Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 7 VrflerrrktzMtzr Wochenschrift Seite 137 „Was", schrie dieser und strich hastig an seinem langen Barte, „Du, ein Musikant, ein „Klesmer", wagst es, mein Vögelchen zur Frau zu begehren?!" Wie ein schwarzer Schleier legte es sich über die Augen des Abgewiesenen und mit gesenktem Haupte taumelte er heim. Habe ich Moses nie lachen gehört, so habe ich ihn diesmal weinen, bitter weinen gesehen. Arm sein, heißt nicht blos kein Geld, sondern auch keinen Anspruch haben auf ein menschenwürdiges Dasein! Armer Moses, Du mußt diese bittere Wahrheit, diese von den Menschen geschaffene Grausamkeit wohl empfunden haben, sonst hättest Du nicht so krampfhaft geschluchzt und Dir die Augen fast blind geweint. Bögelchen wurde mit dem Ochsenhär.dler Nathan Silberbusch verlobt und zum Pfingstfest sollte die Hochzeit stattfinden. Mit dem Pfingstfest kam der Synagogendiener zu Moses und verständigte ihn, daß er zur Hochzeit Bögelchens aufspielen soll. „Ich werde nicht spielen!" sagte Moses entschlossen. „Du wirst doch den Verdienst nicht ausschlagen?" replicirte der Synagogendiener. Moses fuhr mit der Hand zur Stirne. Der Hunger hat eine bändigende Kraft. Moses hatte schon lange nichts verdient. Hastig griff er zur Geige, nahm sie unterm Arm und ging. Im Hause Ovadia's angelangt, bewarf man gerade Braut und Bräutigam mit Mandeln und Zibeben, dann stellten sie sich unter den Baldachin, daneben Moses mit seiner Geige. Und als er zu spielen begann, klang es traurig düster, wie Todtensang, man hörte den Genius der Unschuld leise schluchzen, dann sah man ein Mädchen von ihrer Kindheit, von ihrem Elternhause für immer Abschied nehmen, und zuletzt hörte man dumpf das Pochwerk des Lebens hämmern, das die Menschen wie Steine zermalmt. Die Frauen weinten dabei heftig und meinten: „Was hat nur heute der Moses, so schön hat er noch nie gespielt." Der Bräutigam, eine gedrungene Gestalt mit einem dicken satten Gesicht, hob den Schleier der Braut und bei ihrem Anblick stürzte Moses ohnmächtig zu Boden. Moses verfiel in eine hitzige Krankheit, aus der ihn kein Arzt, wohl aber der Tod erlöste. Als er vor seinem Tode das letzte Gebet hersagen sollte, versagte ihm die Stimme. Er richtete sich auf, faßte seine Geige und spielte mit solcher Innigkeit und Wehmuth, daß es wie klingende Thränen sich anhörte. Es weinte der greise Rabbi, es weinte der Synagogendiener. Sie haben ihr Lebtag kein solch' rührendes Todtengebet gehört. Und mit dem letzten Ton war auch feine Seele verklungen. Die Geige entsank seinen Händen, er fiel ins Bett zurück und während der Tod ihn in seine Arme schloß, umarmte Nathan Silberbusch das liebliche Vögelchen.... Craiova, 1. Februar 1895. Adolf Wechsler. Der Vorbrter von Cham. Erzählung aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) Ich hatte mich während meiner längeren Rede oft geräuspert, hatte oft innegehalten, und so war während derselben der ganze Zug glücklich aus der Schlucht auf die Hochebene gelangt, und ich sprach wieder: „Wenn Ihr die Gnade haben wollt, Euch die Holzstämme beim Feuerschein der Aeste zu betrachten und einen halbwegs leidlichen Preis anlegt, sollen sie Euer sein, und was die Pferde anbelangt, werden wir wohl auch handelseins werden, die leeren Wagen geb' ich Euch für diesen Fall obendrein ganz umsonst zu, was sollt' ich auch mit diesen ohne Pferde beginnen? Wie sollt ich sie nach Böhmen zurückführen? — Der Officier lachte über meine vermeintliche Einfalt hohnvoll laut auf. — Es war mir glücklich gelungen, ihn vollständig zu täuschen; er erwartete bei seinem gewaltthätigen Unternehmen nicht den geringsten Widerstand. Er ritt zu den Musketieren zurück und ertheilte seine Befehle. Die Schweden standen etwa sechzig Schritte von mir entfernt, der Officier sprach leise, wohl auch Schwedisch so daß ich ihn in keinem Falle verstehen konnte. Die Musketiere, die unsere Widerstandskraft offenbar sehr geringschätztcn waren bisher in großer Unordnung gestanden, jetzt formirten sie eine Colonne. Ich benutzte die kurze Frist, um meine Maßregeln zu treffen. Ich ließ meine fünfzehn bewaffneten Diener in einer Linie aufstellen, unauffällig, so daß die Schweden glauben mochten, die dummen Holzknechte drängten sich nur neugierig vor, um die fremden Soldaten, denen sie etwa noch nie begegnet waren, näher zu betrachten. Meine Leute hatten unter ihren weiten Mänteln ihre Waffen in Bereitschaft, und sollten nicht eher Feuer geben als bis ich es commandirte. Ich selbst hielt die Hand auf den Knopf der in der Scheide gelockerten Seitenwaffe. Jetzt marschirten die Schweden ziemlich langsam auf uns zu, der Officier ritt, den Degen in der Scheide, an uns heran; in einer Entfernung von fünfzehn Schritten zog er blank und rief: „Schelm, augenblicklich läßt Du Deine Leute mit dem Holz nach Moritzburg fahren, vorwärts, keine Minute gezögert, sonst kannst Du Lumpenhund es erfahren, was es heißt, einem schwedischen O,ficier ungehorsam zu sein!" „Wenn Du das Holz brauchst, Schwede," rief ich mit Donnerstimme, „hol' dir's selbst! ' Der Officier rief seinen Soldaten einige Worte zu, sprengte nun rasch an mich heran und faßte den Zügel meines Pferdes; ich riß mein Schwert aus der Scheide und ließ es mit voller Wucht auf das Haupt des Officiers niederfallen, daß dieser, blutüberströmt, leblos vom Raffe zu Boden stürzte. Gleichzeitig commandirte ich „Feuer!" Meine Dien r warfen die Mäntel ab, es blitzte aus fünfzehn Feuerrohren auf und bei der kurzen Distanz wirkten unsere Kugeln verheerend, jede hatte tödtend oder verwundend ihr Ziel erreicht. „Drauf und dran!" commandirte ich nun weiter und vorwärts gings mit der blanken Waffe gegen die Schweden. Auch die Fackelträger waren in Eifer und Wuth gerathen, fie stürmten mit uns vorwärts und warfen ihre Feuerbrände den Soldaten ins Gesicht. Die Musketiere waren überrascht, sie hatten ihren Führer verloren, unsere Kugeln hatten ihre Reihen in furchtbarer Weise gelichtet. . . . Sie waren auf einen Kampf gar nicht gefaßt gewesen, hatten keinen Widerstand erwartet und nun waren wir offensiv vorgegangen. Das Alles wirkte so niederschmetternd und entmuthigend auf sie, daß sie, von panischem Schrecken ergriffen, ohne einen Schuß abzufeuern, uns den Rücken wandten und mit Zurücklassung ihrer Todten und Schwerverwundeten in wilder, regelloser Flucht in die Richtung der Festung eilten. Wir hatten in der unglaublich kurzen Zeit von etwa einer Minute einer uns an Zahl beiweitem überlegenen regulären, kriegsbewährten Truppe ein Gefecht geliefert, ihr große Verluste beigebracht, ohne daß wir unserseits auch nur einen Verwundeten zu beklagen hatten, Zch wollte nicht eine Secunde länger als nothwendig in der gefährlichen Nähe einer von den Schweden besetzten Festung bleiben, ich durfte es nicht darauf ankommen lassen, mir ein größeres, feindliches Detachement, dem meine schwachen Kräfte nicht gewachsen waren, auf den Hals zu hetzen, die mir anvertraute Silbersendung und das Leben meiner braven Leute einer eminenten Gefahr auszusetzen; ich ließ daher die Fliehenden unbehelligt ziehen, wir setzten uns sofort in der Richtung Eures Lagers, Durchlaucht, in Bewegung, und ich befahl den Fuhrleuten, die Pferde anzutreiben was sie nur vermögen." „Erst als wir am Morgen in der Nähe Eures befestigten Lagers ankamen, athmete ich frei auf und dankte Gott aus tiefster Seele, daß er uns aus der Hand eines mächtigen Feindes gerettet und durch seine Huld mein Vorhaben gelingen ließ. Ich schenkte jedem meiner Begleiter — natürlich den alten Factor meines Vaters Tije Chalfan, den wir als ein Glied der Familie betrachten, ausgenommen — sieben Dueaten und ertheilte jedem die Berficherung, daß er bis an seines Lebens Ende in meines Vaters Hause versorgt werden würde." „Herr Ascher von Treuenberg," sprach Wallenstein, nachdem jener seinen langen Bericht beendet, „ich bin Euch für die Tapferkeit und Umsicht, mit der Ihr Eure schwierige Aufgabe erfüllt habt, zu hohem Danke verpflichtet. Womit kann ich Euch meine Erkenntlichkeit beweisen? Ihr seid reich, ein Geldgeschenk, und wäre es noch so groß, würde Euch keine Freude bereiten. Geadelt seid Ihr schon von dem mächtigsten Monarchen der Christenheit, dem römischen Kaiser — so nehmt denn aus meinen Händen diese goldene Kette zur Erinnerung an mich, als Gedenkzeichen Euer klugen, tapfern That." So sprechend hatte der Herzog eine Kette, die er um den Hals trug, abgenommen, und fie dem jüdischen Edelmanne, der mit ritterlichem Anstande leicht ein Knie dog, umgehängt.