Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 Drstrrrrvtzlptzr Wortzenschrtfl in die geheiligten Räume der Schule und des Gerichtssaales gedrungen. (Sehrrichtig!) Und wahrlich, das Wort, welches ein geistvoller Dichter, Gutzkow, seinem Uriel Acosta in den Mund legt, es ist heute ein furchtbares Wahrwort geworden: „I h r d ü r f t m i r f l u ch e n, d e n n ich bin ein Jude!" (Anhaltender Beifall.) Meine Herren! Ein katholischer Priester scheut sich nicht, in der Kirche die schändlichsten Hetzreden über das Judenthum zu halten und Schandgedichte durch Schulkinder vertheilen zu lassen, um die Bevölkerung gegen die Juden auszuwiegeln. (Sehr richtig!) Man hat uns freilich damals gesagt: „Die Regierung konnte nicht eingreifen" — ich gestehe gerne, daß ich mich mit dieser Auskunft nicht versöhnen konnte; denn mir, wie Tausenden hat sich die Frage aufgedrängt: wie wäre es wohl gewesen, wenn es einem jüdischen Priester eingefallen wäre, im Gotteshause gegen ein anderes Religionsbekenntniß so zu sprechen! (Stürmischer Beifall.) Blicken wir auf den Gemeinderath! Ein beschämendes Bild! An Stelle ruhiger, sachlicher Erörterung im Interesse der Stadtverwaltung sind wüste „Hepp — hkpp"- Scenen getreten. Ein Tag gleicht dem anderen — es ist nichts Neues mehr. In der Schule, meine Herren, hat sich leider eine Specialität her ausgebildet: der antisemitische Lehrer. Eine furchtbare Vorstellung! Ein solcher Mensch ist meineidig zu nennen, denn der Diensteid, den ihm das Gesetz beim Antritte seines Amtes auferlegt, verpflichtet ihn ausdrücklich, die Staatsgrundgesetze, also auch das Gesetz von der Gleichberechtigung der Bürger treu zu beobachten. Er ist pflichtvergessen, denn das Gesetz legt ihm die Verpflichtung auf, sich aller confessionellen Umtriebe in und außerhalb der Schule zu enthalten. Er ist st r a f f ä l l i g, denn wir haben Gesetze — sie sind wahrlich sehr schön, wenn sie gehalten werden, — welche sein Benehmen außerhalb der Schule, soferne es der Wirkung seines Unterrichtes oder in erziehlicher Hinsicht abträglich sein könnte, mit den schwersten Disciplinarstrafenbedrohen. DieSch lesin g er, Rauscher, Tomolka, alle diese ehrenwerthen Lehrer Hetzen heutzutage in Volksversammlungen in leidenschaftlicher Weise gegen die Juden, sie warnen ihr Auditorium vor jeder Berührung mit den Juden! Und solchen Leuten ist die Jugend, ist die Zukunft des Staates anvertraut! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Blicken Sie, meine Herren, auf den Landtag; ein neues, vielmehr altes Bild! Ein edler Priester, ich meine den Rector Müllner (Beifall), hat es gewagt, in dieser Corporation die hochverdienstlichen Leistungen jüdischer Gelehrter auf den verschiedensten Gebieten zu erwähnen, und blutiger Schimpf ist sein Lohn geworden! An den Statthalter werden beleidigende Anfragen gerichtet, ob es denn wahr sei, daß Beamte in ihrer freien Zeit die Gäste des Herrn von G u t m a n n waren. Ich kann über diesen Mann umso objectiver sprechen, als ich nicht das Vergnügen habe, ihn zu kennen. Wer ist dieser Herr von Gutmann? Man sollte meinen, das sei ein Mensch, vor dessen Berührung man zurückschaudern müsse. Nun ist ja Ritter von G u t m a n n einer der größten Industriellen und Steuerträger der Monarchie, von dem Tausende und Tausende Arbeiter ihr Brot haben, ein Mensch, der bei allen Werken der Menschenliebe voransteht. Und solch ein Schimpf wird ihm zugefügt. (Lebhafter Beifall.) Nun aber das Aergste! Vor einigen Tagen tritt ein Individuum im Landtag auf, welches in seinem ganzen Leben nichts Besseres aufzuweisen vermag, als die Fälschung einer Stampiglie (Sehr gut!) und wagt es zu sagen, „das gottverfluchte Gesindel, das Judenthum, es muß ausgerottet werden." (Lebhafte Rufe der Entrüstung.) Fragen wir uns aber, meine Herren, was denn bisher zur Abwehr dieser traurigen Erscheinungen geschehen ist, (Lebhafte Rufe: Nichts!) so müssen wir allerdings — ich versprach ja, offen und frei zu sein — die Thatsache conftatiren, daß die Regierung bis jetzt ein mannhaftes, entschiedenes Wort Seite 111 darüber, daß sie dieses schändliche Treiben der Gesinnungs- Canaille, wieMommsen die Antisemiten genannt hat, verdamme, noch nicht gesprochen hat. (Lebhafte Rufe: Leider! So ist es!) Es ist unbegreiflich, denn diese Rotte Korah's, meine Herren, ist ja bei dem wüsten Rassenkampfe nicht stehen geblieben, sie untergräbt ja auch die staatlichen Einrichtungen, sie besudelt und beschimpft ja die Beamten des Staates, sie hat ja vor keiner Autorität im Staate Respect, sie ist ja so weit gegangen, den Statthalter von Niederösterreich, an dessen edlem Patriotismus kein Ehrenmann zweifeln wird, im Landtage zu verunglimpfen und den brutalsten Terrorismus nach allen Richtungen hin im Staate zu üben! Das Schweigen der Regierung ist umso unbegreiflicher, als ja unser erhabener Monarch, der oberste Hüter der Staatsgrundgesetze, in seinem Edelsinne und seiner Herzensgüte wiederholt in öffentlichen Ansprachen erklärt hat, daß ihm das Wohl aller seiner Unterthanen, o h n e R ü cks i ch t auf Nationalität u n d G l a ubensbekenntniß, am Herzen liege. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Was ist aber zur Abwehr dieses Treibens von Seiten der l i b e r a l en P a r t e i, zu der auch wir Juden uns zählen, geschehen? (Rufe: Nichts! Nichts!) Ich möchte diesbezüglich nicht gerne ein Mißverständniß erregen, meine Herren, ich sage es mit Genugthuung : Ich bin ein Lib era ler, ich stehe überall zu den Li beralsn. Doch wer fein Kind liebt, der muß bekanntlich manchmal ihm auch etwas Unangenehmes sagen, sogar die Ruthe gtbcn. Ich ai erkenne, daß die liberale Partei dem rüden Tone der antisemitischen Gesellschaft gegenüber eine vornehme Mäßigung an den Tag legt, ich anerkenne auch, daß sie bei der Discussion keineswegs in das wüste Gezanke verfällt, welches für die Antisemiten eine Lebensbedingung ist. Doch mit wenigen rühmlichen Ausnahmen — haben ja auch Die liberalenAbgeordnetenbisjetzt geschwiege n (Rufe: So ist es!) trotzdem die Juden immer — und das gereicht ihnen zum Ruhme — der liberalen Partei treue Gefolgschaft geleistet, trotzdem sie bei zahlreichen Wahlen, meine Herren, die willkommene Fußstaffel gebildet haben, auf welcher mancher Abgeordnete zum Mandate hinaufgestiegen ist. (Rufe: Sehr richtig! Lebhafter Beifall.) Wir verlangen kein Gesetz gegen den Antisemitismus wir verlangen aber, daß die bestehenden Staatsgrundgesetze beobachtet und strenge gewahrt werden. (Lebhafter Beifall.) Wo ist die flammende Beredsamkeit, wo ist das zündende Wort derjenigen, welche angesichts der Ausbrüche eines Gregor i g s, eines Schneiders« tutti quanti in den verschiedenen Korporationen berufen wären, würdig und energisch unsere Sache zu führen?(Lebhafte Rufe: Richtig!) Eine Schwalbe macht ja keinen Sommer. Wenn vereinzelte Stimmen sich erheben zu Gunsten der beleidigten Staatsgrundgesetze, so kann das dieser Gesellschaft gewiß nicht imponiren. Wir Liberale, meine Herren, haben die oberste Pflicht, — darin liegt ja unsere Existenzberechtigung. — das Sraatsgrundgesetz über die Gleichberechtigung zu wahren und ihm Geltung zu verschaffen. Ohne die treue Erfüllung dieser Pflicht haben wir gar kein Recht, uns liberal zu nennen, und Jedermann mag uns mit Recht zurufen: „Du bist nicht, was Du Dich nennst" (Lebhafter Beifall.) Fragt man aber: Wie kann Abhilfe geschaffen werden? — So muß ich sagen: Meine Herren, in erster Reihe müssen wir Juden uns aufraffen. Aus unseren Reihen muß das Gefühl des bloßen Geduldetseins im Staate endlich ganz und gar verschwinden. (Lebhafte Rufe: Sehr richtig!) Wir sind gleichberechtigte Staatsbürger, welche ihre Pflichten nach dem Gesetze treu erfüllen,welche aber auch im Besitze von Rechten sich besinden, die kostbar und unveräußerlich sind. Wir brauchen keine Bertteter, wir sollen und können uns selbst vevtreten und vertheidigen. Ist denn in unseren