Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 3 Veflerretchtsthr WochrnsttzrM Seile 33 o 8 s, dort zu lesen. Dante war ein großer Geist und Thomas von Aquino war ein Mann von großem Adel und er war auch ein Heiliger. Die Aeußerungen, die von solchen Männern auch über jüdische Gelehrte gefällt worden sind, sind i m Tone ganz anders gehalten, auch dort, wo eine Zustimmung unmöglich ist. Ich bin jedes Jahr in der Nothwendigkeit, den Spinozismus zu bekämpfen und ich sage es hier vor einem Hause ernster Männer, ich neigemich trotzdemjedesm a l, so oft ich sein System bekämpfe, in Ehrfurcht vor diesem großenGei st e und edlen Menschen. Ich will damit nicht sagen, daß vielleicht alle jüdischen Gelehrten Spinozas seien, weder im Denken, noch vielleicht auch in der menschlichen Größe; aber man kann nicht so unterschiedslos über einen ganzen Stand uriheilen, man kann nicht so pauschalier über eine Institution urtheilen, die eine Jahrhunderte alte Geschichte hat, und man sollte das persönliche Tactgefühl haben, finde ich, gegen den hier anwesenden Rector die von ihm vertretene Universität ihm nicht in das Antlitz zu beschimpfen. Wenn die Herren sich für den Stand der Universität interessiren, so bitte ich, einen buchhändlerischen Jahresbericht über wissen- ° schaftliche Publicationen einzusehen. Sie werden finden, daß gerade das Werk eines jüdischen Gelehrten der Wiener Universität in der kürzesten Zeit eine neue Auflage erleben mußte, tveil es einfach das Einzige in d i e s e r R i ch t u n g ist; ich nenne keinen Namen, Jene, die sich mit der Wissenschaft beschäftigen, werden wissen,(Zuckerk a n d l) wen ich meine. Man kann daher in dieser Weise nicht aburtheilen. Den Mathematiker Jacob i, obwohl er ein Jude war, kann man nicht aus der Geschichte der Wissenschaft st r e i ch e n. Das geht nicht, und ich würde bitten, wenigstens die äußeren Rücksichten walten zu lassen, die eine große historische Institution beanspruchen darf, und ich bitte für mich, wenigstens mich persönlich nicht zu verletzen, denn ich fühle mich menschlich verletzt, wenn man in meiner Anwesenheit meine Collegen und die Institution, die ich zu vertreten die Ehre habe, in dieser Weise behandelt, wie es zu meinem Bedauern geschehen ist." Warum ein gewiffer Herr den Heinrich Heine nicht leiden kann! „Erwählet kein Patricierkind, Erwählet einen vom Plebse, Erwählt nicht den Fuchs und nicht den Leu Erwählt den dümmsten der Schöpse. Sie rühmten, daß er nie studiert Auf Universitäten, Und Dummheit schwätzt aus sich selbst heraus Ganz ohne Faculläten. Ja, seine ganze Ignoranz Hat er sich selbst erworben; Nicht fremde Bildung und Wissenschaft Hat je sein Gemüth verdorben. Bor seinem schönen Auge glänzt Die Brille, die stereotype, Und eine dicke Dummheit liegt Beständig auf seiner Lippe. Er schreit und schwätzt, und schreit und schwätzt Worte mit langen Ohren Eine schwangere Frau, die ihn reden hört, Hat einen Esel geboren." Heine. Prag, 7. Jänner. (Kundgebung für Rector M ü l l n e r.) Der hiesige Deutsche Verein hat an den Rector der Wiener Universität, Professor Müllner, folgendes Telegramm gesendet: „Der Ausschuß des Deutschen Vereines in Prag hat einstimmig beschlossen, Euer Magnificenz den wärmsten Dank dafür auszusprechen, daß Sie, als berufener Vertreter der Wiener Universität, der ruhmreichen Stätte deutscher Wissenschaft, die unqualificirbaren Angriffe und Anmaßungen im nrederösterreichischen Landtage mit geistiger Überlegenheit abgewehrt und als Wortführer der Humanität und Gerechtigkeit die Ausbrüche eines blinden Fanatismus mit wohlthuender Entschiedenheit verurtheilt haben." Zum Fall Dreyfus. Paris, 6. Jänner. Mehrere Blätter, darunter der „Eclair", zweifeln heute die Mittheilung des „Temps" an, daß Dreyfus Erklärungen über die Auslieferung von Papieren an eine fremde Macht abgegeben habe. Die Erzählung des „Temps" findet sich auch in anderen Blättern, aber mit vielen Widersprüchen und in sehr verschiedenen Versionen darüber, wem Dreyfus die Erklärungen gemacht habe. Die Einen sagen, den ihn vor der Ceremonie bewachenden Soldaten, Andere, er habe die Worte auf dem Hof im Vorberschreiten zu Officieren gesprochen; wieder Andere meinen, ehe er in den Zellenwagen stieg, habe er die Eröffnung gemacht,und zwar dem Feldwebel Vallacalle. All das scheint hinfällig, wenn die folgenden Mittheilungen authentisch sind, die der „Figaro" in letzter Stunde erhalten haben.will und unter der Ueberschrift Erzählung eines Augenzeugen veröffentlicht. Als man im Gefängniß Okerebe Midi gestern Morgens Dreyfus vifitirt und ihm Handschellen angelegt, habe er den wachthabenden Officier zunächst gebeten, wenn möglich, doch für eine Beschleunigung der Ceremonie sich zu verwenden, da ja die Treffen und Abzeichen der Uniform schon vorher halb abgeschnitten, also schnell abreißbar seien. Als der Officier nicht antwortete, habe Dreyfus gesagt: „Ich blicke Ihnen ins Auge. Capitän, Sie sehen es, und ich wage es, denn ich bin unschuldig. Meine Berurtheilung ist das größte Verbrechen des Jahrhunderts. Man wird es in drei Jahren sehen. Ich habe eine Familie, der es gelingen wird, meine Unschuld zu beweisen. Man wird dann die Strafe bedauern, die man mir heute auferlegt." Diese Worte „meine Berurtheilung n. s. w." wiederholte er mehrmals. Auch in dem Augenblick, als man ihn abführte, dann im Saal der Militärschule, wo er die Ceremonie erwartete, hatte er folgendes Gespräch mit dem wachthabenden Capitän Lebrun-Renaut: Der Capitän: „Sie haben nicht an Selbstmord gedacht, Herr D r e y f u ß?" Dreyfus: „Doch Capitän! Aber nur am Tage meiner Berurtheilung. Später habe ich überlegt. Ich habe mir gesagt, daß unschuldig, wie ich es bin, ich nicht das Recht habe, mich zu tödten. Man wird es in drei Jahren sehen, wenn mir Gerechtigkeit geworden sein wird." Capitän: „Sie sind also unschuldig?" Dreyfus: „Hören Sie mich an, Capitän! Man findet im Papierkorb einer Botschaft ein Schriftstück, 'das die Sendung von vier Papieren ankündigt; man unterbreitet das Schriftstück Sachvelständigen. Drei erkennen meine Handschrift, Zwei erklären, daß die Schrift nicht von meiner Hand sei, und dennoch hat man mich verurtheilt. Mit achtzehn Jahren trat ich in die Ecole polytechnique ein. Ich hatte vor mir eme glänzende militärische Zukunft, fünfhundertausend Francs Bermögen und die Sicherheit, in Zukunft fünfzigtausend Francs Rente zu haben. Ich bin niemals Einer gewesen, der Frauen nachläuft, ich habe niemals im Leben eine Karte angeruh», hatte also niemals Geldnoth. Warum sollte ich Berrath geübt haben? Für Geld? Nein! Also warum?" Capitän: „Was waren das für Papiere, deren Sendung man ankündigte?" Dreyfus: „Ein sehr vertrauliches und drei weniger wichtige." Capitän: „Woher wiffen Sie das?" Dreyfus: „Weil man es mir im Proceß sagte. Ah! Dieser Proceß bei verschlossenen Thüren! Wie habe ich gewünscht, er möchte öffentlich sein, im Lichte des Tages! Es würde bestimmt einen Umschwung der öffentlichen Meinung ergeben haben!" Capitän: „Lasen Sie im Gefängniß Zeitungen?" Dreyfus: „Nein, keine! Man hat mir gesagt, daß die Presse sich viel mit mir beschäftigte und gewisse Zeitungen diese lächerliche Anschuldigung zu einer antisemitischen Campagne benutzten. Ich habe nichts lesen wollen." Als um 9 Uhr die Soldaten kamen, ihn abzuholen und Capitän Lebrun-Renaut fie ankündigte, sagte Dreyfus nochmals : „Ja Capitän, ich folge Ihnen, aber ich wiederhole ^zhnen Auge in Auge, ich bin unschuldig!" Wenn dieser Bericht des „Figaro", der „Eugsne Clifson" gezeichnet ist, und dem das Blatt nichts hinzufetzt, wirklich authentisch ist, so kann man nur den gestrigen Artikel des „Soir" unterschreiben, der übrigens als einziges Blatt den Kriegsminister auffordert, den Schleier zu lüften. Die anderen Blätter schweigen einstweilen wie die „Debats" oder ironifiren und verdammen in großer Mehrzahl die gestrige Haltung Dreyfus', indem sie seine Sicherheit als Cynismus, seine Schwüre als Blasphemie bezeichnen. In Betracht zu ziehen bleibt, daß Dreyfus' Aeußeres nach allgemeiner Aussage wenig vortheilhaft war. * *