Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 118 Oeprrrektzlschr WortzenschrM Nr. 7 seinen Gott verkauft er nicht, dem bleibt er treu, obgleich ihn derselbe nicht immer mit Glacehandschuhen anfaßt. Thut nichts, er hat nun einmal mit seinem alten Gott e-nen Bund für ewige Zeiten geschloffen, und wenn auch der jüdische Kaufmann seine Wechsel oft pcotestiren läßt, so honorirt er stets die Unterschrift, die seine Ahnen ihrem Gott gegeben. Er bleibt ihm treu, selbst, wenn Jener ihm aufgegeben zu haben scheint, sich von ihm abgewendet, ihn seinen Feinden preisgibt. Erläßt sich durch solche Widerwärtigkeiten durchaus nicht beirren, sondern harrt treu aus, bis ihn wieder aus den düsteren Wolken des Unheils die goldige Sonne der Verheißung anlächelt. Er harrt aus auf seinem Posten und desertirt nicht. Und wie es auch in der tapfersten, bestdisciplinirten Armee Feiglinge gibt, Ueberläufer, Berräther, so gab es und gibt es auch solche in der großen Legion des Judenthums. Doch das sind nur vereinzelte Abtrünnige, und selbst auch diese wenigen Deserteure haben nie ganz die Verbindung mit ihren früheren Stammesgenoffen abgebrochen; sie bewahren ihre Liebe und Treue, selbst wenn sie die höchsten Stufen der hierarchischen Leiter erklo nmen. Und wenn sie auch manchmal ihre einstigen Brüder verfolgen mit ihrem Haß, so thun sie es nicht aus Schlechtigkeit, sondern aus innerer Wnth, daß sie nicht mehr zu dem alten Bunde gehören. Diese Ausbrüche der Intoleranz sind nicht Folge intensiven Haffes, sondern Resultate verschmähter Liebe. Der Jude hat einen instinctiven Abscheu, einen innerlichen Widerwillen qegen den Abtrünnigen und macht aus dieser seiner Antipathie kein Hehl. Das ist ein großer Fehler. Nun, was sagen Sie, my dear air, zu diesem Volke, dem Sie nun jeglichen Idealismus absprechen? Meine innigste Urberzeugung ist, daß die Juden die idealste Raffe der Welt sind. Wo. nur einiger Tropfen Wrffer wegen so duldet und erträgt wie der Jude, der solcher Folter und Marter, solchen Verfolgungen und Qualen, solchem Haß und solcher Verachtung sich aussetzt, wahrend er doch durch etliche Worte, durch einige Tropfen Wasser diese unerträgliche Bürde von sich abschütteln könnte, der ist ideal veranlagt; dem steht da- Ideal höher als die Wirklichkeit, dem kann nid darfjich meine Hochachtung nicht versagen." Unsere „Gerngrotze" Bor einiger Zeit erschien an dieser Stelle ein ausgezeichneter Artikel von Herrn Dr. M. Friedländer, über „unsere Großen". Obwohl der geehrte Autor nur traurige Erscheinungen im österreichisch-jüdischen Grmeindeleben im Auge hatte, erregte der Artikel (der auch im hebräischen Tageblatt „Hamelitz" vollinhaltlich reproducirt wurde) auch in russisch-jüdischen Leserkreisen großes Interesse und lebhafte Zustimmung. Denn die sogenannten „Ausnahme-Juden", die so erhaben — indifferent von ihrem „Jsolir-Schemel" auf die „wackelige Hütte Davids" herabschauen, und es unter ihrer Würde erachten, jüdische Jntereffen zu vertreten, oder sich gar mit Cultus- und Gemeindeangelegenheiten zu befaffen, — diese edle Sprcies gedeiht nicht nur auf österreichischem Boden; und wenn wir die Häupter unserer Lieben zählten, fänden wir vielleicht, daß die russische Judenheit die reichste Collection dieser Noli me tangere^uben aufzuweisen hat. . . Daher das Interesse, das wir russischen Juden dem, eigentlich nur österreichischjüdische Zustände geißelnden Artikel entgegenbrachten, und deswegen loben und preisen auch wir den braven Mann, der ohne Furcht und mit Tadel unsere „Großen" an ihre Pflichten mahnte und ihnen einen Spiegel vorhielt, der ihre „Größe" nicht sonderlich schön reflectirte. Nun aber gibt's bei uns noch eine andere Species, die „gar lieblich ist zum Anschauen". nämlich die „G e rn g r o ß e". Diese Gattung, die in unseren Gegenden in zahlreichen Spielarten vorkommt, verdient in Anbetracht ihrer numerischen Stärke entschieden einen „Ehrenplatz" in der jüdischen Publicistik, und erfülle ich nur eine lang versäumte Pflicht, wenn ich in diesem Artikel den schwachen Versuch mache, unsere „Gerngroße" in ihren Hauptzügen vorzuführen und einige besonders auffallende Spielarten derselben genauer zu beschreiben. Die „Gerngroße", das heißt, Leute, deren geistige, moralische und sonstige edle Kräfte so ziemlich gleich Null sind, dafür aber eine üppige Einbildungs- und eine vordringliche Strebekraft besitzen, haben die besten Aussichten auf Verwirklichung ihrer Gerngroß-Träume, in einer Gesellschaft, wo Halbbildung und sonstige „Halbheiten" weit verbreitet sind. Und da gar viele äußere Umstände, die hier nicht erörtert werden sollm, zur Verbreitung der Halb-, Viertel-, ja sogar Duodez-Bildung unter der russischen Judenheit beigetragen haben, so ist es natürlich, daß die „Gerngroße" bei uns einen ganz besonders günstigen Nährboden finden, und auf jedem Gebiet das Hänflem der veritablen Großen überwu Hern und ihnen den Boden entziehen . . . Natürlich sind ihre Erfolge und der Schaden, den sie anrichten, nicht auf allen Gebieten gleich. Zum Beispiel sind die Literatur-Gerngroße, deren Zahl Legion ist und die sich vorzugsweise die hebräische Literatur als Tummelplatz erkoren haben, noch immer unansehnliche, unangesehene und, folglich nicht sehr schädliche Thierchen, trotz ihrer außerordentlichen Anstrengungen, das liebe Publicum, mit Hilfe der weismachenden Frau Reclama, zu gewinnen und auf dasselbe ihren Geist — sit venia verbo — auszugießen. Desto erfolgreicher und daher desto schädlicher sind die Gemeindestnbe-Gerngroße. Diese Varietät besitzt außer der obligaten Eingenommenheit für das winzige Ich und der drängenden Streberei, die der ganzen Gattung gemein sind, noch eine starke Dosis von effronterie (französisch klingt es d och ferner) und die Kunst, bange zu machen. . . Fast in jeder Gemeinde, bei uns zu Lande, findet sich mindestens Ein Repräsentant dieser Spielart in der „oberen Leitung" der Gemeindeangelegenheiten; in manchen Gemeinden aber liegt die ganze „Verwaltung" in den Händen solcher „Gerngroße", deren Befähigungsnachweis nur in der unverzeihlichen Indifferenz oder in der verzeihlichen Furchtsamkeit der Gemeindeglieder zu suchen ist. Zwar kann es nicht geleugnet werden, daß manche Gerngroße der Gemeindestube trotz ihrer Hohlheit, trotz ihrer sonstigen Werthlosigkeit und auch trotz ihrer Charakterlosigkeit ihren Gemeinden oft recht nützliche Dienste leisten, Dank ihrer ungestümen Streberei und ihrer Sucht, sich höheren Orts auszuzeichnen — und vielleicht ist's für manche Gemeinde vortheil- Hafter, einen ehrsüchtigen und daher schaffensdurstigen Gerngroß an ihrer Spitze zu haben, als einen „Großen", Berufenen, der von keinem Thatendrang beseelt ist (wie es leider oft der Fall ist bei den ..Großen", die in der Gemeindestube auf ihren anderswo erworbenen Lorbeeren — einschlafen). In der Regel aber sind die Gerngroße entweder so unbefähigt, daß ihr Schaffensdrang nur eitel Wind erzeugt, oder geht ihr Ehrgeiz nicht höher als bis zum Titel eines Gemeindevorstehers, und haben sie diesen heiß ersehnten Titel erlangt, erlahmt ihre Strebekraft und sie schlafen in der Gemeindestube ebenfalls den Schlaf des — Großen; oder, was häufiger geschieht und schädlicher ist, sie erblicken das erhabenste Ziel im Tyrannisiren und Terrorisiren ihrer Gemeinde, und ihr Thatendrang äußert sich nur im Zerstören, und — last not least — im Denunciren... Uebrigens sind auch die unschädlichsten Gerngroße der Gemeindestube, wenn sie auch die Gemeindeangelegenheiten nicht zu ihren Sonderzwecken ausbeuten, doch immer eine traurige Erscheinung — vor den Augen unserer nicht-jüdischen Mitbürger. Denn es ist wahrlich keine große Ehre für das Judenthum, wenn Gerngroß L oder N, der weder durch Bildung, noch durch Geist, noch durch Moral, noch durch Erziehung, noch durch seine Manieren irgendwie bemerkenswerth ist, sich als Repräsentant und Leiter einer größeren Gemeinde hinaufbugsirt, Dank seiner unverschämten Streberei oder mit Hilfe von unzweideutiger Einschüchterungsmittel. . . Unsere nicht-jüdischen Mitbürger und hauptsächlich die höheren Beamten, die doch nur mit dem „Repräsentanten" in Berührung kommen und die Gemeinde im Großen und Ganzen sehr wenig oder fast gar nicht kennen, müssen ja unwillkürlich von den sogenannten „Spitzen der Gemeinde" aus die Gemeinde selbst schließen, und dieser Schluß trägt entschieden nicht bei „zum größeren Ruhm" der russischen Judenheit . . . Wenn Leute mit verrufener Vergangenheit und — Gegenwart, wenn Leute, die nur in einer Comödie eine lächerliche- Figur abgeben können, wenn Leute, die nicht nur aller Bildung baar, sondern auch der Landessprache nicht mächtig sind, an die Spitze von jüdischen Gemeinden gestellt werden, so dürfen thir uns nicht wundern über die trostlosen Zustände unserer rmrern Angelegenheiten; noch weniger dürfen wir uns aber da>n wundern über das stetige Sinken unseres Ansehens in den Augen unserer nicht-jüdischen Mitbürger. Wir können uns nicht wehren gegen äußere Mächte die, uns gewaltsam er-