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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-02-08 · 6 (8.2.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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VesterreUtzlptze Wochrnptzrtfl Seite 95 Nr. 6 Strömung, auf Berlin ebenso zutrisst, wie auf Wien. Es ist eine alte Erfahrung, daß retigiöse oder pseudoreligiöse Verfolgungen energischen Widerstand nur in der Masse der Bevölkerung finden, während sie die oberen Classen leicht zur Fahnenflucht veranlassen. So hebt Lecky (Essays) hervor, daß die Katholikenversolgungen zur Wende des Jahrhunderts die irischen Großen in erheblicher Anzahl zur Annahmeder Protestantischen Religion und zum Uebergang in's protestantische Lager geführt haben. Zum Nachtheil der Juden kommt indessen noch in Betracht, daß sie nicht, wie die Katholiken, an einer starken Centralgewalt außer Landes einen Rückhalt besitzen. Die Desertion der oberen Zehntausend mußte aus die Katholiken Irlands einen umso geringeren Einfluß üben, als ihre Culteinrichtungen und ihr Clerus von dem Wohlwollen der Großen unabhängig waren. Anders in der Judenschaft, die bei der Autonomie der einzelnen Gemeinde und der Freiwilligkeit ihrer Leistungen von den Stimmungen ihrer Plutokratie weit abhängiger ist. Die wohlhabenderen Gemeindemitglieder betrachteten es deshalb auch fast als eine Art Recht, im Gemeindevorstande vertreten zu sein; zu den Ehren, die die Gemeinde zu vergeben hatte, führte häufig nicht Eifer, sondern bürgerlicher Einfluß und Vermögen, nicht Interesse, sondern Interessen. Man betrachtete es nicht als Ehre für, das Gemeindemitglied, die Gemeinde vertreten zu dürfen, sondern für die Gemeinde, so einflußreiche und gesellschaftlich hochstehende Personen zu Vorstandsmitgliedern zu zählen. Als es nicht mehr fashionabel war, Jude zu sein, waren die Deserteure deshalb besonders zahlreich in den Familien der Gemeindevorstände, wir haben es sogar erlebt, oaß Vertreter der Gemeinde demissionirten, um am Tage darauf zum Christenthum überzutreten. Hierzu kam die allgemeine Demokratisirung der Anschauungen, und so war es kein Wunder, daß man bei der Wahl zu Vorstandsmitgliedern Männer, die Liebe zur Sache halten, den decorativen Persönlichkeiten vorzog. Die jetzigen Vorsteher der Gemeinde sind daher durchaus nicht schlechter als die früheren, und weit entfernt, die gute, alte Zeit zu beklagen, möchte ich vielmehr glauben, daß die jetzigen Zustände gesündere Keime tragen. Es scheint besonders irrig, zu beklagen, daß uns Männer verließen, deren Väter an der Spitze der Gemeinde gestanden hatten. Die Schuld liegt nicht an den Söhnen, sondern an den Vätern. Kenner unserer Verhältnisse haben mit Recht betont, daß die Eitelkeit im eigenen Lager gefährlicher ist, als die Angriffe unseror Feinde. Die Eitelkeit — das ist der wahre Amalek. Wer in die Herzen der Kinder die Keime der Eitelkeit streut, der züchtet Deserteure, mag er auch in seinen Mußestunden unser Vorstandsmitglied sein. Denn zu einer Minorität zu gehören, bringt keine äußeren Ehren, das Bewußtsein getreuer Pflichterfüllung muß für solche entschädigen. Damit, daß man alle Eigenschaften hat, ein vortrefflicher Börsenrath oder Commercialrath zu sein, ist man noch lange nicht ein geeigneter Vorstand für die Gemeinde. Wir dürfen es deshalb gar nicht einmal beklagen, daß die „Großen" von uns nichts wissen wollen, wir wollen von ihnen ebenso wenig wiffen, in unserem Sinne ist der ein „Großer," der für uns denkt und strebt. Soviel vom Standpunkt der jüdischen Interessen. Die Frage hat indessen noch eine wichtige socialpolitische Seite. Der arme Jude hat das Odium zu tragen, welches der reiche Jude durch seinen Reichthum erregt. Er muß sich sagen, daß diesem Nachtheile Vortheile für ihn nicht gegenüberstehen, daß seine reichen Glaubensgenossen für die Allgemeinheit mehr Opferwilligkeit besitzen, als für die engere Gemeinschaft. Er sieht in ihrem Reichthum deshalb nicht nur die Ursache seines materiellen Elends, sondern auch seiner bürgerlichen Aechtung. Und wenn ihn seine Religion hindert, allen Bestrebungen der Soeialisten zuzustimmen, so führt sie ihn andererseits — bei dem Streben nach ausgleichender Gerechtigkeit, welches die jüdische Religion mit anderen Religionen theilt, dahin, die ökonomischen Bestrebungen der socialistischen Parteien freudig zu begrüßen. In der Reichsrathssitzung vom Februar 1890 wies der Abgeordnete Lueger auf den Interessengegensatz zwischen reichen und armen Juden hin. Auch vom Gegner kann man lernen. In den Tagen gemeinsam erduldeter Verfolgung blieb dieser Gegensatz latent; je mehr die antisemitische Bewegung zu einer anticapitalistischen sich auswächst, umso schärfer wird leider der Gegensatz zwischen armen und reichen Juden hervortreten. Unsere Großen haben deshalb nicht nur die moralische Pflicht, ihren ärmeren Glaubensgenossen mehr als bisher zu Helsen — eine derartige Thätigkeit würde vielmehr auch im höchsten Maße „staatserhaltend" sein. L. Rumänische Chronik. (Original-Correipondenz der „Oesterr. Wochenschrift".) B u k a r e st, 4. Februar. Im Jahre 1893 hat der Klausenburger Universitätsprofessor Gregor M o l d o v a n u, ein Rumäne, seine Ansichten über die sogenannte großrumänische Bewegung, die sich, wie man weiß, über einen großen Theil Ungarns und über ganz Rumänien ausgebreilet, in einer Broschüre veröffentlicht, die den bezeichnenden Titel führte: „Politischer Schwindel". Mit unwiderlegbaren Argumenten bewies darin der gelehrte Verfasser, daß nur Humbug hinter dieser „nationalen Bewegung" sich verbirgt; und die traurige Lage unserer Glaubensgenossen in diesem Lande besprechend, meinte Professor Mold o v e a n u: „Die Rumänen sollten erst im eigenen Lande Ordnung schaffen und sich dann um andere Staaten kümmern. So lange in Rumänien eine halbe Million Juden (es gibt deren blos ungefähr 350.000. Anmerkung des Correspondenten) alle Lasten tragen muß und dennoch heimatlos ist, kann von einer rumänischen Cioilisation nicht gesprochen werden." Die schwache Stimme dieses gerechten Mannes verklang wirkungslos und fast unbeachtet in dem Getöse des Kampfes, der seit Jahr und Tag von einer großen Zahl einheimischer Chauvinisten und ungarländischer Rumänen gegen die „magyarischen Barbaren" geführt wird. Unser bedeutendste Staatsmann, der derzeitige Domänenminifter Peter Carp, erhob seither auch einige Male im Parlamente Protest gegen die heimtückische Verfolgung auf gesetzlichem Wege, welcher wir rumänische Juden seit-dem Berliner Congreß, der die Rumänen zur Annahme des Principes der Gleichberechtigung zwang, ausgesetzt sind. Aber auch das brachte keine Besserung unserer triften Lage, und die nach Tausenden zählenden Mitglieder der rumänischen Cultur-Liga, welche die „Befreiung der Rumänen von dem magyarischen Joche" anstrebt, durften nach wie vor die Kämpen für Freiheit und Gleichberechtigung ihrer transsylvanischen Brüder spielen/ Und ihre Protestrufe gegen die Ungarn schlugen wie Hohn an unser Ohr; diese Maulhelden führten große, schöne Worte im Munde, sie sprachen von Recht und Gerechtigkeit — und das in einem Lande, in welchem 350.000 Menschenkinder wie Sclaven behandelt werden, blos weil sie Juden sind! Was wollten wir aber anders thun, als was wir seither gethan? Schweigen! Und die rumänische Judenschaft mußte auch — aus naheliegenden Gründen — schweigen, als in den Zeitungen zu lesen war, daß 250 Mitglieder der italienischen Deputirtenkammer eine Motion eingebracht hätten, welche „den die Unabhängigkeit der gesammten lateinischen Nationalität vertheidigenden Rumänen die Sympathie der italienischen Kammer aussprechen solle." Der „politische Schwindel" glückt also? Die italienische Kammer, diese vornehme, mit unentwegter Treue an den Grundsätzen der Freiheit, Humanität und Gerechtigkeit festhaliende Corporation soll denselben Rumänen, die Hunderttausende von Juden in grausamster Weise bedrücken, ihre Sympathie ausdrücken?

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