Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021064--04205-3028379
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 34 Orstrrretchischr Wochenschrift Nr. 2 Die Abendblätter sagen zu der, wie es feststeht, nicht von Capitän Lebrun-Renaut selb st dem „Figaro" mitgetheilten Unterredung nichts und bringen nur eine amtlich verbreitete Note des Kriegsmini st ers, daß der Minister den Capitän befragt habe und dieser erklärte, daß er keine Verbindung mit einem Organ noch mit einem Repräsentanten der Presse gehabt habe, was allerdings sicher der Wahrheit entspricht. Der Capitän wurde Morgens zum Kriegsminister berufen und soll Mittags noch nicht'zurück gewesen sein. Eine amtliche Note des Polizeichess Lepine, die die gestrige Notiz des „Temps" über Dreyfus' Aussage dementiren sollte und von deren Versendung ein bestimmt auftretendes Gerücht wisien wollte, findet sich wider Erwarten in den Abendblättern nicht. Freitag haben Dreyfus erst seine Gattin, *>ann seine Schwiegermutter Madame Adamard besuchen dürfen. Die Gattin war drei Stunden bei ihm. Ein Redacteur hat den Vertheidiger Demange interviewt, der die Auskunft über die Vorgänge der geheimen Sitzung natürlich ablehnte, aber sagte: „Dreyfus ist verurtheilt, also in den Augen aller Welt schuldig; aber ich für meinen Theil bleibe bis ins Innerste überzeugt von seiner Unschuld. Meine Ueberzeugung hat sich nicht geändert, und ich halte meine Behauptungen aufrecht." Ueber den Fall Dreyfus schreibt beute der P a r i s e r Correspondent der „Kreuzzeitung", welche bisher die Angelegenheit im antisemitischen Sinne ausnützte, daß er, je mehr er lese und höre, umsomehr in der Annahme bestärkt werde, daß es sich hier um ein Opfer des Deutschenhasses handle, bei welchem der Antisemitismus nur als Vorwand diente. Man dürfe nicht an der Ehrenhaftigkeit der Richter zweifeln, dürfe aber annehmen, daß dieselben unter dem Einflüsse einer Suggestion der Revanche-Idee geurtbeilt hätten. Sollte Dreyfus unschuldig sein, so müßte man zuaesteben, daß selten ein Menschenlos tragischer und ein Mensch beklaaenswerther gewesen sei. als Dreyfus. da er keine Aussicht auf Rebabilitirung habe. In der anständiaen Pariser Presse sei es in dieser Affaire in der letzten Zeit auffallend still geworden. Zweierlei Mast. Der Berliner Bierboycott ist zu Ende, der Ruf der Arbeiter „Trinkt keinen Tropfen Rinabier!" bat seine Wirkung gethan, der „Ring" der Bierbrauereien hat nochgeben müssen. Die „Nationalzeitung" bringt nun einen Artikel, in welchem sie den Nachweis zu führen sucht, daß die Staatsgewalt verpflichtet sei. gegen die Wiederholung solcher Boycottts einzuqreifen. Der Bierboycott, sagt das genannte Blatt, „hat der öffentlichen Meinung die Unvereinbarkeit derartiger Verrufserklärungen mit der Staatsordnung, mit - der Amrechthaltung des öffentlichen Friedens, mit dem Schutze der Staatsangehörigen in ihrer Erwerbsarbeit zum Bewußtsein gebracht. Man erwägt mit Recht, daß der durch einen Boycott ausgeübte Zwang sich noch ungleich wirksamer erweisen, ja unmittelbar ruinirend wirken könne, wenn er wider schwächere Gegner angewendet würde". Die Sorge der „Nationalzeitung" um den Schutz der Erwerbsarbeit verräth sehr viel Zart- und Rechtsgefühl, und doppelt erfreulich ist es, daß das Blatt hiebei nicht nur die Jntereffen der großen, kapital? kräftigen Brauereien, sondern auch jene der schwächeren Erwerbsclassen vor Augen hat. Aber bezüglich der letzteren hätte ja das nationalliberale Organ gar nicht erst hypothetisch zu sprechen gebraucht. Der socialdemokratische Ruf: „Trinkt keinen Tropfen Ringbier!" steht ja nicht vereinzelt da, er findet sein Gegenstück in dem antisemitischen Rufe: „K a u f t nicht bei Juden!" Der Bierboycott dauerte nur einige Monate, die Boycottirung der jüdischen Geschäftsleute wird auch in B e r l i n schon seit langen Jahren betrieben! Hier sind es gerade die „Schwächeren", welche in Folge des durch den Boycott ausgeübten Zwanges unmittelbar ruinirt werden! Wie kommt es nun, daß die „Nationalzeitung" ihr Zart- und Rechtsgefühl und ihre Sorge für die wirthschaftlichen Jntereffen der Boycottirten, sowie für den „öffentlichen Frieden" erst heute angesichts der Wirkungen des Bierboycotts offenbart und .s solange verabsäumt hat, ihre Theorie von der „Unvereinbarkeit solcher Verrufserklärungen mit der Staatsordnung auch gegenüber den Ruie: „Kauft nicht bei Juden" zum Besten zu geben? Solange die jüdischen Geschäftsleute nicht außer Reeyt und Gesetz stehen, haben sie doch wohl genau denselben Anspruch auf den Schutz der Staatsgewalt wie die cartellirten Bierbrauer, und wenn es, wie die „Nationalzeitung" versichert, eine natürliche Empfindung ist, „daß jede derartige Vergewaltigung durchaus der Erpressung und der Nöthigung gleichsteht, welche vom Gesetz mit Strafe bedroht wird, so muß diese natürliche Empfindung doch auch den antisemitischen Erpressern gegenüber zum Durchbruche - kommen. Das ist nun freilich bisher nicht geschehen und auch die öffentliche Meinung Berlins hat das zweierlei Maß walten lassen. Das Wesen des durch eine eigene Strafbestimmung zu bekämpfenden Boykotts desinirtdie „Nationalzeitung" folgendermaßen: „Der zu verbietende Boycott ist zunächst dadurch bedingt, daß die Verabredung der Kundschaftsentziehung nicht durch das Verhäüniß von Leistung und Gegenleistung im geschäftlichen Verkehre veranlaßt ist; wo Unzufriedenheit in diesem der Grund ist, kann von strafbarem Boycott nicht die Rede sein. Das Wesen desselben ist die Absicht, eine außerhalb jedes geschäftlichen Verkehres liegende Leistung zu erzwingen oder Jemanden zu schädigen, ohne daß das geschäftliche Verbältniß zwischen den beiden Theilen hiezu den Anlaß gegeben hat. Verrufs-Verabredungen zu diesen Zwecken und die Thätigkeit für ihre Durchführung müssen verboten und bestraft werden; die Veröffentlichung muß als strafschärfender Umstand wirken. Das alles trifft vollkommen auf den Hetzruf: „Kauft nicht bei Jud en!", auf die diesbezüglichen Organisationen und auf die Veröffentlichung dieses Rufes in antisemitischen Organen zu. Unsere Glaubensgenossen haben gegen die antisemitischen Agitationen niemals nach der Polizei gerufen. Sie haben lediglich die Anwendung der Gesetze in gleichem Maße gegen alle Staatsbürger verlangt und Ausnabmsregeln jeder Art, sei es zu ihren Gunsten, sei es zu ihrem Schaden, pernorrescirt. Aber wenn die Störung des Gewerbebetriebes durch Boycottirungen zur Aufnahme eines Boycott-Paragrapben in das Strafgesetz führen sollte, dann wird unter diesen Paragraphen auch die Hetze gegen jüdische Geschäftsleute fallen müssen. Und dann wird es sich zeigen, ob die natürliche Empfindung der „Nationalzeitung" auch wirklich eine natürliche oder ob sie eine erheuchelte ist. Erinnerung an Samuel Fenichel. Unter diesem Titel widmet Otto Hermann in der Zeitschrift der ungarischen ornitbologischen Centrale „Aquila" dem Andeüken des so jung verstorbenen Gelehrten einen warmen Nachruf, dem wir als Ergänzung der von uns bereits mitgetheilten Daten Folgendes entnehmen: Seit Körösi-Cs om a, der am Fuße des Himalaya, im englischen Todtengarten zu Darjiling ruht, aab es keinen ungarischen Reisenden, der unter schwierigeren Umständen sein Ziel so w^it erreicht hätte, wie Samuel F en i ch el, uud den dann, als er sein Ziel schon beinahe vollständig erreicht hatte, dasselbe traaffche Schicksal wie Cs om a, unter aanz fremdem Himmelsstrich niedergestreckthat. Im reformirten Collegium zu Na gv-Eny ed war es Karl Herepey, der die Begeisterung für die Wissenschaft in der Seele des blutarmen Knaben auslodern machte. Mit dem, was er von Herepey sich angeeisnet, was ihn Johann v. Csat6 auf praktischem Gebiete lehrte, tritt er mutbig ins Leben; die Gebrechlichkeit seines Körpers hindert ihn nicht daran, die Sümpfe der Dobrudscha zu durchforschen. Mit geradezu kindlichem Vertrauen ergreift er die Gelegenheit, um nach Neu-Guinea zu kommen. Der letzte Brief den er auf Europas Boden schrieb, endete mit folgenden Worten: „Und nun mit der Fackel der Wissenschaft und des Strebens auf zum Kampfe!" Als sein Genosse, von dem die materielle Grundlage des Unternehmens abhing, den Muth verliert und ihn ohne einen Heller, ohne das geringste Hilfsmittel verläßt, verzweifelt er nicht; im Gegentheil, er freut sich der Unobhänaiakeit. Seine Karawane besteh' aus fünf Knaben, mit diesen schlägt er seine Hütte om Fuße des Finisterre-Gebirges aus und gebt an seine Forschungen. In der kurzen Zeitspanne von vierzehn Monaten sammelt und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.