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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-02-15 · 7 (15.2.1895) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ni. 7 Drstrrrrlchischr Wochrnfchrirr Leite 117 der Geschichte den Namen Baron Moriz Hirsch, dieses Prototyps von Großherzigkeit und Edelmuth, von Zarisinn und Stammesanhänglichkeit. Es ist nicht zum erstenmale. daß Herr v. Hirsch in der Rolle des Wohlthäters der russischen Juden austritt. Vor etwa einem Decennium bot er der rnssischen Regierung die Summe von fünfzig Millionen zur Gründung von Schulen für die Juden Rußlands. Behufs Realisirung dieser großartigen Schenkung traf ein Vertreter von Baron Hirsch, ein französischer Marquis, dessen Name mir entfallen, in Petersburg ein und trat in Unterhandlung mit den betreffenden Sphären und Persönlichkeiten. Doch die Unterhandlungen zerschlugen sich, weil die russische Regierung sich ein freies Dispositionsrecht über diese Schenkung wahren wollte, womit sich der großherzige Geber nicht einverstanden erklären konnte. Und so wurde dieser edelmüthige Antrag zu Waffer; die russischen Juden bekamen keine Hirsch'schen Schulen, hingegen begann man vor ihnen die Thore der Regierungslehranstalten zu schließen. Das war so eine Art von Revanche, ein Ersatz für das Verlorene . . . Wie dem auch sei, Baron Hirsch sandte einen zweiten Delegirten nach Rußland, da der Druck immer stärker ward und die Stimmen der gequälten, ihrer primitivsten menschlichen Rechte beraubten Juden um Erbarmen flehten und in den Herzen ihres berühmten Glaubensgenossen ein sympathisches Echo hervorriefen. Mr. Arnold White wurde nach Rußland mit einer sehr heiklen Mission betraut. Er sollte zuerst die russischen Juden kennen lernen und sich durch persönlichen Augenschein überzeugen, wie weit ihre Beschwerde begründet, wie weit andererseits die Motive der Regierung stichhältig seien, durch welche sie ihre drakonischen Ausnahmsgesctze gegen ihre jüdischen Unterthanen rechtfertigte. Herr White sollte das russische Judenthum studiren, sich nach Möglichkeit überzeugen, wie weit dasselbe regenerationsfähig sei und speciell sich für den Landbau eignen würde. Dann sollte er mit der russischen Regierung Verhandlungen anknüpfen über den Modus der zu orgamsircnden Emigration Dem Anscheine nach schien Herr Arnold White für diese ihm auferlegte delicate und wichtige Mission durchaus nicht geeignet. Denn als ich ihn im Hause des oben erwähnten russischen Generals kennen lernte, war Mr. White nichts weniger als Philosemit. Ohne Antisemit zu sein, hatte er doch von den Juden keine allzu hohe Meinung, aus welcher Gesinnung er übrigens auch kein Hehl machte. Erst späterhin sahen wir Älle hier ein, daß die Wahl von Baron Hirsch eine sehr glückliche gewesen und daß er schwerlich einen Mann hätte finden können, der sich für solch' eine delicate und schwierige Miffion so sehr eignete, als Herr White, dieser kühle, hagere Engländer, dieser phlegmatische Brite, der dem Anscheine nach keinen sentimentalen Regungen zugänglich war und sich durchaus nicht für die Sache zu erwärmen schien, mit welcher er beauftragt worden und von deren Ausgang das Schicksal von fünf Millionen lebender, darbender, fühlender, unglücklicher Menschenwesen abhing. Mr. Arnold White hatte von uns russischen Juden nicht nur keine sehr hohe, sondern eine geradezu sehr niedrige Meinung, welche er auch sofort bekundete, als in dem Hause des russischen Generals diese Frage auf's Tapet kam. „Was ich bis jetzt von den russischen Juden gesehen und gehört (freilich Letzteres mehr als Ersieres, fügte Mr. White mit einem leichten Anfluge von Selbstironie hinzu), kann kaum zu ihren Gunsten disponiren, und Baron Hirsch hat eine Aufgabe übernommen, die selbst ihm, dem sonst Alles gelingt, der durch sein Genie alle Schwierigkeiten, die sich der Verwirklichung seiner Pläne in den Weg stellen, glücklich beseitigt, schwerlich gelingen wird. Wie man mir hier überall gesagt hat, ist der russische Jude so verkommen, daß an eine Regeneration schwer zu denken ist. Dessen versicherten mich Leute, die mit Juden in nahe Berührung traten und sie ganz genau kennen. Freilich trugen eben die elenden Verhältnisse bei, unter denen die Juden gelebt, das ändert jedoch an der Tbatsache selbst nichts. Der crasse Materialismus hat in den russischen Juden alles Edle getödtet; er ist für nichts Ideales empfänglich, kann es auch nicht sein." So ungefähr sprach sich Mr. White noch ferner aus, so daß ich vor Begierde brannte, ihn zu fragen, warum er unter derartigen Verhältnissen die Miffion des Baron Hirsch übernommen. Doch der russische General, der diese etwas antisemitisch .angehauchten Expectorationen aufmerksam angehört hatte, kam mir zuvor, indem er den Engländer folgendermaßen apostrophirte: VI. Ein russischer General über jüdischen Idealismus. „Ich hatte während meiner langen administrativen und militärischen Laufbahn, sowohl in den süd- und nordwestlichen Gebieten als auch in Bessarabien und Neurußlaud Gelegenheit, die Juden näher kennen zu lernen und ohne mich zu den Philosemiten zu zählen, muß ich Ihnen sagen, daß mir die russischen Juden ebenso viel Mitleid als Achtung einflößen. Ich habe noch nie ein Volk gesehen, welches trotz des entsetzlichen Druckes, dem es seit Jahrhunderten ausgesetzt gewesen. so ideal veranlagt geblieben, als eben der Jude. ,,^'aeol veranlagt, General," ries hier Mr. White aus, „ist das nicht zu viel gesagt? Jüdischer Schachergeist und jüdischer Idealismus — wie reimt sich das?" „Ja, ideal veranlagt sind die Juden," sagte der General mit starker Betonung, „und ich bin bereit, diese Behaupt!« i, nicht nur zu verfechten, sondern Ihnen auch die unwiderlegbarsten Beweise von deren Richtigkeit liefern." „Daraus bin ich sehr begierig," erwiderte mit leichtem Spotte der Brite. „Wie nennen Sie ein Volk, das seit Jahrhunderten dem furchtbarsten Drucke ausgcsetzt gewesen, dos die unerhörtesten Verfolgungen erlitten, welches man bestrebt war, mit Feuer und Schwert auszurotten, welches man der elementarsten, menschlichen Rechte beraubte, dessen Menschenwürde man mit Füßen trat, das man in seinen heiligsten Gefühlen verletzte, und welches trotzdem standhaft und treu ausgeharrl, nichtzum Verräther wurde an seiner Religion, an seinem Gott? Tenn die wenigen Abtrünnigen abgerechnet, die sich durch weltliche Vortheile verlocken ließen, ihren Glauben abzuschwören, hat das Gros des jüdischen Volkes ausgeharrt trotz aller Verlockungen. Uud es genügten doch einige Tropfen Wasser, um beim rechtlosen Juden zu einem vollberechtigten Christen umzuwandeln, um aus dem Paria einen Braminen. aus dem Heloten einen Patrizier zu machen. Einige Tropfen Wasser — und aufgehört haben alle Verfolgungen; sperrweit öffnen sich die Thore des Ghetto, aufgenommen wird der Convertite in die Reihen der Bürger. Nicht mehr braucht er den niedrigsten Handlanger der heiligen Hermandad zu fürchten, daß er ihm beim Kragen ergreife und die ewige Frage zudonurrr: Jude, wo ist Tein Paß? . . . Einige Tropfen Wasser und alle Beschränkungen haben aufgehört, frei kann er das weite russische Reich durchziehen. die Schranken sind gefallen, Handel, Industrie und Gewerbe stehen ihm offen. Auch die Tempel der Wissenschaft öffnen ihre Hallen vor ihm, vor seiner Nachkommenschaft. Gymnasien und Realschulen, Akademien und llnivelsitätln. Confervatorien und Forstcorps, Theaterschulen und Technologisches Institut, in die er bis dahin nur verstohlen, einzeln oder gar nicht eindringen konnte, sind ihm zugänglich gemacht. Cr kann in die Oper, das Ballet, den dramatischen Musentempel frei und offen dringen, er kann Sänger. Schauspieler und Tänzer werden, Alles, was er bis dahin nur maskirt, seine Nationalität, seinen Glauben verleugnend, werden durste. Er kann in die Armee treten, in die Beamtenhierarchie, kann die höchsten Stufen erklimmen (wie es auch manchem Renegaten gelungen) und — er bleibt in der Tiefe, im Dunklen, gehaßt und verfolgt, gleich dem wilden Thiere gehetzt, rechtlos und erwerblos, selbst der homöopathischen Rechte beraubt, die ihni selbst das Gesetz, diese so unbarmherzige Stiefmutter, gewährt, rast vogelfrei erklärt. Sclave eines jeden niederen Polizeiagenten. Und es bedürfte doch nur etlicher Tropfen Wasser, um ans dem gehetzten Wilde einen vollberechtigten Bürger zu machen. Einige Tropfen Waffer .... und er darf Platz nehmei' an dem Banker des Lebens, darf schmausen und genießen. Und selbst dieses kleine Opfer will der Jude nicht bringen; er, der sonst doch nicht sonderlich wäblerisch in den Mitteln ist, um das angestrebte Ziel zu erreichen, kann nicht schlüssig werden, diese kleine Concession zu machen; er, der so gierig aufGeldpewinu ist, kann für so wenig so viel kaufen und verschmäht es: er, der verkörperte Materialismus, der fanatische Antöngei des Mammon, will sein Gewissen nicht um alle Schätze der Erde verkaufen; er schachert mit Allem, nur nicht mit seinem Glauben: er hausirt mit altere Hosen, abgelegten Westen, schwindsüchtigen Fracken, lebensmüden Ctieseln und verzweifelten Hüten, eli'.

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