Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 sellrrrevtzlpye WmtzrnfitzrM Seite 131 J. H. Weiß. (3 it seine m 80. Geburtstage, 24. Februar 1895.) Von Oberrabbiner Dr. Güdemann. Diese Zeilen wollen den „auch im Greisenalter immer noch lernenden" Gelehrten zu seinem 80. Geburtstage beglückwünschen. I. H- Weiß ist kein „zünftiger" Gelehrter, d. h. er hat weder von Jugend auf die herkömmliche Bildungslaufbahn eingeschlagen, noch hat er ein Gelehrter werden wollen. Aber er ist einer geworden, und zwar einer der fruchtbarsten und angesehensten, den die jüdische Gemeinschaft immer mit Stolz einen der ihrigen wird nennen können, dessen Schriften in wiederholten Auflagen weite Verbreitung gefunden haben, in denen auch namhafte christliche Theologen Belehrung suchen und finden. Die Art und Weise, wie I. H. Weiß sozusagen aus sich selbst ein Gelehrter und Schriftsteller geworden ist, wirft ein Streiflicht auf die Geschichte der jüdischen Wissenschaft, und wie bedeutende Männer nicht blos durch ihre Individualität, sondern auch dadurch interessant sind, daß sie den ganzen Horizont ihrer Zeit beleuchten und aufhellen, so ist auch das bescheidene und fruchtbare Gelehrtenleben, dem diese Zeilen gelten, geeignet, uns einen Einblick zu gewähren in das mühsame Ringen, unter welchem und aus welchem die jüdische Wissenschaft, wie sie heute ebenbürtig in der Universitas llterarnm dasteht und in verschiedenen Gelehrtenschulen gepflegt wird, sich herausgebildet hat. Der Mangel jeglicher Schulung und Disciplin, welchen die meisten Arbeiten der deutschen und polnischen Gelehrten des Mittelalters aufweisen und der sie mitunter ungenießbar macht, ist eine der betrübendsten Erscheinungen der jüdischen Literaturgeschichte. Er ist ein Reflex der Unordnung und Verwirrung, welche seit dem „schwarzen Tode" in den Gemeinden, in dem Schulwesen und der Verwaltung platzgegriffen hatten. Den jüdischen Gelehrten Italiens, welche mit überraschender Geschmeidigkeit auf den Humanismus und seine Tendenzen eingegangen waren, gereichte die Ungelenkigkeit der deutschen und polnischen Gelehrten, ihre Unfähigkeit in Ausdruck und Conception, zu stetem Spotte. Indessen hat dieser Diangel auch die merkwürdige Erscheinung hervorgerufen, daß der eine oder andere Gelehrte dadurch zu umso größerer Selbstzucht angehalten wurde, und sozusagen aus sich selber Norm und Regel wissenschaftlicher Conceptiou und Darstellung entdeckte, indem er inmitten der allgemeinen Hilflosigkeit sich auf eigene Faust zu helfen suchte, wie etwa bei der durch einen Schiffbruch herbeigeführten Verwirrung und Rathlosigkeit und unter dem Drucke derselben, selbst der Träge und Unbeholfene zur Energie der Selbsthilfe angespornt wird. Eines der merkwürdigsten Beispiele dieser, ich möchte sagen, wissenschaftlichen Selbsthilfe bietet der Kritiker R.S am u el E d e l s (Maharscha). Wer hat ihn seine kritische Findigkeit und Treffsicherheit und vor Allem die Knappheit, Klarheit und Präcision des Ausdruckes gelehrt? Es gab keinen vor ihm, von dem er hätte lernen können, noch hat nachmals einer ihn in dieser Art erreicht, er ist sein eigener Bahnbrecher und Pfadfinder. Seine „Kätzel" (Abkürzung für: Len zarich lihejot) werden immer ein glänzendes Zeugniß kritischen Scharfsinnes bilden, und es verlohnt sich, darüber nachzudenken, zu welcher allgemeinen Berühmtheit dieser Mann wohl gelangt wäre, wenn er seinen Scharfsinn nicht auf den Talmud, sondern auf die Literatur des griechischen und römischen Alterthums verwendet haben würde. I. H. Weiß ist ebenso aus sich selbst ein Geschichtsschreiber der jüdischen Tradition geworden. Allerdings hatte er bedeutende Vorgänger, Z u n z, R a p o p o r t, Jost, Gr ätz, aber er hat doch seinen eigenen Weg eingeschlagen, und die Eintheilung, Anordnung und Darstellung seiner Geschichte der jüdischen Tradition zeigen von einer seltenen Conceptionsfähigkeit. Der Umstand, daß sein Hauptwerk hebräisch geschrieben ist, hat überdies dazu beigetragen, daß in den Gegenden des Ostens, denen dieses Idiom zugänglicher ist, in den weitesten Kreisen das Interesse unserer Glaubensbrüder für wissenschaftliche Erforschung unserer Gechichte und Literatur wachgerufen wurde. I. H. W e i ß, der fleißige und unermüdliche Forscher und Lector an unserem Bet-Hamidrasch, kann so an seinem Lebensabende auf einen gesegneten Erfolg seiner literarischen und Lehrthätigkeit zurückblicken. Wenn er auch sonst auf "einen Erfolg, insbesondere auf keinen reichen Erfolg Hinweisen kann, so wird ihn der erlangte über die Entbehrung des anderen trösten, denn jenen hat er den Kennern abgerungen, während ihm diesen nur die Nichtkenner hätten spenden können. Dingelstedt schrieb einmal boshaft in einem Nekrolog auf M o s en t h a l, derselbe stamme von armen, obwohl jüdischen Eltern ab. Ich wünschte im Interesse unserer Wissenschaft umgekehrt von Weiß sagen zu können, er sei ein reicher, obwohl jüdischer Gelehrter, aber zu dieser Auserwühltheit unter den jüdischen Gelehrten hat er es doch nicht gebracht. Er wäre vielleicht weniger gelehrt, wenn er reicher wäre, und alsdann würden wir wahrscheinlich diesen Artikel — nicht geschrieben haben. Menschen und Unmenschen. Ter Sollicitator Eichinger hat seinen Brodherrn, den jüdischen Advocaten R o t h z i e g e l zuerst bestohlen, sodann erschlagen und beraubt. Bewußt oder unbewußt hat er damit nur ausgeführt, was die Antisemiten lehren, und sich als würdiger Schüler S ch n e i d e r's gezeigt. Er hat einen Juden vertilgt'. Die Juden sind ja keine Menschen! Ob Schußgeld, Scheiterhaufen oder französischer Hammer — einer weniger des „gottverfluchten Gesindels". Die Bevölkerung dachte aber doch anders hierüber. Wie ein gewaltiger Sturm brauste es durch die Genmther: Der Diener hat seinen Herrn/ ein Mensch hat einen Menschen getödtet. Die Lehren Schneide r's haben noch nicht allzuliefe Wurzeln gefaßt. Die Juden gelten also doch noch immer für Menschen, wenn auch viele unter ihnen kein menschenwürdiges Dasein führen mid die Leiden, welche fie zu erdulden haben, unmenschliche sind .... Der einzige helle Lichtstrahl in dem düsteren Gemälde fällt auf die Gattin des Mörders und verklärt sich zur Gloriole der Märtyrerin um ihr schuldloses Hairpt. Durch ihre unerschütterliche Liebe zu dem ruchlosen Gatten wuchs dies schwache Weib zur Heldengröße empor. „Verzeih' mir! Verzeih' ihm! Ich will in seiner Nähe bleiben!" Mit diesen Worten fiel sie ihrem Vater zu Füßen. Franziska Eichinger ist Jüdin, ihr Vater A. R ab in o v i e z aus P r z e m y s l Jude. Und er verziehso wie er schon einstmals den: Verführer seines fünfzehnjährigen Kindes verziehen. Er und seine Tochter standen unter dem Einflüsse der Talmudmoral, welche sich von einer anderen wesentlich unterscheiden soll. Dieses andere Sittengesetz vermuthlich verbot der Familie des Mörders, sich der unglücklichen Frau anzunehmen. Die arge Talmudmoral zeitigte jedoch in ihr eine Seelengröße und eine Charakterstärke, zu der man nur mit Bewunderung aufzublicken vermag. Wer seine sittliche Aufgabe mit dieser großartigen Hingebung und Selbstentäußerung zu erfüllen vermag, auf den passen wahrlich des Dichters veränderte Worte: „aber der große Moment findet ein großes Geschlecht". Für Franziska Eichinger hob ein menschlich fühlender Richter die starren Satzungen des grauen Hauses auf. Ohne Erfüllung der Formalitäten führte sie ihr Weg in die Freiheit. — — Die antisemitische Presse benahm sich in diesem traurigen Falle mit einer einzigen, Grauen und Abscheu erregenden Ausnahme zurückhaltend. Hier war wenig Ehre für sie zu holen. Dem Sudelblatt unter dem Sudelblättern allein blieb der traurige Ruhm, die Affaire für Partei-