vieles Andere, was ihn freundlich berührte, ihm bewies, daß man ihn in Petersburg absichtlich irregeführt und daß der brave General recht gehabt hatte, als er die Juden für die idealste Raffe erklärte, die ihre ewige Seligkeit nicht irdischen Bortheilen zum Opfer bringen wollen. Bei seiner Rückkehr nach Petersburg (nach einer eingehenden Bekanntschaft mit dem weiten Rayon des russischen Ghettos sowohl im Süden und Norden, als Osten und Westen) trat Mr. White ganz anders auf. Er konnte mit den Personen und Institutionen, von denen die Entscheidung derFrage abhing, auf gleichem Fuße verkehren, da er die jüdischen Angelegenheiten nicht nur ebenso gut als sie, sondern noch weit besser kannte. Er schilderte unter Anderem dem mächtigen Oberprocurator der heiligen Synode, Herrn Pobedoneszew, die Lage der Juden. wie er sie gefunden, wie sie wirklich war, schilderte die Noth und das Elend, die unausbleiblichen Folgen des im Laufe vieler Jahre aus geübten unerträglichen Druckes, entwirft ein anschauliches Bild dessen, was die Juden durch systematische