Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Vrstrrrrichische Wochenschrift Nr. 7 Seite 1,2 chorresyonäenren. Wien. (Plenarversammlung der Oesterreichisch-Jsraeli rischen Union am 9. Februar 3895.) Die große Erbitterung über die letzten Vorgänge im niederösterr. Landtage, welche die gesammte Wiener Judenschaft in Athem hält, kam bei der Samstag den 9. d. M. abgehaltenen Plenarversammlung vieses Vereines eclatant zum Ausbruche. Das Gefühl, gegenüber den Ausbrüchen rohester Creaturen vogelfrei m sein, kam in stürmischer Empörung der erregten Gemüther zum Ausdrucke, und manches harte Wort fiel gegen Diejenigen, deren Pflicht es gewesen wäre, speciell gegen die letzten schamlosen Beleidigungen des Judenthums mit allen den öffentlichen Vertretern zu Gebote stehenden Mitteln aufzutreten. In diesem Sinne gelangte auch eine von Herrn Sigmund Mayer beantragte Resolution, deren Spitze sich nicht nur gegen die Leitung des Landtages, sondern auch gegen die Abgeordneten der liberalen Partei richtet, ohne Debatte einstimmig zur Annahme. Nachstehend der Bericht über die Versammlung: Nach Begrüßung der äußerst zahlreichen Versammlung — der Saal war zum Erdrücken voll — unter welcher man u. A. die Herren Gemeinderäthe Lang, Dr. Mittler und Dr. Stern die Bezircksausschüsse Julius P o 1 l a k und Ludwig W a l d st e i n. die Cultusvorsteher Salo Cohn und Wilhelm Pol l a k bemerkte, hielt der Vorsitzende dem dahingeschiedenen Vorstands-Mitgliede Herrn Dr. Max Landesberger einen warmen Nachruf. Die Versammlung ehrte das Andenken des Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen. Weiters berichtet der Vorsitzende, daß der Vorstand der „Union" Herrn Hof- und Gerichts-Advocaten Dr. Philipp Meirner in den Vorstand dieses Vereines cooptirt habe. Sodann ergriff Herr Hof- und Gerichts-Advocat Dr. Heinrich Sieger das Wort zu seinem Bortrage, den wir an anderer Stelle publiciren. Anknüpfend an diese Rede bespricht Herr Sigmund Mayer die letzten Vorgänge im niederösterreichischen Landtage. Das Resultat der Coalition für die Juden Cisleitbainens besteht in jener vollständigen Verlassenheit, in der sie sich heute unstreilig befinden und die gerade durch jenen Vorfall, wegen welchem er sich das Wort erbeten habe, auf das Drastischeste illustrirt wird. Mechaniker Schneider habe im niederösterreichischen Lanotage mit ganz nackten Worten zur Beraubung und Vertreibung sämmtlichw Juden aufgefordert. Von Schneider selbst rede er nicht — der politische Koth, der dieses Individuum umgibt, schützt ihn vor seiner Berührung. Aber was sei auf diese unglaubliche Herausforderung von Seilen des Herrn Laudmarschalls, von Seiten der liberalen Partei erfolgt? Der Herr Landmarschall hat erst jüngst, als es sich nur darum gehandelt, einen einzelnen Parteigenossen, den Herrn M e d e k in Klosterneuburg, vor einer unangenehmen Erörterung zu bewahren, nahezu mit Gewalt den Redner an der Fortsetzung gehindert, auf die ihm, dem Vorsitzenden, ja wohlbe annte Gefahr hin, hiedurch den größten Tumult zu erregen. Da aber, wo es sich um die Sicherheit, um das Recht, um das Schicksal von 3 Millionen Juden handelt, hat er den Redner seine -Aufforderung zum Raub ruhig vollenden lassen, und hat sich erst nach ungestörter Vollendung derselben ,,g e z w u n g e n" (!) den zahmen und zahnlosen Ordnungsruf zu ertheilen. Wahrlich, derHohn, mildemSchneider dem Herrn Landmarschall sofort replicirte: „Ich bin ja eh' schon fertig", kann kein ganz unverdienter genannt werden! Die Liberalen Herren Abgeordneten aber blieben stumm wie die Fische! „Nehmen Sie nun an", fährt Herr Mayer fort, daß sich Schneider diese Ungeheuerlichkeit vor der Coalition erlaubt hätte, zur Zeit, als die verehrliche „Linke" noch in der Opposition und wir Juden von dieser verehrlichen Opposition noch ein geehrter und — was die Hanpksiiche — sehr g ebrauchter Theil gewesen sind. Wie wären die Herren alle entrüstet aufgesprungen, und hätten mst flammenden Worten, mit edler Begeisterung diese dem Landtage angAhane Schmach zurückgewiesen! Und woher heute diese Ruhe, diese Kaltblütigkeit, diese politische Sanstmuth — sobald eg si ch u m uns, um die Juden Hände l t? Das, meine Herren, ist doch überaus einfach, das ist doch ganz natürlich! Man glaubt eben uns nicht mehr zu brauchen, mun glaubt sich sicher zu fühle»!, unter dem Schutzdache der Coalition, die paar Juden entbehren zu können". Die Zeit rverde lehren, ob die Herren sich i» ihrem Calcul nicht irren. Damit sie aber zum mindesten sich darin nicht irren, damit sie heute schon Klarheit gewinnen, wie wir Juden über dieses politisch oentile Verhalten denken, beantraae er folgende Resolution: „Die heutige Versammlung drückt ihr lebhaftes Bedauern darüber aus, daß in der Sitzung des niederösterreichischen Landtages vom 5. d. M. gegenüber der nackten Aufforderung eines Abgeordneten (Mechaniker Schneider) zur Beraubung und Austreibung der jüdischen Mitbürger weder der Landmarschall noch irgend ein Mitglied der liberalen Partei die der Würde des hohen Landtages und den Ge - s^etzen sowohl unsereswiejedes civilisirtenStaates entsprechende zurückweisende Antwort gefunden hat." Diese Resolution wurde ohne Debatte einstimmig angenommen Herr Siegfried F l e is ch er begrüßt es mit Freude, daß Männer von so symphatischem Wesen, von solcher Kraft und Frische wie der Dr. Sieger anfangen, sich dem politischen Leben zu widmen. In Dr. Sieger hofft Redner einen Vorkämpfer für den wahren Liberalismus zu finden. Die heutigen Antisemiten seien Landsknechte der clericalen Partei und wenn die liberale Partei sich mit dem Feudalismus verbunden habe, so seien ihr in dem Kampfe gegen die Antisemiten die Hände gebunden. Anderseits dürfen in einem Staate, wo die Staatsgrundgesetze so gehandhabt werden, wie bei uns, Erscheinungen wie die des Mechaniker Schneider nicht Wunder nehmen. Auch der nächste Redner Herr Dr. Alfred Kanitz gibt seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die Coalitionsregierung uns Juden nie zu unserem Rechte verhelfen werde. Redner würde wünschen, daß alle jüdischen Vereine und sämmtliche Cultusgemeinden eine ähnliche, wie die heute gefaßte Resolution uir den Landtag und den Club der Vereinigten Linken richten mögen. Herr Dr. Weiß bewundert das mannbare Auftreten des Dr. F r i e d j u n g im Gemeinderäthe und würde nur wünschen, daß dasselbe unter den anderen liberalen Mitgliedern des Gemeinderathes Schule mache. In ähnlichem Sinne sprachen die Herren Bielitz, Ritter und Marcus. Herr Jacob Jaiteles bringt zur Kenntniß, daß der Vorstand der Union in letzterer Zeit mit großem Zeitopfer eine größere Action gegen den Antisemitismus eingeleitet habe und gibt seinem Bedauern Ausdruck, daß ein hervorragendes Mitglied der hiesigen Cultusgemeinde anstatt mit der Union zu gehen, neben derselben eine zweite Action inaugurirt habe. Hiedurch werde die Kraft einer solchen. Action zersplittert. Herr Gemeinderath Dr. F r i e d j u n g, mit frenetischem Beifall empfangen, bemerkt, nichts gethan zu haben, was einen besonderen Beifall verdienen würde; er habe in dem entscheidenden Momente blos das gethan, was seinen, Herzen und seiner Empfindung entsprach. Wenn ihm vorgeworfen werde, daß er ein „frecher Jude" sei, dann gebe es für ihn keine andere Ueoerlegung, als einzutreten, komme was da wolle. Die Ausnahmsstellung der Juden bestehe einzig darin, baß Diejenigen, die berufen wäre n, ein zu treten, dies nicht thun. Die Coalition habe gewiß nicht den Zweck, nur gegen den Antisemitismus aufzutreten, aber die A e g i e ru n g s e i v erpflichtet, Führer in der öffentlichen Meinung zu sein, indein sie in der Qeffentlichkeit das sage, was die öffentliche Meinung zumeist bewegt. Die liberale Partei und die liberalen Mitglieder des Ministeriums entfalten nicht die nothige Energie oder den richtigen Willen, hier einzutreten, und dies sei um so sonderbarer, als ja die christlich-sociale Partei in schroffer Opposition gegen die Regierung stehe. Redner schließt mit den Worten: „Ich bin immer auf der Seite der Liberalen, aber blind für ihre Fehler kann ich nicht sein." Herr Gemeinderath Dr. Mittler bemerkt, daß es nicht angehe, aui alle Beschimpfungen im Gemeinderäthe zu reagiren, da es sonst unmöglich wäre, zu irgeird welcher fruchtbringenden Arbeit zu gelangen. Es kann uns nicht recht sein, wenn die Protokolle der Bertretungskörper nur allein mit dieser Frage ausgefüllt werden. Man könne beim besten Willen mit dieser wüsten Bande nicht Tag für Tag anbinden. Uns bleibt leider kein anderes Mittel übrig, als an der Wahlurne nur echt freisinnigen Männern unsere Stimmen zu geben. Herr Dr. Sieger replicirt, daß die liberalen Mandatare ihre Freisinnigkeit nur in den liberalen Wählerversammlungen manifestiren. Die Duldung der Thalsache, daß die Gleichberechtigung mit Füßen getreten werde, müsse aus dem liberalen Lager verschwinden; dann wird sie auch aus dem gegnerischen Lager verschwinden. Es thue Noth, nur solche Männer zu wählen, die ein mannhaftes Auftreten nicht nur versprechen, sondern auch garantiren. Auch Dr. M i n tz ist der Ansicht, daß in den Vertretungskörpern kräftigere Accente angeschlagen werden müßten, wie es bisher geschehen sei. Die Coalition habe sich in Gegnerschaft zum Liberalismus und zur Demokratie gestellt. Ein Zusammenhalten der Liberalen und Demokraten thue deshalb doppelt noth. Der letzte Redner Herr K u l k e bedauert es, daß Finanzminister P l e n e r der Jnterpellationsbeantwortung in der Decker t'schen Angelegenheit seine Zustimmung gab. Ein Glück für Oesterreich sei es, daß wir wenigstens in Ungarn eine liberale Regierung haben. In großer Erregung schloß der Vorsitzende um tf2\ Uhr Nachts die Versammlung. Wien. (Eine Ausschließung aus einem Eislaufverein.) Wirerhalten folgende Zuschrift: „Herr Redacteur! Am 4. d. M. besuchte meine Frau mit ihrer Schwester den Eislaufplatz des Wiener Cottage-Eislaufvereins, dem ich und meine Familie als. Mitglied seit Bestand desselben angehören. Die durch den Jrrthum der Garderobiere herbeigeführte Verwechslung eines Kleidungsstückes?meiner Frau veranlaßte das anwesende Bereinsmitglied Herrn Dr. Robert