Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021065--04220-3028395- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 48 VrkerretrMch^^WoitzrnlrtzrM Nr. 3 einem Bündniß veranlaßt haben, das einmal gegebene Wort I nicht brach, sie nicht züchtigte, obgleich das Versprechen der Schonung irrthümlich gegeben war, und er sie in seiner Gewalt hatte." Hier eine über 600 Jahre alte Erklärung des Kol nidre, hier das Wort eines alten jüdischen Gelehrten, eines Talmudjuden über die Heiligkeit des auch an Nichtjuden gegebenen Wortes; daß Versprechungen an andere oder gar gerichtliche Eide mit dem Kol nidre nichts zu thun haben, sollte auch den Blindesten einleuchten, aber die Aufwärmer der alten Lügen sind mehr als blind, sie sind boshaft und verlogen, für diese ist kein Heilkraut gewachsen. Die „Schmahpost" gegen Rector Müllner. Das Organ Ehren-Spitzer-Weimar's eröffnet im Briefkasten die Polemik gegen den Rector: „—??? Sie haben durchaus mit Recht auf gewisse kirchliche Gesetze, betreffs den Verkehr mit Juden, hingewiesen. In der Theologia Moralis Pars H. pag. 19 von P. Hilarius 0. C. heißt es in dieser Beziehung: ..Insbesondere wurde von der Kirche, sowohl um der christlichen Religion ihre Würde zu wahren, als auch wegen der Gefahr der Verführung (perversio) angeordnet: Christen sollen mit Juden nicht zusammenwohnen; an ihren Gastmählern nicht so theilnehmen, bei ihnen nicht dienen, keine jüdischen Aerzte nehmen . . .; den Juden sollen keine öffentlichen Aemter unter Christen anvertraut werden. So aus verschiedenen Stellen des canonischen Rechtes." Andererseits ist es ebenso richtig, daß durch entgegengesetzte Gewohnheit dieie Gesetze meistens dem Vergessen anheimfallen und so thatsächlich abgeschafft sind. Aber gegeben wurden sie doch. Und deshalb ermahnt Benedict XIV., daß die Bischöfe in jenen Gegenden, wo Juden stets wohnen, hemmen mögen, eine allzugioße Gemeinschaft der Juden mit Christen und sollen diesbezügliche canonische Voischriften wieder einführen. Die österreichischen Bischöfe haben dies auch gethan. So wurde auf dem Concil zu Prag noch im Jahre 1860 bestimmt: 1. Die Christen sollen nicht bei Juden im Dienste sein, daß sie ihre Hausgenossen und Freunde werden. 2. Christliche Frauen sollen nicht Ammen sein in jüdischen Häusern, nur aus Notwendigkeit außer Haus mit Erlaubniß des Pfarrers; 3. christliche Frauen sollen nicht als Hebammen im . jüdischen Hause helfen. Welche Haltung in dieser Beziehung dem kirchlichen Gebot und vor Allem dem christlichen Geist entspricht, ist uns dem Gesagten klar. Wie sollen jetzt die Redactionsmitglieder der „Schmähpost" mit Spitzer-Weimar verkehren? Das ist wirklich schwierig. Armer Spitzer- Weimar! Feinde des Vaterlandes. „Die geheimen Ziele des Judenthums" betitelt sich Nr. 47 der Th. Fritsch'schen antisemitischen Flugblätter, und sein Inhalt will den fragwürdigen Beweis liefern, daß die Judenschaft insgeheim fest zusammen halte und die Weltherrschaft erstrebe. In der That treffen wir solche Anklagen überall da, wo eine Minorität dem Hasse und dem Aberglauben einer Majorität ausgesetzt ist. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wird, den fleißigen Chinesen vorgeworfen, sie bildeten geheime Gesellschaften oder gehörten solchen im Mutterlande an, denen sie blind gehorchten und die oft unlautere Zwecke verfolgten *) Von den ersten Christen behauptete Lucian von Samosata: Das sei die Art der Christen; unglaublich rasch seien sie da; wenn es sich um eine Ange- , legenheit der Gemeinschaft handele, da werden Mühe und Kosten nicht gespart 2). Ebenso machte man den f r a n z ö si s ch en P r o t e st a n t e n den Vorwurf, „daß ihre Religion in eine Faction ausgeartet sei, daß sie in dem St aat einen anderen Staat errichten wollten, und daß sie sich vermittelst besonderer Freiheiten den allgemeinen Freiheiten zu entziehen suchten."^ Und ein Protestant erwiderte darauf:' „Uebrigens ist dieses Schaffen eines Staates in dem Staate eine wahrhafte Chimäre; die Städte, die man ihnen gelassen, gehörten sowohl dem Könige, als die übrigen in seinem Reiche."*) Dem gleichen Argwohn begegnete der berühmte Afrikareisende Gustav Nachtigall in der Sahara und im Sudan. Von den Tubu berichtet er: ») Reichsbote. 26. Mai 1893. Nr. 121. -) Pros. Dr. Th. Keim; Rom u. d. Christenlhum. Berlin 1681. S. 888. 3) Rambach, Geschichte der Protestanten in Frankreich. Halle 1759. H, 7. 4) Rambach, a. a. O. II, 10. „Bisher war kein C h r i st in das Land gedrungen und man wünschte keinen in demselben zu sehen. Wer soviel Geld opfere, so folgerten die Leute — müsse nothwendigerweise gewinnsüchtige Pläne verfolgen".sie glaubten, Nachtigall wüßte von geheimen Schätzen und käme, um sie zu holen/") In Bardai galt er, der C h r i st, als Verräther, denn ein-Neger schrie ihn mit den Worten an: „Er ist als Spion in unser Land gekommen, das noch nie von einem Türken oder Christen betreten wurde, um seine.Schätze zu erspähen, und wenn wir ihn nicht umbringen, so wird er uns verrath en und verkaufen, und unser Land werden Fremdlinge nehmen/") Als Verräther galten auch die Juden in den Augen fanatischer spanischer Mönche. Diese sagten ihnen nach, daß sie Toledo und andere Städte den Sarazenen ausgeliefert hätten, selbst solche, die nie von den letzteren eingenommen worden waren! * * 7 8) Besonders weitverbreitet und beliebt war der Vorwurf der Anstiftung von Revolutionen und Empörungen. „Wer macht die Revolutionen?" fragt das antisemitische Flugblatt Nr. 83 des Herrn Th. Fritsch. Antwort: „Die eigentlichen Kriegs- Treiber und Revolutions-Hetzer sind Juden!", als ob sich Revolutionen von einer Hand voll Menschen machen ließen! Wie alt ist dieser Vorwurf! Kaiser Hadrian betrachtete das Christenthu m als die unendliche Willkür der Neuerung?) „Man beschuldigte die Ch r isten der Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit . . . und selbst das Drohen der Hingerichteten mit den künftigen Strafen des Reiches Gottes erschien, wie der Rachedurst einer unterdrückten Nation." 9) „Die Heiden warfen auch den ersten Christen S t a a ts g e fä h cl i ch ke i t vor. Alhenaaores hatte ohne Zweifel Recht, wenn erden Erfindern und Verbreitern dieser Anschuldigungen die versteckte Absicht unterlegt, die Christen bei den Kaisern auch politisch zu verdächtigen." 10 *) " "!V Ebenso schlimm wie den ersten Christen ging es den Protestanten. So heißt es von Luther und seinen Anhängern: „Sie geben auch von Luther aus, er lehre leibliche Wollust. . . Sie streuen aus, Lutherlehre sei Geilheit des Fleisches. . . Weiter schreien sie, Luther wollte alle Oberkeit abschassen. ... Sie unterstehen sich, seine Lehre allen . Menschen widrig zu machen, sie verkehren seine Worte, sie messen ihm viele unerhörte K e tz er st ück e zu, also das Alles, was jetzt Ungereimt s von Gott und den Heiligen gesungen und gesaget wird, alle Lästerbücher und Ketzereyen dem Luther und dem Lutherischen aufgebürdet werden u. s. f. . . ." ") Auch die Protestanten in Frankreich galten für Revolutionäre und Feinde der Monarchie: „Man hat sie beschuldigt, daß sie einen republikanischen Geist hätten, und Grundsätze hegten, welche der A u tor i tä t der Könige gefährlich wären. 12) Und Bischof von Agen schrieb gegen die Protestanten:.„Es ist doch offenbar, daß ihr nur ungern unter einer mon archi st ischen Reg ieru ng steht, und daß ihr systematisch Republikaner seid." Ferner sagte er: „Wir haben eö gesehen, daß die Bemühungen keinen andern Zweck haben, als daß sie unter den großen Städten des Königreichs Verbindungen zu stiften und eine Republik, aufzurichten suchen/"9) Und ein Protestant wiederholte es: „Man dichtet uns einen unruhigen, aufrührerischen und zu Meuterei aufgelegten Geist an. man gibt vor, daß s) Sahara und Sudan. Berlin. 1879—81. I. S. 275. *0 Nachtigall, a. a. O. I, 335. 7) J. B6darride, les jnifs en France . . Paris 1859. S. 66. 8) Keim, fl. fl. O. S. 380. 9) Keim, a. a. O. S. 383. *0) Semisch, Justinus der Märtyrer. Breslau 1840. II. 114. ") Ambrosius Blarer's Schutzschrist an den Rath von Costnitz v. I. 1523 in Gieseler's Lehrbuch d. Kirchengelchichte. Bonn 1840 III, 1. S. 126 ff. ,2) Rambach, Vorrede I, 22. '-) Rambach, I. 95 fs.