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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 2 Vestrrrektztsche WortzrnstipM tzveite 39 Der Rittmeister zuckte mitleidig die Achsel. „Ihr seid Herrin Eures Willens, thüt, was Ihr für recht findet." Mutlerweile war der Prosoß aus der Kerkerzelle wiederzurückgekehrt. „Ich habe bei den Gefangenen," berichtete er, „nur einen kleinen Geldbetrag und diese Schriften gefunden," — er überreichte Beides, „dann noch einige sonderbare Gegenstände, von denen er sich nicht trennen mochte, er will sie, wie er sagt, noch vor seinem Tode bei seinem letzten Gebete benutzen." „Gut," sprach der Adjutant, die Schriften in die Brusttasche seines Waffenrockes steckend, dann fügte er leiser, nur den Profoßen verständlich, hinzu: „Ich habe es der armen Frau gestattet, die Nacht hier vor der Kerkerzelle ihres Galten zu verbringen. Geb Er ihr und den Kindern einen Krug Bier und einen Laib Brot, auch warme Decken, damit sie nicht zu viel von der Kälte der Herbstnacht leiden. Die Frau darf von den Soldaten, welche die Wache beziehen, nicht mit einem Wort verletzt werden; ich mache Ihn verantwortlich dafür. Das Geld, das Er bei dem Gefangenen gefunden, hat er der armen Frau zu übergeben, ich lege einen Thaler aus eigener Tasche dazu." Der Rittmeister wandte sein Pferd und ritt, von dem Kürassierpiket begleitet, ab; bevor er durch das Thor ritt, hielt er noch einmal an und rief zurück: „Frau, ich wünsche Euch von ganzem Herzen, Gott möge Euch einen ruhigen, erquickenden Schlaf senden!" -i- Nachdem der Rittmeister fortgesprengt war, war die unglückliche Frau an den Stufen der Kerkerzelle wie gebrochen niedergesunken. Die Profoßenfrau brachte ihr einen Saib Brot und einen Krug Bier, aber Elke fühlte keinen Hunger, nichts als die unertragbare Last eines überschweren Hergens, auch Elije vermochte nichts zu essen und blos die kleine Hendel ließ sich durch großes Zureden der Profoßenfrau dazu bewegen, einen Schluck aus dem Bierkruge zu thun. Die gutherzie Profoßenfrau hatte Elke und ihren Kindern warme Decken umgeworfen, und diese, wie geistesabwesend, schienen dies nicht einmal zu bemerken. An dem tiefblauen, reinen Herbsthimmel funkelten Myriaden goldener Sterne;- es war nach und nach rings umher stille geworden und Elke hörte nichts als die eintönigen Schritte der Schildwache vor dem Gehöfte, in einiger Entfernung, das Pferdegetrappel einer Nachtpalrouille, zuweilen „Wer da!"- Rufe der ausgestellten Posten. Elke hatte sich zuerst bemüht, mit ihrem Gatten zu sprechen, ihm ihre Anwesenheit kundzugeben. Die Zelle war fensterlos, und sie ries mehrmals mit dem Aufgebote ihrer vollen Stimmkraft. „Mein theuerer Towije, ich — Dein treues Weib bin in Deiner Nähe, sprich ein einzig Wort, damit ich erkenne, daß Du es weißt, daß ich in Deiner Nähe, daß ich nicht von Dir lasse, — bis in den Tod," — aber sie erhielt keine Antwort, ihr Gatte hörte sie nicht, auch diese endlos kleine Linderung ihres Riesenschmerzes war ihr nicht vergönnt worden. Die kleine Hendel hatte den ganzen Vorgang nicht zu begreifen vermocht, ste hatte nur erkannt, daß man ihren lieben Vater tödten, ihm große Schmerzen bereiten wolle. Den Begriff des Todes konnte das Kind nicht erfassen, aber daß man ihrem Vater große Schmerzen bereiten wolle, that ihr entsetzlich weh, und Hendel kauerte sich an den Kerkerstufen nieder, schlug die kleinen Hände vor das liebliche Gesicht und weinte unaufhörlich bitterlich. Elke saß regungslos, wie versteinert auf den Stufen. Allerdings zuckte zeitweilig ein Hoffnungsstrahl in ihrer umnachteten Seele auf. Gott mußte ja die unerhörte blutige Gewaltthat hintanhalten; das Wie? — das hatte ja nicht sie zu kümmern, das war ja Gottes Sache, und dem unendlich Hohen, der die Welt blos durch seinen belebenden Willen aus nichts zu erschaffen vermochte, dem war ja das ein Leichtes! Er konnte ja einen seiner zerschmetternden Blitze niedersenden, die Frevler zu vernichten, er konnte sie ja wie die böse Rotte Korah's in den Boden versinken, oder er konnte ja auch ein natürliches Ereigniß eintreten lassen; der schwedische Heldenkönig konnte ja mit seinen Schaaren herbeieilen, Wallenstein besiegen, den Kerker ihres Gatten öffnen! Zuweilen horchte sie auf, ob nicht schon seine Reitermassen nahten, ob nicht ferner Geschützdonner den Schlachtbeginn verkünde — aber diese farbenschönen, leuchtenden Hoffnungen erloschen bald wieder. Alles um sie her war in dichtes, rostloses Dunkel gehüllt, und je getrösteter sie sich einen Moment gefühlt hatte, desto schauriger erschien ihr die Erkenntniß, daß ihre Hoffnungen nur Selbsttäuschungen gewesen, daß sie das Furchtbarste, das Entsetzlichste, das Grauenvollste erwarten müsse. Endlich hatte sich ihrer gemarterten Seele eine totale Hoffnungslosigkeit bemächtigt, sie haue das Unschätzbarste, das Höchste, das es im Menfchendajem gibt, — das Gottverlrauen, verloren. Wenn der allmächtige Gott, jo dachte das unglückliche Weib, es geschehen Uetz, daß ihr Gatte, der Vater ihrer Kinder, der edelste Mensch, m entwürdigendster Weise zu Tode gefoltert würde, sie das mit anfehen mußte — dann war es für sie vollkommen undenkbar, daß es euren allweisen, allgütigen Weltenlenker gebe — dann konnte sie nur eines unternehmen, das Einzige, was sie in rhrem fiebernden Hirn auszudenken vermochte, — von dem zerfletschten Leichname des zu Tode gefolterten Galten hinweg zum Fluß eilt», sich und ihre Kinder in die Fluthen werfen, lhrem Leven em Ende machen! Sie war von ihrer frühesten Jugend an gewöhnt, den Mord als das schwerste Verbrechen der Menschheit zu betrachten, und gar einen Mord begangen an den eigenen Kmdern, die sie unter ihrem Mutteryerzen getragen, sür deren Wohl sie gerne ihren letzten Blutstropfen hingegeden! — Sie mutzte glauben, durch diese That auch ihr Jenseits zu verscherzen; — aber unter der wilden Gluth des heißesten Seeunschmerzes hatte sich in dem Herzen der sonst frommen, gottergebenen Frau der Gedanke entwickelt: Der Gott, der ihren Gatten un-? schuldig den martervollsten Tod erleiden, sie selbst das Weh erdulden ließ, das mit eigenen Augen anzusehen, ohne ihn zu retten, seine Qualen lindern zu können, der Gott, so dachte die arme, schmerzvernichtete Frau, der habe keine Paradiese zu verschenken — und hätte er sie auch zu verschenken, sie hätte sie — in wildem, entschuldbarem Schmerze endloser Verzweiflung — von ihm gar nicht angenommen! Der sechsjährige Elije war noch der Gefaßteste in dieser kleinen Gruppe Unglücklicher; fern Gottvertrauen blieb vollkommen unerschüttert. Es klang wundersam herzergreifend, als das Kind sprach: „Aber du goldenes Mütterchen, wer wird denn gleich so verzweifeln? Das schickt sich gar nicht sür eine so fromme Frau, wie Du bist! Sorg' Dich gar nicht, der liebe, große Gott wird schon helfen!" und als er sah, daß seine Worte nicht die gewünschte beruhigende Wirkung hervorriefen, fuhr er, in heißes Schluchzen ausbrechend, fort: „Wenn ich- Dir's sage, so kannst es ja glauben! Schau nur, Du liebes Mütterchen, den großen Himmel, den Mond da und die vielen Sterne an, die hat der liebe Gott aus nichts, aus gar nichts erschaffen, das kannst Du mir glauben, es steht ja so im Chumisch — nun glaubst Du nicht, daß der allmächtige Gott auch uns helfen kann? Und warum sollte er uns nicht helfen wollen? Er ist ja so brav und allgütig — und Du und der Vater, Ihr. seid ja auch brav und gut und fromm und wohlthätig!." Und als er alle seine Tröstungen und Ermuthigungen verschwendet hatte, scylug er vor, sie alle drei sollten jetzt gemeinschaftlich das Nachtgebet verrichten, die Mutter möge es ihnen vorsprechen, Gott würde ganz gewiß ihr Flehen erhören; aber so endlos hart es Elke auch wurde, die bescheidene, rührende Bitte ihres Kindes abzuweffen, schüttelte sie doch traurig verneinend ihr schönes Haupt — sie konnte vor Verzweiflung nicht mehr beten! Wie andächtig, wie vertrauensvoll hatten sie — ihr Gatte, der da in der dumpfen Zelle, wie ein reißendes Raubthier gefeffelt lag — und sie selbst, gestern Nacht zu Gott emporgefleht, und wie war ihr Gottvertrauen gelohnt worden!? Die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen erkennend, setzte sich nun Elije neben seine Mutter auf die Stufen nieder, er weinte nicht mehr, er schauerte nur zuweilen vor Kälte zusammen,, sonst regte er sich nicht. Die schöne Frau und die Kinder boten ein erschütterndesBild stiller Verzweiflung dar,daß einem Beschauer, dem ein menschlich Herz im Busen schlug, dieses hätte zerschmelzen müssen. Elke Kohen verlebte eine jener qualvollen, furchtbaren, entsetzlichen Nächte, die kein Mensch um den Preis jahrtausend langen irdischen Glückes verleben möchte.und doch Hütte Elke diese Nacht nie enden, den kommenden Morgen nie. anbrechen sehen wollen! Aber Alles, auch das Härteste, Bitterste auf Erden nimmt endlich doch ein Ende und Elke erbebte, als sich im fernen Osten mählig die grauen Nachtwolken zertheilten und die Strahlen der noch nicht sichtbaren Sonne die Finsterniß verdrängten. — Mit Morgenanbruch ward es auch lebendig im Lager, man hörte Trommelgewirbel, Trompetengeschmetter, Menschenstimmen,

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