Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 112 Veflrrretchifche Wochenfchrtfl Nr. 7 Reihen nicht Geist, nicht Talent, nicht Beredsamkeit, nicht Charakter, nicht Bürgertugend zu finden? Haben denn die Juden nicht aus allen Gebieten des Wissens Großes und Rühmliches geleistet? Ist es etwa auf dem Gebiete der Kunst anders? Ist nicht — ich möchte es freudig ein Zeichen des Himmels nennen — vor wenigen Wochen dieser kleine Judenknabe Bronislaw Hubermann mit seiner Zaubergeige erschienen, welcher — gestatten Sie mir diese Abschweifung, meine Herren — die kunstsinnige und intelligente Bevölkerung der größten Städte zu seinen Füßen meinen Rausch des Entzückens versetzt hat? Unm ündige al le rd ing s, die brauchen Curatoren und Vormünder, allein wir sind ja nicht unmündig, wir müssen uns als freie Staatsbürger fühlen, wir müssen die Waffen des Gesetzes ergreifen, vor Allem aber die wichtigste Waffe, den Stimmzettel, h andhab en, wie es unseren Interessen entspricht. Wir müssenMänner wählen, und zwar ohne Rücksicht auf ihr Glaube nsbekenntniß — ich bitte mich nicht mißzuverstehen — die vermöge ihrer Stellung, ihres Charakters, vermöge ihrer Leistungen, ihres Talentes und ihrer Gesinnungstreue unter allen Umstanden geneigt sein werden, unentwegt für die Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetze einzutreten. (Lebhafter Beifall.) Wir,meineHerren —die Juden, dieBekenner einerReligion, für welche die Ehrfurcht vieler Jahrtausende spricht, einer Religion, welche trotz unsäglichen Drangsals, trotz der entsetzlichsten Verfolgungen ihre Reinheit bis heute bewahrt hat, einer Religion, deren innerstes Wesen in dem leuchtenden Ausspruche H i llel's gipfelt: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst" — einer Religion, deren größter Prophet Jesaias die Summe der jüdischen Lehre indem kurzen Spruch zusammendrängt: „Uebe Gerechtigkeit, thue Gutes" — einer Religion, welche die berühmtesten Philantropen erfüllte — ich nenne unter Vielen nur Baron Hirsch und meinen leider nur zu früh verblichenen Freund M o r i z Freiherrn von König smarter — die Bekenner einer solchen Religion, wir Juden, sollten vielleicht, wie bisher, abseits im Winkel stehen und ängstlich warten, bis irgend Jemand einige matte Worte zu unserer Vertheidigung spricht! Das ist ein unwürdiger Zustand! (Stürmischer Beifall.) Wir müssen uns aufraffen und unsere Sache, wo und wie wir es können, selbst führen. Wir dürfen in der Folge nicht mehr den Eindruck machen, daß wir uns feige verkriechen und zufrieden scheinen — wie im Zeitalter des gelben Flecks — noch geduldet zu werden, sondern wir müssen solche Männer berufen, welche unsere Interessen im Rahmen des Gesetzes rücksichtslos und würdig vertreten. (Lebhafter Beifall.) Von der liberalen Partei, zu der wir uns mit Freude zählen — denn Judenthum und Liberalismus bekennen sich zu denselben freisinnigen Grundsätzen— vonder liberalen Partei erwarten wir, daß sie einmüthigundgeschlossen in der Abwehr der Gegner vorgehe; wir werden von ihr fordern, daß sie den lebendigen Contact mit der Bevölkerung suche, den sie leider durch zaghaftes Schweigen ziemlich verloren hat; wir werden von ihr verlangen, daß sie unaufhörlich in Wort und Schrift zur Aufklärung und Erleuchtung beitrage; Mißerfolge dürfen uns unter keinen Umständen abschrecken, denn hier ist es wie im Felde: Wenn der erkaltenden Hand des Vordermannes die Fahne entsinkt, muß der Nachmann in die Bresche und seine Pflicht erfüllen. (Lebhafter Beifall.) Ich schließe mit den Worten des Dichters: „Man kann die Menge lang bethören, Doch me den Sinn für Recht zerstören. Im tiefsten Herzen wohnt der Drang Nach Recht und Licht. Was noch so lang Dem Volksverstande unverständlich, Das Volksgefühl begreift es endlich! Und wo da- Recht fein Haupt erhoben, Ist alles Blendwerk schnell zerstoben, Und mit Verachtung stürzen sieht Das Volk die Macht, *>or der's gekniet Es wundert sich, daß es so lange Blind sich gebeugt dem schnöden Zwange." Meine Herren! So wird und muß es dieser antiliberalen, dieser antisemitischen Gesellschaft einst ergehen! (Stürmischer, lang andauernder Beifall und lebhaftes Händeklatschen. Redner wird allseitig beglückwünscht.) Zu den jüngsten antisemitischen Exrrssrn. Ich lese grundsätzlich keine antisemitischen Zeitungen, da ich nicht einmal indirect zur Unterstützung meiner Feinde beitragen will. Man weiß recht gut, daß der Antisemitismus nur mit Hilfe der Schandpresse so mächtig geworden ist, und nach meiner unmaßgeblichen Meinung wäre der größte Theil dieser Blätter schon längst eingegangen, wenn die Juden einmüthig vorgegangen wären und alle Gast-- und Kaffeehäuser gemieden hätten, in denen antisemitische Blätter aufliegen. Ich habe die „Deutsche Zeitung" gelesen, so lange sie von anständigen Leuten geschrieben wurde, rühre sie aber nicht an, seit sie in die Hände von Antisemiten übergegangen ist. Neulich mußte ich jedoch, da gerade kein anderes Blatt frei war, einen Blick in die „Daitsche", wiesle von noch deutscheren Antisemiten genannt wird, werfen und fand zu meiner Ueberraschung einen gegen einen Beschluß des antisemitischen, deutschen Volksvereines in Wien gerichteten Leitartikel. „Beim Georg", sagte ich mir, „das muß ich doch lesen was die „Deutsch e" gegen den stets freigebig Bier spendenden Gebieter von Rosenau und seine Creaturen zu schreiben wagt". Dabei hatte ich aber, ich will es gestehen, auch eine Nebenabsicht. Ich hatte nämlich eine kleine Unterlassungssünde abzubüßen, und anstatt einen Tag zu fasten nahm ich eine Dosis „Deutsche Zeitung" zu mir. Leider erwies sich das Surrogat als unzweckmäßig, denn vor Ekel über das antisemitische Gewäsche verging mir der Appetit für den nächsten Tag. Da ich aber das Zeug schon durchgekostet habe, will ich das wenige Interessante, das ich darin gefunden habe, Ihren Lesern mittheilen. Da ist mir besonders aufgefallen, wie die „Deutsche Zeitung" aus der Schule schwatzt: Wie oft ist uns nicht von liberalen (?) Deputirten versichert worden, daß die Hausir-, Raten- und Sonntagsruhe-Gesetze nicht zum Schaden der Juden sondern zum Besten des ganzen Volkes bestimmt seien, die „Deutsche Zeitung" sagt aber mit naiver Offenheit: „Unsere Vertretungskörper hatten sich mit einigen schwachen Anläufen zu Schutzgesetzen anständigen Geschäftsgeistes (hat das Antisemitenblatt kein Mitleid mit den Zähnen und Zungen seiner Leser, daß es mit Zischlauten so um sich wirft?) zu befassen: mit dem Gesetze über die Sonntagsruhe, dem gegen den Ausverkäufeschwindel, dem Hausirgesetz und dem Ratengesetz. In den herrschenden Kreisen war es verpönt, dabei von Juden zu reden, obwohl es doch Jedermann, der Augen hat, zu sehen, klar ist, daß alle jene Entwürfe gegen jüdischen Geschäftsgeist und jüdisches Geschäftsgebahren sich richten." Auch ohne das darauf folgende antisemitische Gekläffe zu beachten, ist es „Jedermann, der Augen hat, zu sehen, klar", daß die „Deutsche Zeitung" Specialgesetze gegen die Juden mit Freuden begrüßen würde. Trotzdem ist sie mit den Judengesetzen, welche der Wiener Deutsche Volksverein verlangt, nicht einverstanden, und wer nicht den ganzen Leitartikel liest, wie ich mit Selbstaufopferung gethan, der könnte am Ende meinen, daß die „Daitsche" sich der Juden annchmen will. Woher kommt das? Es gibt unanständige und anständige Antisemitenblätter, möchte ich sagen, wenn letzteres nicht eine contradictio in adjecto wäre. Die „Deutsche Zeitung" möchte für anständig gelten und nimmt daher mitunter ein Feigenblatt vor, verschweigt in ihren Berichten über Landtags- und Gemeinderathsverhandlungen die ärgsten Ausschreitungen ihrer Gesinnungsgenossen u. dgl. Aus diesem Grunde mag ihr auch das kecke Vorgehen des Volksvereines nicht klug erscheinen: „Der Gedanke liegt ja nahe", meint sie, „daß durch die Vorschläge, die so sehr über das Ziel hinausschießen, der Sache (nämlich der Judenverfolgung) in den Augen ernst denkender Männer geschadet wird." Wieder aus der Schule geschwatzt, kleine Deutsche! Nur in den Augen ern st denkender Mann er wird dadurch der Sache geschadet, die oberflächlich denkenden Besucher der antisemitischen Versammlungen, die urtheilsunfähigen Leser der antisemitischen Zeitungen werden dadurch noch mehr verhetzt und verführt.