Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 5 Vrsterrrichlptze Wochrnptzrtst Seite 85 Cürre.HMt!enLm. Wien. (Dr. Maximilian Landesberger.) Letzten Freitag verschied hier im 75. Lebensjahre der Hof- und Gerichts-Advocat Dr. Max Landesberger, ein Mann von rühmlicher politischer Vergangenheit. Er gehörte seit Beginn der Fünfziger-Jahre dem Gemeinderathe seiner Vaterstadt Lemberg, später dem Vorstände der Lemberger israelitischen Cultusgemeinde und seit 1865 dem galizischen Landtage an, der ihn im Jahre 1867 in den Reichsrath wählte. In allen diesen Körperschaften erfreute er sich großen Ansehens und im Reichsrathe wirkte er bei der Schaffung zahlreicher Gesetzesvorlagen, so namentlich der Advocaten- und Concursordnung mit. Seit dem Jahre 1873 zog er sich vom politischen Leben zurück und widmete sich seinem Berufe, in dem er besonders als „Beamtenvater" vor dem.Reichsgerichte hervortrat. Das Leichenbegängniß fand Sonntag Bormittag um 10 Uhr vom Trauerhause aus statt. Unter den Anwesenden bemerkte man den Gesammtvorstand der Oesterr.-Jsrael. Union, dessen Mitglied der Heimgegangene jahrelang gewesen, die Vertreter der Chewra - Kadischa und zahlreiche Freunde und Verehrer des Verstorbenen. Im Trauerhause hatte der Bice- Präsident der Oesterr.-Jsrael. Union Herr Hof- und Gerichts- Advocat Dr. Markus Spitzer in wehmüthigen Worten dem Borstandscollegen den Dank für sein edles, gemeinnütziges Wirken ausgesprochen und ein Lebewohl zugerufen. Auf dem Centralfriedhofe, wo Herr Obercantor Singer die Trauergesänge executirte, widmete Herr Oberrabbiner Dr. Güdem ann dem Heimgegangenen einen warmen Nachruf. Er zeichnete den Lebensgang Dr. Landesberge r's als Freiheitsmann und Jude, der in seinem thatenreichen Leben für sich keine Glücksgüter, sondern die Treue gegen sich und seine Ideale gerettet hat. Friede seiner Asche! Wien. Am 7. d. M. starb hier der Realitätenbesitzer Herr Moses Reich. Vater des Weingroßhändlers Herrn Adolf Reich und des Handelskammerrathes und Mitgliedes des k. k. Staatseisenbahnrathes Herrn Leopold Reich. Der Verstorbene hat das selten hohe Alter von 102 Jahren erreicht und war bis zu seinem Lebensende körperlich und geistig frisch — er interessirte sich noch für Alles und verfolgte die Tagesfragen noch bis zum letzten Augenblicke, sein scharfes Ürtheil überraschte Jedermann, der mit ihm verkehrte. Moses R ei ch, in Austerlitz, einer kleinen Stadt Mährens, geboren, war eine durch kaufmännische Tüchtigkeit, streng solide Grundsätze, großen Unternehmungsgeist angesehene und sehr beliebte Persönlichkeit. Im Krimfeldzuge wurden ihm die sämmtlichen großen Lieferungen für die Occupationstruppen in der Moldau und Wallachei übertragen, ein Unternehmen, welches vor Allem gewaltige Energie, Umsicht und Tüchtigkeit erforderte; er wurde auch für die prompte und streng reelle Durchführung von Seiner Majestät dem Kaiser Franz Josef I. damals ausgezeichnet und im Krkeasjabre 1866 wurde ihm wieder eine große Lieferung für die Armee übertragen. Stets von seinew ausgedehnten Reisen, die sich bis nach Asien erstreckten, in seinen kleinen Heimatsort zurückkehrend, hat er für das Wohl dieser Gemeinde bestens zu wirken verstanden. In den Fünfziger-Jahren übersiedelte M. Reich nach Wien-Fünfhaus und war einer der ersten Juden, der aus seinen Namen ein Haus kaufte. Den Aufschwung und die Vergrößerung Wiens voraussehend, kaufte er viele Grundstücke in Hietzing und St. Beit, baute, um die Gegend zu beleben, selbst eine große Anzahl von Billen und legte so den Grundstein für die jetzige schöne Lainzerstraße. — Für seine Verdienste um die Gemeinden Hietzing und St. Veit wurde eine Gaffe nach seinen Namen Reichgaffe benannt. Moses Reich war stets wohlthätig und hat auch testamentarisch die Armen ohne Unterschied der Confession mit größeren Legaten bedacht, so z. B. 2000 fl. für die Gemeinde St. Veit mit der Bestimmung, die Zinsen an Chanucka und Weihnachten zur Bertheilung von Kleidungsstücken an arme Kinder zu verwenden. Eine große Anzahl von Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln betrauerw den theuren Verstorbenen. Wien. (Jüdische Hausirer.) Es erschien in der Zimmermanngaffe in Währing bei den beiden Haufirern Schulim Korn und Abraham Drescher ein gut gekleideter Mann und rief sie zu sich. Als die Hausirer an ihn herangetreten waren, sagte der Unbekannte: „Woll'n's mir was abkaufen?" — „Warum denn nicht?" war die Antwort. — „Ja, aber Sie dürfen mich nicht verrathen!" Als die Hausirer dies zugesichert hatten, zog der Bursche aus der Tasche eine Borstecknadel und ein Paar Ohrgehänge, deren Werth sich auf mindestens 150 fl. belaufen dürfte, und zeigte diese Pretiosen den Käufern. Er verlangte dafür 20 fl. und fügte hinzu: „Ihr könnt mit mir noch viele Geschäfte machen, denn ich habe noch Gold zu Hause!" Dem Korn und dem Drescher war es klar, daß sie es hier mit einem Diebe zu thun hatten, und während Dresch er nun mit ihm feilschte, entfernte sich K o r n, um nach einem Wachmann Umschau zu halten. Drescher bot dem Dieb 10 fl. an, doch dieser verlangte 15 fl. Der Hausirer zog den Handel in die Länge, um den Mann zurückzuhalten, doch dieser schien durch die Abwesenheit Korn's Verdacht geschöpft zu haben und entfernte sich. Als Korn nun kam. war der Mann verschwunden. Er und Drescher begaben sich auf die Suche, schritten die Straßen kreuz und quer, aber weder ein Wachmann war zu sehen, noch der Dieb zu erblicken. Endlich fanden sie ihn an die Planke bei der Ausmündung der Alsbachstraße in die Gürtelstraße gelehnt, nach allen Seiten spähend. Die Hausirer traten auf ihn zu und Drescher sagte: „Ich geb' Ihnen 12 fl.!" — Na, 13 fl., das muß i haben!" Und noch immer kein Wachmann. Da sprang ein Wachmann, der nicht im Dienste war, von der Tramway ab. Kaum hatten Korn und Drescher ihn gesehen, als sie ihn riefen und den Dieb faßten. Der Gauner stieß den einen der Hausirer von sich, dem anderen versetzte er einen heftigen Schlag auf die Hand. Doch der Wachmann war schon zur Stelle und nahm den verwegenen Gesellen fest. Während der Eseortirung schimpfte der Gauner weidlich auf die jüdischen Hausirer, in der offenbaren Absicht, die Menge, die sich angesammelt hatte, gegen die Hausirer zu erbittern. Doch die Leute erfuhren alsbald, um was es sich handle und ließen die Hausirer unbehelligt. Brünn, den 29. Jänner 1895. An einer der hiesigen Mittelschulen gab der Herr Profeffor aus dem Deutschen den Schülern einer Claffe eine Hausarbeit nach dem Leseflücke „Reineke Fuchs" von Goethe. In diesem Epos ist fauch im vorgeschriebenen Lesebuche) an folgender Stelle der Ausdruck Pfaffe gebraucht: „Und wenn Hintze. der Kater, den ich mit Ebren empfangen, Nach Vermögen bewirthet, sich nicht vom Stehlen enthalten, In die Wohnung des Pfaffen, so sehr ich ihn treulich verwarnte, Sich bei Nacht geschlichen." Am Anfang des Schuljahres hat der betreffende Herr Profeffor den Schülern dringend anbefohlen, sich so viel als möglich an den Wortlaut des Buches zu halten. Bei dieser Aufgabe nun gebrauchte an vorerwähnter Stelle ein jüdischer Schüler gemäß dem Wortlaut des Buches den Ausdruck Pfa ffe. Der Herr Profeffor betrat nun eines Tages das Schulzimmer und sagte in Gegenwart aller, auch der christlichen Schüler annähernd Folgendes: „Es ist Ihnen schon oft gesagt worden, daß Sie sich in der Wahl Ihres Ausdruckes sehr in Acht zu nehmen haben. Besonders hatten Sie sich zu hüten, gegen eine Confession, dieheute die mächtigste ist, in verdächtigender oder beschimpfender Weise zu schreiben. Sie haben zu bedenken, daß dieser erhabenen, mächtigen Religion, die ein Baum ist, dessen Wurzel tief hineinreicht in die graue Vergangenheit des Alterthums und deffen Aeste bis zum Himmel ragen, daß dieser Religion auch unser erhabener Kaiser und Herr angehört. Jede Verdächtigung oder Beschimpfung der katholischen Religion ist eine Beleidigung unseres erhabenen Kaisers. Auch ich bin stolz darauf, ein Anhänger dieser Confession zu sein, die an Ehrwürdigkeit und Macht unübertroffen dasteht." Der betreffende Schüler erhielt nun wegen dieses einenWortes auf diese Hausarbeit die Note ganz ungenügend,