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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-02-08 · 6 (8.2.1895) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 104 iRt. 6 bekannten Eisenbaynanekdote heißt: Nur von dem Wunsche beseelt, „Carriere" zu machen, wirft er Alles über Bord, das ihn in den Augen seiner Vorgesetzten als Juden cnmpromittiren könnte. Dies der jung-jüdische Idealismus. In weiterer Ausführung dieses Gedankens erblickt Redner in dem Mangel an jüdischer Erziehung die Ursache dieser moralischen Versumpfung. Jünglinge, die von der hohen Warte ihrer „Gymnasialbildung" der ganzen jüdischen Literatur über die Achsel zu blicken ein Recht zu haben vermeinen, weil sie sie nicht kennen oder aus zugestutzten Katechismen ihre religiöse Begeisterung holen, können eben nicht besser sein als sie sind. Der einzige Weg also, unserem Volke die Jugend und durch die Jugend die Zukunft zu sichern, ist die jüdische Erziehung. Mit einem warmen Appell, sich doch selbst zu achten und nicht auf fremden Altären zu opfern, schloß Redner — von den zahlreich erschienenen Gästen auf's Wärmste beglückwünscht. Unter den Anwesenden bemerkten wir Universitäts- Professor Dr. Sb iera. Es war dies eine interessante Abwechslung nach dem literar-historischen Vortrage „Peretz Smolensky“. Rzeszüw. Eine interessante Verhandlung fand vor dem Geschwornengerichte inRzeszüw statt. Ein Bauer schenkte sein Bauerngut vor Jahren als Mitgift seinem Sohne und dessen Frau. Die Eheleute unterließen es, die Urkunde einverleiben zu lassen und infolge dessen war der Bauer als Eigenthümer im Grundbuch noch eingetragen. Dieses Gut verkaufte nun der Bauer einer Jüdin. Der Staatsanwalt in Rzeszüw klagte nun beide wegen Betruges an. Die Jüdin aus dem Grunde, weil sie angeblich den Bauer beredete, den wahren Sachverhalt dem Notar zu verheimlichen und ihr das Gut zu verkaufen. Die unter der würdigen Leitung des Landesgerichtsrathes Herrn Michniewicz durchgeführte Verhandlung ergab nun die vollständige Schuldlosigkeit der Jüdin. Der einvernommene Notar sagte namentlich unter Eid aus, daß ihm die Jüdin von der Verfassung des Vertrages mittheilte, man behaupte, daß der Verkäufer das Gut verschenkt habe, daß sie ihn bat, in den Käufer zu dringen, er soll die Wahrheit sagen. Die Bemühungen des Notars waren jedoch fruchtlos, weil der Bauer leugnete. %hin geschah aber etwas ganz Unerwartetes. Die Geschwornen verneinten nämlich einstimmig die Schuldfrage gegen den Bauer und bejahten die Frage wegen Theilnahme gegen die Jüdin. So weit ist es mit unserem Rechtsbewußtsein bereits gekommen. Der Gerichtshof fand natürlich diesen Ausspruch für irrig, befreite den Bauer und verwies die Sache gegen die Jüdin vor das nächste Geschwornengericht. Berlin, 1. Februar. Auf dem hier abgehaltenen konservativen Parteitage forderte der Rechtsanwalt Klasing (Bielefeld) unter stürmischem Beifalldie Aufhebung derJudenemancipatioü. Auf dem berühmten Tivoli-Parteitag vom Jahre 1893 wurde ein dahingehender Antrag mit großer Mehrheit abgelehnt. Gestern wurde die Frage absichtlich nicht zu. Abstimmung gebracht, weil die Leiter des Partei tages die Annahme dieses Antrages, welche wahrscheinlich mit gioßer Mehrheit erfolgt Wäre, aus tactischen Gründen nicht wünschen Wie schon erwähnt, haben die Antisemiten sich genöthigt gesehen, Herrn Ahlwardt aus ihrer Fraetion am Donnerstag auszuschließen, der er soeben erst beigetreten. Nach der „Staatsbürgerzeitung" hatte das Verhalten Äh lw ard t'sder Fraetion gegenüber diesen Ausschluß „umngänglich nothwendig gemacht". VLibei bie unmittelbaren Gründe des Ausschlusses werde demnächst eine officielle Erklärung erfolgen. Das Dresdner Organ des Abgeordneten Zimmermann (Vorsitzender der antisemitischen Fraetion) kündigte den Ausschluß schon an, nachdem Ahlwardt „durch eine Reihe sich widersprechender Handlungen und Erklärungen ein Zusammengehen mit seiner Person für jeden denkenden Politiker unmöglich gemacht habe". - Berlin, 4. Februar. Der antisemitische Abgeordnete Dr. Böckel hat seinen Austritt aus der antisemitischen Akichstagsfraction erklärt. Er begründet dies mit der Ausschließung des Abgeordneten Ahlwardt, aus welcher er folgert, daß die Fraetion keinen Werth mehr auf die Einigkeit lege, und da er aüch nichts mit der reactionären Politik der Fraetion gegenüber der Umsturzvorlage zu thun haben wollte, trete er lieber aus. Karlsbad, 5. Februar. (Abgeordneter Dr. Ruß vor seinen Wählern.) Gestern Abends berief der Bürgermeister der Stadt Karlsbad eine Versammlung der Reichsrathswähler in das Curhaus ein, woselbst der Abgeordnete der Stadt Karlsbad, Dr. Ruß, der derzeitige Obmann der deutsch-liberalen Partei, seinen Rechenschaftsbericht erstattete. In diesem streifte der Herr Abgeordnete auch in kurzen Worten den Antisemitismus, welchen er, wenn auch in verblümter Weise, als Krankheit bezeichnete, welche zu ihrer Behebung lediglich der Zeit bedürfe. Nach Darlegung der social-reformatorischen Thätigkeit des Reichsrathes besprach der Abgeordnete die Steuerreform, die Wahlreform und wurde für seine Ausführungen mit reichem Beifall belohnt. Sofort jedoch nachdem der Abgeordnete geendet hatte, erhob sich der hiesige Kaufmann und Hausbesitzer Herr Samson Neubauer, einer der angesehensten Bewohner unserer Stadt, und fragte den Abgeordneten direct, wie sich die Partei dem Antisemitismus gegenüberstelle; die Ausschreitungen der Antisemiten übersteigen nunmehr, alle Grenzen, die methodisch durchgeführte Verleumdung, Beschimpfung selbst Bedrohung vieler Tausende stets reichs- und kaisertreuer Bürger, welche ohne jede energische Abwehr geduldet werde, könnte dazu führen, daß diese beschimpften ehrenhaften Männer, welche bisher stets treu und ehrlich zur liberalen Partei standen, diese Partei verlassen, und der deutsch-liberalen Partei könnte leicht das Los der altczechischen Abgeordneten zufallen, die Partei hätte keine Wähler hinter sich. Abgeordneter Dr. R u ß replicirte sofort, daß die bedauerlichen Ausschreitungen der Antisemiten eben deshalb ohne Ahndung bleiben, weil es gegen Rohheit eben kein Mittel gebe. Wenn Jemand eine Gasse durchschreite, wo er mit Koth beworfen werde, dann wirft er Koth nicht zurück, sondern reinige sich und betrete diese Gasse nicht wieder. Der Abgeordnete Ruß meinte noch, er wäre Herrn Neubauer sehr dankbar, wenn er ihm ein Mittel sagen würde, wie .solch rohen Ausschreitungen entgegengetreten werden könne. Herr Neubauer antwortete sofort im Hinweise auf die Schundliteratur, welche geduldet, unter die Menge vertheilt werde, wodurch diese dann, die erlogenen Thatiachen als Wahrheit ansehend, systematisch vergiftet wird. Er bittet den Abgeordneten hier nach Möglichkeit die Hebel anzulegen und dieser Verhetzung der Classen durch Ausrottung der Lügenpresse ein energisches Ende zu bereiten. In formvollendeter Rede führte Herr Rabbiner Dr. Ziegler dem Abgeordneten vor die Augen, daß eben das Zuwarten und das, gelinde gesagt, zaghafte Auftreten der Regierung unter Ta affe die Antisemiten groß zog und daß unter Windischgrätz leider in dieser Weise keine Aenderung eintrat. Gerade jetzt, wo ein oder zwei liberale Minister im Rathe der Krone sitzen, hätten die Juden erwartet, daß energische Schritte gethan werden, um die Juden als gleichberechtigte Mitbürger anzuerkennen; und wahrlich es hätte den gepeinigten Juden einen großen Trost gewährt, wenn auch von der Ministerbank, speciell vom Finanzminister P l e n e r, einmal ein wahrhaft liberales Wort gesprochen worden wäre, welches das Treiben der Antisemiten verdammen würde. Dies haben die Juden bis jetzt vermißt, und man darf es ihnen nicht verargen, wenn sie jetzt zur Meinung gelangen, daß der Regierung und der Partei der Wille fehle, hier eine ordentliche Remedur zu schaffen. Der Redner schloß mit den Worten, die deutsch-liberale Partei sei wohl deutsch, in.Sachen des Antisemitismus jedoch nicht liberal geblieben. Hat schon die Rede des Herrn Neubauer, welcher sich hier großer Beliebtheit erfreut, allgemeinen Beifall gefunden, so entfesselten die Worte des Herrn Dr. Ziegler einen wahren Beifalls-Sturm, und es sei zur Ehre unserer Bürgerschaft gesagt, daß dieser Beifall ein allgemeiner war, an dem sich Christ und Jude betheiligt hatte. Abgeordneter Ruß bemerkte, daß die deutsch-liberale Partei die Grundsätze der Gleichberechtigung und Freiheit aller Staatsbürger nie verleugnet > habe und daß nur der Antisemitismus es sei, welcher die vereinigte Linke von den Deutschnationalen trenne und daher eben dieser Gegensatz der genannten Parteien Beweis genug dafür ist, daß die Vereinigte Linken ihre liberalen Principien stets treu geblieben ist und treu bleiben werde. Wenn die deutsch-böhmischen Abgeordneten in Sachen des Antisemitismus selten das Wort ergreifen, geschieht es deshalb, weil eben in Deutschböhmen Gott sei Dank der Antisemitismus keine Wurzeln fassen konnte, deshalb verdammen aber die Abgeordneten dieser Partei

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