Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 42 VrstrrrrvWchr Wochenschrift SLr. 3 Es gab allerdings eine Zeit — und die ist noch gar nicht lange her — wo auch bei uns die ersten Männer der Stadt in dem Vorstand der Cultusgemeinde saßen. Damals war es die höchste Ambition eines jeden ernst strebenden, zu äußerer Stellung gelangten Mannes, in dieser illustren Gesellschaft a*s Mitarbeiter ausgenommen zu werden. Als aber zu Ende der Siebziger-Jahre der innerlich morsche Antisemitismus in Sicht kam, da nahmen die Dinge rasch eine andere Wendung. Die Einen fanden den traurigen Muth, gänzlich aus dem Judenthum zu verschwinden, die Anderen schlichen sich sachte aus der jüdischen Gemeindestube. — Ein Typus der Letzteren mag hier mit wenigen Strichen gezeichnet werden. Es war ein Mann in noch jungen Jahren, der es als Jude ziemlich weit gebracht hatte und dem es schmeichelte, einem Kreise, und wäre es auch einem rein jüdischen, wo ein Kuranda, Kompert, Königswarter und Andere säßen, angehören zu dürfen. Das war nun recht schön und bequem, solange Alles noch glatt ging. — Da begann sich der Horizont zu verdüstern, und ein fernes Wetterleuchten verkündete ein nahes Gewitter. — Eines Tages wurde unser „Ausnahmsjude" — denn ein solcher war er — von einem christlichen College» folgendermaßen apostrophirt: „Aber, lieber Collega, was machen Sie denn eigentlich in der Cultusgemeinde? Thun Sie dort etwa Schofar blasen?" Das war offenbar für einen rechten Juden Ln de siede zu viel. Auf sein Verschwinden aus der jüdischen Gemeindestube folgte unmittelbar die Apotheose. Er schwang sich aus den viel umstrittenen Jsolirschemel. Seitdem blickt er mit olympischer Ruhe von der Höhe seiner Ausnahmsjudenschaft hernieder auf die Verheerungen, welche das antisemitische Ungewitier unter seinen im Kampfe gegen dasselbe sich aufreibenden Glaubensgenossen täglich und stündlich aurichtet. Auf der einen Seite entziehen sich also die Hochmögenden dem Kampfe, als ob er ihnen gar nicht gelte; auf der anderen wieder keucht schwer etwa ein Dutzend schwacher Menschen, welchen neben ihrem Ringen um den Erwerb alle Lasten, alle Führung des Gemeinwesens aufgebürdet werden. Man gehe doch nur die jüdischen Vereine alle durch und man findet überall dieselben paar abgehetzten Personen an der Arbeit — di: aber auch danach ist. — Solange solche Zustände herrschen, solange man sich nicht allerorten aufrafft, solange nicht die „Ausnahmsjuden" von der Bildfläche verschwinden, solange wird und kann cs nicht besser werden. Was ist nun zu beginnen? Alle ernsten, charaktervollen, jüdischen Männer, gleichviel ob sie auf einer höheren oder niedereren Stufe der socialen Leiter stehen, müssen sich zusammenthun und den eindringlichen, nicht überhörbaren Ruf ergehen lassen: Alle Mann an Bord! Mit Donnerstimme muß er erschallen, daß selbst die Schwerhörigsten ihn vernehmen müssen. Es muß einmal klar zu Tage treten, wer verläßlich, wer zu uns und wer zu unseren Feinden gehört. Wer dann noch zaudert, zurückweicht und sich verkriecht, der hat sich selbst gerichtet, sich selbst gebrandmarkt! Seine von nun ab in Mißcredit gekommene Ausnahmsjudenschaft tilgt ihm die Schmach nimmer weg. Er ließ das Heiligste, was ein Mensch besitzt: seinen Gott, Eltern und Geschwister, sich selbst lästern und beschimpfen, ohne sich dabei zu regen, — er ist ein Feigling. Und es ist gut, wenn wir solche mattherzige Menschen aus unserer Mitte ausscheiden. Wenn wir so gereinigt und geeinigt, so würdevoll vertreten dastehen werden, dann wird der innerlich hohle Antisemitismus, diese aus dem mittelalterlichen Grabe aufgestiegene Mumie, die nur von unserer Zerfahrenheit und Zerrissenheit ihr sündhaftes Dasein fristet, in sich zufammenbrechen. Denn Cassius hat Recht : „Cäsar wäre kein Wolf, wenn die Römer keine Schafe wären". Und Lueger und Consorten sind noch lange keine Cäsaren, ja nicht einmal echte, sondern nur verkappte Wölfe. Dr. M. Friedländer. Antisemitismus bei der Nordbahn. 1 Unsere verehrten Leser werden über den Titel dieser Zeilen baß erstaunen! Die Nordbahn antisemitisch? Ein Unternehmen, dessen Concessionsverlängerung mit eine Ursache für die heutige Calamität der Juden geworden ist, welches einem Schönerer und einem Lueger seit Jahren ununterbrochen den dankbarsten Stoff zu antisemitischen Brandreden bot, welches in den antisemitischen Blättern nie anders als die „Judenbahn" genannt und von dem fortwährend behauptet wird, daß es mit jüdischem Capital das christliche Volk ausbeute — diese selbe Nordbahn soll antisemitisch sein? Es ist so! Die heutige Verwaltung der Nordbahn ist vom Geiste des Judenhasses erfüllt. Jüdische Beamte werden nicht mehr ausgenommen und den wenigen noch vorhandenen ist jede Aussicht auf Avancement abgeschnitten. Dagegen belohnt die Nordbahn-Direction den Uebertritt vom jüdischen zum christlichen Glauben durch rasche Beförderung. Jüdische Beamte, die ihrem Glauben treu bleiben, haben ihre Carriöre abgeschlossen, solche aber, die sich taufen lassen, überspringen mit einem einzigen Satze mehrere Vordermänner, selbst wenn diese christlicher Confession sind. Auf die Taufe ist alfo bei der Nordbahn geradezu eine Prämie gesetzt. Die Beamtenschaft ist derzeit bereits „judenrein", antisemitisch purificirt. Das sind Thalsachen, die wir durch Anführung von Namen und genauen Daten erhärten können. Diese Praxis der Direction wird erst in die richtige Beleuchtung gerückt, wenn man sich des ursächlichen Zusammenhanges zwischen dem finanziellen Erfolge der Nordbahn und der antisemitischen Propaganda erinnert. Die reichen Dividenden, welche dieses Institut feinen christlichen und jüdischen , Actiynaren zahlt, haben auf die großen Massen wie das rothe Tuch auf den Stier gewirkt. Von den mächtigen, christlichen Actionären schweigen die antisemitischen Hetzer, aber umso lauter sprechen sie von den jüdischen. Als die Concession der Nordbahn verlängert wurde, hielt Sch ö n er er jene aufreizende Rede, in welcher er die Allmacht jüdischer Bestechungsgelder an dem Erfolge der Nordbahn exemplificirte. Kein Ereigniß hat so sehr zur Verschärfung der allgemeinen Judenhetze beigetragen, als jene Concessionsverlängerung. Der arme, jüdische Hausirer, der um seine Existenz ringende kleine, jüdische Kaufmann und Gewerbetreibende mußte für die reichen Dividenden der Nordbahn-Actionäre büßen. Der letzte Ausweis des Institutes zeigte eine immerwährende, stetige Zunahme der Einnahmen und damit auch der Dividenden. Der Antisemitismus hat den Actionären, seien es nun Christen oder Juden, in keiner Weise geschadet. Aber Tausende kleiner, jüdischer Existenzen sind seither zu Grunde gegangen, und die Hetze, deren Ausgangspunkt die Concessionsverlängerung der Nordbahn war, hat den armen Juden Hunderte von Erwerbswegen, die ihnen früher offen ständen, verlegt. Sie sind die Opfer der reichen Zinsenerträgnisse der Nordbahn. Einer der wichtigsten dieser Wege zur Gründung einer Existenz war die Bewerbung um eine Anstellung bei den Privatbahnen. Und nun ist es die Nordbahn selbst, welche unseren Glaubensgenossen ihre Pforten verschließt und auf solche Weise nicht nur Ursache, sondern auch Fördererin des->Antisemitismus geworden ist. Darin liegt eine Erbärmlichkeit und Gewissenlosigkeit, für welche wir vergebens nach einem Beispiele suchen. Man verweist beiden Staatsbahnen ausdrücklich darauf, daß die Nordbahn kesinen Juden anstellt. Das ist doch genug! Es ist ein offenes Geheimniß, daß fass alle höheren Functionäre der Nordbahn liebevolle Pfleger des Antisemitismus sind und daß ihre christlichen Beamten fast ausnahmslos bei allen Wahlen für die antisemitischen Candidaten stimmen. Trotzdem oder vielmehr eben deshalb sind in der letzten Zeit gar merkwürdige Schmutzgeschichten bei der Nordbahn vorgekommen — wir erinnern uns an die Malversationen des ehemaligen Wiener Stationschefs H u s n i k, der sich ganz besonders in