Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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©dfe 86 Vrürrrevtztfttzk MochrnptzrM Kr. 5 wurde strafweise zurückbehalten und wegen dieser „Beschimpfung in den Claffenkatalog eingetragen. Hochachtend Ein Glaubensgenosse. Lemberg, 24. Jänner. Die jüdischen Reichsraths- und Landtags-Abgeordneten Galiziens haben sich auf Anregung des Abgeordneten Dr. v. Rapoport in einer heute hier abgehaltenen Versammlung, in der die überhandnehmende Nothlage der jüdischen Bevölkerung Galiziens eingehend besprochen wurde, als Hilfscomfte constituirt, dessen Ausgabe es sein wird, der nothleidenden jüdischen Bevölkerung Arbeit zu verschaffen und neue Erwerbsquellen zu eröffnen, ferner der jüdischen Jugend die Möglichkeit zur praktischen Ausbildung als Landwirthe, Handwerker und in verschiedenen Gewerben zu bieten. Es wurden zum Obmanne des Comltes Dr. v. Rapoport. zu dcffen Stellvertreter Abgeordneter Dr. Byk und zum Cassier Abgeordneter Dr. Goldmann gewählt. Das Comite versendete sofort an viele einflußreiche und hervorragende Persönlichkeiten des Landes ein Questionnaire über die Erwerbsverhältniffe der Juden in Galizien und traf Maßregeln zur Hebung der Talleswebrrei in Kolowea. Dem Hilfscomitö wurde seitens der zahlreichen maßgebenden Persönlichsten des Landes die ausgiebigsteUnterstützung zugesagt. Budapest. Die orthodoxen Juden beim Ministerpräsidenten. Die Landesvertretung der vaterländischen, orthodoxen Judenschaft machte gestern beim Ministerpräsidenten Baron Desider Banffy ihre Aufwartung. > Die Deputation bestand aus dem Präsidenten der hiesigen orthodoxen Gemeinde, Perlmutter, den Borstan^mitgliedern Frankl und Ernst, den Oberrobbinern aus Budapest, Entredam, Nogy - Szöllös. Balaffa - Gyrmat, Wachen, Hajdu-Szoboßlä. SzilLgy-Somlü, Nagy-Sallv, Steinamanger und Maros-VäsLrhely und den Delegirten mehrerer orthodoxen Gemeinden. Als Redner fungirte der Szil^gy-Somlöer Oberrabbiner Moses Rosenbaum, der an den Ministerpräsidenten eine Ansprache richtete, in welcher es hieß: .„Iw Namen der vaterländischen, orthodoxen Judenschaft sind wir hier erschienen, um Ew. Excellenz aus Anlaß Ihrer Ernennung zum Mmisterprästdenten von Ungarn achtungsvoll und freudigst zu begrüßen. Ew. Excellenz haben im Laufe vieler Jahre wiederholt und glänzend bewiesen, und zwar nicht nur mit Worten, sondern auch durch Thalen. daß Sie, von der erhabenen Idee der den confeffionellen Unterschied nicht kennenden Rechtsgleichheit ausgehend, den Triumph des unversälschten Liberalismus und der Gewissensfreiheit vom Herzen wünschen. Wir wissen daher, daß Ew. Excellenz mit ihrer liberalen Gesinnung stets em edler Beschütze, unserer Autonomie sein werden." Redner schloß mu den besten Wünschen für das Regime das Baron Bü-nssy. Auf diese Ansprache erwiderte — wie „Zstdü Htrado meldet — Ministerpräsident Baron Desider Bü-nfsy Folgendes : „Geehrte Herren! Ich danke Ihnen für Ihr stündliches Erscheinen und nehme mit Vergnügen Ihre herzlichen Glückwünsche entgegen, anläßlich dessen, daß mich das Vertrauen Sr. Majestät unseres allergnädigsten Herrn an dre Spitze der Regierung gestellt hat. Ich kann Jbnen versichern, daß ich es als eine meiner Hauptaufgaben betrachten werde, daß in diesem Vaterlands Jeder, ohne Unrerschied der Confessio n, in mir den Förderer seinerJnteressen finde. Schon gelegentlich meiner früheren enger begrenzten Thätigkeit als Oberyespan habe ich es persönlich wahrgenommen, daß die ihrem Glauben anhängliche Judenschoft ein begeisterter Unter stützer der ungarischen Staatsidee und des nationalen Bestrebens r st, und ich habe schon deshalb immer gerne die Gelegenheit ergriffen, um derselben gegenüber meinem Vertrauen und memem ^znterepe Ausdruck zu verleihen. Ich versichere Ihnen, geehrte Herren, und sagen Sie dies auch Ihren Mandataren, daß ich »er Richtung, welche in meinem früheren Wirkungskreise für mich maßgebend war, auch in Zukunft treu bleibe. Ich vertraue dem Patriotismus der Herren, und indem ich Sie memes vollen Wohlwollens versichere, rechne ich ouck in Hinmnn aut ^yre gefällige Unterstützung meiner aus das Wohl des Vaterlandes undr deS Thrones gerichteten Thätigkeit. Ich danke ^hnen nochmals für Ihre ehrende Aufmerksamkeit." Langanhaltende Eljenruse folgten den herzlichen Worten des Mimsterprasidenlen, worauf der Präsident der orthodoxen Landes-Centralkanzlei. Ignaz Reich, die 24Mitglieder der Deputation vorstellte. Der Ministerpräsident reichte jedem Einzelnen die Hand und sagte schließlich: „Es sind ja hier aus allen Theilen des Landes Vertreter. Das ist wahrhaft schön, daß Sie sich herbemühten. Empfangen Sie nochmals meinen Dank." Damit war der Empfang beendet. Die Deputation begab sich sodann ins Cultus Ministerium, konnte jedoch dort, sowie mehrere andere Deputationen, bei dem überaus beschäftigten Minister nicht vorsprechen. Der Minister ließ sich durch den Präsidialsecretär Victor Molnär bei der Deputation entschuldigen. Grotz-Kanizsa. Die weiten Hallen unseres luxuriös elektrisch beleuchteten Casinos, die sonst nur der Terpsichore, dem Gesänge oder humoristischen Vorträgen gewidmet sind, erhielten dieser Tage eine nahezu patriarchalische Weihe durch den gediegenen, biblischen Vortrag unseres Herrn Oberrabbiners Dr. Neu mann über Prophetismus. Nach philologischer Erörterung des Wortes „Nabi" durch treffend angezogene verwandte Wortstämme aus dem Assyrischen und Arabischen hob der gelehrte Redner den Unterschied zwischen heidnischen Wahrsagern und biblischen Propheten scharf hervor und schilderte die Geschichtsperioden jener Zeit, bestätigt durch die Ergebnisse der neuen Entdeckungen keilschriftlicher Documente in wahrhaft anziehendster Weise. Den Nationalgöttern der Nachbarvölker Palästinas gegenüber verkündeten jene begeisterten Seher einen Weltengott, Schöpfer des Lichtes und der Finst^rniß, der Alles regieret und Alles beherrschet; die blutigen Opfer verpönend. jeden After-Gottesdienst verwerfend, predigten sie schon in jener grauen Vorzeit den wahren, heute noch angestrebten Humanismus und förderten mit ihrem zündenden Worte Wahrheit, Völkerfreiheit und Menschenrecht. Stürmischer Applaus folgte den Ausführungen desRedners, worauf sich die Anwesenden in den Nebenlocalitäten zerstreuten. Breslau, 5. Jänner 1895. Am heutigen Tage vollendet einer unserer verdienstvollsten Mitbürger, Herr Dr. med. Sigismund Asch, sein 70. Lebensjahr in voller körperlicher und geistiger Frische, in geradezu jugendlicher Rüstigkeit und Spannkraft. Geboren am 5. Jänner 1825 in Schweidnitz und im Jahre 1846 zum Doctor promovirt, wurde er, während er sich im Staats-Examen befand, von den Freiheitsideen des Jahres 1848 mächtig ergriffen. Von den Führern der Breslauer Revolution ist er der einzig Ueberlebende, wie er ja beiweitem der jüngste unter ihnen war. Seine glühende Beredsamkeit, die ihm bis zum heutigen Tage erhalten geblieben, seine kräftige, von einem mächtigen, weithin tönenden Organ unterstützte Persönlichkeit ließen ihn zum Bolksführer wie geschaffen erscheinen. Er wußte, trotz seiner Jugend, die Geister zu bannen; die aufgeregte Masse schwieg, sobald er zum Reden den Mund öffnete, so daß selbst auf Platzen von der Größe des Exercierplatzes in Breslau bis in die entferntesten Reihen des Volkes jedes Wort verstanden wurde. Wegen seiner berühmten Rede vom September 1848 des Hochverrats angeklagt, wurde er — in erster Instanz batte die öffentliche Änklagebehörde die Todesstrafe beantragt — in zweiter Instanz zu einem Jahre Festung, unter Belassung der Ehrenrechte, verurtheilt. Nach Abbüßung dieser Strafe auf der Festung Glatz luH sich Dr. Asch in Breslau als praktischer Arzt nieder und gewann bald, obwohl ihm seiner politischen Vergangenheit wegen auf Schritt und Tritt Schwierigkeiten bereitet wurden — er durfte z. B. nicht einmal Armenarzt werden — eine immer weiter sich ausdehnende Praxis. Man hatte bald herausgefunden, daß er nicht blos ein außergewöhnlich tüchtiger Arzt war, dessen geschickt' Hand, dessen Einsicht und Umsicht, dessen Fürsorglichkeit man schätzte, sondern daß man es bei ihm auch mit einem wahrhaft edlen Menschen zu thun hatte, der seinen Beruf mit dem Herzen auffaßte. In Tausenden von Krankenstuben Minderbegüterter hat er nicht blos körperliche Gesundheit eingefübrt, sondern auch geistigen Rath gespendet nnd thatkräftige Hilfe geleistet, wo Noth und Kummer aller Art ihr Laaer aufgeschlagen hatten. Es verstand sich von selbst, daß. wo es galt, die geistigen und materiellen Interessen des ärztlichen Standes zu fördern. Dr. Asch sich bereit - illig in den Dienst der guten Sache stellte, daß. wo es die Verwaltung von Ehrenämtern galt, sich die Blicke seiner Berufsgenoffen auf ihn richteten. So!eitet?er als Vorsitzender den segensreich wirkenden Verein „Hilfscaffe der Aerzte des Regierungsbezirks Breslau", so gehört er als Schriftführer de« Vorstande der Aerztekammer der Provinz Schlesien und d?m Vorstände des Vereines Breslauer Aerzte