Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 66 Verterrelrtztsrtzr Woitzenslarrw Nr. 4 Daher wurde auch die Abgabe der Katharina Schwab an die psychiatrische Klinik als nicht nothwendig befunden. Ihr bisheriger Dienstgeber in Währing bezeichnet das Mädchen als nicht normal, erklärt aber, ein competentes Urtheil über den Geisteszustand der Magd nicht abgeben zu können. Katharina Schwab wurde auf freien Faß gesetzt und die weitere Amtshandlung eingeleitet." Eine weitere Mittheilung besagt, daß die polizeilichen Erhebungen in dieser Angelegenheit beendet und die Acten dem competenten Gerichte abgetreten worden sind. Wer und was steckt hinter diesem „BLutmärchen auf Probe"? Haben wir es mit urtheilsloser Dummheit oder mit berechnender Bosheit zu thun? Ist der unsinnige Versuch, welchen Katharina Schwab unternommen hat, nur die Ausgeburt einer von Wahnideen befruchteten Phantasie oder das Resultat einer directen Anstiftung, welche von gewissen, nur zu wohlbekannten Persönlichkeiten ausgeht? Zn dem einen wie in dem anderen Falle ist die Sache bedenklich genug, um die ganze Aufmerksamkeit der Behörde in Anspruch zu nehmen. Katharina Schwab ist eine nervöse, aber geistig normale Person. Sie vermag trotz ihrer mangelhaften Bildung die Tragweite ihres Ansinnens an Reumann wohl zu ermessen. Katharina Schwab ist ein Typus für Hunderttausende, und in den Gemüthern dieser Hunderttausende findet das Märchen vom Ritualmord, welches alljährlich vor dem Passah feste, bald da, bald dort, bald in Form einer thatsächlichen Beschuldigung, bald in Form einer Hypothese oder einer „Probe" auftaucht, einen fruchtbaren Boden. Und man weiß aus den Processen von Tißla-Eszlar und kanten, wie sich solche Dinge weiter entwickeln. Man kann in Wien, mitten in einem verkehrsreichen Bezirke, unter den Augen einer gut organisirten Polizei, nicht ohneweiters ein Kind verschwinden machen und den Juden auf den Kopf zu sagen, daß sie dasselbe abgeschlachtet haben. Aber man kann wenigstens vom Blutmärchen reden lassen, man kann die Bevölkerung durch ein Gerücht aufregen und daran eine Agitation lüpfen, man kann am Wirthshaustische und in der Schnapsbude den Leuten sagen: „Die Katharina Schwab ist eine dumme Person, aber damit ist noch gar nicht bewiesen, daß der T oder I nicht wirklich kleine Kinder zum Abschlachten sucht". Der Vorfall in der Brigittenau lenkt die Aufmerksamkeit auf die besonders intensive Propaganda, welche die Antisemiten seit geraumer Zeit in diesem Bezirkstheil entwickeln. Fast allwöchentlich verkündeten mannshohe Placate, daß die Herren Schneider, Lueger und Pater S ch e i ch e v im christlichen Wählervereine eine rednerische Judenhetze veranstalten werden. Ernst Schneider ist ein häufiger Gast in der Brigittenau, und wo dieser commis vogageur des Blutmarchens austaucht, machen sich seine Spuren sehr bald bemerkbar. Mag er die S ch w a b direct angestiftet haben oder mag die von ihr veranstaltete „Probe" nur eine indirecte Consequenz jener Agitation sein, welche der Ritter Stampiglius entwickelt — Ernst Schneider steckt in dem nem wie in dem anderen Fall dahinter. Ernst Schneider, sein Lemberger freund Gertritz und die Cholern^in Gnlizie«. In der Sitzung vom 22. d. M. des niederösterreichischen Landtages interpellirte der Abgeordnete Schöffel im Namen der Antisemiten den Statthalter „über einen Corps-Commandobefehl des Wiener Corps, über den derzeitigen Stand der Cholera in Galizen, aus welchem hervorgeht, daß die Cholera dortnoch immer sehr stark grassire. Der Interpellant fragt den Statthalter, ob die hygienischen und prophylaktischen Maßregeln gegen die Ausbreitung der Cholera in Galizien durchgeführt werden, und ob sich diese Maßregeln, welche die Regierung den Gemeinden Niederösterreichs auferlegte und welche den Gemeinden große Opfer verursachten, sich bewährt haben. Er fragt weiter, warum die Regierung die Thatsache des Umsichgreifens der Cholera-Epidemie in Gallzien und der enormen Mortalität daselbst dem großen Publicum verschweige, während sie den Militärpersonen mittelst Befehles kundgemacht werde." Nun sind wir in den Besitz eines eigenhändigen Schreibens gelangt, welches der Ehrenmann Ernst Schneider an seinen Freund Gemeinderath Gertritz in Lemberg gerichtet hat; und dieses beginnt mit den Worten: „Diese verfluchten Judenblätter haben ausgesprengt, daß dieCholera in Galizien grassirt." So wird schamlos gelogen. Der Freund Schneidens in Lemberg wurde leider zu acht Tagen Arrest wegen einiger Kleinigkeiten verurtheilt. Der Protest der Aerztekammer. Der Borstand der Wiener Aerztekammer hat dem Präsidium des niederösterreichischen Landtages folgende Resolution überreicht: Hohes Präsidium des niederösterreichischen Landtages! In der dritten Sitzung der fünften Session der siebenten Wahlperiode des niederösterreichischen Landtages am 3. Jänner 1895 machte der Lauotagsabgeoronete Herr Dc. Lueger laut nunmehr vorliegenden stenographischen Protokolls folgende Aeußerung: „Sie verstehen mich, meine Herren, und wissen ja, daß im ärztlichen Stande, wie in jedem anderen Stande, gewisse Dinge eingerissen sind, die Niemand billigen kann (Abg. Schneider: Procente!) Sie wissen, daß die Aerzte zu den Apothekern m einem gewissen Vertragsverhältnisse stehen. vielleicht nicht in einem Verhältnisse des geschriebenen Vertrages. (Abg. Schneider: Provision!) Sie kommen nicht am ersten Tage des Jahres zusammen nnd sagen : Vertrag geschlossen am heutigen Tage zwischen X., Apotheker und Dr. 2)., Arzt. Aber der Vertrag besteht und wird pünktlich gehalten, pünktlicher als mancher Vertrag, der beim Notar geschlossen worden ist. Die Interessen dieser beiden Stände wirken ja zusammen. Je theurere Medicamente verschrieben werden, desto länger bleibt der Betreffende krank (Lebhafte Heiterkeit), und so profitiren beide Theile, die Aerzte und Apotheker. (So ist es!) Das wollte ich bezüglich der Medicamente erwähnen." D-r Vorstand der Wiener Aerztekammer, als der gesetzlichen Vertretung der praktischen Aerzte Wiens, welche berufen ist, die Würde und das Ansehen des ärztlichen Standes zu wahren, erklärt diese allgemein gehaltenen Verdächtigungen und Beschuldigungen als unwahr und legt gegen die selben energisch Verwahrung ein. Der Vorstand der Wiener Aerztekammer erlaubt sich ein hohes Präsidium zu bitten, diese Verwahrung dem hohen niederösterreichischen Landtage zur geneigten Kenntniß zu bringen. Wien, 15. Jänner 1895. Der Präsident: Dr. M. G a u st e r m. p.$ Eine gleiche Resolution hat der Verein der Aerzte im I. Bezirk in seiner Sitzung vom 14. d. beschlossen. Diese Resolution lautet: „In den Sitzungen des niederösterreichischen Landtages vom 3. und 4. d. M. beliebte es einigen Landtagsabgeordneten, bei Gelegenheit der Debatte über die Erhöhung der Verpflegsgebühren in den k. k. Krankenanstalten den ärztlichen Stand in die Discussion hineinzuziehen und denselben summarisch mit einer Reihe der gröblichsten Beschimpfungen zu bewerfen, die insbesondere dahin gehen, daß Aerzte und Apotheker im gemeinsamen Interesse und stummen Einverständniß unter emer Decke spielen, die Aerzte gegen von den Apothekern geleistete Percente und Provisionen bestrebt seien, die theüersten Medikamente zu verordnen und die Krankheitsdauer bei ihren Patienten im gemeinsamen Interesse von Arzt und Apotheker thunlichst zu prolongiren. Abgesehen davon, daß gar nicht einzusehen ist, weßhalb der ärztliche Stand, der ja mit der Verwaltung der Krankenanstalten und den daselbst zu leistenden Verpflegsgebühren gar nichts zu thun, auf diese Dinge gar keine Jngerenz, für das ökonomische Gebühren daselbst auch keine Verantwortung hat, in diese Debatte ganz unmotivirt und willkürlich hineingezerrt wurde. Abgesehen davon, daß die Behauptung, die moderne mit chemischen Präparaten arbeitende Medicin bedeute eine Erhöhung des Medicamentenpreises, ganz unmotivirt ist, den Th a tsachen nicht ent spricht und nur von einem Igno - ranteninsolchenDingen aufgestellt werden konnte, da gerade die berechtigte Klage der Apotheker dahin geht, daß seit den letzten Jahrzehnten durch die Anwendung der Chemikalien, die einfacheren Recepte rc. ihr Verdienst von Jahr zu Jahr sich schmälere, sieht sich der Verein der Aerzte des I. Bezirkes veranlaßt, gegen diese dem ganzen ärztlichen Stande ins Gesicht geschleuderte grobe Beleidigung in der entschiedensten Weise zu protesiiren. Erfüllt von der ernsten Mission ihres Berufes, geleitet und belehrt von ihrer Wissenschaft, die wie jedes Wissen, ein internationales und interconfessionelles Band um ihre.Jünger schließt, erfüllt von dem Geiste echter Liberalität und Humanität, der sie bei ihren Patienten nicht darnach fragen läßt, ob sie arm oder reich, welcher Nation U/N d Confessio n sie sind und in denselben nur die hilfesuchenden und hilfsbedürftigen Mitmenschen sieht, sind die Aerzte Wiens, Oesterreichs, der ganzen civilisirten Welt, stets bereit gewesen und bereit, mit