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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ytr. 4 Vestrrrrirhisihr Wochensrtzritt Teile 65 beglückwünschte die Delegirten, daß sie diesmal das schöne, gastfreie New-Orleans zu ihrem Conventsort ausersehen. Herr Freiberg kam dann in gedrängter Kürze auf die Geschichte des Verbandes zu sprechen, betonte das segensreiche Wirken desselben und wies auch auf den rühmlichen Antbeil hin, welchen die „Union os American Hebrew Congregations" an der Beschützung der vertriebenen russischen Juden genommen, denen sie auf jede mögliche Weise ihr trauriges Los zu erleichtern gesucht habe. In der am 4. Tecember abgehaltenen Sitzung der Delegirten trat Herr Leo N. Levy, Advocat von Galveston, als Redner auf. Die geräumige Rotunda des Hotel Royal war dicht besetzt und viele der anwesenden Damen und Herren mußten mit Stehplätzen vorlieb nehmen. Herr Advocat Levy wurde von der Versammlung in herzlicher Weise begrüßt; nachdem er die Rednerbühne betreten hatte, trat tiefe Stille ..in und Alle lauschten mit höchstem Interesse seiner Rede. Derselben sind nachstehende Hauptpunkte entnommen: „Eine höchst merkwürdige Erscheinung in der intellectuellen Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts ist die Neigung, Alles bei Seite zu schieben, was alt ist, um Plctz zu machen für etwas, das modern ist. Und da läßt sich nun sagen, daß, obschon die Entdeckungen und Erfindungen des jetzigen Zeitalters alle früheren in den Schatten stellen, es nichtsdestoweniger wahr ist, daß werthlose Neuerungen gegenwärtig zahlreicher sind als je zuvor. Selbst die Juden, welche sich stets durch ihr conservatives Verhalten ausgezeichnet haben, sind nicht der vorherrschenden Tendenz aus dem Wege gegangen. Zn allen Zeiten sind die Juden dafür bekannt gewesen, daß sie die Gesetze und die Lehren ihres alten Glaubens bewahrt haben. Ihre Philosophie, die sich auf ihre Religion gründet, hat mit Erfolg allen Angriffen widerstanden, welche im Laufe der Jahrhunderte von jeden feindlichen philosophischen System, von Unglauben oder Skepticismus darauf gemacht worden sind. Aber in Amerika, und besonders in den Vereinigten Staaten, hat sich eine große Anzahl mehr oder weniger erleuchteter Juden dem rücksichtslosen und berauschenden Verlangen nach Neuheiten ergeben und die rauhe Hand an Alles gelegt, was überhaupt Gelegenheit zum Angriff bot. Was immer alt ist, wird von ihnen als banal betrachtet. Die Bewegung, an welcher diese Juden sich betheiligen, wirkt lediglich zerstörend. Sie baut nicht aus. sondern reißt nieder. „Damit soll nun beileibe nicht gesagt sein, daß die Errungenschaften dieses Jahrhunderts zu unterschätzen sind. Die Civilisation ist in einer einzigen Generation mehr gefördert worden, als vordem in Jahrhunderten. Aber Reform und Reform ist ein Unterschied. Von den frühesten Zeiten haben unter gelehrten und frommen Juden Meinungsverschiedenheiten bestanden in Bezug auf religiöse Angelegenheiten. Die religiöse Literatur der Juden hat dadurch natürlich ihre Bereicherung erfahren. Die Meinungsverschiedenheiten lassen sich folgendermaßen zergliedern: 1. Verschiedene Ansichten über die wahre Auslegung von Theilen des Pentateuchs; 2. über die bindende Kraft traditioneller Lehre und Praxis, die nicht ausdrücklich in der Schrift selbst hervorgehoben sind; 3. über die Aenderungen in Liturgien und Ceremonien, welche durch die veränderten Verhältnisse, die auf den Fortschritt der Civilisation zurückzuführen sind, verursacht wurden. Alle diese Meinungsverschiedenheiten aber entstanden in Sachen, welche nicht die Integrität des Pentateuchs berühren. „Kommt jedoch jetzt eine Neuerung aufs Tapet, welche die Authenticität und bindende Kraft des Pentateuchs in Frage stellt, so wird das Judenthum selbst angegriffen. Es ist nichts in der Geschichte des Judenthums enthalten, welches der Annähme Vorschub leisten könnte, daß es das Recht der individuellen Meinung und die Gewissensfreiheit bestreitet. Betrachten wir nun die sogenannte jüdische Reformbewegung in Amerika, so ist die erste Erscheinung, welche uns da in die Augen springt, der Mangel an einem System. Sie ist spasmodisch und durch- Wegs verneinend gewesen. Sie hat niemals einen großen Führer gehabt und besitzt auch jetzt keinen. Niemand ist als Reformer mit einer bestimmten Idee oder einem bestimmten Programme erstanden, um welche sich ernste Schüler oder Anhänger schaaren ließen. Im Gegentheil ist die ganze Bewegung chaotisch, sensationell und unlogisch gewesen. „Die Verwilderung, welche aus der Thatsache erwachsen ist, daß von jeder Kanzel, welche jüdisch zu sein vorgibt, ein verschiedenes „Judenthum" gelehrt wird, beweist am besten, wie nothwenig ein Gradmesser für die verschiedenen religiösen Vereinigungen ist, und dies muß das wahre „Judenlhum" fein, welches für alle Juden der gemeinsame Grund und Boden ist. Was ist nun das „Judentum"? (Redner führte dieses Capitel weitläufig aus, citirte die Ansichten hervorragender Gelehrter über diesen Punkt, und fuhr dann fort:) „Die Juden dürfen die Demoralisation, welche in ihren Synagogen besteht, nicht länger andauern lasten. Wenn sie ihre alte Religion bewahren und für ihre Kinder erhalten wollen, dann wüsten sie darauf dringen, daß ihre geistigen Führer jene Religion definiren, ihr fest anhängen und sie auch den Gemeinden lehren. Viele derjenigen, welche jetzt als jüdische Rabbis figuriren, werden dann zweifellos finden, daß sie von dieser oder jener Stellung, welche sie eingenommen haben, ablassen muffen oder daß sie sich vom Judentbvm zu trennen haben. Immer und immer wieder haben die Prediger unter den Juden falsche Lehren verbreitet. Es ist an der Zeit, daß einmal ein Führer ersteht, welcher in das Chaos Ordnung bringt. Das Volk ist reif dafür. Es ist dazu gekommen, feinen Rabbis zu mißtrauen, und die Lehren, welche von der Kanzel verkündet werden, mit Gleichgiltigkeit zu betrachten. Möge die Zeit nicht mehr fern sein, da Wandel hierin geschaffen wird. Die Zukunft des Judenthums hängt davon ab." Einem weiteren directen Berichte entnimmt „die Laubhütte" noch, daß der Redner wie folgt schloß: „Als Esra kam, fand er, daß das Religionsgesetz von den Priestern verletzt und vom Volke mißachtet wurde, und mit Hilfe Nehemias jagte er die falschen Priester davon und führte das Volk zur Beobachtung der Religion zurück. Die Geschichte wiederholt sich. Ein solcher mit dem Geiste Eiras beseelter Mann sollte in unserem Lande erstehen, der das Volk zur Liebe zu seinem Glauben begeisterte und von der Kanzel vertriebe die falschen Priester, die sogenannten Rabbis, welche den alten Glauben verhöhnen." (Wir rufen dem Redner ein herzliches Bravo! zu.) Herrn L e vy's Rede nahm eine volle Stunde in Anspruch und wurde wiederholt durch lebhaften Applaus unterbrochen; nachdem er geendet, wurde beschlosten, dem fähigen Redner den Donk der Convention abzustatten und die meisterhafte Rede dem Protokoll einzuverleiben und zum Druck zu befördern. Daß die Rede des Herrn L e v y ungeheueres Aussehen macht, noch mehr als seinerzeit eine ähnliche von Frau Esther Rus ka y, ist leicht ersichtlich. Den Reform-Rabbis gefallt sie natürlich nicht. Aber sie hat den Nagel aus den Kopf getroffen. Während die Rede der Frau Esther Ruskay in New-Dork bald vergessen war, wird Wohl diese einen nachhaltigen Eindruck machen. In der That, das Judenthum der amerikanischen Reformrabbiner ist nicht Judentbum. sondern Individualismus. Ein Jeder lehrt ein eigenes Judenthum ohne objektive Norm. Das ist es, wogegen Advocat Levy sich wendet. Voml Jahrmarkt drsl Lrbrns. jErrrst Schneiders Gehilfinnen. "Der amtliche Polizeibericht meldet: „Am 16. d. M. wurde die Köchin Katharina S ch rv a b, 30 Jayre alt, zu Gerlachshausen in Baiern geboren und XIX., Schulgasse 71 wohnhaft, über Aufforderung der Gemischtwaarenverschlecherin Julie Neumann, II., Denisgasse Nr. 15, arretirt, weil sie dem Gatten der Neumann ein vier Monate altes Kind zum Kaufe angeboren hatte. Auf dem Polizeicommistariat Brigittenau gab die Köchin an, sie hätte durch das Offert nur Neumann auf die Probe stellen wollen. Bei ihrer Wohnungsgeberin in Währing habe sie nämlich ein Gerücht gehört, daß eine gewisse Katharina T h u m a, H., Wallensteinstraße 26 wohnhaft, über N e u m a n n verbreite, dahingehend, Neumann suche Kinder zum „Schachten*. Ob dieses Gerücht auf Wahrheit beruhe, hätte sie durch das Anbot feststellen wollen. Daß keine wirkliche Lieferung gemeint sei, erhelle schon daraus, daß sie überhaupt kein Kind besitze. Der Polizeibezirksarzt, der die Köchin untersuchte, fand sie hochgradig nervös und an Hysterie leidend. Sonst fanden sich jedoch keine ausgesprochenen Symptome einer Geistesstörung.

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