Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 116 Eine Anregung zur Abhaltung jüdischer Gemeindekage. Wenn man einen Rundblick auf die socialen Zustände, in denen sich die Juden Cisleithaniens befinden, wirft, wird man sie traurig und keineswegs des Ln äe aiäels würdig finden. Ein ganzes Säculnm ist dahingegangen, seitdem die Humanität in den menschlichen Herzen sich zu regen begann., und die starke Majorität einiaes Gefühl für die schwache Minorität zeigte. Jetzt sucht die Reaction, ihr freches Haupt erhebend, all das zusammenzuwerfen und niederzureihen, was mit Mühe und Plage durch ein Jahrhundert znsammengetragen und ausgebaut wurde. Auf der ganzen Linie des Lebens wird wieder den Juden die Existenz erschwert, der Kampf ums tägliche Brot ihnen aufgedrängt, ja jede Existenzberechtigung von einer Zahl von Unholden abgesprochen. Wenn es nach dem Wunsche dieser ginge, würden Juden und Judenthum der totalen Vernichtung preisgegeben werden. Die Verfaffunq, welche das Palladium aller Gutgesinnten ist und keine Bevorzugung einer Nation oder Confession kennt, wird zumeist nicht beachtet und ihrem Principe nicht volle Rechnung getragen. Der Jude wird auf ollen Gebieten des öffentlichen Lebens auf die Seite geschoben und verdrängt. Das Uebel, welches schon drei Lustren bestellt, nimmt immer zu und nirgends zeigt fich eine Aussicht aus Abhilfe, nirgends ist ein Dämmerschein von Hoffnung auf Befferwerden wallrzunebmen. Doch diese Zurückdränguna der Juden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, diese Erschwerung ihrer Existenz ist noch nicht der Uebel größtes. denn der Jude ist ja durch fast 2000 Jahre an diesen Druck gewöhnt, er ist durch Titus und deffen Nachfolger für denselben erzogen worden. Das größere Uebel, dessen Eventualität nun zu befürchten ist. ist die dem Judenthume drohende Gefahr. Kann eine Religion moralischen Einfluß, materiellen Bestand haben, wenn sie stets die Zielscheibe alles Witzes und Spottes ist? Liest man nicht, wie das Judenthum überall, in der Gemeindestube, im Landllause, im Parlamente, angegriffen, gehöhnt, verspottet wird? Müffen nicht solche rohe Ausfälle aeqen eine anerkannte Religion schwache Gemütller in ihrem Glauben schwankend machen? Nimmt man nicht wahr, wie jüdische Männer und Frauen, durch die Hetzereien und Bedrohungen abqeschreckt. illrer angestammten Religion den Rücken kehren, um ihren Kindern eine beffere Existenz, eine sorglosere Zukunft zu gründen? Wohin soll dies führen? Und welcher Zukunft schreiten wir entgegen? Wahrlich, solche bedauernswerthe Zustände müffen das Herz eines jeden aufrichtigen Juden mit Betrübniß erfüllen und fordern zum Nachdenken auf, wie ihnen entgegengearbeitet werden kann. Unserer jüdischen Generation gebricht es offenbar an moralischer Kraft und Energie, den Versuchungen, die in verschiedener Gestaltung an sie llerantreten. Widerstand zu leisten; diese moralische Widerstandskraft beruht aus voller Ueberzeuaunq von der göttlichen Wahrheit des Judenthums, welche Ueberzeuqung nur durch die Kenntniß der Bibel und der dort im Talmud niederaeleqten sittlich-moralischen Grundsätze gewonnen werden kann. Wenn es leider nicht möglich ist. die Juaend dem Bibel- und Talmudstudinm zuzuführen, wie es vor Jallren bestanden bat. so gibt es. .nach meiner unmaßgeblichen Meinung, ein Mittel — freilich nur ein Surrogat — zur Hebung und Stärkung des Judentbnms und um besten Verfall zu verhüten: Die Einführung jüdischer Gemeindetage. An dem Gemeindetage, welcher durch die Delegirten aus allen Gemeinden Mährens' (ich habe vorläufig mein engeres Vaterland im Auge') zu beschicken und jährlich einmal (der Versammlunasort soll jährlich bestimmt werden) abzuhalten wäre, sollen alle das Judenthnm betreffenden und beeinflustenden Ereigniste besprochen, alle das Jndenthum fördernde Schritte erwogen und beschlossen, die Hebung der cultuellen und erziehlichen Einrichtungen, die Förderung von Moral und Sitte anaestrebt. die Erstarkung im Glauben und Festhaltuug am Jndentbume allen Mitgliedern ans Herz gelegt werden. Anderseits sollen die Mittel und Wege zur Besprechung gelangen, durch welche eine Abwehr gegen ungerechte Angriffe Nr 7 auf Juden und Judenthum zu schaffen und zu bewerkstelligen sei. Ein so gemeinsames, solidarisches Vorgehen.des jüdischen Gemeindetages würde auch den k. k. Behörden nicht unerwünscht sein, um hiedurch die Interessen der jüdischen Bürger besser wahrnehmen zu können. Wir könnten auch in einer solchen Vertretung aller Gemeinden unser Votum gegen die gegen uns geschleuderten Angriffe und Beschuldigungen laut abgeben und hiedurch den Beweis liefern, daß es uns Juden mit der Auffassung des Berfassungsstaates voller Ernst ist, daß wir unsere Pflichten gegenüber dem Staate und seinen Bewohnern in jeder Beziehung erfüllen wollen, aber auch darauf bestehen, daß die uns gebührenden Rechte uns nicht vorenthalten werden. Das hier angeregte Project ist nach meiner Ansicht auch opportun. Wir haben Beispiele und Muster vor uns, denen nachzuahmen wir uns nicht scheuen dürfen. Wir sehen die Menschen nach Nationen und Confessionen, nach Vereinen und Gewerben sich zusommenschaaren, sich versammeln und sich besprechen, wir sehen, wie sie Alle ihre gemeinsamen Interessen berathen, sie vor jeder Unbill zu bewahren, zu schützen sich bestreben, nur wir Juden sind durch den Jahrtausende alten Druck apathisch geworden, und auch angegriffen, wehren wir uns nicht, sondern empfehlen unsere Sache stets der ausgleichenden Gerechtigkeit Gottes, welche wohl immer zur rechten Zeit eingreift und zu Gunsten der Schwachen und Unterdrückten entscheidet. Doch darf und soll man sich nie auf das himmlische Eingreifen in unsere Lebensverhältnisse verlassen. Selbsthandeln ist des Menschen Pflicht. Damit die hier in schlichten Worten gegebene Anregung auf fruchtbaren Boden falle und nicht zu einem xium äesiäermm herabsinke, ergeht hiemit an die löbliche Redaction dieses geschätzten Blattes das Ansuchen, ihre maßgebliche Ansicht über den angeregten Gegenstand auszusprechen, sowie weitere Kreise zur Besprechung dieses Themas einzuladen. Auspitz, im Februar 1895. Dr. Rieß, praktischer Arzt. Zur Geschichte der russischen Inden.*) v. Der Bevollmächtigte von Baron Hirsch. Bor etwas mehr als drei Jahren traf ich bei einem hochgestellten russischen General (der sich durch seine „friedlichen Eroberungen" in Centralasien einen weit über die Grenzen des russischen Reiches tönenden Namen erworben und der sich nicht so sehr durch Philosemitismus als durch humanen Liberalismus und die weitgehendste Toleranz auszeichnet) einen Engländer Mr. Arnold White, den Bevollmächtigten des berühmten jüdischen Philantropen Baron Moriz v. Hirsch in Angelegenheit der Emigration unserer unglückseligen Glaubensgenossen nach Argentinien. Die Berfolgungswuth hatte dazumal gerade ihren Höhegrad erreicht, ebenso wie das Elend der Opfer derselben, was auch Baron Hirsch veranlaßte, seine Vertreter nach Rußland zu senden, um die bereits seit einiger Zeit angeknüpften Verhandlungen mit der russischen Regierung in Fluß zu bringen, die Sache der Auswanderung zu organisiren und dann den Beginn des Exodus zu beschleunigen. Ich halte es für überflüssig, mich darüber eines Weiteren auszulassen, welche überschwängliche Freude das Project des Baron Hirsch in den Herzen der russischen Juden, dieses mit allen Hunden gehetzten Wildes, erweckte. Eine solche Großherzigkeit, wie sie Baron Hirsch auszuüben sich vorbereitete und schon ausgeübt hatte, steht geradezu beispiellos in der Geschichte der Menschheit da. Was ist der berühmte, so sehr verherrlichte amerikanischePhilantrop Peabody,was sind alleanderenMenschenfreunde der alten und neuen Welt im Vergleiche zu diesen berühmten Humanisten, diesem edelsten der Söhne Judas, der sich blos als Verwalter des ihm gewordenen ungeheueren Reichthums betrachtet, den er zum Heil seiner leidenden Glaubensgenossen spenden will, um ihnen ein menschenwürdiges Dasein zu gründen. Clio schreibt mit goldenen Lettern in die Marmortafeln *) Von einem hervorragenden -Ilanbensgenossen in St. Petersburg. Bergt. Nr. 1 und 2. Vestrrreichtschr »ochrnschrtfl