Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 78 Vrstrrrelchtptzr Vochensttzrtfl Nr. 8 die staatliche Ordnung am Herzen liegt. Unaufhörlich wird da gelogen, verleumdet, das Gesetz verhöhnt, werden Abwesende in der rohesten Art geschmäht, um alle bösen I nstincte derMassen auszustacheln. Der Stampiglien- und Zeugnißfälscher predigt die Beraubung ganzer Volksclassen, das Chamäleon schreit, es sei ein — „aller Löwe", und sein Gebrüll erregt Schrecken!! Mehr und mehr entwickelt die christlich-sociale Partei ihren staatsynd gesellschaftsfeindlichen Charakter, und diese Partei ist ausgerüstet mit dem päpstlichen Segen, sie kann sich in ihrer Auflehnung gegen Recht und Gesetz auf die Autorität der höchsten kirchlichen Gewalt berufen. Ja, in welcher Zeit, in welcher Verwirrung aller Begriffe leben wir denn? Ist es nicht mehr der Berus der Kirche, die Grundvesten der monarchischen Gewalt zu stützen und die staatliche Ordnung vor Erschütterungen zu bewahren? Feudalismus und Clericalismus sind durch tausendjährige ehrwürdige Bande miteinander verknüpft, die Macht der Kirche diente von jeher der Macht des Adels und umgekehrt. Die christlich-sociale Bewegung aber stürmt gegen die alle Schichtung der Gesellschaft an und will sie über den Hausen werfen. Und diesem Beginnen leiht die römische Curie ihren gewaltigen Arm und ertheilt der Papst seinen Segen! Ja mehr noch; Der Antisemitismus bedroht ganz direct die Grundlagen des christlichen Glaubens, und trotzdem erfreut er sich der eifrigsten Förderung von Seile Roms! Diese Polilik der Curie ist offenbar eine zielbewußte und wohlerwogene und sie markirt eine Wandlung in den Anschauungen und Bestrebungen der päpstlichen Gewalt, welche von geschichtlicher Bedeutung ist und an welcher unsere Staatsmänner nicht achtlos vorübergeheu können. In der Corrumpirung der staatlichen und kirchlichen Autorität durch die rohen Lanzknechte des Antisemitismus liegt System, und System liegt auch in der Unterstützung dieser Verwüstungsarbeit seitens der römischen Curie. In dieser neuen Verbindung aber kündigt sich ein Umsturz an, der weitaus mehr bedroht, als die politlschen Rechte und die gesellschaftliche Stellung der Juden! Unreeller Wettbewerb. (Sensen- und Schn aps geschi chten). Am 28. Jänner stand David Münzer, einer der Chefs der Sensensirma,,Brüder Münzer", vor dem Wiener Schwurgerichte unter der Anklage der Ehrenbeleidigung, weil er gegen eine rheinische Concm-renzfirma, deren Mitchef sein Vetter Adolf Münzer ist, Flugschriften verbreitet hat, welche von antisemitischen Schmähungen wie „galizischer Lump", „Talmudjude", „galizischer Schwindler" rc. wimmelten. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat auf dieses Treiben der Firma „Brüder Münzer" zuerst aufmerksam gemacht und dasselbe seit Langem in wiederholten Artikeln gebrandmarkt. Die Brüder Münzer sind bei Abfassung ihrer Circuläre mir Talent und Verständniß bei den Antisemiten in die Schule gegangen und haben deren Muster getreulich copirt. Auch darin, daß sie durch die raffinirtesten Winkelzüge der Verantwortung im Gerichtssaale auszuweichen suchten, haben sie ihreantisemitischen Vorbilder glücklichnachgeahmt.DavidMün zer ist ein Typus jener jüdischen Antisemiten, deren sich die arischen Judenhetzer stets als willkommene Werkzeuge bedienten. David Münzer rangirt in dieselbe Katgorie wie die Justus und Paulus Meyer und auch sein Auftreten im Gerichtssaale erinnert an diese ihm so vielfach wahlverwandten edlen Seelen. Er hat sich zunächst als Verfasser der ehrenrührigen Pamphlete bekannt und dieses Geständnis solange ausrecht erhalten, bis die Klagefrist gegen seine Brüder verjährt wa.; nun, nachdem bie strasgerichtliche Verfolgung der Brüder nicht mehr möglich ist, wälzt er die Schuld von sich ab und bezeichnet jene als die Verfasser. Ueber die Moral- und Rechlsbegrrsse des David Münzer braucht uns die antisemitische Sudelpresse wahrhaftig nicht zu belehren. Wir haben diejen Menschen gekennzeichnet, lange bevor er noch den antisemitischst Porttälzeichnern im Gertchtssaale gesessen^ ist, und wir haben uns stets für die Ehre bedankt, Leute dieses Calibers zu den Unserigen rechnen zu müssen. Die antisemitische Hetzpresse begnügt sich aber selbstverständlich nicht damit, ihren gelehrigen Schüler David Münzer in seinem wahren Lichte zu zeigen, sondern sie generaUsirt den Fall und macht für die specisisch Mün zer'sche Moral, die vollkommen gleichwerthig ist mit der Moral der Antisemiten, das Judenthum verantwortlich! Das sind Dinge, an die wlr längst gewöhnt sind, und wir können nur sagen, daß Herr David Münzer seiner journalistischen Beurtheiler und diese ihres Opfers vollkommen würdig sind. Der unlautere Wettbewerb hat nirgends giftigere Blüthen getrieben als in den Reihen der Antisemiten, welchen die politische Gesinnung stets eine Waare gewesen ist, die an den Meistbietenden losgeschlagen wurde, und die Praxis, von jüdischen Instituten Geld zu nehmen, während man auf der ersten Seite mit großen Lettern den Hetzruf: „Kauft nicht bei Juden!" druckt, steht derjenigen der Firma Brüder Münzer nicht im Mindesten nach. Wir können der antisemitischen Schandpresse just heute mit einer saftigen Probe solchen Geschästsantisemitismus dienen. Der Gründer eines christlich-socialen Vereines, ein Judenfresser reinster Sorte, errichtet nach dem Ableben seines langjährigen C h e f s, der ihm zahlreiche Wohlthaten erwiesen hat, ein Concurrenzgeschäst und bereist.Galizien, um der Witwe Jrie jüdische Kundschaft abwendig zu machen. Selbstverständlich'tritt der ehrenwehrte Herr in Galizien nicht als Antisemit, sondern als liberaler Judenfreund aus. Der Edelmuth, sich in das Vertrauen und Wohlwollen eines braven Mannes einzuschmeicheln und den Moment seines Ablebens zu benützen, um die Hinterbliebene Familie ruiniren zu wollen, ist nicht jüdisch — das ist „unverfälscht" arisch. Diese Moral ist ein Specificum der Gründer rassenreiner „christlich-socialer" Vereine, entspringt dem Urquell der antisemitischen Moralphilosophie. Wir haben hier somit die Affaire Münzer in antisemitischer Couleur, und das ist der Grund, weshalb der Abgeordnete Dr. Bloch es für seine Pflicht erachtet hat, in diesem Falle — wie es in einem antisemitischen Blatte heißt — als „Schnapsagent" aufzutreten und seine Glaubensgenossen in Galizien zu ersuchen, daß sie der Witwe seines verstorbenen Freundes ihre Kundschaft nicht entziehen. Den Ruf: „Kauft nur bei Christen" beantwortet der Abgeordnete Dr. Bloch damit, daß er einer alleinstehenden, hilflosen Christin gegen die unreelle Concurrenz eines Geschäftsantisemiten beisteht. Die rein menschlichen Motive, welche den Abgeordneten Dr. Bloch hiebei leiteten, sind nun freilich der antisemitischen Sudelpresse unverständlich. Daß jene Catone, welche zuerst Warnungen vor schwindelhaftenPro Messengeschäften publiciren und bald daraus die saftigsten Reclame-Artikel für eine Promessenfirma — gewiß „uneigennützig" — abdrucken, dem Abgeordneten Bloch zumuthen, erhübe sich für sein menschenfreundliches Eintreten zu Gunsten einer Witwe „klingenden Dank" abstatten lassen, ist nicht zu verwundern. Die Moral dieser Leute steht ja auf derselben Höhe, wie jene eines David Münzer und jenes christlich-socialen Agitators, der heute mit liberalen Phrasen den galizischen Juden seine Schnäpse aufdisputiren will.