Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 64 Nr. 4 jo häufig, wurde dasselbe auch von einer Persönlichkeit redigirt, welche mit den bürgerlichen Gesetzen in stetem Conslicte lebte, und so verschwand es bald wieder von der Schaubühne, kaum von den eigenen Freunden betrauert. Es scheint in der That, als ob der unverfälschte Antisemitismus keinen Eingang im Königreiche finden könnte. Politiker, welche gelegentlich und nebenbei auch in Judenhetzerei machen, gibt es natürlich in großer Menge: Bauernbündler, Conservative, hin und wieder leider auch sogenannte Liberale. Das Gift ist gerade in die „gebildeten Kreise" sehr tief eingedrungen; Niemand möchte sich gerade direct Antisemit nennen lassen, weil denn doch diesem Namen ein gar zu schlimmes Odium anklebt, aber man scheut sich keineswegs, den israelitischen Mitbürgern durch kleine Nadelstiche — Hinausballotiren ans geschloffenen Gesellschaften und dergleichen — das Leben zu verbittern. In der baierischen Volksvertretung hat man auch noch nicht viel von der „Bewegung" wahrgenommen; ein paar gelegentliche Anspielungen des deutschconservativen Abgeordneten Beckh ließ die Kammer ruhig über sich ergehen, ohne darauf zu reagiren. Bisher mochte diese Tacti^ auch die empfehlenswerthe fein, denn eine lebhafte Opposition von liberaler Seite hätte der vorläufig noch recht harmlosen Wortspielerei nur zu einer Bedeutung verholfen, die ihr innerlich in keiner Weise zukommt. Doch wird auch hier der alte Spruch „principiis obsfca“ nicht ganz außer Acht gelassen werden dürfen. Auswärtige Hetzredner haben sich bislang auf baierischem Boden noch selten hören laffen. Vor einigen Jahren war Dr. Böckel in München, und bei diesem Anlaß glaubten sonderbarer Weise einige israelitische Bürger von der Polizeidirection verlangen zu sollen, daß dieselbe gegen den beabsichtigten Vortrag einschreite; selbstverständlich konnte davon keine Rede sein, und die Versammlung ging vorüber, ohne irgendwelchen Schaden anzurichten. In neuester Zeit nun fühlte der Abgeordnete Ahlwardt das Bedürfniß in sich, der von ihm vertretenen Sache auch in Süddeutschland zum Durchbruche zu verhelfen und gleichzeitig auch seine Vermögensverhältniffe durch die üblichen Eintrittsgelder etwas aufzubeffern. Charakteristischer Weise dienten ihm für München dieselben antisemitischen Führer als Impresarios, welche ihn seinerseits, als er sich in der „Documenten"-Frage gar zu sehr bloßgestellt hatte, energisch von ihren Rockschößen abschüttelten; heute ist der kleine Zwischenfall vergeffen und man fordert wieder Arm in Arm das seinem Ende sich zuneigende Jahrhundert in die Schranken. Der „Rector aller Deutschen" hatte drei Versammlungen in Aussicht genommen, nämlich in Nürnberg, München und Augsburg, und von diesen haben zwei inzwischen stattgefunden, so daß man sich schon ein Urtheil darüber bilden kann, ob jener unselige Mensch seine Absicht, das Feuer der Zwietracht zwischen den einzelnen Bevölkerungsbestandtheilen in einem davon noch wenig berührten Theile des Reiches zu schüren, erreicht hat. Wir glauben kaum daß er besonderen Grund haben wird, mit den in Nürnberg und München erzielten Ergebniffen zufrieden zu sein. Wenigstens mit den politischen, denn mit den pecuniären mag es ja eine andere Sache sein. In Nürnberg verfiel die Versammlung, welche von Anfang an den Stempel der Radauversammlung getragen hatte, der polizeilichen Auflösung, allerdings erst in spater Stunde, nachdem das berühmte neue „Programm" entwickelt worden war^ Man kann nach den vorliegenden Nachrichten zweifeln, ob der gewaltsame Schluß wirklich am.Platze war, aber man ist in Baiern neuerdings etwas nervös geworden und greift auch in Fällen ein, wo dazu ein wirklicher Grund nicht gegeben ist. Ließ doch kürzlich in einem Städtchen bei München derbeaufsichtigendeAffeffordem Bauernbundführer Eisenberger das Wort entziehen, weil dieser sich den zwar sonderbaren, aber gewiß nicht staatsgefährlichen Satz leistete: „Wir sind mit unseren Fürsten gut, aber die Fürsten sollen auch mit uns gut sein und nicht dulden, daß das Volk so zusammengeschnitten wird." Hier scheint der Polizeibeamte schon etwas von dem Geiste der Umsturzvorlage in sich ausgenommen gehabt zu haben; im Falle A h lw ar dt verhielt es sich wohl anders, und es scheint nur die Unruhe, welche die sogenannte Discussion begleitete, den Anstoß zum Einschreiten geboten zu haben. In Nürnberg, bestand eben das Auditorium des Volksbeglückers zum Weitaus größten Theile aus Socialisten, und daß diese aus ihrem Herzen keine Mördergrube zu machen, sondern abweichenden Ansichten auch einenkräftigen Ausdruck zu verleihen gewohnt sind, weiß man ja. So übertönte auch beim Abmarsch die Arbeitermarseillaise vollständig den antisemitischen Schlachtgesang. Für München wäre, bei der Stärke der dortigen socialdemokratischen Partei, eine Wiederholung dieser Scenen zu erwarten gewesen, allein dem war der Umstand entgegen, daß die Brauerei, in deren Saal sich Ahlwardt sehen und hören ließ, von der Partei boycotiirt wird, weil eben dieser Saal für socialdemokratische Zwecke nicht zur Verfügung steht. Die Parteileitung hatte demgemäß an alle zielbewußten Genossen die Aufforderung ergehen laffen, der antisemitischen Versammlung fern zu bleiben; humoristisch wurde beigefügt, daß die 30 Pfennig Entree auch der Parteicasse sehr wohl thun würden. Die Disciplin unter den Arbeitern ist denn auch eine so gute, daß die große Mehrzahl gehorchte; nur wenige Hundert Socialisten mochten sich unter den etwa 2000 Zuhörern befinden, welche der Berliner Apostel um sich versammelt hatte, und diese waren wohl wieder großentheils sogenannte .„Unabhängige". Mitglieder anderer Parteien waren wohl auch aus Neugierde gekommen, und insbesonders stellten die Musensöhne ein stattliches Contingent. Bei manchen von diesen dürfte wohl auch der von Ahlwardt ausgestreute Samen auf fruchtbaren Boden gefallen sein; schließen doch mehrere Münchener Studentenverbindungen ebenso jeden Juden von der Mitgliedschaft aus, wie sie andererseits strenge Regeln für die Begrüßung aller, auch der jüngeren Mitglieder prinzlicher Familien aufgestellt haben. Jungen Leuten, die sich in solcher Weise für den Staatsdienst vorbereiten, kann es später nicht fehlen, selbst wenn sie sich überzeugen sollten, daß Deutschland doch nicht ganz nach Ah lw ardt'scken Recepten sich regieren läßt. Wider die Angriffe, welche von verschiedenen Seiten, insbesondere von dem bekannten Demokraten Professor Dr. Quid de gegen den Redner des Abends gerichtet wurden, hatte derselbe eine wohlorganisirte Deckung in den Kehlen seiner Anhänger, welche die seltene Gelegenheit, einmal in der Majorität zu sein, nicht unbenutzt vorübergehen lassen wollten. Man kann zudem zweifelhaft darüber sein, ob sich ein ernster Politiker nicht von vornherein etwas vergibt, wenn er sich mit einem Ahlwardt in ein Zwiegespräch einläßt. Zu bekehren sind dessen Getreue sicherlich nicht; die zum Glück doch noch vorhandene Mehrzahl der anständigen Leute dagegen bricht mit Agitatoren dieses Schlages überhaupt jeden Verkehr ab. Ob die ironisch zugespitzte Andeutung Dr. Quidde's aus die Behandlung, welche sich der Abgeordnete für Neust ettin im Reichstage gefallen lassen mußte, von den antisemitischen Korybanten auch nur verstanden wurde, würden wir nicht zu entscheiden wagen. Der Convent der jüdischen Gemeinden Amerikas. New-Orleans, 7. December. In der Rotunda des Hotel Royal traten gestern Vormittags die Delegirten des „Verbands amerikanischer israelitischer Gemeinden" zu ihrem 14. Convent zusammen. Die Betheiligung war eine ungewöhnlich starke. Um halb zehn Uhr wurde der Convent von Herrn Julius Freiberg aus Cincinnati eröffnet. Auf sein Ersuchen sprach Rev. Joseph Strauß von Chicago ein Gebet, welches die ganze Versammlung stehend anhörte. Der Vorsitzende begrüßte nun die Delegirten in warmen Worten des Willkommens. Er hob die edlen Ziele des Verbandes gebührend hervor und