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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4 Vryrrvttchtphr VochrnptzrM Seite 61 als Buchhalterinnen sich über große Geschäftsbücher neigen, es kommt der Tag, wo ihre Kräfte sie verlassen, wo die Hand zittert, das Auge geschwächt ist-mit Schrecken sieht das Heer dieser unversorgten Mädchen, das Alter herannahen. Kein Heim, keine Familie, kein Dach. Selbst für Töchter aus wohlhabenden Familien, die nicht geneigt sind, den „Erstbesten" die Hand zu reichen, muß eine Zufluchtsstätte, ein Heim geschaffen werden. Eine von den vielen Zuschriften, welche in dieser Sache an uns gelangten, sei hier eingeschaltet. Die Schreiberin will für Bemittelte das Stift errichtet und erhalten wissen und Unbemittelte mit Freiplätzen — wenn wir sie recht verstehen — versorgen. Der Brief lautet: „Sie nennen Ihre geschätzte Zeitschrift „Organ für sämmtliche Interessen des Judenthums"; nun gibt es aber etwas, das zum Interesse der Juden gehört, dessen Sie aber bisher niemals erwähnt haben, nämlich die alten Mädchen. Bitte, ich scherze nicht, wollen Sie nur gefälligst geduldig bis zu Ende lesen. Was soll ein Mädchen anfangen, das durch irgend eine Ursache nicht an den Mann kommen kann oder will. Nun bildet es die ewige Sorge der Eltern. Bei Katholiken gibt es Klöster, bei Protestanten adelige und bürgerliche Damenstifte, könnten Sie nicht die Anregung geben, dast man ein israelitisches Damenstift errichte? Natürlich nicht für ganz Mittellose, sondern ähnlich wie die protestantischen, mit einigen lausend Gulden sichert man sich einen Stiftsplatz und die Eltern sind daun beruhigt über die Zukunft der Tochter. Eine eifrige Leserin Ihres Blattes." ' Ein Heim für unverehelichte, jüdische Mädchen soll in's Leben gerufen werden! Das ist unsere Anregung! Das fernere Wie und Wo überlassen wir vorläufig der reiflichen Ueberlegung unserer berufenen Factoren. Hier findet die jüdische Nächstenliebe eine große Aufgabe vor, ein brachliegendes Feld, Helfet, rettet, legt Hand an, es gilt ein Werk der Menschlichkeit. Tausende unglücklicher, der Noth und oft auch der Schande entrissener Wesen werden den Kaisertag segnen, wenn das schöne Werk glücklich zu Stande kommt. Jede Frau, die sich ihres Gatten und jede Mutter, die sich ihrer blühenden Kinderschaar erfreut, gedenke derer, die dieses größte Glück des Weibes entbehren müssen, und Jeder, der menschlich zu fühlen und zu denken in unserer rauhen Zeit nicht verlernt hat, trage sein Schärflein bei! Antisemitische Iunkrrrpoestr. Im Winter, wenn die Natur grollend wie eine spröde Schöne ihr holdes Antlitz verhüllt, wenn die Blumen und Blülhen verdorrt und das Laub verwelkt darniederliegen, die Macht des Schönen gewichen und alles Leben im Weltall erstarrt zu sein scheint, dann schafft sich der Mensch in seinem ewigen Hang nach Veredlung, in der Feststimmung seines Herzens innerhalb seiner vier Wände seine eigene Poesie. Die Angehörigen, Verwandten und Bekannten versammeln sich am Familientische und beim Scheine des Kamins erglühen die Seelen in der Erinnerung alter Seligkeiten und in der sehnlichen Erwartung künftiger Ereignisse., Im trauten Kreise erwachte der Sinn für das Schöne und Gute und man plauderte so herzlich über Alles, was das menschliche Herz bewegt. So genießen die Menschen die Dinge nicht allein in der Wirklichkeit durch die Sinne, sondern auch veredelt und gesteigert in der Empstndung, vorher durch die Hoffnung und die Sehnsucht und nachher durch die wohlthuende Erinnerung. So pflegte sich in den alten Tagen an den langen Winterabenden der Familienrath und der Bekanntenkreis zum lauschigen Gespräch in dem anheimelnden, bürgerlichen Zimmer zu versammeln. Das Spinnrad schnurrte, der Theekessel summte und seine Dampfwellen vereinigten sich mit den Rauchwolken der langen Pfeife des Hausherrn zu phantastischen Figuren. Väterchen erzählte Jagd- und Kriegsgeschichten, die düster und unheimlich klangen, und sprach von den guten alten Zeiten, von denen freilich Niemand weiß, wann sie angefangen und aufgehört haben, Mütterchen gab unter Erröthen ihre Jugend-Erinnerungen zum Besten, die Mädchen lachten schalkhaft und Alles ergötzte sich in echt harmloser und doch so inniger Weise. Dis Zeiten ändern sich und mit ihnen die Menschen. Statt des Spinnrades bildet das Clavier das unentbehrlichste Möbelstück, ein Instrument, dessen Erzeugnisse wir freilich oft gern entbehren möchten, statt des Herdes haben wir den Gasofen und an Stelle der Märchen und Kriegsgeschichten muß heute die böse, garstige Politik das Thema der Abendunterhnltung bilden. Ja, auch die Romantik ändert ihre Formen und läßt sich Metamorphosen gefallen. Der Geist der Poesie, der geschriebenen, wie der empfundenen und erlebten, bleibt ewig derselbe und er lebt, solange im menschlichen Herzen die Sehnsucht wohnt, solange zwischen Wirklichkeit und Ideal eine. Differenz bleibt, aber die Poesie muß sich in ein modernes Gewand hüllen. Dampf und Elektricität haben auch ihre Poesie und auch die Politik hat seit Friedrich Spielhagen aufgehört, als Hexe zu gelten für die Dichtung, sie ist romanfähig geworden und in der Gegenwart spielt der politische Roman nicht allein in der Literatur, sondern auch im Leben eine große Rolle. Daß eine Zeit politischer Gährungen, eine Zeit des Kampfes für die heiligen Ideale der Menschheit Talente großzieht, Charaktere erzeugt und auch die Poesie in Schwung bringt, daß ist eine Erscheinung, die wir in der Geschichte eines jeden Volkes bestätigt finden. Wie wäre es auch anders möglich? Hat doch das edle Wollen, das Streben nach Freiheit und Recht stets das menschliche Herz beglückt und begeistert. Unsere Zeit ist sicherlich eine Übergangszeit zu eineranderen Weltordnung, sie trägt alle Merkmale des Beginnes von großen Reformen auf sittlichem, geistigem und socialem Gebi-te und wir kranken an den Gebmtswehen neuer Ideale. Diepolitischen Interessen des Volkes traten immer mehr in den Hintergrund und die brennenden socialen Fragen bemächtigen sich aller Gemüther. Es ist eine ernste Zeit, die mit Gewalt zum Nachdenken mahnt, eine bewegte Zeit, die unser Inneres mit seltenen Empfindungen erfüllt. Auch unser Zeitalter hat daher seine Denker und seine Sänger. Seltsam, auch die moderne antisemitische Bewegung rühmt sich, für große Ideale zu kämpfen, aber in ihren Reihen sucht man vergebens nach originellen Denkern . und Dichtern. In der Judenhetze Poesie und Romantik zu finden, das scheint auch den von Gott begnadeten Dichtern Liebermann v. Sonnenberg und v. Mosch, die doch Alles vermögen, schwer zu fallen. Der Haß kann freilich zum Motiv der Dichtung werden und er hat oft im Denken und Empfinden der Menschen Großes erzeugt. Aber nur der natürliche Haß, der Haß. der aus der Leidenschaft hervorgeht, der eigentlich nur vergiftete Liebe ist, nur dieser Hcß ist menschlich, er schärft oft die Sinne, macht klug und ruft Fähigkeiten hervor, an die man vorher kaum glaubte; er kann daher zum Centralpunkt des Empfindens werden, einen dichterischen Stoff abgeben. Aber der künstlich erzeugte, eingebildete Haß solcher Leute, die daraus ein Gewerbe machen, die ihn zur Schau tragen, um mit ihm zu kokettiren, ist furchtbar nüchtern, häßlich und prosaisch. Ein solcher Haß trägt schon äußerlich das Gepräge des Unnatürlichen und widert das ästhetische Gefühl an, ja er ist nicht einmal für die Bierpoesie zu gebrauchen. Doch freue dich, Antisemitismus, auch dir ist ein Dichter erstanden, ein Dichter, der zu den „Edelsten der Nation" zählt und zu den modernen Rettern des Vaterlandes gehört. Graf Adolf von Westarp ist sein stolzer Name. Der Herr Graf scheint eine Größe der Zukunft zu sein, denn die Gegenwart weiß nicht viel von ihm. Er ist Bismarck- Verehrer 8LQ8 pdru86, das ist eine Tugend, die er mit manchem hervorragenden Mann, aber auch mit manchem Phrasenhelden in den deutschen Staaten theilt. In seinen Mußestunden treibt dieser ausgezeichnete Herr manchen ritterlichen Sport und geruht, auch zu den Musen liebenswürdig und gnädig zu sein. Er kann nicht nur Hasen jagen, sondern auch Verse

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