Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 6 Westrrretrtzlphr W»chrnptzrM Seite 101 Geschichte und Literatur bewundern, während der Jude selbst keine Ahnunng davon hat. Muß nicht das Selbstbewußtsein des jüdischen Schülers gehoben werden, wenn man ihm das Urtheil Stade's, dem man Philosemitismus nicht zum Vorwürfe machen kann, vorliest: „Es ist Israel ohne Zweifel auf dem Gebiete derReligion v iel ep ochemach end er, einzigartiger, gewaltiger aufgetreten als auf dem Gebiete des Staates die Römer, auf dem der Kunst und Philosophie die Griechen."*) Aber auch so manch modern gebildeter Jude müßte erröthen, so wenig von der Geschichte seines Volkes zu wissen, wenn er die Worte eines Nichtjuden, E. Renan, in seinem Vortrage: „Das Judenthum vom Gesichtspunkte der Rasse und der Religion", Basel 1883, Seite 31, hört: „Die Geschichte d e s jüdischen Vol kes ist eine derschö.nsten, die existiren, und ich b edaure es wahrlich nicht, ihr die Arbeit meines Lebens gewidmet z u h oben". „Unser heutiges Denken und Fühlen, unser Thun und Treiben ist beiweitem mehr beeinflußt von der Gedanken- und Gefühlswelt, welche Israel erzeugt, als von d er Ro ms und Griechenlands. Unsere gesammte heutige Cultur ist tief durchsättigt mit Richtungen und Trieben israelitischer Herkunft". Manch modern gebildeter Jude würde diese Worte für Einbildung halten, und trotzdem sind es die Worte des nichtjüdischen Forschers S tade (a. a. O. S. 3). Jüdische Arbeiter in Rumänien. Die „Jüdische Presse" (Nr. 4) meldet: Die oft gehörte, auch von deutschen Antisemitenblättern mit Vorliebe propagnte Bebauptung, der rumänische Jude sei „ausschließlich dem Wucher ergeben" und „wolle von körperlicher Arbeit nichts wissen", findet ihre "erneute Widerlegung in der von einigen unparteiischen Blättern festgestellten Thatsache, daß, wie die Handelsstatistik des abgelaufenen Jahres beweist, die Stadt Jassy durch jüdische U n t e r n e h m e r und Arbeiter sich allmählich zu einer Industriestadt heraüsgearbeitet hat, deren Fabrikate mit denen des Auslandes jeden Vergleich aushalien können. S'lbst das verwöhnte Bojaren-Publicum, so rühmt das „Jurnalul", das früher die „jüdischen Fabrikanten" nicht genug verhöhnen konnte, erkennt jetzt den Werth der Localerzeugnisse an, welche neben der Solidität auch den Vortheil der Billigkeit hätten. So liefere die von einem jüdischen Consortium gegründete Möbel-Fabrik „Fortuna" die bis dahin aus Ungarn importirten Stühle. (Einer der Mitgründer dieser Gesellschaft ist Herr Heimann T i k t i n, der bekannte rumänische Philologe, der kürzlich von der Leipziger Universität zum Doctor honoris causa ernannt wurde.) Früher mußten die Möbel gegen einen ungeheuren Kostenaufwand aus den Metropolen des Westens bezogen werden, was sich natürlich nur die Reichen leisten konnten. Die jetzige wesentliche Verbilligung sei das Verdienst der jüdischen Tischler, welche geradezu Vorzügliches leisten. „Alle in den Schaufenstern der großen Geschäfte ausgestellten Möbelstücke, die an Eleganz und Geschmack den feinsten Pariser Erzeugnissen' gleichkommen", so sagt das „Jurnalul", „sind das Werk von Juden, welche in engen, schlechtbeleuchteten, dumpfen Kammern vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein arbeiten. Diese mit wahrhafter Selbstentäußerung für die Erhaltung ihrer Familien sich abmühenden Leute widerlegen die zwar oft gehörte, aber darum nicht minder unwahre und ungerechte Anschuldigung, daß der Jude ein Feind der schweren Arbeit sei und — wie die lügnerische Phrase lautet — „ faul, arbeitsscheu vom Schweiße der Bauern lebe!" r ^Blutbeschuldrgung gegen die Christen in Nordafrika. Dr. G. Schweinfurth, der berühmte Reifende, *) Stade, Geschichte des Volkes Israel, I. Bd., Berlin 1887 (Oncken'sche Sammlung) Seite 3 f. erzählt in seinem Werke „Im Herzen von Afrika" (1874 Bd. II. S. 340): „Ein Freund von mir, welcher als Gouvernementsarzt in einer Stadt am Rothen Meer fungirte, wollte eines Tags, um der Natur einer daselbst grasfirenden Krankheit näher auf die Spur zu kommen, an einem in seinem Lazareth verstorbenen Pilger die Section vornehmen, der, fremd am Orte, daselbst weder Angehörige noch Bekannte besaß. Der Doctor hatte längst auf eine solche Gelegenheit gelauett, bisher waren ihm nie derartige isolirt dastehende Todte zur Disposition gewesen, nun glaubte er im Stillen ohne Aufsehen seinem Wissensdrange Genugthuung verschaffen zu müssen. Sein Vorhaben ward nur zu bald vereitelt. Die Lazarethdiener, welche die Vorbereitungen zur Section sehen und begreifen, stürzen entsetzt zum Gouverneur; die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch die kleine Stadt. Die Aeltesien bestürmen mit einer Deputation den Gouverneur, dieser schließlich befiehlt dem Arzt, bei Androhung des Verlustes seines Postens, die Section zu unterlassen. Zum Ueberfluß langt einige Zeit nachher ein rügender Verweis seitens der Vorgesetzten Sanitätsbehörde an, welcher den Betreffenden mit Vorwürfen überhäuft, daß er sich einen solchen Verstoß gegen die Sitten des Landes zu Schulden hätte kommen lassen. Die Städter waren nun beruhigt, aber noch lange machte die Schreckenskunde unter ihnen die Runde: „Der Doctor habe die Section nur deshalb vornehmen wollen, um sich als Ehr ist eine Gelegenheit zu verschaffen, das Herz eines Moslem zu essen und sein Blut zu trinken." Der beste antisemitische Witz. Vor Kurzem veröffentlichte die „Neue Züricher Zeitung" eine kleine Geschichte, in welcher die Entstehung des Böckli n'fchen Bildes „Susanne im Bade" auf die Bestellung eines Berliner Banquiers St. zurückgeführt wurde, der mit dem Künstler dadurch in einen Rechtsstreit gerathen war, daß er ihm zugemuthet hatte, auf das ihm gelieferte Mahagonibretr etwas für ein Geburtstagsgeschenk Geeigneteres zu malen oder das Brett unversehrt zurückzuerstatten. Bei der gerichtlichen Schlichtung des Handels erhielt der Banquier eine Entschädigung für das Brett und das Bild verblieb dem Künstler und wurde später ein sehr begehrter Handelsartikel. Die antisemitische Presse nahm nun ohne Weiters an, der Berliner Banquier sei ein, „unverfälschter Hebräer" und das Bild die humorvollste Satyre gegen den „modernen Shylock". Die „Deutsche Wacht" fühlte sich durch den Ausdruck einer übermüthigen Laune B ö ck l i n 's sogar zu der Behauptung veranlaßt: „Jedenfalls ist es der beste antisemitische Witz, der je gemacht worden!" Der „Central-Verein der Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat aber in dem angeblichen „unverfälschten Hebräer" einen chr istl i ch e n Geschäftsmann, den Sohn eines preußischen.Gutsbesitzers, ermittelt, dessen nichtsemitische Abstammung außer allem Zweifel steht. Wenn deffen Conflict mit B ö ck l in der beste antisemitische Witz sein soll, wird wohl Niemand nach minder guten antisemitischen Witzen lüstern sein. Aus der judenreinen Zeit. Nichts kann die Werthlosigkeit der antisemitischen Schlagworte und Vorwürfe gegen die Juden mehr entkräften, als die Geschichte. Wenn man den Antisemiten glaubt, so sind in der That die Juden ein Unglück und mit ihnen haben der Schwindel, das Börsenwesen, der Meineid u. s. w. ihren verhängnißschweren Emzug in die europäische Welt gemacht. Daß das von A bis Z irrig ist, lehrt die Geschichte der Zeiten und Länder, die judenrein waren. In England war in den Jahren 1690—1700 gewiß von jüdischem Einfluß keine Rede und dennoch, wie florirte der Börsenschwindel: Ueber die Bank von England im Jahre 1696 schreibt Th. B. Macauley („Die Geschichte Englands seit dem Regierungsantritte Jacobs II." dtsch. v. Pros. Fr. Bü lau Lpz. 1856 Band X. S. 190 f.): „Die Directvren fanden es bald ats unmöglich, genug Silber zu beschaffen, um jedem Ansprüche zu begegnen, der bona L4e an sie