Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 100 --» — - j— im . MmyrnzWM Nr. 6 nichts arbeiten. Ritter Stampiglius ist kein Jude, und dennoch gehört er nicht zu den Fütterern, sondern zu den Gefütterten. Man weiß, welcher Art die Arbeit ist, die dieser Mensch seit einem Jahrzehnt verrichtet und aus wessen Taschen er dafür bezahlt wird. Und wenn er weiter sagt, es werde in Oesterreich wunderschön zugehen, wenn man die Juden endlich hinaustreibe, so ist das eine Ansicht, deren Bestätigung Niemanden gefährlicher werden könnte, als dem Oberstampiglius. Wenn derselbe für seine Verbrechen bisher straflos ausging, so hat er dies vor Allem dem Umstande zu danken, daß es noch Juden in Oesterreich gibt, gegen welche gewisse mächtige Kreise auf die hetzerische Thätigkeit dieses Fälschers nicht verzichten zu können glauben. In einem judenreinen Oesterreich säße der Mann längst im Zuchthause. Ritter Stampiglius schloß seine Rede mit der Frage: „Warum soll dieses Volk, dieses Gesindel, dieses gottverfluchte Gesindel nicht ausgetrieben werden?" Der Landmarschall ertheilte hierauf den obligaten Ordnungsruf. Was konnte er Anderes thun? Die Zwangsjacke ist eben noch nicht als parlamentarisches Disciplinarmittel eingeführt und ebensowenig hat der Schinder Zutritt in den Landtag, um einen tollgewordenen Abgeordneten der entsprechenden Behandlung zuzuführen. Jetzt erntet man die Früchte jener gemüthlichen Duldsamkeit, mit der man den Stampiglienritter auskneifen ließ, als er schon den Kopf in der Schlinge hattte. Der italienische Deputirte Dr. Napoleon Colajanui richtete an den Abgeordneten Dr. Bloch nach stehendes Schreiben: Geehrter College! Als einer der italienischen Deputirten will ich es nicht unterlassen, Ihr offenes Schreiben an die italienischen Parlamentsmitglieder zu beantworten. Unsere Sympathien für die unterdrückten Rumänen in Ungarn schließen nicht'die wärmste Sympathie für die unterdrückten Juden in Rumänien aus; oas kann nicht sein und ist nicht in I t a l i e n, im Vaterlande von Carl C a t t a n e o, der vor circa 70 Jahren eine Monographie zur Bertheidiguna der Juden schrieb, die. wie ich glaube, bis heute unübertroffen ist; Italien ist das einzige civilisirte Land, das immun geblieben ist gegen das Gift des antisemitischen Glaubens- und Rassenhasses. Glauben Sie meiner vorzüglichsten Hochachtung Dr. Napoleone Colajanni. Die Verschickung der Rothschild scheu Kunstschätze ins Ausland wird zu antisemitischen Zwecken ausgebeutet. Die Antisemiten aller Schattirungen jammern darüber, daß die ganze aus hervorragenden deutschen und ausländischen Kunstwerken (darunter das größte Meisterwerk der deutschen Goldschmiedekunst, Wenzel Jamnitzer's „Tafelaufs a tz") bestehende Sammlung, welche sich im Besch des Nachlasses des 1886 verstorbenen Baron M. C. v. Rothschild befunden, an die in London und Paris wohnenden Erben übergegangen ist. An Bemühungen, die Erben zu veranlassen, wenigstens den Aufsatz Jamnitzer's desinitiv oder provisorisch im Besitze der Stadt Frankfurt zu belassen, hat es nicht gefehlt. Sie waren jedoch leider vergeblich. Wir haben durchaus nichts dagegen einzuwenden — schreibt die „Frkf. Ztg." — wenn verschiedene Blätter es lebhaft beklagen, daß solche wahrhaft nationale Kunstwerke ins Ausland wandern, schließen uns vielmehr diesem Bedauern an. Wenn jedoch diese Angelegenheit in einzelnen Blättern zu einer Alt von antisemitischer Hetze benutzt wird, so genügt es, auf eine Reihe von identischen Vorkommnissen hmzuweisen, die sich nicht in gleicher Richtung ausbeuten lassen. Wir erinilern nur daran, daß die gut katholische Familie Borghese einen Theil ihrer Kunstschätze dem bestehenden Verbot zum Trotze in's Ausland verkaufte. Dasselbe hat der Fürst Sciarra gethan. Das Kensington-Museum und das Müsse Cluny weisen zahlreiche deutsche Kunstwerke auf, welche von den ersten deutschen Adelsfamilien erworben worden sind. Ebenso hat der dieser Tage verstorbene Louis Brent an o seine berühmten Miniaturen an den Herzog v. Aumale verkauft. Die von IR o t h s ch i l d'schen Sammlungen sind nun zwar auch ins Ausland gegangen. Aber sie sind noch im Besitze der Familie v. Rothschild, deren Mitglieder in Erinnerung an den Frankfurter Ursprung ihres Vermögens noch jederzeit freie Verfügung über die in Frankfurt gesammelten Kunstschätze haben. Man wußte, daß das Mitglied einer solchen Familie ohne Testament, resp. ohne Verfügung über seine wichtigsten Besitztümer nicht aus der Welt ging. Also wurde der Cultusminifler veranlaßt, der in diesem Punkte ganz machtlosen Witwe — zu schreiben. Nützte es nichts, so wurde dadurch doch der Vorwurf der Indifferenz gespart, der sonst seitens des amtlichen Berlins vielleicht erhoben werden konnte. Seine Excellenz der Cultusminister, so wird wenigstens erzählt, chrieben der Frau Baronin, welches Interesse Deutschland an der Erhaltung ihrer Kunstschätze habe und der Staat würde ihr für dieselben mit Vergnügen ein eigenes Museum erbauen, das den Namen Rothschild für ewige Zeiten tragen solle. Die hinreichend frankirte Rückantwort braucht hier wohl nicht erst detaillirt zu werden. Dieselbe überzeugte in Berlin, wie in einer unschätzbaren Kunstsache Alles verloren sei. Die officiellen Kreise bemühen sich, wenigstens Wenzel Jamnitzer's Tafelaufsatz für Deutschland und Frankfurt a. M. zu retten. Allein welches Interesse haben eigentlich die heutigen Besitzer, dem officiellen Deutschland eine Extrafreude zu bereiten? Benimmt sich etwa das osficielle Deutschland gegen die Glaubensgenossen der Rothschild so überaus freundlich? Ist es noch menschenmöglich, daß dieselben deutschen Staatsbürger, welche ihre Steuern zahlen, sowie dienen müssen, zu Reserveofficieren avanciren, falls sie zufällig Israeliten find? Werden die gediegensten Gelehrten dieser Confession als Professoren, oder auch nur als außerordentliche Professoren bestätigt? Beginnt nicht bereits jetzt in den Schulen eine Art Verkehrstrennung nach dem Bekenntniß? Und angesichts dieses grausamen Sports, den die gebildeten Deutschen gegen eine schwache Minderheit üben, verlangt man von unfern jüdischen > Mitbürgern noch einen ganz besonderen Patriotismus! Wie sagte doch gleich Burke? ,,Sollen, wir unser Vaterland lieben, muß es liebenswürdig gegen uns sein". Nein und tausend Mal Nein! Für keinen deutschen Juden liegt heute der geringste Anreiz vor, die gegenwärtige Physiognomie unseres Reiches an sein Herz zu schließen. Und nun noch für den englischen Rothschild, der den Jamnitzer geerbt hat. Der sehr ehrenwerthe Lord wird, sobald die Glaubensfrage ein Mal auf's Tapet kommt, England und Deutschland mit einander vergleichen, und wenn er kein Fischblut hat, gegen das letztere höchstens einen heftigen Widerwillen empfinden. Die Juden in der Geschichte. Einem recht interessanten und belehrenden Aufsatz: „Wie soll der israelitische Religionsunterricht an Gymnasien ertheilt werden?" von Phil. Dr. Adolf Bi ach, Rabbiner in Brüx, entnehmen wir folgende beherzigenswerthe Stelle: Vor Allem soll „Jüdische Geschichte und Literatur" in streng wissenschaftlicher Weise vorgetragen werden. Dem jüdischen Gymnasiasten ist bisnun, wenn er nicht gerade Theologe wird und ein jüdisch-theologisches Seminar besucht, keine Gelegenheit gegeben, sich auf der Universität mit jüdischer Geschichte und Literatur zu beschäftigen; dieser Unterricht muß daher auf dem Gymnasium so ertheilt werden, daß der Gymnasiast Anregung erhält, sich auch später auf der Universität in freien Mußestunden mit jüdischer Literatur zu beschäftigen und sich hie und da für seine Bibliothek auch ein in dieses Fach einschlagendes Buch anzuschaffon. Jüdische Geschichte und Literatur muß daher in derselben Weise gelehrt werden wie „Deutsch" auf dem Obergymnasium, wo man sich auch nicht mit einer kurzen Biographie der Classtker begnügen darf. Für sehr richtig halte ich es auch, daß Urtheile bedeutender nichtjüdischer Forscher angeführt werden; es wird dadurch in dem Schüler das Selbstbewußtsein gehoben. Der halbwegs ernste und gewissenhafte Schüler wird es als eine Ungerechtigkeit, ja als eine Schmach empfinden, wenn Nichtjuden die jüdische