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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-02-08 · 6 (8.2.1895) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6 Führung des Staatsschiffes wechselten also nur die Personen, Flagge und Curs bleiben unverändert. Wenn ich nun im Anschlüsse an diese durch viele Zeitungsberichte übrigens schon überholte Mittheilung vor Allem die Freude constatire, die darob die Brust eines jeden aufrichtig liberalen Ungars durchzieht, so werden Sie, geehrter Herr Redacteur, und ihre freundlichen Leser mir dies gewiß zu Gute halten, denn es kann nicht sattsam genug hervorgehoben und betont werden, daß das in den verflossenen Wochen so oft und heftig bestürmte Bollwerk des ungarischen Liberalismus wieder neu gefestigt dasteht. Die Bedeutung des jungen Banffy Ministeriums auch vom einseitig jüdisch-patriotischen Standpunkte beleuchten zu wollen, ist gewiß ein kleinliches Unterfangen, allein bei dem Umstande, daß in dem schmachvollen Zeitalter der Rassen- und Classenverhetzung gewöhnlich jeder Regierungswechsel zu eigenen Parteizwecken ausgenützt wird, darf es wohl gestattet sein, sich auch in diesen Blättern mit der Bedeutung der neuen Regierung zu befassen. Ue-berdies befindet sich ja unter den das frühere Ministerium zu Falle gebrachten kirchenpolitischen Gesetzes-Vorlagen auch die uns so nahe gehende Reception, deren halbhundertjähriges Schicksal es ist, in schwebender Pein zwischen Ober- und Unterhaus zu hängen. Was unseren neuen Ministerpräsidenten anbelangt, so blickten wir Israeliten Ungarns sogleich, als aus dem Chaos der Ministercombinationen sich die sympathische Gestalt des Baron Banffy als das Haupt der kommenden Regierung erhob, voll Vertrauen in die Zukunft. Wir wußten, daß der Mann, der vor drei Jahren als Obergespan eines siebenbürgischen Comitates einer bei ihm erschienenen, jüdischen Deputation in begeisterter Weise erklärte, daß er die edlen Eigenschaften, die patriotischen und philantropi schen Gefühle der Juden wohl kenne und überzeugtsei, daßsieselb st dort ihrer patriotischen Pflicht vollauf genügen, wo sie oft weniger Anerkennung als Andere finden, ja sogar dort, wo sie auf Haß stoßen; sie aber vollständigen Anspruch auf verdiente Anerkennung haben und er jederzeit bestrebt sein wird, damit diese nüchterne und gerechte Auffassung in der Gesellschaft je verbreiteter werde — daß dieser Mann sich auch als Ministerpräsident gewiß nicht desaoouiren wird. Und dies hat er in glänzender Weise bereits in den ersten Tagen seiner Ministerpräsidentschaft bewiesen, denn die Antwort, die er am 23 v. M. einer ihn in seinem neuen Wirkungskreise begrüßenden Rabbinerdeputation gab und deren Wortlaut bereits in der vorwöchentlichen Nummer dieses Blattes zu lesen war, ist eine feierliche Bestätigung jener seiner hehren Worte, die damals aus der Comitatsstubeeinestranssylvanischen Städtchens in alle jüdische Gemeinden des weiten Ungarlandes hinaus drangen. Ebenso sehen wir in der Person des neuen Unterrichts-. Ministers Dr. Julius Wlassich eine Garantie für die liberale Fortentwicklung des Staates. Schon als Abgeordneter-Referent einer der kirchen-politischen Vorlagen trat er als beredter und begeisterter Verfechter edler Rechtsgleichheit auf, und schon aus seinen damaligen Red n leuchtete der echte Liberalismus heraus, der ihm Kopf und Herz erfüllt. Gleich dem Ministerpräsidenten ergriff auch er die erste Gelegenheit, um dem Lande zu verkünden, daß er an der Integrität der freisinnigen Grundprincipien unveränderlich festhalten wird. Selbst die Bedenken, die die Schlußworte seiner damaligen Enunciation in liberalen Kreisen hervorgerufen hatten, weil er darin die Geneigtheit aussprach, sich um des lieben Friedenswillen nicht eben an den Wortlaut des Gesetzentwurfes klammern zu wollen — wurden durch seine am 27. v. M. gelegentlich der Unterrichtsbudget-Debatte abermals abgegebenen Erklärung hinsichtlich der Reception vollständig zerstreut, denn er sagte: „Die Regierung glaubt nicht, das. ihr vorschwebende Ziel erreichen zu können, wenn sie auch nur betreffs einer der im Receptions-Gesetzentwurfe enthal¬ Seite 99 tenden Verfügungen, d. h. betreffs eines der darin den Israeliten gewährten Rechte nachgeben wollte, denn wenn wir die in der Vorlage enthaltenen Rechte schmälern, so würden die Israeliten in eine inferiorere Stellung als wie bisher geräthen. Dies verdienen unsere israelitischen Mitbürger nicht und ich vertraue auf die Weisheit des Oberhauses, daß es diesen Gesetzentwurf unverändert annehmen wird." Das heißt wohl klar und deutlich gesprochen und an dem ehrlichen Willen des neuen Unterrichtsministers, das Erbe seiner illuftren Vorgänger intact aufrecht erhalten und durchführen zu wollen, ist nicht mehr zu zweifeln. Wird aber das Oberhaus den neuen Regierungsmännern weniger Widerstand als den gestürzten entgegensetzen und die Reception leite quelle annehmen, oder die factiöse Opposition ä tout prix fortsetzen? Das ist die große Frage, die schon seit Wochen auf den Lippen aller unserer Glaubensgenossen schwebt. Fast wäre man versucht, das erstere zu glauben, wenn man das Programm der in den letzten Tagen von den oppositionellen Aristokraten und Prälaten gegründeten „Volkspartei" lieft. Kein einziger Punkt darin ist direct und offen gegen das Judenthum gerichtet, selbst die Reception blieb darin ungeschoren, während in den Resolutionen allerbisherigen, von denselben Faiseurs arrangirten Katholikenversammlungen die Reception verworfen wurde, weil „der darin erlaubte Uebertritt zur jüdischen Religion kirchlich-dogmatisch nicht gestattet werden darf". Allein gründlich irrt derjenige der aus diesem veränderten Programm auf eine versöhnlichere oder gar receptionsfreundliche Oberströmung schließen wollte. Mit nichten. Die hochgeborenen und weihevollen Magnaten rüsten zu einem neuen, erbitterteren Kampfe gegen den Liberalismus; um den Archimedespunkt zu finden, von dem sie die wieder festsitzende, freisinnige Regierung aus den Angeln zu heben glauben, steigen sie hinab in die plebejische Schichte der Bevölkerung, um dort unter dem Symbol der christlichen Duldung, unter dem Zeichen des Kreuzes den Religions- und Raffenhaß wieder zu entfachen. Die „Volkspartei" ist eine antisemitische Aristokraten- und Klerikerpartei, die sich ein socialagrarisches Mäntelchen umgehängt. Sie ist der Wolf im Schafspelz. Doch darüber nächstens mehr. B. M. Vom Jahrmarkt des Lebens. Antisemitische Tollwuth. Der Oberstampiglius und Zeugnißfälscher hatte neuer» dings im niederösterreichischen Landtage einen Wuthanfall. Er war nicht bei Pasteur in Behandlung und wird von Tag zu Tag tollwüthiger. Er wiederholte das Verlangen nach einer umfassrnden Confiscation der jüdischen Güter. Daß Stampiglius blos für die Anarchisten arbeitet, ist längst im österreichischen Parlamente durch eigenhändige Briefe nachgewiesen worden. Die „Arbeiterzeitung" vom 31. Jänner 1895 ratificirt dieses Verlangen mit folgenden Worten: „Er wünscht, alle „jene Güter zu confisciren, die auf unehrliche Weise erworben wurden". Er meint, dadurch würde seine Lieblingsidee, die Confiscation der Judengüter, erreicht werden. Aber der Gute schießt weit über sein Ziel hinaus, wenn er nur die Confiscation von Gütern, die durch Wucher erworben wurden, erreichen will. Auch der Raub ist ein unehrlich Handwerk, und daß er älter ist, macht ihn nicht ehrlicher. Ob die sehr arischen und adeligen Herren, wie Prinz Liechtenstein und die ganze erlauchte Betternschaft, dem Schneider erlauben werden, auf dem Wege weiterzugehen, ist allerdings sehr fraglich. Mit der Confiscation der „Güter", die auf unehrliche Werse erworben wurden, ist das große Reinemachen nonicht fertig. Es gibt noch mancherlei unehrlichen Erwerb, der seine Beute hergeben soll. Aus jeder Ausbeutung des Menschen, in allen ihren unerschöpflichen Formen, quillt Mehrwerts), unehrlicher Erwerb, für den Aneigner. Und wir stimmen sehr damit überein, daß jedes unehrlich Erworbene an die Gemeinschaft zurückerstattet werde. Mehr als das. wir wollen den „unehrlichen Erwerb" für alle Zukunft unmöglich machen. Der Zeugniß- und Stampiglienfälscher erklärte ferner, daß in Oesterreich vier Millionen Juden zu füttern seien, die Oesterretchifchr Wochenschrift

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