Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 108 Drstrrrrichifchr Wochrnsttzrist Nr. 6 erhoben wurde. Sie verfielen darauf auf ein neues Auskunftsmiltel. Sie verlangten von den Actionären eine Einzahlung von 20 pCt. und brachten so eine Summe zusammen, die sie in den Stand setzte, jedem, der sich um Zahlung meldete, auf das. ihm Zukommende 15 pCt. in gewalztem Gelde zu aeben. Sie gaben ihm seine Note zurück, nachdem sie eine Bemerkung über erfolgte theilweise Zahlung darauf gemacht. Ein paar so bezeichnet? Noten find noch in den Archiven der Bank, als Gedenkzeichen jenes schrecklichen Jahres, erhalten. Die Papiere der Corporation strhren fort, zu circuliren, aber der Werth wechselte von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde heftig; denn der Volksgeist war in einem so erregbaren Zustande, daß die a b g e s ch^m a ck 1 e st e Lüge, die ein Börsenschwindler erfinden konnte, hinreichte, den Preis in die Hohe oder herunter zu treiben. Zu einer Zeit war der Disconto nur 6 ptC., zu einer andern Zeit 24 ptC. Eine Zehnpfundnote, die Früh für mehr als neun Pfund werth genommen worden war, war oft vor Abend weniger als acht Pfund werth." Die englischen christlichen Speculanten verstanden es auch im Jahre 1697, günstige Nachrichten finanziell an der Börse auszubeuten (X. S. 315.): „Endlich, am Nachmittage des 12. Septembers, erhielten einige Privatspeculanten in der City, durch einen geheimen Canal gewisse Nachricht, daß der Vertrag vor Tagesanbruch am Morgen des ll. unterzeichnet worden fei. Sie behielten die Sache für sich und beeilten sich, einen nutzbringenden Gebrauch davon zu machen; aber ihre Begierde, Bankaktien zu erlangen, und die hohen Preise, die sie boten,'erweckten Verdacht, und man glaubte allgemein, daß am nächsten Tage irgend etwas Wichtiges angezeigt werden würde." Von Leuten, die für confessionelle Eide schwärmen, wird es interessant sein, wie das fromme England im Jahre 1697 aus dem Meineid ein Metier gemacht hat. Macaulay berichtet nämlich (X. S. 281.): „Der beste Theil der Bevölkerung bestand aus Schuldnern. die in Furcht vor Bailiffs waren. Die klebrigen waren von der Liste gestrichene Sachwalter. Zeugen, d'e. um das Publicum zu benachrichtigen, wo ein falscher Eid für eine halbe Kronezubeschaffen sei, zum Zeichen Stroh in ihren Schuhen trugen, Gauner, Hehler gestohlener Güter, Münzbeschneider, Fälscher von Banknoten. . . Der Judenhass. Von Dr. M. H. F r i e d l L n d e r (Pisek). Wenn wir einen Blick in die Geschichte Israels werfen, so gewinnen wir die Ueberzeugung, daß sie vielfach eine Erzählung von Leiden, Qualen und T'rübsalen ist. Von der Zeit der Patriarchen bis auf die Gegenwart bildete Israel sehr oft den Gegenstand des Hasses, der Verfolgung, der Verachtung und Bedrückung. Leedol äaur wodaur aumdim olenii leehalausenu. In jedem Zeitalter versuchen es unsere Hasser, ihre gefährlichen Geschosse gegen uns zu richten, allein der Allgütige, der nie schläft und nie schlummert, sendet aus feine Schutzengel, edle Fürsten, die durch ihren Machtspruch jenen Dunkelmännern, die angeblich „zur Ehre Gottes", thatsachlich aber, um ihren Ehrgeiz, ihre Herrsch- und Habsucht befriedigen zu können, uns vernichten wollen, Halt gebieten. Warum aber wurde und wird gerade Israel so sehr gehaßt und verfolgt? Besteht denn das Judenthum aus lauter unwürdigen, sittlich verkommenen, moralisch gesunkenen verderbten, lasterhaften gemeinschädlichen Unholden? Sind sie nicht vielmehr cbensolch wackere Staatsbürger als ihre nichtjüdischen Mitbrüder, sind sie nicht opferwillige Patrioten, stehen sie nicht mit Gut und Blut ein, so oft das Vaterland sie ruft? Haben nicht immer die Sohne Israels auf dem Felde der Ehre für Thron und Vaterland ebenso bereitwillig wie die der „Arier" ihr Leben geopfert? Sind die Juden nicht treue Gatten, opferwillige Eltern, teilnahmsvolle Ge schwister? Blicket in die Häuser und ihr werdet sehen, welche Liebe, Treue, Zärtlichkeit dort herrscht, ihr werdet erfahren, daß da äußerst selten das geheiligte Band der Ehe verletzt und^entweiht wird, daß die Eltern, selbst die ärmsten, die größten^.Opfer für die' Erziehung der Kinder bringen. Blicket in die Gemeinden und ihr werdet sehen, welche Opferwilligkeit dort herrscht. Die Synagoge hat keinen Fond, aus dessen Zinsen der Cultus und die Cnltusbeamten erhalten werden können, sondern sämmtliche Gemeinde- Institutionen undder Cult us verdanken ihre Existenz einzig und allein der Munificenz und Freigebigkeit der Gemeindemitglieder. Für die Armen und Dürftigen, für die Kranken und Leidenden und Dahingeschiedenen wird in jeder jüdischen Gemeinde hinreichend gesorgt, damit Niemand beschämt, gekränkt, zurückgesetzt oder beleidigt werde. Trotz der riesig großen Opfer, die jede jüdische Gemeinde für die Erhaltung ihrer rituellen Anstalten und Humanitären Institutionen bringen muß, ohne von irgend einer Seite unterstützt zu werden, bleibt kein Jude zurück, so es gilt, die Noch Andersgläubiger zu mildern und zu lindern. Ja, es kommt nicht selten vor, daß so mancher Jude seine Munificenz und.Toleranz in solch eclatanter Weise bekundet, indem er sich drüben seinem intimen Feinde gefälliger und opferwilliger zeigt, als hier seinem Glaubens- und Stammesgenossen gegenüber. Trotzdem möchte man das Judenthum tobt machen und begraben. Warum nun werden gerade wir so gehaßt? Wohl versuchen es die Gegner Israels, diesen ungerechtfertigten Judenhaß zu beschönigen, indem sie uns vorwurfsvoll zurufen: „Ihr Juden habt große Fehler und Schwächen, durch die Ihr euch bei den Völkern so sehr verhaßt machet. Das goldene Kalb wird heute noch von Euch abgöttisch verehrt, überdies seid Ihr zudringlich, unbescheiden, aufgeblasen, anmaßend und vorlaut." Sind aber diese Vorwürfe auch gerechtfertigt? Wir geben zu, daß es Einzelne unter unfern Stammesgenossen geben mag, die mit Fehlern behaftet sind, darf man aber einzelner Menschen wegen über die Gesammtheit den Stab brechen? Und selbst diese Fehler der Einzelnen sind ja nicht die Folgen des jüdischen Glaubens, der jüdischen Lehre und der jüdischen Rasse, sondern zumeist und zuvörderst des unsäglich schweren Druckes, unter dem das Judenthum Jahrhunderte lang geschmachtet. ,,O blicket mich nicht so verächtlich an, denn ich bin nur deshalb geschwärzt, weil die Sonne mich gebräunt hat, meiner Mutter Söhne haben mir gegrollt." (Lellir llaseli. 1. 6.) Ein Volk, das Jahrhunderte lang von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf verfolgt und verjagt, das unausgesetzt geplagt, gepeinigt und gemartert wurde; ein Volk, dem Jahrhunderte lang alle Bildungsanstalten verschlossen, viele Erwerbszweige unzugänglich gemacht wurden, ein Volk, dem Jahrhunderte lang nicht gegönnt war, ein menschenwürdiges Dasein zu fristen, kann es dafür verantwortlich gemacht werden, wenn EinzelneFehler und Mängel besitzen? Der Midrasch erzählt in Bezug auf den hier angeführten Vers aus Lellir llasellii'. folgendes höchst passendes Gleichniß: Einst erschien eine schwarze Magd (eine Negerin)am Brunnen und sagte zu ihrer Freundin: „Heute habe ich Dir eine sehr interessante Neuigkeit mitzutheilen! Höre und staune! Morgen wird mein Herr sich von seiner Gattin scheiden lassen, um mich zu heiraten." „Warum denn?" frug ganz erstaunt die Freundin. „Ja, weil er gestern bemerkte, daß ihre Hände von Kohlen geschwärzt waren." „Ei, Du Närrin", entgegnete ihr die Freundin, „wie kannst Du nur eine solche Thorheit sprechen. Jst's möglich, ist's denkbar, daß Dein Herr sich von einer Gattin, die volle Liebe, Güte, Milde und Zärtlichkeit ist, wird scheiden lassen, weil ihre Hände einen Augenblick von Kohlen geschwärzt waren,, um Dich, die Du von Geburt an durch und durch schwarz bist, zu heiraten? — Die Fehler, die ihr Antisemiten an einzelnen unter uns entdeckt, sind nicht unverbesserlich und verdienen umsomehr nachsichtsvoll behandelt zu werden, als wir trotz der Ausnahmsgesetze, die Jahrhunderte lang uns zu Boden drückten und berechnet waren, uns zu demoralisiren, doch sittlich rein geblieben sind. — Aber ihr Antisemiten, wie steht es denn mit euch!? Sind nicht die meisten unter euch durch und durch schwarz?! Warum aber werden wir doch so sehr gehaßt?