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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-02-08 · 6 (8.2.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 6 Vrsterrekhlsttzr MortzenschrM Seite 103 Der Judenhaß ist ein Erbstück aus grauer Vorzeit. Niemand weiß heute, warum er gerade den Huden haßt. Er hat diesen Haß ererbt, ja mit der Muttermilch eingesogen. Der Judenhaß wurde ihm von seinen Eltern und Erziehern, die ihn ebenfalls von ihren Eltern und Voreltern ererbt, eingeimpft. Da man jedoch heute, in der aufgeklärten Zeit, gern als von der Cultur beleckt erscheinen will, so sucht man diesen unbegründeten, aus der finstern Zeit des Fanatismus und Aberglaubens stammenden Judenhaß zu beschönigen, zu vertheidigen und als vollkommen gerechtfertigt darzustellen, indem man falsche Gerüchte verbreitet und alte lächerliche Ammenmärchen auffrischt und auftischt. Warum aber wurden die Juden in grauer Vorzeit gehaßt? Nun der damalige Judenhaß war nicht ganz unbegründet. Durch die großen erhabenen, Menschen erfreuenden und befreienden Lehren und Ideen, die schon die Patriarchen zu verbreiten berufen wurden, drohte der heidnischen Götterwelt die Gefahr, vernichtet zu werden, weshalb die Machthaber der damaligen Zeit, die alle dem pharaonischen Grundsätze huldigten: Tichbad hoawaudoh, der Geist des Volkes muß niedergedrückt werden, das Volk muß in der finstern Nacht der Verdummung schmachten, weil ein aufgeklärtes freisinniges, freiheitsliebendes Volk sich nicht despotisch regieren und beherrschen läßt, die Juden grimmig haßten und auf deren Vernichtung zielende Pläne schmiedeten. Je weniger sie den Juden beizukommen vermochten, destomehr haßten sie sie. In Folge dessen wurde schon in damaliger Zeit berathen, welche Mittel man denn anwenden müsse, um das Judenthum vernichten zu können. Pharao, der Vater des Antisemitismus, rief seinen Räthen zu: howo nis’chakmo lau, wohlan denn, wir müssen diesem Volke durch List beikommen, worauf der Talmud bemerkt: schlauscho hoju b’eauso ezah. Drei Männer wurden dieser Berathung zugezogen: Bileam, Hiob und Jetro. Während Pharao der Ansicht war, das Judenthum könne nur durch Bedrohungen und Verfolgungen vernichtet, aus der Welt geschafft werden, rieth der schlaue Diplomat Bileam zur Nachsicht, indem er behauptete, daß das Judenthum sich nur durch den Scheinliberalismus berücken und bestricken und verleiten lasse, seine Traditionen, seinen Glauben zu verleugnen. Und so wurden im Laufe der Geschichte öfters beide Methoden angewandt, ohne daß die eine oder die andere etwas genützt. Das Judenthum kann weder durch Druck und Verfolgung noch durch Freiheit und Emancipation vernichtet werden. In Egypten hatte man die Juden durch Ausnahmsgesetze zu Boden gedrückt und was war die Folge dieser grausamen Verfahrungsweise? Kaasclier jeaneh aussau ken jirbe, ie mehr man sie bedrückte, quälte und folterte, desto glaubensstärker wurden sie. Der König von Moab befolgte Bileams Rath, heuchelte Liebe und Freundschaft, lud die jüdischen Jünglinge zu Festgelagen ein, welcher Einladung tatsächlich viele bereitwilligst Folge leisteten und dadurch ihrem Glauben abtrünnig geworden sind; allein der kräftige und mächtige Stamm Juda wurde hierdurch nicht im Entferntesten erschüttert. Ein schöner, kräftiger fest wurzelnder, edle, menschenerquickende Früchte tragender Baum wird, wenn die etwaigen vertrockneten und verkümmerten, nicht zur Reife gelangten Früchte welk zur Ede fallen, dadurch erst recht neu gestärkt und gekräftigt. — Und weil alle diese angewandten Mittel fruchtlos blieben, wurde der Judenhaß noch größer, intensiver und vererbte sich fort bis auf die Gegenwart.. Dies mögen sich nicht nur die grimmigsten Judenhasser, sondern auch die sogenannten „Ausnahmsjuden", die sclavenmäßig um die Gunst ihrer Feinde buhlen, wohl merken. Wien, 3. Februar. (Jüdisch-akademische Lesehalle.) Wir freuen uns, berichten zu können, daß dieser Verein, der am 7. November vorigen Jahres, also vor kaum drei Monaten ins Leben trat, dank opferwilliger Gönner heute chon weit in seiner Entwicklung vorgeschritten ist und wirklich das zu werden verspricht, was er sein soll: ein B e reinigungsortfür alle jüdischen Studenten an der Wiener Universität. Ein thätiger, rühriger Ausschuß unterläßt nichts, um den Mitgliedern den Aufenthalt in den geräumigen Localitäten (VIII., Alserstraße 55, 2. St.) jo behaglich als möglich zu gestalten. Sämmtliche Wiener Zeitungen, eine große Anzahl von Provinzblättern, eine in Folge munificenter Spenden täglich wachsende Bibliothek von wissenschaftlichen Werken stehen den Besuchern zur Verfügung, und kleine Cirkel, die Gesang, Fechten und andere studentische Sports pflegen werden, sind schon im Entstehen begriffen, um die Mitglieder, die sich in großer Zahl in den Localitäten einzufinden pflegen, auch gesellschaftlich und freundschaftlich einander näher zu bringen. Den größten Erfolg aber verspricht sich die Leitung der jüdisch-akademischen Lesehalle von dem imposanten Gründungscommers. der im großen Ballsaal Ronacher Mittwoch den 27. Februar stattfinden wird. Nicht blos in studentischen, auch in bürgerlichen Kreisen sieht man dieser Veranstaltung mit Spannung und Freude entgegen. da dieses Fest der jüdisch-akademischen Jugend nicht verfehlen wird, frische Hoffnung auf eine bessere Zukunft in den Herzen aller guten Juden unseres geliebten Vaterlandes zu wecken. X. Wien. Der Vorstand des österreichisch - ungarischen Cantorenvereines in Wien ist mit den Vorarbeiten zur Gründung einer Alterversorgungsu. Jnvaliditätscaffe für Cantoren und jüdische Gemeindebeamten zu Ende und versendet soeben eine Aufforderung an die Gemeindevorsteher und Beamten Oesterreich-Ungarns. Mögen die betreffenden Kreise dem Unternehmen dieses Vereines, derseit Jahren, wenn auch geräuschlos, aber doch bedeutungsvoll wirkt, freundliche Beachtung zuwenden, da von der Verwirklichung desselben das Wohl und Weh Tausender jüdischer Gemeindebeamten abhängt. Wien. (P r o v i d e n t i a.) Dieser seit 21 Jahrenbestehende Frauen-Wohlthätigkeitsverein versendet eben seinen Bericht, der eine sich in ersprießlicher Weise steigernde Thätigkeit aufweist. Der Verein unterstützt arme Familien und Frauen ohne Unterschied des Wohnbezirkes und der Confession mit Brennmaterialien und Geldspenden. Erwerbsunfähige alte Witwen erhalten kleine Pensionen, Kranke Berpflegsgelder; die Hauptaufgabe, die segensreichste, da sie nickt nur dem Augenblicke nützt, sondern künftigem Elend vorbengt, ist die Unterstützung von Wöchnerinnen. Mehr als die Hälfte der verausgabten Summe ist diesem edlen Zwecke gewidmet. Die Vereinsleitung hat ein schönes Ziel vor Augen: die Errichtung eines Heims für Wöchnerinnen, eine Stätte, an der arme, ihrer schweren Stunde entgegensetzende Mütter gut gepflegt und gekräftigt entlasten würden. Soweit reichen die Mittel vorläufig noch nicht; wenn man jedoch die Sympathien, deren sich die Providentia erfreut, an den ihr zufließenden Spenden und dem überraschend großen Reinerträge des von ihr alljährlich abgehaltenen Tanzkränzchens (2431 fl. 50 kr. im Jahre 1894) abmißt, kann man ihrer künftigen Ausgestaltung die erfreulichste Prognose stellen. Den Mitgliedern wird das Recht zugsstanden, Arme zur Unterstützung zu empfehlen — ein leicht zu erwerbendes Urtheil. da der Monatsbeitrag mit einem Minimum von 40 kr. bemessen ist. In der Privatwohlthätigkeit verschwindet ein solcher Betrag, während er. von Vielen in die Hände einer klugen und sparsamen Verwaltung gelegt, zu einem wesentlichen Factor d"s Gemeinwohls wird. Beiträge und Spenden werden angenommen und dankend quittirt in der Vereinskanzlei, UI., Radetzkystraße 6. Czernowich. (H a s m o n a e a.) Nach einer längeren Pause trat am 26. d. M. die jüdisch-akademische Verbindung „Hasmonaea" mit dem Bortrage: „Unsere moderne Jugend" in die Oeffentlichkeit. Der Vortragende, Herr stud. jur. Mayer Schifter, entrollte vor den Augen der Anwesenden ein Zerrbild von „Jugend", das wir leider als das der Unseren erkennen mußten. Was wir da aus dem Munde des jugendlichen, geistreichen Redners zu hören bekamen, war für die heutige, jüdische Jugend ebenso beschämend als bezeichnend. Bald Pole, bald Rumäne — je nach Bedarf — nur nicht Jude, schreit er mit den Rumänen: „Se treasea" mit den Polen „Nieeh zyje" aber den Ruf der vereinten internationalen Kehlen „Hinaus mit den Juden" hört er nicht — weil er ihn nicht hören will, „er gibt sich nicht zu erkennen" wie es in der

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