Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 8 Wrsterrrvtztfttzr MochrnsthrM Sette 87 an. Wie gern hätten sie ihn, der wie kein Anderer zum Volksvertreter qualificirt war, in's Parlament entsandt: er mußte es immer ausschlagen, weil er seine zahlreichen Kranken nicht im Stiche lassen durfte. Dagegen wurde er in's Stadtparlament gewählt, dem er 17 Jahre lang angehörte zum Segen der Entwickelung der Stadt. Seinem Einflüsse nicht zum mindesten verdankt die Stadt die Wahlen von Männern wie Hobrecht und Forckenbeck zu Oberbürgermeistern, die ihm beide später mit ihrer vertrauten Freundschaft dankten. An dem politischen Leben nahm er nach wie vor thätigen Antheil. Der Vorstand des Wahlvereines der freisinnigen Volkspartei, der übrigens zu Ehren des Jubilars am 15. Jänner einen Festcommers veranstalten wird, zählt ihn noch heute zu seinem Mitglieds. Als ihm vor wenigen Monaten der freisinnige Volksverein für die Ohlauer Vorstadt „Kaiser Friedrich" das Amt des ersten Vorsitzenden antrug, zögerte er nicht, der Bitte zu willfahren. Der siebzigste Geburtstag des Dr. Asch gestaltete sich zu einer Feier, die Zeugniß ablegte von der außerordentlichen Liebe und Werthschätzung, deren sich der Jubilar in unserer Stadt erfreut. Vom frühen Morgen bis tief in die Nachmittagsstunden hinein erschienen die Gratulantin in ununterbrochener Reihe und gar manche von ihnen brachten Angebinde mit. Blumenspenden und anderweitige Geschenke, so wie die schriftlichen Gratulationen sich schier nimmer erschöpfen wollten. Sechs Vereine und Corporationen, denen der „alte Asch" als Mitglied bezw. als Vorstandsmitglied angehört, hatten Deputationen entsandt. Nachdem als erste Gratulanten die Familienangehörigen ihre Glückwünsche dargebracht, erschienen als erste Deputation Mitglieder des Vorstandes des Asylvereins für Obdachlose, den Dr. Asch mit begründet hatte. Avch Adolf L'Ar ronge, der mit dem Hause Asch seit langer Zeit innigst befreundet und vor einigen Jahren auch in verwandtschaftliche Beziehungen zu demselben getreten ist — Dr. Asch ist das Urbild des „Dr. Klaus" — war aus Berlin herbeigeeilt. Der Vorsitzende des Asylvereins, Particulier Hermann Ha in au er, überreichte im Namen desselben unter einer herzlichen Ansprache eine Adresse. Ferner gratulirten im Namen des Vorstandes der Aerztekammer der Provinz Schlesien Sanitätsrath Dr. Wollner, Stadtrath Dr. Steuer und Dr. Stern aen, dann der Verein Breslauer Aerzte durch eine Deputation, deren Sprecher Primararzt Dr. Buchwald war, und der Verein „Hilfscasse der Aerzte des Regierungsbezirks Breslau" durch eine Abordnung. Dem Politiker Äsch brachte als Vertretung der freisinnigen Volkspartei der Stadt Breslau der Vorstand des Wahlvereins feine Glückwünsche dar. Die Ansprache hielt an Stelle des verhinderten ersten Vorsitzenden, Rechtsanwalts Heilberg, Kaufmann und Stadtverordneter Hermann Haber. Der Verein der freisinnigen Volkspartei der Ohlauer Vorstadt „Kaiser Friedrich" entbot seinem ersten Vorsitzenden durch eine Abordnung seinen Glückwunsch, der in einer Ansprache des zweiten Vorsitzenden des Vereins, Lehrers Stäche, sowie in einer künstlerisch ausgestatteten Adresse seinen Ausdruck fand. Außer diesen Deputationen gratulirten die überaus zahlreichen persönlichen Bekannten des Jubilars, der leider alle seine Gäste sitzend empfangen mußte, da er am Tage vor seinem Geburtstag auf dem glatten Trottoir ausgeglitten und durch den Fall sich eine heftige, aber glücklicherweise nicht gefährliche Contusion der Kniescheibe zugezogen hatte. Trotz der mit dieser Verletzung verbundenen Schmerzen war Dr. A s ch aber frisch und munter, und Niemand hätte ihm sein Leiden angemerkt. Der Neid der Götter hat seinen Tribut von ihm verlangt und mögen sie sich auf viele Jahre hinaus damit zufrieden geben. Berlin, 22. Jänner. Wir erhalten nachstehende sehr beachtenswerthe Zuschrift: Hochgeehrter Herr Redacteur! Wie Wiener Blätter mittheilen, befindet sich Herr Rabbiner Arvas aus Jerusalem in Europa, um für die in seiner Heimat befindlichen marokkanischen Glaubensbrüder Spenden zu sanimekn. Wir sollten, meine ich, seine Anwesenheit unter uns benutzen, um mit ihm zu berathschlagen, wie die sogenannte Wohlthätigkeit zu Gunsten der Bewohner des beiligen Landes aus einem Fluch zu einem Segen werden kann. Zugegeben mag ja werden, daß in Palästina große Armuth herrscht, andererseits sind Kenner der Verhältnisse darüber einig, daß gerade die planlose Wohlrhätigkeir viel zur Erhalrung der Armuth beigetragen hat. Wenn ich die jüdische Bevölkerung Jerusalems auf etwa 25.000 Köpfe veranschlage, was für die vergangenen 10—20 Jahre entschieden zu hoch gerechnet ist, so muß, abgesehen von den d recten Spenden für Hospitäler, Waisenhäuser und dergleichen, die Chalukah allein pro Kopf 50—60 Mark ergeben haben, für die Familien von vier Köpfen also etwa 200 Mark. Das sind Zahlen wie man sie anderweit nirgends kennt und die bei den geringeren dortigen Preisen umsomehr ins Gewicht fallen. Wo allerdings eine Familie, die ihres Ernährers beraubt war. sich lediglich auf die Spende angewiesen sah, war ihr Los nicht glänzend; andererseits lag kein Grund vor, ein derartiges Geschenk Familien zu machen, welche im Wohlstand, sog-'r im Reichthum sich befinden. So lange die Bevölkerung Jerusalems hauptsächlich aus Idealisten bestand, die zur Entschädigung für die Enttäuschungen im Leben den Wunsch ausdrückten, im heiligen Lande ihr Alter zu verbringen und zu sterben, mochte es zur Roth angehen, alle gleichmäßig zu bedenken. Es lag sogar ein sinniger Gedanke darin, die ganze Bevölkerung einheitlich als Sripendiaten der europäischen Judenheit zu behandeln. Aber „Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage"; durch Telegraphen und Eisenbahnen hat auch der Weltverkehr Eingang in Palästina gefunden, neben dem lalwiä Lbacbam wohnt jetzt der Großhändler und Grundstücksspeculant. Es liegt keine Veranlassung vor, auch diese in gleicher Weise mit Spenden zu bedenken. Den scharfen Kritikern, welche behaupten daß häufig gerade den Reicheren und ihren Freunden, weil sie Einfluß besitzen, mehr von den Spenden zufließt, als ihnen pro Kopf zukäme, braucht man nicht einmal Glauben beizumessen, um den jetzigen Zustand im höchsten Maße tadelnswerth zu finden. In der letzten Sitzung der Anglo-Jewiah-Aasociation wurde berichtet, daß d'.e von der Association übernommene Evelina de Rothschild-Schule dazu übergangen sei, für Schülerinnen aus wohlhabenderen Familien Schulgeld einzufordern. Während die andersgläubigen Familien, Christen und Muhammedaner, das Schulgeld für ihre die Schule besuchenden Kinder ohne Weiteres zahlten, verlangten einige wohlhabende jüdische Familien für ihre Töchter nach wie vor freie Schule. Das ist ein Beweis, wie sehr das moralische Gefühl durch das Almosenempfangeil abgestumpft ist. So sehr die Chalukah, wie ich zugegeben habe, auf der einen Seite einer idealen Regung der jüdischen Volksseele entsprach, so wenig erfüllt sie das eigentliche Ideal der Wohlthätigkeit, nicht des Gebers, sondern des Empfängers wegen geübt zu werden. Nur aus einer Art Egoismus, der sogenannten Wohlthätigkeit konnte der „Kolel" entstehen; wenn die Wohlthätigkeit wegen der Bewohner I er usa-lem 's und nicht wegen der Geber in Europa geübt wurde, durste es eine derartige Institution nicht geben. Es ist geradezu eine Satire aus die Idee d.s einheitlichen Israels, wie sie doch wenigstens für Palästina gehegt werden müßte, daß jeder Stamm nur für seine Palästinenser Juden Geld sammelte und vertheilte. Diesem — wenn ich so sagen darf — Kolelismus haben wir wohl auch die Reise des Rabbiner Arvas zu verdanken. Warum geht es gerade den Marokkaner Juden dort schlechter, warum muß gerade für diese besonders gesammelt werden? Augenscheinlich, weil sie von der Chalukah nichts abbekommen, weil es Sammlungen für einen „Kötel Marokko" noch nicht gibt. Ein weiterer Unfug liegt in der unerhörten Menge von Porto, welches in Palästina verschwendet wird. Das Porto der Bittbriefe, die ich von Instituten und Privaten alljährlich aus Jerusalem erhalte, schätze ich auf etwa 5 fl. jährlich; danach darf der Aufwand für Beitelporto wohl aus Zehntausende von Gulden jährlich geschätzt werden. Und das muß sich doch wohl bezahlt machen, sonst würde es eben aufhören. Abgesehen von d:m großen Aufwand von Portospeien, den wir hier in Europa rxtra unnütz bezahlen müssen, ehe man in Jerusalem aus seine Kosten kommt, macht es doch einen peinlichen Eindruck, daß man in Jerusalem so gute Listen hat, in denen jeder freundliche Geber verzeichnet ist. Das setzt eine —geradezu herausgesagt — Technik des Schnorrens voraus, die ja an sich bewundernswerth. aber ihres Zweckes wegen tiestraurig ist. Neulich habe ich auf diesem nickt mehr ungewöhnlichen Wege sogar einen Briefbeschwerer aus Olivenholz erhalten, dessen Porto rc. wohl ebensoviel gekostet hat. als der ganze Gegenstand in Palästina werth ist. Noch dazu mit der augenscheinlich unwahren Angabe, daß die jüdischen Drechsler durch die arabischen Zwischenhändler ihres Absatzes beraubt seien. Die Besserung dieser Verhältnisse ist leicht. Briefe, welche direct aus Palästina kommen, sollte man überhaupt unberücksichtigt lassem Was man nach dort spenden will» ibergebe man Lemaan Zion, der Alliance israölite, Anglo-Jewish-Association oder ähnlichen Bereinigungen, sei es zur freien Verfügung in Palästina, sei es zur Verwendung für bestimmte Zwecke. Allenfalls spende man direct an solche Kranken-, Waisenhäuser rc., welche über ihre Wirksamkeit, über Einnahmen und Ausgaben Rechenschaft oblegen. Die bisherige kritiklose Wohlthätigkeit hat gerade Verehrern des heiligen Landes, wie dem verstorbenen Vorstandsmitglied der Alliance Michel Erlanger manche trübe Stunde bereitet. Sie verletzt den Hauptgrundsatz der talmudischen Wohlthätigkeit, den Nehmer selbstständig zu machen, statt zu einem Almosenempfänger Und deshalb sollten gerade fromme Juden sich von dieser Parodie der Wohlthätigkeit abwenden. Mit ausgezeichneter Hochachtung Dr. Heinrich M e y e r C o h n. Paris. Bei dem Neujahrs-Avancement sind wieder zwei jüdische Obersten zu Brigade-Generälen ernannt worden und zwar Oberst Aron vom 29. Regiment und Oberst Wolfs vom 15. Artillerie-Regiment. — Auch die Ehrenlegion haben mehrere Juden erhalten, so der Chef-Architekt' der Stadt Lyon,