Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 89 Ein aufgehendes Gestirn. (Musikalische Plauderei mit Nutzanwendungen.) „Da sag' mir eins, man soll kein Wunder glauben!" Goethe. Noch nicht ganz vier Wochen sind es her, da begann es durch die Blatter zu rauschen und zu wispern, der ganze deutsche Zeitungswald gerieth in Bewegung, die gewissen Reclamenotizchen flogen erst schüchtern and recognoscirend auf, gleich kleinen Versuchballons, dann wuchs es zu immer gewaltigerem Brausen an — die große, weltbewegende Nachricht gewann immer greifbarere Gestalt, immer festere Umrisse und endlich konnte gar Niemand mehr daran zweifeln, die Thatsache stand unumstößlich fest und großes Heil der Welt bevor: die göttliche Adelina Patti, wollte wieder einmal Wien beglücken — bei erhöhten Preisen selbstverständlich. Der große Musikvereinssaal war im Handumdrehen vergriffen bis auf das letzte Stehplätzchen. Der berühmte Apfel, die einzige Ausnahme von der sonst unerbittlichen Newton'schen Gravitationslehre, konnte wieder einmal nicht zur Erde fallen. Und trotzdem stieß Frau Reclama mit aufgeblasenen Backen weiter in ihre Riesenposaune: „Die herrlichsten Toiletten hat die Diva mitgebracht— im Hotel Mansch bewohnt sie dieselben Zimmer wie vor mehreren — die Fama ist galant und sagt nicht „dreißig" — Jahren! Und Brillanten hat sie! — Ganz Golkonda hat sich in ihren Koffern Rendezvous gegeben! — Und in deutscher Sprache wird sie eine Arie von Wagner singen! Wagner von der Patti gesungen!! Hört! — Hört!" so ging es fort. Die glücklichen Kartenbesitzer sahen nur mit mitleidigem Lächeln auf den übrigen Theil der Sterblichen herab. Die Selbstmorde stiegen an jenen Tagen auf eine merkwürdige Höhe. Ging man am Donaucanal vorüber, so hötte man es nur so plätschern — denn ohne diePatti deutsch Wagner singen gehört zu haben, hatte das Leben jeglichen Reiz für Viele verloren. Nur einer ging trüben Sinnes und schweren Herzens in Wien herum. Das war der Impresario der Adelina. Was fehlte dem Mann? Er brauchte — Füllnummern für das P a t t i-Concert und konnte sich keine verschaffen. Das ist bekanntlich das Allerundankbarste von der Welt, in einem Concert einer ersten weltberühmten Größe dafür zu sorgen, daß das Programm auch die gehörige Länge errreiche, daß die Leute nicht allzufrüh nach Hause geschickt werden, denn für ihr theueres Geld wollen sie auch ihre richtigen zwei Stunden absitzen, sonst schimpfen sie. O diese Füllnummern, diese Geduldproben! Man conversirt ganz ungenirt während derselben, man geht auch in's Buffet, man kokettirt, medisirt — man kann eine Menge nützlicher und ganz vortrefflicher Dinge vornehmen während der Zeit, wo der oder die Unglückliche dort oben auf dem Podium sich vergeblich abmüht, auch nur ein Hunderttheil des Jntereffes und der Aufmerksamkeit auf ffch zu ziehen, welche dasselbe Publicum dem gefeierten Star schenkt. Für das Patti-Concert Füllnummern aufzutreiben, war eine schwierige Sache. Leute, die doch für Geld sonst etwas zu Hun pflegen, sagten ihr entschiedenstes „Nein". Vor solchem, künstlerischen Selbstmord scheute Jeder zurück. Das war so eine Art musikalisches Harikiri, was man ihnen da zumuthete. Im Märchen, und die Geschichte da klingt ein wenig märchenhaft, kommt es oft vor, daß irgend was zu wagen ist, was sich die Riesen und Helden nicht getrauen und da kommt ein kleiner Knirps daher, der das Fürchten nicht gelernt hat, ein Sonntagskind, ein Sonnenkind und der getraut sich's und wagt's. So auch dieses Mal. Die Patti sang und — wir brauchen uns doch nicht zu geniren, wir beanspruchen ja keine Freibillette, wenn sie wiederkommt — und sie enttäuschte! Man kann nicht mit einigen Fünfzigern auf dem Rücken die erste Sängerin der Wett bleiben. Nr. 5 Was sie servirte, waren bsaux i'68ts8 von einer seinen Hoftafel. Man nahm es respektvoll auf, denn es war am Ende ja doch die Patti-aber — aber. . . Man merkte am Applaus, daß etliche „Aber" mit von der Partie waren. Da trat ein elfjähriges Bürschlein vor, die Geige unter'm Arm und verneigte sich, daß ihm die langen braunen Locken über das pausbäckige, frische Knabengesicht fielen. Mit flüchtigem, ruhigem Blick streifte er die Reihen des Publicums, welches seinen munteren Gedankenaustausch ganz ungenirt begann — und ein leises Lächeln stahl sich über seine Züge, als wollte es besagen: „Na, wartet nur, ich krieg' euch schor." O^r Knirps wollte Mendelssohn's berühmtes Biolin-Concert spielen, diese Mes äs rdsistance aller großen Geiger, die jeder so sicher mit sich führt wie sein Colophonium, dasselbe Stück, mit welchem ein l?al)1o de Sarasate reist — und das ihm angeblich Niemcmd nachspielt. „Welche Kühnheit, welche Ueberhebung!" dachten Manche und nicht einmal die Unvernünftigsten. Es war ja gerade, als ob ein Kind, das kaum das Gehen erlernt hat, dem Blondin auf dem Drahtseil folgen würde, das er sich über den Niagara gespannt hat. Lächerlich! Doch das Unzulängliche, wie zu erwarten stand nach aller Einsichtigen Urtheil, ward hier durchaus nicht zum Ereigniß, sondern wie das Goethe'sche Wort weiter lautet, geschah's: „Das Unbeschreibliche Hier ist es gethan!" Dev kleine Junge im Matrosenanzug hatte den Vogel abgeschossen und den großen Sieg errungen. Alles sah nach dem Programme. Wer ist denn das eigentlich? „B ron islaw Hubermann". Er hat das große Concert Mendelssohn-Bar th o ld y's gegeigt wie ein Mann, wie ein ganzer Mann und wie ein großer Künstler. Weit über seine Jahre ist er hinausgewachsen und Achtung und Bewunderung hat sein Können eingeflößt. Die gefürchtete, vielgestrenge Wiener Kritik hat er entwaffnet, aus ihrer beliebten kühlen Reserve herausgejagt. „Ein Geniel Ein Genie ist gekommen, wie seit Menschengedenken keines da war". Eine athemlose Stille herrschte in dem ungeheueren Raume, als spräche Gott selber aus den Tönen dieses Knaben. Viele konnten sogar ihrer Rührung nicht Herr werden. Wer dachte da an Wunderkindschaft! Wir haben erst letzthin in diesen Blättern Veranlassung gehabt, darüber zu sprechen und diesen Treibhauspflanzen die Lebensfähigkeit abzusprechen. Das verkümmert und verkrüppelt dann gewöhnlich. Ist das Kind einmal zum tüchtigen Bengel herangewachsen, ist zumeist auch das Wunder vorüber. Davon kann hier die Rede, nicht sein. Bronislaw Hub er mann ist eine geradezu phänomenale Erscheinung, musikalisch bis in die Fingerspitzen. Er muß musiciren, wie er athmen muß. Er ist heute schon ein großer, ein fertiger Meister seines Jnstruruentes, der nur mit den allerersten Koryphäen verglichen und gemessen werden kann. Damit ist freilich noch nicht gesagt, daß er nicht eine noch viel höhere Stufe in seiner Kunst erklimmen werde — wir glauben es sogar mit größter Bestimmtheit. — Er hat ein Concert bei Bösenvorfer gegeben vor einem erlesenen und zahlreichen Publicum. Hunderte gingen von der Casse weg, ohne Karten erhalten zu haben. Man wandte sich an den Polizei-Commissär, daß er gestatten möge, mehr Eintritts-Stehplätze als gewöhnlich auszugeben. So viele waren hergepilgert, um den kleinen Wundermann .zu sehen, der ein Wiener Publicum im Sturme für sich eingenommen und ganz daran vergessen gemacht hatte, daß es ja eigentlich wegen der Patti gekommen war. Und ohne alle Reclame hat er das zuwege gebracht! — Wer von Hubermann die Chaconne von Bach gehört hat für Violine ohne Begleitung, der hat etwas gehört. Dieses Stück stellt die höchsten Anforderungen an den Geist und die Finger. Wer sichmit ll Jahren in die kontrapunktische Arbeit eines Johann Sebastian B a ch so innig zu versenken und ihre erhabene