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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-02-08 · 6 (8.2.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 94 Vesterreichtschr Wochrnptzrtfl Nr. 6 Widerhofer, ein Mann, dem man durchaus keine Vorliebe für die Juden nachsagen kann, in leidenschaftlicher, ja in persönlich gehässiger Weise entgegen und berief sich auf seine eigenen glänzenden Erfolge mit dem Heilserum. Die antisemitische Majorität der Gesellschaft der Aerzte aber stellte sich aus Seite Widerhofer's, sie johlte ordentlich vor Vergnügen über die „Abfuhr", die Baron Widerhofer dem Juden Kassow i tz zutheil werden ließ, und sie verhinderte jeden Versuch des Letzteren, seine eigene Ansicht zu vertheidigen, durch lautes Lärmen. Es liegt uns der Bericht eines Theilnehmers jener denkwürdigen Versammlung vor, welcher lautet: „Die Sitzung der k. k. Gesellschaft der Aerzte vom 25. Jänner wird den Theilnehmern lange unvergeßlich bleiben, nicht wegen der wissenschaftlichen Resultate, sondern wegendesGeistes, der die Debatte beherrschte. Man glaubte sich in den n.-ö. Landtag oder Wiener Gemeinderath versetzt, und die konfessionellen Gegensätze, welche — so lange die Gesellschaft Geld zum Bau ihres eigenen Heimes bedurfte — aus derselben gebannt zu sein schienen, kamen anläßlich der Debatte über das schon vom „Deutschen Bolksblatt" zu Berfolgungszwecken angewendete Heilserum wieder zum Ausbruche. Den Mittelpuntt der Debatte bildete — nicht das Heilserum, sondern der Kinderarzt Professor Kassowitz, der in der vorhergegangenen Sitzung aus Grund seines Studiums der Statistik über die Wirkung des Heilserums andere Ansichten zum Ausdruck brachte, als die in der Gesellschaft der Aerzte herrschende Partei momentan über das Heilserum hat. Die Sitzung wurde mit einem Vortrage des Hofrathes Professor Dräsche eröffnet, welcher im Wesentlichen dos Gleiche wie Professor K a s s o w i tz sagte, doch wurde in der folgenden Debatte auf Professor Dräsche wenig reflertirt, sondern die allem Anscheine nach vorher planmäßig festgesetzteAttaque aus Professor K a s s ow i tz eröffnet, und zwar rückte zuerst, wie es sich bei einem gut organisirten Angriffe geziemt, die leichte Cavallerie vom pathologischanatomischen und bakteriologischen Standpunkte in's Feld, zwar nicht zu Pferde, sondern auf mit Heilserum behandelten lebenden Kaninchen. Hierauf sprach der Hygieniker Professor Max G r u b e r, und obwohl er die von Professor K a s s o w i tz angeführten statistischen Daten im Wesentlichen bestätigen mußte, konnte er es doch nicht unterlassen, seiner Verwunderung Ausdruck zu geben, warum Profeffor K a s s o w i tz in dieser Frage „in dieContremine" gegangen sei, natürlich zum Gaudium der gewissen Clique. Nun rückte die Hauptmacht zum Angriffe vor. In sachlicher Beziehung versuchte Herr Hvfrath Widerhose r, Professor Kassow i tz wohl nur wenig zu widerlegen, indem nach dem festgesetzten Kriegsplane dem Professor M o n t i diese Aufgabe zufiel, wie dies in Bezug auf die statistischen Behauptungen des Professors K a s s o w i tz auch von Hofrath Widerhofer angekündigt wurde. Nur in der Frage der Präventivimpfungen producirte Hofrath Widerhofer eine Depesche des Professor's B o k a i aus B u d a - p e st, um seine Behauptungen von der Nützlichkeit derselben zu bekräftigen. Dagegen wurden die Ehrenhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit des Professors Kassowitz erörtert und einmal sogar die — Politik gegen denselben ins Feld gefühlt, indem die Anerkennung des Heilserums als e i n v e rsöhnendes Moment zwischen Deutschen und Franzosen (!) angeführt wurde, welches Professor Kassowitz durch eine ablehnende Haltung sozusagen erschüttern wollte. Der von allen Seilen bedrängte Profeffor Kassowitz versuchte im Laufe der Ausführungen des Professor's Widerhofer wiederholt zu remonstriren, wurde aber durch energisches Zischen von der anderen Seite niedergehalten. Nur als ihm noch die Zumuthung gestellt wurde, daß es eineGewissenssache sei, unserer Bevölkerung die Hoffnung auf die glänzenden Erfolge des Heilserums dadurch zerstört zu haben, daß er dasselbe als für die Gesundheit schädlich hingestellt hätte, war Profeffor Kassowitz nicht mehr zu halten. Zum Schluffe des Vortrages des Professors Wid erh o f er protestirte Profeffor K a s s o w i tz gegen diese Zumuthung mit dem Hinwelse auf die Thatsache, daß er weder mündlich noch schriftlich jemals diese Behauptung aufgestellt hätte." In einer zweiten Versammlung nun errang Professor Kassowitz mit seiner Entgegnung einen vollen und unbestrittenen Erfolg. Die Versammlung nahm seine Ausführungen mit rauschendem Apvlause auf und Professor Widerhofer erklärte verlegen, daß er mit Professor Kassowitz nicht polemisiren wolle. Die Rede des Herrn Dr. Kassowitz war nach vielen Richtungen intereffant und verdient, daß wir Einiges aus derselben herausheben. Hofrath Drasch e habe das Berdammungsurtheil oaus pdrase ausgesprochen; er, Redner, sei nur Zweifler gewesen und sei es Heute noch in größerem Maße als früher. Hofraih W i d e r h o f e r, der begeisterte Anhänger der Serumlherapie, sei von seinem ehemaligen Assistenten, dem gegenwärtigen Direktor eines der größten Kinderspitäler, Dr. Gründinger, desavouirt worden, da bei Letzterem der Erfolg vollständig ousgeblieben sei. lieber solche negai've Erfahrungen dürfe man sich nicht huiwegsetzen. Profeffor S ol t a n in Leipzig, der denselben Rang habe wie Widerhofer (Oho-Rufe), veröffentlichte in der letzten Woche seine Erfahrungen über 90 Fälle, die ungünstig verliefen. In dev Symptomen zeigte sich nirgends eine Abweichung vom gewöhnlichen Verlaufe der Diphiheritis. Soltan erklärte, er könne es nicht verantworten, die Kinder blos mit Serum zu behandeln. Was fangen, ruft Profeffor Kassowitz aus, die Enthusiasten der Serumtherapie mit solchen Mittheilungen an? Redner wendet sich hierauf gegen Widerhofer. Anstatt Gegenargumente zu bringen, wollte er mich einschüchtern. Meine heutige Situation ist für mich keine neue. Vor zwölf Jahren,, als ich meine Phosphorbehandlung bei Rhachitis mittheille, wurde gegen mich ein ähnlicher Feldzug inscenirt — und was war das Resultat? Die Phosphorbehaudlung der Rhachitis (englische Kinderkrankheiten) ist seither ein Gemeingut der Aerzte geworden. Ich spreche die Befürchtung aus, daß auch der heutige Kampf nicht zu meinen Ungunsten ausfallen wird. Redner citirt einen amtlich'N Bericht des Dr. Perl aus der Bukowina, wonach von 67 immunisirten Kindern in den nächsten Wochen 13 erkrankt und 2 gestorben sind. Da könne doch Niemand von einem Schutze gegen Diphtherie sprechen. Löffler, der Entdecker der Diphtheriebacillen, sage, man müsse auch local behandeln. Das Sammelcomitä in Berlin habe seine Sammlungen einstweilen sistirt; denn von 2000 Fläschü en, die zur Verfügung standen, seien blos 900 abgeholt worden; die Begeisterung inBerlin müsse daher bereits abgekühlt sein. Diesmal weht der kühle kritische Wind inBerlin, während wir in Wien noch den heißen Samum verspüren. Redner schließt: „Die Enttäuschung muß im Publicum selbst im günstigsten Falle eine ungeheure sein. Das Publicum wird ' nicht zufrieden sein, wenn ein paar Kinder weniger sterben oder wenn der Prosector bei der Obduktion günstige Veränderungen findet. Wer weiß, ob Hofrath Wid erh oser es nicht einmal bedauern wird, ohne Nöthigung seiner sicheren Ueberzeugung von der Heilwirkung des Serum Ausdruck gegeben zu haben?!" l Langanhaltender Beifall.) W i d er ho ser sagte sodann, er lasse sich in keine Polemik mit Kassowitz mehr ein. Hiemit war die Debatte zu Ende. Dieser Stimmungsumschlag wirft ein höchst charakteristisches Licht auf den Geist der „Gesellschaft der Aerzte". Man behandelt eine Frage von eingehender wissenschaftlicher Bedeutung nach politischen Gesichtspunkten, nach confessionellen Neigungen und augenblicklichen Eindrücken. Professor Kassowitz ist seiner Anschauung in beiden Versammlungen treu geblieben und lediglich seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung gefolgt, Kann man dasselbe von der Majorität der „Gesellschaft der Aerzte" behaupten? Und zum Schluffe das Allerlustigste! Das Organ der Greg orig und Genossen, das „Deutsche Bolksblatt", sieht sich, um die antisemitische Theorie vom „Heilgeserres" zu retten, gezwungen, für den Juden Kassowitz und ge g en den Arier Widerhofer sowie gegen' die antisemitische Majorität der „Gesellschaft der Aerzte" Partei zu nehmen. „Der jüdische Kinderarzt Professor Kassowitz", schreibt dtt antisemitische Moniteur, „trat den Ausführungen W id erh o fer's, der bekanntlich ein warmer Anbeter des B eh rin g'schen „Heilmittels" ist, in anderthalbstündiger Rede entgegen. Der Wahrheit entsprechend, müssen wir constatiren, daß der gestrige Vortrag Kassowitz' einen vollständigen Sieg über die von Hofrath Baron Widerhofer in der vorwöchentlichen Sitzung gegen Ersteren erhobenen Vorwürfe bedeutet". Was bleibt nach alledem noch von dem „Heilgeserres" der Antisemiten, von ihrer Behauptung, daß die jüdischen Aerzte die Christenkinder mit dem Heilserum vergiften wollen, übrig? Wenn die Herren diese liebenswürdige Behauptung noch weiterhin aufrechterhalten wollen, so werden sie dieselbe fortab an eineandereAdresse richten müssen. Herr G re g o r ig mag sich dann hierüber mit den Parteigängern des Hofrathes W i d e r- Hofer auseinandersetzen. „Unsere Großen." Herr Dr. Friedländer hat mix dem Artikel über „Unsere Großen" in Nr. 3 dieses Blattes einen wunden Punkt berührt und sich dadurch ein unbestreitbares Verdienst erworben. Dies kann man dankbar zngeben, wenn man auch nicht in allen Punkten mit ihm übereinstimmt. Es ist nämlich irrig, wenn er Wien auf der einen Seite, Paris—London—Berlin auf der anderen gegenüberstellt. Vielmehr liegen die Berliner Verhältnisse den Wiener Zuständen ähnlicher, als jenen im Westen. Das ist auch ganz natürlich, da die Vorbedingung, eine starke antisemitische

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