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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-02-01 · 5 (1.2.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
5 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 Drstrrrrichsptzr WmtzenptzrW Seite 81 und der Journalisten mit der Betheuerung seiner Unschuld Das beweist natürlich gar nichts. Manch' ein Verbrecher hat schon seine Unschuld versichert und ist doch schuldig gewesen. Auffallend ist nur die Hartnäckigkeit, mit welcher Dreyfus seine Unschuld beschwört. Man kann sich denken,- daß er während seiner zweimonatlichen Haft uüd während des viertägigen Protestes manch einem Ansturm auf sein Gewissen ausgesetzt gewesen ist; aber weder diese Mahnungen noch die zweimonatliche Einsamkeit, noch die Aussicht auf lebenslängliche Gefangenschaft haben ihn mürbe gemacht. Für alle Psychologen ist solch' eine Hartgesottenheit verblüffend. Man sucht nach Erklärungen und findet sie nicht; und man bedauert wieder, daß diese so ergreifende, so ganz außergewöhnliche Angelegenheit ganz in Geheimniß und Dunkel gehüllt ist. Und die Stimme des Mannes, der in seiner Verzweistung hinausschreit: „Ich bin unschuldig", verfolgt Einen immer wieder. Man stellt sich demgegenüber die sieben braven Gesichter der Officiere vor, die das Kriegsgericht gebildet haben. Aber das bringt die Stimme nicht zum Schweigen; sie würde nur dann die Macht über Einen verlieren, wenn man wüßte, warum er schuldig ist. Unter diesem Eindruck hat offenbar gestern der Chefredacteur des „Soir" gestanden, der den Kriegsminister aufforderte, doch wenigstens einen Zipfel vom Schleier des Geheimnisses zu lüften. Inder That, das wäre eine große Beruhigung für alle Welt. Aber daran ist nicht wohl zu denken. Im Gegentheil, es scheinen noch allerlei dunkle Mächte im Werke zu sein, um die öffentliche Meinung noch mehr zu verwirren. Gestern brachten plötzlich alle Abendblätter die Mittheilung, Dreyfus habe sein Verbrechen gestanden; er habe zugegeben, Geheimpapiere an Deutschland verkauft zu haben, doch habe er dadurch nur deutsche Geheimpapiere berauslocken wollen. Dieses „Geständniß" erschien nach den Unschuldsbetheuerungen bei der Ceremonie durchaus unwahrscheinlich. Heute zweifeln auch die ernsten Blätter, wie der „Figaro",, an seiner Authenticität. Der „Figaro" weist besonders darauf hin, daß unter den Blättern keinerlei Uebereinstimmung herrsche über den Moment, in welchem diese Worte gesagt worden sein sollen, und über die Person, die sie gehört habe. Wer hat also den Blättern diese offenbar erfundene Meldung gegeben, von der man nur das Eine sagen kann, baß sie den Werth der Unschuldsversicherungen des Verurtheilten abschwächen mußte. Und warum hat sie insbesondere der sonst so vorsichtige, officiöse „Temps" gebracht, der noch hinzufügte, er habe sie vorher „controlirt" (bei wem?). Wenn also dieses „Geständniß" recht precär erscheint, so verdienen auf der andern Seite die heutigen Mittheilungen des „Figaro" große Beachtung, die überschrieben sind: „Die Erzählungen eines Zeugen". Der Zeuge ist der Hauptmann Lebrun-Renaut von der Garde Republicaine, welcher Dreyfus gestern aus dem Militär-Gefängniß zur Execution abgeholt hat. Vorausgeschickt muß werden, daß eine offiziöse Note heute Abend besagt, der Capitän habe keinem Vertreter der Presse die betreffenden Mittheilungen gemacht. Dieses Dementi beweist gar nichts. Es leugnet nicht die Wahrheit des Mitgetheilten selbst ab, und da der Capitän Lebrun- Renaut gestern wahrscheinlich von vielen Leuten um seine Eindrücke befragt worden ist, so kann der „Figaro" die Mittheilungen sehr gut auf Umwegen über eine dritte und vierte Persönlichkeit erhalten haben. Thatsache ist, daß der Capitän Lebrun-Renaut heute Morgens ins Kriegsministerium beschieden worden ist. Der „Figaro" meldet also Folgendes: Zwei Gendarmen holten Dreyfus aus seiner Zelle und führten ihn in die Kanzlei. Dort durchsuchte man ihm die Taschen. „Ist das nothwendig?", fragte Dreyfus mit einem traurigen Lächeln. „Es ist die Vorschrift", sagte der Officier. Dann legten ihm die Gendarmen die Handfesseln an. Der Verurtheilte hatte einen Augenblick des Widerstrebens, dann ließ er es geschehen. Dann wandte er sich zu dem Officier und bat ihn, er möchte den Feldwebel, der ihm die Abzeichen abreißen sollte, ersuchen, nur recht schnell zu Werke zu gehen, wenn ihm auch dabei die Uniform zerrissen würde; sie sei ihm so wie so zu nichts mehr nütze. Der Officier antwortete nicht. Dreyfus fügte hinzu: „Ich sehe Ihnen ins Gesicht, Herr Hauptmann, und wenn ich das zu thun wage, so ist es darum, weil ich unschuldig bin. Meine Verurtheilung ist das größte Verbrechen dieses Jahrhunderts; man wird es übrigens in drei Jahren sehen. Ich habe eine Familie, die sich mit mir beschäftigen und es dahin bringen wird, meine Unschuld zu beweisen. Man wird dann die Strafe bedauern, die man heut über mich verhängt." Und bis man ihn auf den Richtplatz führte, wiederholte er fortwährend: „Meine Verurtheilung ist das größte Verbrechen dieses Jahrhunderts." Vorher aber, während er in einem der Schulzimmer der Militärschule aus den verhängnißvollen Augenblick wartete, entspann sich folgende Unterhaltung zwischen ihm und dem Capitän L e b r u n - R e n a u t, der ihn bewachte: „Haben Sie nicht an den Selbstmord gedacht, Herr Dreyfus?" fragte der Capitän. — „Jawohl, Herr Hauptma nn," antwortete Dreyfus, „aber nur am Tage meiner Verurtheilung. Später bin ich zur Ueberlegung gekommen. Ich habe mir gesagt, daß ich, unschuldig, wie ich bin, nicht das Recht habe, mich zu tödten." — „So sind Sie also unschuldig?" — „Hören Sie zu, Herr Hauptmann: Man findet im Papierkorb einer Botschaft ein Papier, das die Uebersendung von vier Schriftstücken ankündigt. Man legt das Papier den Sachverständigen vor. Drei erkennen meine Schrift, zwei erklären, daß die Schrift nicht von meiner Hand ist, und daraufhin verurtheilt man mich! . . . Mit achtzehn Jahren bin ich in die polytechnische Akademie eingetreten, ich batte vor mir eine glänzende Zukunst, 500.000 Francs Vermögen und die Aussicht auf 50.000 Francs Rente für später. Ich bin niemals ein Schürzenjäger gewesen. Ich habe nie in meinem Leben eine Karte angerührt; darum habe ich nie Geldbedürfniffe gehabt. Warum hätte ich also verrathen sollen? Für Geld? Rein. Also wofür sonst?" — „Und was waren das für Schriftstücke, deren Uebersendung man anzeigte?" „Ein sehr vertrauliches und drei weniger wichtige." — „Und woher wissen Sie das?" — „Man hat es mir beim Proceß gesagt. Oh, dieser Proceß bei verschlossenen Thüren! Wie sehr hätte ich gewünscht, daß er öffentlich gewesen wäre! Das hätte sicherlich einen Umschlag der Meinung herbeigeführt." Er richtete sich starr auf, wie fühllos, und fügte hinzu: „Jetzt ist's zu Ende. Man wird mich nach der Halbinsel Ducos verschicken. In drei Monaten werden meine Frau und meine Kinder dorthin Nachkommen." — „Hier sind die Leute, die Sie holen kommen", sagte der Capitän Lebrun- Renaut. — „Gut, Herr Hauptmann, ich folge ihnen, aber .ich wiederhole Ihnen, Auge in Auge: ich bin unschuldig!" Der K o p f h i e b, welchen Epcapitän Dreyfus am Bahnhofausgange von La Rochelle erhielt, wurde von einem Officier des 133. Regiments geführt. Unter der den Kopf bedeckenden Kapuze rieselte das Blut hervor. Die Menge leuchtete mit Zündhölzchen Dreyfus ins Gesicht und rief: „Jn's Wasser!" Während der Fahrt zum Hafen zerschmetterten Steinwürfe die Omuibusfenster. In Saint-Martin-Re, seinem vorläufigen Bestimmungsorte, sagte Dreyfus. als er die Zitadelle betreten: Recht hatten die Leute; ich würde gleichfalls den Verräther lynchen! Es wird der Tag kommen, wo sie es mir abbitten werden." Die antisemitischen Schand- und Sudelblätter, die „Schmähpost" natürlich allen um eine Nasenlänge voraus haben diese Scheußlichkeiten, welche jedes fühlende Menschenherz zu tiefst erschüttern müssen, mit einem geradezu bestialischen Wohlbehagen registrirt. Wo bleibt denn da die christlich' „Nächstenlieb'" fragt in Anzengruber's Bauerndrama der Grillhofer den Frömmler und Kirchenbummler D u st e r e r und der antwortet ihm betreten: „D ie christlich' Nächftenlieb' — j a au f die Hab' ich beispielmäßig ganz vergessen!"

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