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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 60 Veperreichtfchr Mortzenschrtfl Sk. 4 No ske wacker zur Seite standen. Aber allerdings von mancher liberalen Seite mußte er Vorwürfe hören über das, was er mit seinem Anträge angezettelt habe. Bei namentlicher Abstimmung tamit 29 Stimmen gegen 28 wurde der Antrag Sommaruga angenommen, das Gesetz in seiner ursprünglichen Fassung — ohne Amendement Gregorig — reftituirt. Unter den dafür Stimmenden befand sich auch der Landmarschall Baron Gudenus. Die Scene, die nun folgte, spottet jeder Beschreibung. Bemänglung der Stimmenzählung, Proteste, Wuthgeheul; dann nach einiger Beruhigung Anträge auf Vertagung, auf Rückverweisung der Vorlage an den Landesausschuß, und als Alles nicht versing, feierlicher Auszug, Abstinenz der Antisemiten. Und wieder geschah das Unerwartete. Die liberale Partei, in deren Mitte sich nicht wenige Gegner dieses Gesetzes überhaupt befanden, hielt es nun für eine Ehrensache, geschlossen für das Gesetz zu stimmen. Die früher von mancher Seite vermeinte Gefährdung des Gesetzentwurfes durch den Antrag Sommaruga hatte dem Entwürfe, der sehr viele Gegner hatte, zum Siege verholfen; noch in derselben Sitzung wurde derselbe in allen seinen Paragraphen angenommen. Mir aber klingen heute noch im Ohre die Worte, mit denen S omm a r u g a den Dank ablehnte, welchen ich andern Tages ihm abzuftatten mich für verpflichtet erachtet hatte. „Ich war Zeuge, ich habe gesehen" — so sagte er mir — „wie Sie von allen Seiten Ablehnungen erhielten und aus welchen Gründen. Und das hat mich veranlaßt, mich Ihnen anzubieten, um für eine gerechte Sache einzutreten". Herrliche Worte, die beredter als seitenlange Nekrologe Zeugniß ablegen für die edle Seele dieses Mannes. Wien, 20. Jänner 1895. Dr. Alfred Stern. „Gin israelitisches Mädchenheim". (Eine Anregung zu des Kaisers Jubelfest für die israelitischen Cultusgemeindeu.) Es wird bald ein halbes Jahrhundert seit dem Tage verflossen sein, an dem Kaiser Franz Josef, unser glorreicher und geliebter Herrscher, den Thron seiner Väter bestiegen hat. Dieser Gedächtnißtag wird ein bedeutsamer sein für alle Völker unseres Vaterlandes, und feierlich und weihevoll wird er auch begangen werden. In Kirchen und Synagogen werden Gebete aufsteigen zum Throne des Königs über die Könige, daß er die Jahre dieses fürsten mehre und verlängere bis an die äußerste Grenze der menschlichen Lebensdauer. Nicht prunkende, geräuschvolle Feste sollen an jenem großen Tage gefeiert werden, denn Glanz und Gepränge liegen Seinem schlichten Sinne ferne. Seine edlen Absichten gehen vielmehr dahin, daß der Armen und Elenden, der Kranken und Unglücklichen, daß der Stiefkinder des Glückes an dem fünfzigsten Jahrestage seines Regierungsantrittes gedacht werde. Wohlthätige und gemeinnützige Werke mögen ins Leben treten — die sinnigste Art, einen Herrscher zu feiern, dessen Regierung eine ununterbrochene Reihe edler Thaten ist. Auch die jüdischen Bürger rüsten zu ihres Kaisers Jubelfest. Mannigfaltige Vorschläge werden gethan und ihr Für und Wider sorglich erwogen. Allerlei Gerüchte schwirren in der Luft herum von großen Dingen, die sich an verschiedenen grünen Tischen vorbereiten. Heute entstanden, sind sie morgen von noch kühneren Plänen, von noch trefflicheren Gedanken verdrängt. In diesem Moment nun der Gährung und des Entstehens, wo die Keime ausgestreut werden, wo ein ganzer Jdeenfrühling aufsprießt, wollen auch wir unsere Anregung zu einem guten, großen, nützlichen Werke geben, dessen Jnslebentreten eine eiserne Nothwendigkeit längst gebieterisch heischt. Ein frommes Werk soll es sein — so fromm wie der Bau einer Synagoge, ein menschlich Werk, denn eine brennende Wunde am Körper des ^udenthums soll geheilt werden, und ein großes Stück socialer Frage gelöst. Eine alte Jungfer! Ein sitzen gebliebenes Mädchen!! Nicht wahr, das ist etwas zum Lachen? Das ist etwas Drolliges, Urkomisches, eine ununterbrochene Quelle der Heiterkeit für Anekdotenjäger, Caricaturenzeichner und Lustspieldichter. Und wenn ihr näher zuseht, so werdet ihr finden, daß ihr über die allertraurigste Sache der Welt gelacht habt, daß ihr, über das Unglück gelacht habt, über den Schmerz, die Trauer und die Trostlosigkeit der Einsamkeit... Die Katholiken haben ihre Klöster, die Protestanten ihre weltlichen Stifte, wohin sich ein müdes, altes Wesen zurückziehen kann, um seine Tage vor der Noth und dem Hohn der Welt geschützt zu beschließen. Wir Juden, die wir auf unsere Humanität so stolz sind, daran haben wir ganz vergessen und diese Vergeßlichkeit rächt sich grausam an Tausenden und Abertausenden unglücklicher Wesen, die ohne Schutz, ohne Heim, ohne Familienzusammengehörigkeit dahin sieckien. Wundert ihr euch noch, wenn der Neid über das Glück Anderer, die geliebte Gattinnen und Mütter sind, in mancher Mädchen-Seele seine Stätte findet, und das gepreßte Herz sich in hämischspitzen Bemerkungen Luft macht? Es wäre fürwahr zu wundern, wenn es anders wäre. Die Zeiten sind schwer. Die sociale Frage rüttelt mit, Ungestüm an den Grundvesten der modernen Gesellschaftsordnung. Der Fabrikant kämpft einen Concurrenzkrieg bis auf's Messer, er muß den Lohn der Arbeiter bis auf das Existenzminimum herabdrücken, selbst einem eisernen Lohngesetz unterworfen. Der Militarismus verschlingt die besten Kräfte des Staates. Der Staat muß die Steuerschraube anziehen und die schwere Hand des Fiscus legt sich vertheuernd auf die wichtigsten und unentbehrlichsten Bedarfsartikel. Wer unter solchen Zeitverhältnissen eine Ehe schließt, wird sich's doppelt überlegen. „Wir sind gesund —Gott wird uns schon helfen" sagte man früher und schritt zum Ehebunde. Der Erwerb kam oft späterhin und so ganz von selbst. Man hatte die Wahl, diesen oder jenen Berusszweig zu ergreifen, sprang auch oft rasch genug von Einem zu dem Andern über. Der Befähigungsnachweis schiebt sich heute als hemmender Riegel vor und ein Nein von bureaukratischer Unerbittlichkeit, die bekanntlich die härteste von allen ist, gebietet, bei dem Berufe zu verharren, bei dem das Glück nicht lacht bis in alle Ewigkeit. — Der Angestellte findet unendlich schwer einen Platz, denn die Concurrenz ist zu groß. Wir haben erst jüngst mit Schrecken gelesen, daß ein Kaufmann, der einen Geschästsdiener aufnehmen wollte, unvorsichtigerweise eine Anzeige in ein Tagesblatt einrücken ließ und sich 130 Bewerber meldeten, die eine kleine Revolution vor dem Locale inscenirten. Das spricht überdeutlich. Wer nun ein Haus und eine Familie gründen will, ist mehr als je darauf angewiesen, ein begütertes Mädchen zu freien, denn die Mitgift nimm-t ihnen Beiden einen großen Theil der Lebenssorgen ab. „Hat man nicht auch Gold beineben, Kann man nicht ganz glücklich sein, Wer bei Tisch nur Liebe speiset, Wird nach Tische hungrig sein." singt der alte Rocco sehr weise im „Fidelio", welcher das Hohelied der ehelichen Liebe und der Gatlentreue ist. Das ist schrecklich banal und klingt für romantische Gemüther erstaunlich prosaisch und nüchtern. Aber deswegen ist es nicht minder wahr. Die nothwendige Folge von dem Allen ist, daß immer weniger Ehen geschlossen werden, daß es immer weniger glückliche Ehen gibt, denn mit den Nahrungssorgen stellen sich zu allermeist auch die häuslichen Zwistigkeiten ein. — Der Ausblick in die Zukunft ist noch trostloser. Es wird voraussichtlich immer weniger Ehen geben, weil die Verhältnisse von Tag zu Tag düsterer und schwieriger sich gestalten. Die Zahl der alten Mädchen muß schrecklich anwachsen. Mögen sie als Lehrerinnen .wirken oder mit fleißiger und geschickter Nadel in die Nacht hinein beim Lampenlicht schaffen oder den flinken Stift der Stenographie führen oder

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