Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Vrstrrredtzlphr WochrnptzrM Seite 55 nicht glücklich durch Dich? — als ich Dich das erste Mal sah, Deine Glockenstimme hörte, da drang ein Sonnenstrahl in meine Seele; — und als ich erkannte, daß ich Dir nicht gleichgiltig war, und als Du um mich warbst, und als wir Mann und Frau wurden, wie endlos glücklich fühlte ich mich da, — und als uns unsere K'nder geboren wurden, hätten wir da mit dem römischen Kaiser getauscht!? Wie kannst Du, thörichter, lieber Mann, so kindisch böse Worte sprechen .. . noch jetzt, wo mich der Schmerz, Dich zu verlieren, zu Boden schmettert, fühl' ich mich glücklich und geehrt, daß Du mich zu Deinem Weibe gemacht! Du bist der beste, liebste Mensch auf Erden .... ich habe nicht Vater, nicht Mutter gekannt, habe nie Geschwister und Verwandte besessen — Du warst mein Alles auf der Welt!" Der Mensch ist ein eigenthümliches Geschöpf, im größten Elend kann eine wundersam auftauchende Erinnerung seine wilde Qual sänstigen — ein allerdings nur sehr kurzer Zeittheil hatte das Gedenken einer frohen, friedlichen Vergangenheit Elke an die Ereignisse der nächsten Stunde vergessen lassen; aber nun erfaßte der Gedanke an diese wieder mit scharfen Krallen ihre wunde, zerrissene Seele, und sie schrie laut auf. „Und nun will man Dich mir rauben, Dich mit endlosen Schmerzen tödten, Deinen herrlichen Leib mit Ruthenhieben zerfleischen .... Allmächtiger Gott, der Gedanke an diese Qualen ist mir unertragbar, macht mir körperlichen Schmerz; wie erst Dir die Tortur, die Du leiden mußt." „Laß das!" schnitt Towije rasch seinem Weibe das Wort ab, und konnte sich trotz seiner großen Selbstbeherrschung eines Schauers nicht erwehren, „ich bin, Gott fei Dank, ein starker Mann, ich kann viel ertragen — und es dauert nicht lange; die kurze Zeit kann man überkommen; dann ist alle irdische Qual vorüber, und meine Seele schwebt zu Gott empor .... nach einer Stunde Menschenzeit hoffe ich entsühnt vor meines höchsten Richters Thron zu stehen ... , Sorg' Dich nicht um mich, mein liebes Herz .... Sorgen kann ein Mann in meiner Lage" — Towijes Lippen zuckten im bittern Schmerz — „freilich nicht für Weib und Kind, aber doch möchte ich gerne mit Dir über Deine und unserer Kinder Zukunft sprechen, Dir einen Rath ertheilen. Es bleibt uns hierzu nicht lange Zeit, bald kommt die Wache, um mich zu holen — dann trennen sich unsere Wege, Du mußt Deinen Weg gehen, ich — meinen! ... Es versteht sich von selbst, daß Du trachten mußt, nach der Heimat, unserem lieben Prag, zurückzukehren; ich kann Dir nicht, Gott in seiner Huld wird Dir dazu helfen; dort bist Du geborgen! Schon daß Du mich in ungewöhnlicher Weise verloren, wird Theilnahme für Dich erwecken; man wird sich warm Deiner und Deiner Kinder annehmen, — mißversteh' mich nicht, liebes Herz! Du wirst es wahrhaftig nicht nöthig haben. Geschenke anzunehmen, Du wirst im Stande sein, Dich und Deine Kinder redlich zu erhalten .... Und — Du bist jung und schön, das edelste Weib, es wird Dir nicht an Bewerbern fehlen; und ich finde es recht, daß Du einen zweiten Gatten wählst, unter dessen Schutze Du Dich ruhig, an dessen Seite Du Dich glücklich fühlst .... nur bitte ich Dich" — wieder schwankte die glockenhelle Stimme des starken Mannes — „Du bist ja gut und klug, — darauf zu sehen, daß er unsere Kinder gut hält, daß diese es nicht zu sehr fühlen, daß sie" — Towijes Stimme brach doch, er mußte alle Kraft aufbieten, die Thränen zurückzuhalten — „den Vater zu früh verloren haben." Elke hatte schon früher ihren Gatten unterbrechen wollen; aber ihre Aufregung hatte einen so hohen Grad erreicht, daß ihre Redewerkzeuge den Dienst versagten .... sie rang nach Athem, ihre fiebertrockenen Lippen schlugen lautlos aneinander, sie vermochten lange kein Wort zu bilden; endlich aber brach sie stürmisch ans: „Was sprichst Du? Unsere Wege trennen fich!? Kannst Du es glauben, Mann, daß ich Dich in der furchtbarsten, in der letzten Stunde Deines Lebens verlassen werde?! Bei meinem und Deinem ewigen Seelenheil, ich bleibe bei Dir so lange ein Athemzug Deine Brust bewegt — dann aber stürz' ich mich in den Fluß — wir waren im Leben treue Kameraden, die redlich Lust und Leid getheilt — ich sterbe mit Dir, Du guter, lieber Kamerad!.und was Du noch gesprochen! Liebt' ich Dich nicht so — müßt' ich Dir zürnen in dieser furchtbaren Stunde! Ich will nicht eine Secunde ohne Dich leben — und Du denkst daran, daß sich ein Dritter zwischen uns stellen könnte.Ah! Du hast mir weh' gethan!" Elke schüttelte wild das Haupt, daß die Thränenperlen, die an ihren Wimpern hingen, über ihre bleichen Wangen rollten. „Wie Deine Treue mich so glücklich, so unaussprechlich glücklich macht!" rief Towije Kohen, und aus seiner Stimme klang Heller Jubel, als ginge er nicht dem finstern Tode, als ginge er einem frohen Feste entgegen, „so sei's! Mögen wir uns bald im Jenseits Wiedersehen." Er trat an Elke heran, die sich an seine Brust lehnte und wie verklärt zu ihm emporblickte und sprach flüsternd: „Schau, mein liebes, süßes Herz, man darf sich eigentlich nicht selbst tödten, aber Gott, der Herr, hat sein Gesetz dem Menschen gegeben und kann in seiner Allweisheit von diesem nichts verlangen,was seine schwache Kraft bei Weitem übersteigt — ich seh' es selber ein, Du kannst nach dem was jetzt geschehen wird, nicht länger leben; — ich könnt's ja auch nicht, wenn ich an Deiner Stelle wäre.Nun aber höre ich von ferne starke Schritte, man naht, wir werden uns dann nicht mehr sprechen können.Hab' Dank, Du Heldenweib, für all' das Gute, das Du mir erwiesen, und für Deine heilige Treue bis über den Tod hinaus!" Jetzt zuckte Towije Plötzlich zusammen, als wenn ihn der Strom einer mächtigen galvanischen Batterie getroffen hätte, „wie konnte ich mich von meiner Seelenqual so übermannen, so sinnlos machen lassen?! Du, Elke, mußt leben, mußt unserer Kinder willen leben." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Eokönyo (Jahrbuch), herausgegeben von der israelitischungarischen literarischen GeseUschast; Budapest 1695. An der Frucht erkennt man den Baum; Früchte tragen kann überhaupt nur ein lebensfähiger Stamm. Es ist noch kein Jahr, daß die israelitisch-ungarische literarische Gesellschaft von wackeren Männern ins Leben gerufen wurde; die ganze jüdische Jnlelligtuz Ungarns schaarte sich in ihre Reihen; Gemeinden und Private, Reiche und Arme kamen mit ihren Liebesgaben und sicherten den Bestand der Gesellschaft nach der materiellen Seite hin; dann kamen die Männer der Schrift mit dem Griffel in der Hand, Politiker und Historiker mit der Schärfe ihrer Urtheilskraft, gelehrte Theologen und gottbegnadete Dichter mit dem warmen Gefühl im Herzen, ausgezeichnete Publicisten und Schriftsteller mit der Gewandtheit ihrer Feder und schufen ein Werk, welches dem ungarischeu Judenthum die edelste geistige Nahrung bieten wird. Die literarische Gesellschaft hat mit dieser ersten Pubiication die glänzendsteProbe ihrer Lebensfähigkeit abgelegt und zugleich die froheste Zuversicht auf eine schöne Zukunft eröffnet. Das Jahrbuch ist ein schön ausgestattetes Buch in der Stärke von fast 500 Seiten und wird dasselbe allen Mitgliedern der Gesellschaft gratis zugeschickt. Von Proseffor Dr. Wilhelm Bacher und Dr. Franz M e z e y mit vielem Fleiß und großer Umsicht redigirt, enthält es aus der, Feder von vierzig Autoren gediegene Aufsätze von bleibendem Werthe aus allen Gebieten der jüdischen Wissenschaft und des jüdischen Lebens. Aus dem Kreise der specisisch jüdischen Wissenschaft bieten mannigfache Belehrung die Aufsätze von Professor Dr. Ludwig Blau, „Die biblischen Ideen von der Theodicee;" von Rector Dr. Adolf Schwarz „Eine pädagogische Lehre aus der Bibel"; von Rabbiner Dr. Alexander Rosenberg „Eine kurze Reflexion über die althebräische Literatur, verglichen mit der altgriechischen"; von Rabbiner Dr. Eduard N e u m a n n „Der Einfluß der Zend-Religion auf das Judenthum"; von Prof. Dr. Adolf B ü ch l e r „Die Vorgeschichte der Makkabäerfeier"; von Prof. Dr. Samuel Krauß „Chanucka"; von Rabbiner Dr. Julius Weiß bürg „Organisation des Armenwesens bei den Juden im ta-lmudischen Zeitalter"; von Rabbiner Dr. Böla V a j d a „Die Polemik des Talmud mit Rom in Sachen der Wohlthätigkeit und der Barmherzigkeit". Jüdische Geschichte in Verknüpfung mit dem ungarischen Batertande behandeln die interessanten Artikel von Prof. Dr. David Kaufmann „Ein Augenzeuge und Schilderer der Wiedereroberung der Festung Ofen"; von Rabbiner Dr. Bsla B er n st e i n „Die Juden in dem Freiheitskampfe des Jahres 1846—49"; von Dr. Alerander B ü ch l e r „Ein ungarisch-jüdischer Dichter". Eine historische Arbeit lieferte ferner Rabbiner Dr. Samuel K o h n in der Mittheilung von vier Actenstücken aus den Bierziger-Jahren unseres Jahrhunderts, wie auch Rabbiner Dr. Sigmund Maybaum >n der Mittheilung eines wichtigen Aktenstückes aus dem Leben des Leopold Z u n z. Eine wahre Zierde des Jahrbuches bilden folgende mit viel Geist und Gemüth geschriebenen belletristischen Arbeiten und Gedichte: die anmuthige Novelle von Irene Cserhalmi-Hecht unter dem Titel „Lea"; von Dr. Franz M e z e y unter dem Titel „Aus der Heimat"; die Abhandlung „Toldi und die Bibel" von Director Josef B ä n 6 c 3 i; „Ungarisch-jüdische Künstler" von Rabbiner Dr. Leopold Goldschmied; Gedichte von Emil M ak a i, von I g n o t u s (Pseudonym, unter dem sich einer der geistvollsten ungarischen Dichter