Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 124 Weflrrretchisttze WochenschrM Nr. 7 nars, den Curatoren der Fränkel'schen Stiftungen und den sämmtlichen Hörern auch die hiesigen Gemeinderadbiner, der Borstand der Synagogengemeinde und viele Freunde der Anstatt erngefunden. Der Festact begann, da an demselben Tage zugleich der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm II. ist. mit dem Hauosen Teschuoh. Hierauf verlas der derzeitige Borsitzende, Se. Hochwürden Herr Seminar-Rabbiner Dr. Lewy die Fest- und Gedächtnisrede. Dieselbe hatte der vor Kurzem Heimgegangene Vorsitzende und Senior des Lehrercollegiums Dr. David Rosin s. A. bereits vollständig hinterlassen und wurde dieselbe ohne jegliche Aenderung verlesen. Dieselbe feierte zunächst den kaiserlichen Geburtstag und behandelte alsdann die Entwicklung der Predigt; sie zeigte, wie die besondere Art der prophetischen Reden eng mit dem jüdischen Volksgeiste verknüpft und aus demselben hervorgegangen sei und wie dann, als das Prophetenwort aufhörte, an dessen Stelle die Predigt getreten war. deren älteste Spuren wir bereits in Esra und in einzelnen Psalmen finden. Die Rede verbreitete sich des Weitern darüber, wie Sie als Homilie oder als eigentliche Predigt einen Theil des Gottesdienstes bildete und wie die junge Kirche deren Werth erkannt hatte, daß sie aber trotz Allem eine Schöpfung des jüdischen Geistes ist. An die Rede schloß sich die Verkeilung des Joseph Lehmann'schen Preises. Als Thema für die diesjährige Bertheilung war gestellt: „Verlauf des Kosakenkrieges unter Chmielnicki während der Jahre 1648 und 1649 mit besonderer Berücksichtigung der jüdischen Quellen." Eine Arbeit war einqegangen. Diese hatte mit anerkennenswertbem Fleiß ein großes Quellenmaterial zusammengetragen, vieles bisher Unbekanntes theils neu aufgedeckt, theils richtig gestellt, hatte aber bei alledem die jüdischen Quellen nicht zur Genüge berücksichtigt, auch war dieselbe nicht zum Abschlüsse gebracht. In Anerkennung der Vorzüge derselben würde ihr trotzdem der halbe Preis zuerkannt. Der Verfasser der Arbeit ist Cand. phil. Karl T hiebe r g e r. Hierauf erfolgte die feierliche Entlassung der geprüften Candidaten Dr. Israel Finkelscherer, Salomon P o s n e r und Dr. Siegfried S i l b e r st e i n, unter Ueberreichung der Rabbinatsdip'ome durch den Seminar-Rabbiner Dr. Israel L e w y. Herr P o s n e r sprach alsdann Abschiedsworte an die Lehrer und die Studiengenossen, worauf die Feier unter Absingung von Psalm 16 schloß. Aus dem Jahresberichte, dem die Abhandlung „Interpretation des I. Abschnittes des palästinensischen Talmud-Traktats Nesikin von Dr. I. Lewy" vorangeht, ist noch zu entnehmen, daß die Vorlesungen am Seminar durch den Heimgang des Dr. Rosin f. A. keine Unterbrechung erlitten haben. Es wurde nämlich beschloffen, daß Herr Dr. B r a n n vorläufig für hebräische Grammatik, Exegese und Ecziehungslehre die Vertretung übernehme. Dafür wurden die von demselben bisher in der zweiten Abtheilung gehaltenen talmudischen Vorlesungen, insoweit es sich um die jüngeren Studirenden handelt, dem eben als Rabbiner entlasienen Herrn Dr. I. Finkelscherer übertragen. Die Vorlesungen über Religionsphilosophie übernahm vertretungsweise der Rabbiner der Synagngengemeinde Herr Dr. Jacob Guttmann und die Leitung der homiletischen Uebungen der derzeitige Vorsitzende Herr Seminar-Rabbiner Dr. L e w y. St. Louis, im Jänner 1895. Die Stadt St. Louis, im Staate Miffouri. die Metropole und das Jndustrie- Centrum des Westens der Vereinigten Staaten Nordamerikas, liegt am Mississippi, dem Vater der Flüsse. Sie zählt über 600.000 Einwohner, worunter sich ungefähr 40.000 jüdische befinden, welche beinahe zu gleichen Hälften aus russischen und deutschen Juden bestehen. Die letztgenannten, welche viel früher als die ersteren sich hier angesiedelt hatten und mit reichern Mitteln und Kenntnissen den Kampf um's Dasein aufnahmen, haben es nicht nur zur Wohlhabenheit, sondern viele unter ihnen sogar zu Vermögen, welche in die Hunderttausende zählen, gebracht. Die deutschen Juden bilden hier vier Gemeinden, welche eine jede von ihnen ihren besondern Tempel und Rabbiner, oder richtiger gesagt, Prediger hat. Sie sind reformirt bis zur Unkenntlichkeit der wahren Form des Judenthums. Gerade der jüngste unter den hiesigen Predigern bekommt das größte Salair, und zwar die Kleinigkeit von 6000, sage sechstausend Dollar jährlich! Seine Nebeneinkünfte belaufen sich auch auf eine nicht zu verachtende Summe von zwei- bis dreitausend Dollars jährlich. Es gibt aber viele jüdische Prediger, die noch viel größeres Salair bekommen. Der jüdische Prediger hat dreimal wöchentlich eine sogenannte Lecture (Vorlesung) zu hatten, und zwar am Freitag Abend, Samstag und Sonntag Morgens. Der Leser muß sich diese Lecture nicht als eine Vorlesung irgend eines Universitäts-Professors, voll körnigen Wissens, vorstellen, die Lecture des amerikanisch-jüdischen Predigers ist nichts als ein Schwall von schönen englischen Phrasen, gespickt mit einigen Citaten aus den englischen und amerikanischen Dichtern und Freidenkern, sonst aber ist sie wässerig wie der Mississippi selbst. Ein Citat aus dem reichen klarsprudelnden erquickenden Born der Talmudim und Midraschim, bringt der Prediger nie, ist doch Talmud und Midrasch in Amerika nicht nur höchst unmodern, sondern selbst auch für die Prediger eine Terra incognita. Außer diesen Vorlesungen hat der Prediger absolut nichts zu thun. Die amerikanischen Juden ziehen die Zöglinge des Cincinnatier Seminars allen andern Predigern vor, weil jene ganz amerikanisch gedrillt sind, d. h. das Hauptgewicht wird auf die Zungenfertigkeit in der englischen Sprache (hier zu Lande Rhetorik genannt) gelegt, alles Andere ist Nebensache. Außerdem sind die gedachten Zöglinge wahre Galanthommes, welche in der Galanterie Bedeutendes zu leisten im Stande sind, was in Amerika nicht genug hoch anzuschlagen ist. In der neuen Welt entscheidet das schöne Geschlecht über das Los eines kanzelsuchenden Predigers. Versteht er dessen Gunst zu gewinnen, wird er angestellt, wo nicht, so muß er weiter ziehen. Freilich gibt es unter den jüdischen Predigern in Amerika auch rühmliche Ausnahmen, diese aber haben ihre Studien in Europa gemacht. Auch nicht alle Prediger geben sich dem dolce far mente hin. So haben wir hier Dr. M essing, Rabbi ot tlie „United Hebrew Congregation“, der seine ganze verfügbare Zeit seinen armen Glaubensgenossen widmet. Tag und Nacht ist er nur damit beschäftigt, die von Schicksal hart Verfolgten aus ihrer Noth zu befreien. Jeder Bedrängte findet an ihm einen Helfer in der Noth, weswegen er auch so hoch in der Achtung Aller, namentlich in der der russischen Juden steht. Wir haben hier auch ein jüdisch-englisches Wochenblatt mit Namen „The J-nvish Voice“, redigirt und herausgegeben von Dr. Rabbi M. Spitz. Allerdings ist dieser würdige Rabbi kein Zögling aus dem Seminar in Cincinnati, er hat seine Studien in Ungarn gemacht und versteht den Talmud. Auß der hiesige Rabbiner Dr. Sale ist ein sehr tüchtiger Gelehrter mtb ist Professor der hebräischen Sprache an der hiesigen Hochschule. Aber auch er hat seine Studien in Europa gemacht. Die russischen Juden haben es hier noch auf keinen grünen Zweig g bracht. Die Mehrzahl ernährt sich kümmerlich. Nur ein? einzige Synagoge können sie ihr eigen nennen, ihre übrigen Bethäuser sind gemiethete Locale. Ihre zwei Rabbiner besitzen talmudisches Wissen, entbehren aber jedes profanen Wissens. Was dem jüdisch-russischen Rabbi mangelt, besitzt der jüdisch-amerikanische Prediger, was hingegen Diesem mangelt, besitzt Jener. Wenn man darum diese beiden zusammenleimen und sie so auf die Kanzel hi »stellen könnte, daß beim Gebrauch eines hebräischen oder talmudischen Citates der Rabbi seinen Mund aufthut und beim Erklären und Ausschmücken der Prediger sich vernehmen lassen kann, würde eine vorzügliche Predigt herauskommen. Vielleicht wird Edison demnächst eingreifen, uns mit einem Apparat versehen, mit dem man das einseitige Wissen des Rabbiners und des Predigers gleichzeitig und zusammen anwenden kann, bis dahin aber wird die jüdische Predigt in Amerika nie vom jüdischen Geiste durchdrungen sein. W. Schur. Vermisscktes. Wien. Fräulein Malvine Reschovsky hat sich mit Herrn Gustav Deutsch verlobt. Wien. Der Einzelverein Wien des „Zion" veranstaltet Donnerstag den 14. d. in Kh un er's Restaurant, Schottenring 19, einen Geselligkeitsabend.