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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-02-15 · 7 (15.2.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 Destrrreirtzlfrtze Wochenptzrist Sette 113 Nun war ich aber doch neugierig geworden, was der Deutsche Bolksverein verlangte, und da ich zu dem Berichte der „Deutschen Zeitung", die so Vieles weise verschweigt, kein rechtes Zutrauen hatte und überdies durch das Lesen derselben schon etwas abgehärtet war, ließ ich mir die unverschämten oder unverfälschten „Deutschen Worte" vom „1. des Thaumonats1895" geben, wobei ich denn zu meiner Verwunderung bemerkte, daß das S ch ö n er e r'sche Blatt die Jahre noch immer nach Christi Geburt und nicht nach Baldurs Tod zählt. Aber ich will vor den Lesern nicht mit meinem Heldenmuth prahlen, und so gestehe ich denn, daß ich, bevor ich das Blatt zur Hand nahm, Handschuhe anlegte und die Nase verstopfte, wegen des vielen darin enthaltenen S ch ö nerer'schen Eigenlobs. So beschützt, las ich darin den Bericht über die Hauptversammlung de- Deutschen Volksvereines am 17. December 1894, in der e i n st i m m i g beschlossen wurde, eine Petition zur Erlassung eines Gesetzes gegen die Juden an das Abgeordnetenhaus zu richten. Ich will als Muster einige der verlangten Gesetzesartikel anführen. 1. „Wenn der nach dem Strafgesetze Verurtheilte ein Jude ist, gleichviel ob getauft oder ungetanst, so hat stets das Doppelte des gewöhnlichen Strafausmaßes platzzugreifen." 2. „Es hat stets Freiheitsstrafe platzzugreifen (greifen ist ein Lieblingswort der Antisemiten), - wenn der Verurtheilte ein Jude ist". 3. „Die Einwanderung von Juden aus dem Auslande ist verboten." 4. „Es ist den Juden bei Strafe der Ausweisung verboten, in irgend einer Form an der öffentlichen Presse Theil zu haben oder mitzuwirken, weder als Inhaber, Teilnehmer, Aktionär, Darlehensgeber, Unterstützer oder Mitarbeiter. Die Beeinflussung oder Einflüsterung jeder Art von Blättern seitens eines Juden ist gleichfalls verboten." Der Leser wird sich vielleicht wundern, daß den Juden das Annon ciren nicht verboten wird. — Aber man muß doch den antisemitischen Redacteuren die Freiheit lassen, bei Juden nach Annoncen zu schnorren. Am Schluffe der Petition heißt es wieder: „Der Deutsche Verein ist sich darüber klar, daß die Fassung dieser Bestimmungen eine Verfassungsänderung bedingen würde, welche er in diesem Falle bestens empfiehlt. Gleichzeitig wird bemerkt, daß die hier gemachten Vorschläge keineswegs den ganzen Umfang der nöthigen Reformen gegen die Juden betreffen, daß aber durch Annahme der hier unterbreiteten vorläufigen Vorschläge die schreiendsten Uebelstände beseitigt werden würden." Neugierig, wie ich bin, möchte ich zwei Fragen stellen: Was hätte der Regierungsvertreter gethan, und ein solcher war doch wohl bei der Vereinsversammlung anwesend, wenn in einem socialdemokratischen Vereine eine solche Petition gegen Adel oder Geistlichkeit, in einem jungczechischen Vereine gegen die Deutschen beschlossen worden wäre? Vielleicht weiß die „Deutsche Zeitung", die ja die geheimen Intentionen der „herrschenden Kreise" so gut kennt, die Antwort darauf? Die zweite Frage bezieht sich auf die weiteren Gesetze gegen die Juden, welche der Deutsche Volksverein noch zu erlaffen beabsichtigt. Auf diese läßt sich leichter eine Antwort geben, da ja die vom Abgeordneten Schneider im niederösterreichischen Landtage gemachten Vorschläge den „ganzen Umfang der nöthigen Reformen" andeuten: „Confiscation der Judengüter, Austreibung der Juden, Vertilgung des gottverfluchten Gesindels vom Erdboden u. s. w." Nach der Aufnahme, die diese Worte seitens der liberalen (?) Abgeordneten fanden, scheint der Abgeordnete M a r e s ch nur zu wahr gesagt zu haben: „Mehr oder weniger sind wir Alle Antisemiten." Unsere waschechten Liberalen, die in Candidatenreden so schön von Gleichberechtigung der Confessionen zu reden, so beweglich über Classen- und Rassenhetze zu klagen wissen, sie — schwiegen tapfer. Die Großgrundbesitzer schwiegen, als Schneider von Leuten sprach, die nicht arbeiten; freilich die Schwarzenberg und L i e ch t e n st e i n, die W indisch grätz und Schönbörn haben ihr Vermögen im Schweiße ihres Angesichts erworben. Die Vertreter der Handelskammern schwiegen, als von Confiscation des Vermögens der Juden gesprochen wurde. Es schwieg der mit Hilfe jüdischer Stimmen gewählte Noske; es schwieg Dr. Weitlof, obwohl bei Vertreibung der Juden ein großer Theil der Einnahmen des Deutschen Schulvereins schwinden würde; es schwieg der Grieche D u m b a, als von einem fremden Volk, das sich in Oesterreich bereicherte, die Rede war, und es schwieg der Landmarschall. — Erst nachdem S ch n ei d er dreimal die Juden beschimpft und seine Hetzrede beendet hatte, rief er ihn zur Ordnung. freilich, der Herr Landmarschall ist zu entschuldigen. Er hat genug Verdruß gehabt, als er dem Abgeordneten Gregorig das Wort entzog, und der ist doch^nur der Sohn eines gräflichen Kammerdieners. Bei der Rede Schneider's mag er gedacht haben „vielleicht ist der ein Sohn des Hausknechts meines Vaters." Inzwischen strengt ein Comite des Landtags feinen Erfindungsgeist an, um die ungezogenen Mitglieder zu anständigem Benehmen zu zwingen. Mit solchen Miltelchen wie Ordnungsrufe, Entziehung des Wortes, Ausschließung von einer Sitzung u. dgl. ist aber nicht zu helfen; das einzige wirkungsvolle Mittel zur Bändigung der Scandalmacher ist die Entziehung der Diäten, je nach der Größe des Unfugs für kürzere oder längere Zeit. Der Abgeordnete Schneider möge aber aufpaffen, daß ihm sein Abgeordnetenmand t nicht abhanden komme, denn bei den nächsten Wahlen dürfte er einen gefährlichen Concurrenten finden in dem — Sollicitator Eichinger. Was Schneider nur unter dem Schutze der Immunität zu beantragen wagt —Vertilgung der Juden, Confiscation ihres Vermögens — das vollführt Eichinger am hellen Tage. Freilich wird dieser sein Verbrechen zum Mindesten mit langiährigem Kerker zu büßen haben; aber sind nicht in anderen Ländern verurtheilte Verbrecher von den extremen Parteien in die Parlamente gewählt worden? Es sollte uns nicht wundern, wenn der immer mehr in eine Umsturzbewegung ausartende Antisemitismus auch dieses schöne Beispiel nachabmen würde. Und wer weiß, vielleicht beantragt der Deutsche Volksverein noch die Erlassung eines Gesetzes, daß die Erscklagung und Beraubung eines Juden prämiirt werden sollte, daß ein Antisemit, der in das Haus eines Juden gewaltsam einbricht, nickt zu Kerker und Adelsverlust verurtheilt, sondern zu einer noch höheren Adelsstufe befördert werden solle. Wie würde es aber in Oesterreich nach Vertreibung der Juden und nach Beseitigung des „jüdischen Geschäftsgeistes" aussehen? Davon mögen einige Beispiele einen Begriff geben. Frau Jessie Willario, eine aeborene Engländerin und italienisch-englische, sehr geacktete Schriftstellerin schreibt von dem Elend in dem seit vier Jahrhunderten judenreinen Sicilien: „Seitdem der bigotte Ferdinand die Juden von der Insel vertrieb, betrauert von der ganzen Bevölkerung, die von ihnen weder ausqebeutet noch bedrückt wurde, ist die arme Insel von christlichen Harvyen verzehrt worden, die mit beispielloser unerhörter Frechheit sowohl vermögliche Leute als arme Arbeiter aussaugen. Der Wucherzins beträgt hundert bis zweihundert Procent." — Dr. Richard Prielich, durchaus kein Judensreund, erzählt in seiner „Geschickte der Post in Steiermark"*) mit großem Behagen von der Vertreibung der Juden und der „Abschüttlung ihres Wucherireibens" am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, setzt aber dann ganz naiv hinzu: „Aber die Auswanderung der Juden brachte dem Lande nicht den erwarteten finanizellen Bortheil, indem das Volk hoch und nieder nicht auch die in ihm selbst gelegenen Quellen der Verarmung verstopfte, sondern nachher wie vorher den Nationalsünden: Fraß. Völlerei. Trunksucht, Unzucht, Ueppigkeit und Kleiderluxus, fröhnte und diesem ungesunden Treiben nun durch den Zuwachs eines neuen Lasters: Gotteslästerung, Fluchen und Schelten, nur einen rohen und wüsten Charakter verlieh." Graz ist auch jetzt eine der Hochburgen des Antisemitismus in Oesterreich. Und nun noch ein Beispiel von jüdischem Vertrauen und arischem Geschäftsgeist: Der Cid Ray Diaz de Vibar gehört zu den ritterlichsten, echt christlichen Nationalhelden Spaniens, und in zahlreichen mittelalterlichen, spanischen Romanzen wurden seine Thaten besungen. Einstmals war der tapfere Ritter in Geldverlegenheit und wendete sich darum an zwei Juden. Wie es in solchen Fällen bei guten Ariern gebräuchlich ist, war er beim Borgen sehr höflich gegen die Juden, ließ sie *) Graz 1877, Bd. I. 355.

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