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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 62 Veflrrreichiptzr Wochrnphrtfl Nr. 4 schmieden und er ist fruchtbar in seinen Dichtungen wie die selige Marlitt in ihren Romanen. Aber er erzählte nicht von den Geheimnissen einer alten Mamsell, dazu ist er zu discret, sondern von den Geheimnissen der Juden. So dichtet er urdeutsche Weisen, daß es einen Stein rühren könnte, und jedes Gedicht ist so lang, daß man darin 10 Käse einwickeln kann. Gleich am Anfang des neuen Jahres hat uns der Herr Graf sein warmes Herz für das deutsche Volk gezeigt, denn er hat unter dem mysteriösen Titel „Ahasver" in der teutonischen „Täglichen Rundschau" ein merkwürdiges Gedicht erlassen, ein Gedicht, welches das deutsche Volk unbedingt retten muß. Der Herr Graf schildert darin die Leiden und Schmerzen des jüdischen Volkes, seitdem es gewaltsam von seiner Heimat verbannt und ins Elend getrieben worden ist. Dann malt er umständlich und mit schönen Worten die große Zeit, wo Deutschland so großmüthig war, im Juden einen Menschen zu sehen, ihm seine Religion und sogar seine schwarzen Haare und seine geschwungene Nase zu verzeihen. Das feiert unser Dichter selbstredend als eine übermenschliche That, als eine Güte, deren allein die Germanen fähig sind. Aber nun wird der Herr Graf sehrernst, beseelt vom Zorn gegen alles Nichtgermanische klagt er uns bald elegisch weich, bald stürmisch sein Herzleid, das nicht in einer unglücklichen Liebe, sondern in der sogenannten Judennoth besteht, und geißelnd hält er den Juden ihre schrecklichen Sünden vor: „Ahasverus, Ws war da geschehen? Wo war uns Haus und Herd? Wo die liebe, deutsche Heimat? — Sind das Germanenkinder, Die mit dem geölten, krausschwarzen Haar Und mit Judennasen? Wo sind sie hin, Die hier auf der Scholle saßen, Ein kraftvoll ftohes Geschlecht, Blühend und blond? Was seh ich, wohin ich mich wende Weitum durch das Land? Wo es schön ist, fruchtbar und reich? In den Palästen der Großstadt In den alten, stolzen Edelsitzen. In den Villen am Meeresstrande, Und an waldlauschigen Höhen Wen seh' ich da prunken und glänzen und einhersahren Vornehm und gnädig als den Herrn, Der Allem gebietet?- D i ch, Ahasver, den Fremdling!" Es ist in der That ein himmelschreiendes Unrecht. Diese Juden, die weder blondes Haar noch stumpfe Nasen haben — also unbedingt einer inferioren Rasse angehören — wagten es, von den Menschen- und Bürgerrechten, die man ihnen gegeben hat, auch Gebrauch zu machen. Sie verdienten Geld, was ein furchtbares Verbrechen ist, und sie gaben das Geld aus, was wiederum ein schreckliches Unrecht ist. Sogar die alten, stolzen Edelsitze, die die Herren Edelsten der Nation durch Spielen und Trinken verschuldet hatten, wagten sie zu kaufen. O, das Herz eines zartfühlenden Backfisches könnte darüber in Thränen zerfließen, daß da, wo einst der strenge Baron von Liederlich-Hungershaujen residirte, der so schön die Bauern zu prügeln verstand, heute ein Herr Commercienrath Cohn wohnt, dessen Ruhm in seinem Golde besteht und dessen Ahnengalerie durch den Antiquitätenhändler besorgt worden ist. Da geht ja die ganze Romantik der Burgen flöten, und wer begreift da nicht den „heiligen Zorn" des Herrn Grafen? Doch nicht allein unsere eigenen Sünden, sondern auch die unserer Vorfahren wirft uns der wuthschnaubende Dichter vor: „Durch alle Zeiten bist Du, Heut wie am Anfang Immer derselbe. Wie Du den Eghptern stahlst Gold und Silber, Also auch uns. Wie Jacob betrog 'Brüder, Vater und Schwieger, Also betrügst Du Immer und Alle!" Allzu bibelkundig scheint freilich unser Herr Graf nicht zu sein, sonst würde er wissen, daß die Juden lange unter den Sclavenketten der Egypter geschmachtet haben, daß es daher noch begreiflicher ist, wenn sie sich da bei ihrer Flucht einigen Reichthum ihrer Peiniger Mitnahmen, als wenn die Herren Arier bis hinein in das 19. Jahrhundert im Kriege plünderten, züchtigten und wie die Bestien hausten. Vielleicht ist der Herr Graf so freundlich, nachzuforschen, woher der Reichthum der Ritter stammt. Er würde dabei manches Geheimniß entdecken, denn productiv thätkg waren diese edlen Herren nie. Der Herr Graf ist selbstverständlich sehr ritterlich gesinnt, er gibt den Juden den guten Rath, den Wanderstab zu nehmen und mit dl* ihren Millionen, auf die er großmüthig verzichtet, hinauszuziehen. Thuen sie es aber nicht willig — und sie scheinen vorläufig keine Lust dazu zu verspüren — so kann er auch ungemüthlich werden und droht mit den „blonden Recken", die da wohnen am Meeresstrand und die merkwürdig blitzen und grollen, wenn sie einen Juden gewahren. Zu diesen blonden Recken gehört wahrscheinlich — was der Dichter uns bescheiden verschweigt — er selbst. Nun, wir sind trotzdem nicht ängstlich, und wenn diese gewaltigen Recken nur nicht dichten, dann können sie unsere Ruhe nicht erschüttern. Auch der feurige Schluß hat uns gleichgiltig gelassen. Der klingt nämlich sehr tragisch: „Du bist ja klug, Ahasverus; So ziehe in Frieden! Es ist nicht rathsam zu warten, Bis aus den Herzen der Zorn fährt In Germanenfäuste." Wir möchten aber die Herren vom Adel, die Hauptstütze der heutigen Gesellschaft und die berufenen Schirmer der von Gott eingesetzten Ordnung, fragen, was sie dazu sagen würden, wenn man ein solches Gedicht nicht gegen die Juden, sondern gegen die Reichen und die Junker veröffentlichte? Da würden sie sicherlich zum Staatsanwalt laufen, und wenn er sich der Sache nicht annimmt, scharfe Gesetze gegen den Umsturz vom Staate verlangen. Wir aber verlangen keine Gesetze gegen unglückliche Dichter und unklare Köpfe. O, es ist zu komisch, wenn die Herren Ritter zum Aufruhr blasen und mit Revolutionen drohen. Wir zweifeln durchaus nicht daran, daß unser Herr Graf die Vertreibung der Juden wünscht und den guten Willen hat, einige Schlösser der Juden zu „erobern", er sollte aber seine Ohnmacht nicht in Poesie kleiden und uns den Beweis ersparen, daß auch ein Herr Graf sich unsterblich — lächerlich machen kann. F. Sch. Politische Spielereien. (Bericht aus Deutschland.) Man pflegt oft zu klagen, daß die Kinder unserer Zei sich für hohe Ideale nicht begeistern können, daß sie in ihrem hohlen Materialismus nur an das liebe Ich denken. Wie sehr man unserem Zeitalter damit Unrecht thut, das beweist der Antisemitismus, der die auserwählten Männer des Volkes beim Bierglas leicht für diese Ideale des fin de sifecle begeistert, der ihre Herzen für die „gute" Sache entflammt. Wir wüßten in der That keine Zeit, in der so viele berufsmäßige Idealisten und privilegirte Volksretter lebten, wie die unsrige Bei uns in Deutschland ist der deutscheste aller Deutschen Herr Dr. Lange, der Feldmarschall des Deutschbundes, der die glückliche Gabe besitzt, sich für alles echt Germanische enthusiasmiren zu können. Dieser Barde, der sich vom Liberalen bis zum Antisemiten hinaufgemausert hat, trägt ein feuergefährliches Herz in seiner Brust, denn er wird sehr leicht vom heiligen Eifer entbrannt und ist dann im Stande, die größten Heldenthaten auszaführen, namentlich, wenn damit ein idealer Vortheil für sein allein seligmachendes Blatt verbunden ist. In seiner „Täglichen Rundschau", die sich unparteiisch nennt, weil ihr keine Partei antisemitisch genug ist, wird täglich das liebe Vaterland von Neuem gerettet und beglückt und jede Nummer verkündet mit kernigen, echt deutschen Worten das

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