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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-02-22 · 8 (22.2.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 130 Vrprrrelchtschr Mmyrnschrtft Nr. 8 auch die Gründer der jüdischen Feriencolonie stehen aus keinem anderen principiellen Standpunkt; auch sie wären glücklich, wenn eine gesellschaftliche Assimilation die confessionellen Scheidewände niedergerissen hätte. Alle wollen wir an dem gemeinsamen Tische einträchtig mit unseren christlichen Mitbürgern sitzen. Es ist aber nicht unsere Schuld, daß von diesem Tische der Jude unbarmherzig abgewiesen wird, und während man von dem reichen Juden das Geld mit einer höflichen Verbeugung entgegennimmt, erhält der arme Jude, der die Hand um eine Wohlthat ausstreckt, euren derben Fußtritt. Man denke sich in die Seele eines armen, jüdischen Handwerkers, der in Folge der brutalen, antisemitischen Hetze seine Kundschaft eingebüßt, sein Brot verloren und mit seiner Familie in drückende Noth gerathen. Hunger und Krankheit blicken aus dem bleichen Antlitz seiner Kinder. Da liest er von der 10.000 Gulden-Spende des Herrn Paul- Schiss und freut sich, daß seine reichen Glaubensgenossen ein edles Herz, eine offene Hand haben; er richtet an jenen Verein, dem die Spende zugewiesen worden, ein demüthiges Bittgesuch für sein armes Kind! Das Gesuch wird abgewiesen; denn „wir haben schon zuviel — Leopoldstädter". Herr Paul-S ch i s f ist selbst genöthigt, das geringe Entgegerckommen, ja die vollständige Jgnorirung eines von ihm geäußerten Wunsches, besten Erfüllung im Interesse der jüdischen Pfleglinge gelegen wäre, seitens der Vereinsleitung zu betonen. Und doch hat Herr Paul-Schiff diesem Vereine die reiche Spende von 10.000 fl. zugeführt. Er selbst wirst die Frage aus, ob der Percentsatz der aufgenommenen jüdischen Kinder'der israelitischen Bevölkerungsziffer entspricht. Herr Paul-Schiff, der sonst blos durch seinen Reichthum zu glänzen pflegte, versucht in dem Schreiben, durch A r m u t h an Höflichkeitsformen sich auszuzeichnen; einen Theil dieser Tapferkeit in der Verletzung der guten Sitte hätte er indeß nach anderer Richtung ersprießlicher anwenden können. Aus der Zuschrift spricht ein hohes Maß schlecht miterdrückten Aergers, und der Schlußthell des Schreibens zeigt, daß Herr Paul-Schiss genügende Ursache hat, recht ärgerlich zu sein. Es war aber übel angebracht, diesen Acrger an un s er e Adresse zu leiten. Wir sind an seinem kleinen Malheur unschuldig, er hat unseren Rath nicht gefordert und wäre ein solcher von uns verlangt worden, so hätten wir empfohlen, die 10.000 Gulden der jüdischen und den jährlichen Beitrag von 50 Gulden der allgemeinen Feriencolonie zu spenden. Oder er hätte sich wenigstens vor Auszahlung des Betrages insormirt, ob der von ihm so reichlich bedachte Verein nach jenen Grundsätzen vorgeht, die er von ihm vorausgesetzt. Alle Achtung vor der Gesinnung, welche in Sachen. der Humanität einen Unterschied der Confesiion nicht kennt; aber sie hat nur dam: einen Werth und ist nur dann berechtigt, wenn auf der anderen Seite die gleichen Anschauungen bestehen. Im Landtage aber hat vor wenigen Tagen erst der Abgeordnete Dr. W eitl o s den Vorwurf der Antisemiten, daß bei Verleihung von Stipendienjüdische Studenten bevorzugt werden,mit der Versicherung abgewehrt, daß bei der Bewerbung um die meisten Stipendien gleichfalls die Erlangung des Taufscheines nothwendig sei und daß jüdische Bittsteller von dem studentischen Unterstützungsvereine nicht vollständig übergangen werden können, wenn die Unterstützungsgelder zum größten Theile von Juden herstammen. Und Aehnliches wurde im September vorigen Jahres im Wiener Gemeinderathe ausgesprochen. Seit Langem existirt der Stadtsäckel nicht mehr für jüdische Arme, für jüdische Kranke, für jüdische Handwerker und Wohlthätigkeits- Jnstitute, obgleich, die Commune alljährlich bei 140.000 fl. für Subventionen auswendet und die Juden — wie das Beispiel des Herrn P a u l-S ch i f s beweist — mit ansehnlichen Summen alle humanitären Institute unserer Stadt, auch die rein christlichen, unterstützen. Der Referent des Stadtrathes, Herr Dr. v. Billing, äußerte sich in einer Privat-Unterredung, welche diese wunden Punkte behandelte, wie folgt: „Ja, wenn die jüdischen Vereine nicht bittlich einschreiten, dann können wir ihnen nichts bewilligen. Hätten sie angesucht, so wäre sicher das Erforderliche geschehen." Wenn aber irgend ein jüdischer Wohlthätigkeitsverein es gewagt hätte, sein Bittgesuch auf den Tisch des Bürgermeisters niederzulegen, so wäre der Scandal mit Talmud-Citaten und Blutbeschuldigungen losgegangen. Es ist soweit gekommen, daß jüdische Stiftungen nur mehr ausschließlich an antisemitische Studenten vergeben werden. Herr Pan l-S ch i f f beliebe nur hierüber bei der Stiftung des Herrn Pollak v. Rudin Nachforschung zu pflegen. Herr P a u l-S ch i s s darf über sein Geld verfügen nach seinem eigenen Gutdünken, allein er kann es nicht verhindern, daß die öffentliche Meinung eine unbefangene Kritik übt. Herr P aul-Schiff gehört heute zu jenen jüdischen „Großen", deren Besitz und gesellschaftliche Stellung vor Allem dazu dienen müssen, die Massen zu wildem, beutegierigem Hasse gegen das Judenthum zu entflammen. Hier complicirt sich der Rassenhaß mit dem Classenhasse zu furchtbaren Wirkungen, unter denen allerdings fast ausschließlich die ärmeren und mittleren Schichten unserer Glaubensgenossen zu leiden haben. Wir Juden verlangen unausgesetzt die Durchführung der Staatsgrundgesetze, die Anerkennung der Gleichberechtigung in der Besetzung öffentlicher Aemter. Wir führen Klage darüber, daß die Minister bei der Bewerbung um öffentliche Anstellungen die Vorlage des T a u f s ch ei ne s fordern. Aber was sollen wir antworten, wenn uns entgegengehalten wird, daß die Güterwaltung der Kinder des verstorbenen Frei Herrn Moriz v. Königs- Wärter bei der Ausschreibung eines Verwalterpostens die „Vorlage des Taufscheines" fordert!! Wir haben seinerzeit zahlreiche Entrüstungskundgebungen hierüber aus jüdischen Kreisen in Böhmen und Mähren erhalten, die wir unterdrückten — weil wir uns vor d e n F e i n d e n g e s ch ä m t h a b e n. Aber es gibt noch andere merkwürdige Erscheinungen, welche die Treue unserer „Großen" gegenüber ihren Glaubensgenossen illustriren. Man weiß, welche Rolle die Nordbahn in der antisemitischen Bewegung gespielt hat, welcher Einfluß jüdischem Cchütal auf die Verwaltung dieses Institutes zugeschrieben wird, und unwidersprochen ist noch bis heute unsere Behauptung, daß bei diesem großen Verkehrsunternehmen keine jüdischen Beamten mehr angestellt werden. Und weiter! Wir zählen in Wien eine Anzahl hochbegabter jüdischer Architecten — wir nennen nur die glänzenden Namen Fleischer und Stia ßny. Diese jüdischen Architecten werden nicht beschäftigt, während christliche Baukünstler mit Aufträgen überhäuft werden. Die Beweise von der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Jsolirung der Juden mehren sich von Tag. zu Tag, ohne daß unsere „Großen" es für nothwendig erachten, das Gewicht ihres Einflusses und ihrer Macht dagegen geltend zu machen. Die Pietät und Anhänglichkeit, welche die Juden ihren „Großen" bewahren, entspringt der Erfahrung, daß in früheren Zeilen die durch Besitz und Ansehen hervorragenden Männer des Judenthums in Tagen der Noth und Bedrückung mit dem vollen Gewichte ihres Einflusses zu Gunsten ihrer bedrängten Glaubensgenossen eingetreten sind. Aber dieses edle Beispiel der Väter ist verloren gegangen. Unter der Last des Antisemitismus seufzen der jüdische Hausirer, der kleine jüdische Händler, der jüdische Kaufmann, der jüdische Beamte. Aber vergebens ruft er unsere „Großen" nach Rettung an; von ihrer unnahbaren Höhe blicken sie gleichgiltig auf die Noth und Schmach ihrer Glaubensgenossen herab und allmälig gelangt das Judenthum zu dem Bewußtsein, daß die Treue, die es seinen „Großen" bewahrt, nur eine einseitige ist. Diesem Bewußtsein, dieser öffentlichen Stimme endlich einmal offenen Ausdruck zu verleihen, erachten wir als eine Pflicht der jüdischen Presse.

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