Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021064--04199-3028373
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 28 Vrsterrrbtzttche WmtzrnfrtzrM Nr. 2 Ein jüdisches Volksbuch. Die drei Belfer. (Culturbilder aus Galizierr von Marek Firkowicz. Wien, Moritz Perl es, l. Seilergasse 4.) Dieses Buch ist in mehr als einer Hinsicht werthvoll und interessant: als literarische Erscheinung, als culturgeschichtlicher Beitrag und im Hinblick auf die edle Tendenz, die zu Grunde Liegt. Tendenz?! häßliches Wort mit fatalem Beigeschmack. Tendenzdichtungen hätten wir nachgerade genug. Die Dichtung kommt dabei gewöhnlich zu kurz. Ein Kunstwerk soll ja. mit Zola zu sprechen, nichts weiter sein, als ein Stück Natur, angeschaut durch ein Temperament. Liegt nun noch ein Nebenzweck vor, den es zu erfüllen hat — außer dem Haupt zweck, ein gutes Drama, ein gutes Gedicht oder eine gute Erzählung zu sein — will es noch belehren, bessern, begeistern für eine bestimmte außerhalb der Kunstsphäre liegende Sache, und wäre sie die beste, die herrlichste der Welt — so haben wir das gefürchtete Schreckgespenst der Tendenzdichtung hoch aufgerichtet vor uns. Hier aber waren unsere Befürchtungen glücklicherweise unbegründet. Die Erzählung fließt mit lebhafter Anschaulichkeit im mäßigen Tempo, ohne lästige Weitschweifigkeit dahin. Tie Spannung wird mit reifer Kunst rege erhalten und das Interesse des Lesers steigert fich von der ersten bis zur letzten Seite für die dargestellten Vorgänge. Die Tendenz stört durchaus nicht; sie ist — und hierin liegt ein meisterlicher Kunstgriff, um den manch' andere Autoren unseren Dichter beneiden können — nicht außerhalb des Rahmens des Gemäldes versetzt, sondern mitten in dasselbe hineingestellt. Sie ist die Feder, welche das Uhrwerk der Handlung treibt, der Motor, ohne welchen die Erzählung überhaupt nicht wäre, sie ist die — conditio sine qaa non. Und deshalb erklären wir das Buch, so barock es auch klingen möge, für eine Tendenzdichtung — und keine. Und worin besteht denn diese Tendenz eigentlich? Was will der Autor eigentlich außer dem, daß er uns angenehm unterhalten, in edler Weise anregen will, was ihm auch, nebenbei bemerkt, in reichem Maße gelungen? — Die Culturstufe der galizischen Judenheit erhöhen will er, ihre Daseinsformen zu menschenwürdigeren im Sinne des vorgeschritteneren Westens gestalten, ihre geistigen und materiellen Verhältnisse heben, Bildung und Gesittung verbreiten — kurz, der Dichter will all das auch, was die Alliance Jsraölite und der edle Baron Hirsch wollen von den Juden in Galizien! Eine edle Tendenz fürwahr! In ihren Dienst hat sich ein reiches, poetisches Talent gestellt und seine Aufgabe prächtig gelöst. Das Culturbild, welches vor uns entrollt wird, ist von lebensvollster Anschaulichkeit. Dieser Dichter ist ein Moderner! Er schildert nichts, was er nicht gesehen hat. Und er kann sehen! Nichts auswendig Gemaltes, unwahr Berzeichnetes stört das feinste Gefühl des Lesers. Vor starken, realistischen Zügen schreckt diese Feder -nicht zurück — wir erinnern nur an die Gebetscene, wie der Vater um die kranken Kinder tanzt! — Aber sie sucht sie nicht eigens auf. Wo sie sie aber findet, dort geht sie ihr nicht aus dem Wege. Der Schmutz ist nicht um seiner selbst willen da! Das ist gesunder Realismus. Von Schönfärberei und Vertuschung keine Spur. Der Leser fühlt, daß ihm hier Wahrheit geboten wird, nicht verschönert und nicht verhäßlicht, und er fühlt auch, daß in solchen Zuständen Wandel geschaffen werden muß um jeden Preis. Fenster müsien hineingebrochen werden in die beengenden Mauern, auf daß Licht und Luft einziehe in vollen Strömen. Als ein solches Fenster möchten wir, wenn das Bild gestattet ist, das treffliche Buch bezeichnen, von dem wir reden. Durch solch ein Fenster kann man aber nicht blos in das Helle Sonnenlicht und die frische Gottesluft hin aus schauen, es hat auch noch den anderen Vortheil, daß man hinein blicken kann in die Trostlosigkeit der Zustände .... Trostlosigkeit? Der Verfasser ist voll Hoffnungsfreude. Er weist auf den trefflichen, sittlichen und intellektuellen Kern hin, der in der polnischen Judenschaft steckt und den er zum Keimen, zur reichen Entfaltung bringen möchte.... In seiner Erzählung gelingt's ihm. Möge es auch im Leben glücken. An drei Belfern (Chedergehrlfen) versucht eres. Zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft bildet er sie heran, zum Handwerker, Ackerbauer und Mann der Wiffenschaft. Wie die > drei Handwerksburschen im Märchen trennen sie fich von einander. Ihre Geschicke zweigen ab, nach dreißig Jahren wollen sie wieder zusammenkommen und nachschauen, was das Schicksal aus ihnen gemacht hat. Dies volksthümliche Motiv paßt gut zu einem — Volksbuch. Ein solches sollen und müssen „Die drei Belfer" werden. Da können sie außerordentlich viel Gutes stiften. Mit Menschenkenntniß sind die zahlreichen, handelnden Personen dargestellt. Der Autor ist ein Mann, der die Welt kennt und Charaktere aus den verschiedensten Ständen zum Gegenstände seiner scharfen Beobachtungen gemacht hat. Sein Blick für landwirthschaftliche Schönheit oder städtische Scenerie ist nicht minder bewundernswerth. Er stellt die kleinen galizischen Nester so lebhaft vor unser Auge, daß man ihre Luft zu athmen vermeint und sich überall hin versetzt fühlt, wie es der Zauberstab der Dichtung gebietet. Das Verhältnis zwischen Personen und Milieu ist immer richtig. Nie sinken die Menschen zur Staffage und nie der Ort zur Decoration herab. Sie gehören zusammen — diese Menschen in diese Wohnstätten. Der culturelle Werth des Buches ist kein geringer. Es steht den Schriften von Franzos nicht nach in dieser Hinsicht. Der Ton der Erzählung ist ein selbstständiger, aber an B e rn st ein's „Vögele der Maggid" erinnert er doch durch das farbensatte, warme, innige Colorit. Diesem ersten Volksbuche hätten wir nun glücklich ein zweites, ebenbürtiges an die Seite zu stellen. Und wenn wir schon beim leidigen Vergleichen sind, so sei noch des großen Schweizer Volksdichters Jeremias Gotthelf erwähnt, an dem so Manches im besten Sinne gemahnt. Die Lehren, die der wackere Schlossermeister Lewicki seinem jüdischen Gesellen ertheilt, klingen an die an, die der brave Meister in „Uli den Knecht" dem Uli gibt. Vernunft, Wahrheit und Sittlichkeit sind ja immer gleich zu allen Zeiten und in allen Landen. Es gibt nur eine Moral, wie es nur eine Geometrie gibt. — „Die drei Belfer" sind trotzdem ein Originalwerk, denn wenn ein Autor an Franzos, Bernstein und Gottstelf zugleich erinnert — dann ist er doch hoffentlich ein Original! Das Buch ist Eduard Ritter von Gniewosz zugeeignet. Es ist des Namens, wie der Name des Buches würdig. Möge es die zahlreiche Verbreitung finden, welche es in vollem Maße verdient. Wer nach spannender Unterhaltungslectüre laugt, so wie derjenige, der sich tiefer einzulesen und einzuleben liebt in die dargestellten Vorgänge, wird es mit gleichem Behagen lesen. Der Culturforscher wird eine Fülle Materiales vorfinden, und manchen unentschlossenen Jüngling kann es entflammen zur Begeisterung für die Effe und den Pflug. Möge es segensreich wirken in den weitesten Kreisen, unsere Wünsche begleiten es auf seiner Reise in die Welt. 0. 6. Dir kunflfrrundliche „Reichspost"! In der „Schmähpost" des Täuflings Spitzer- Weimar vom 16. December war ein Hetzartikel enthalten, welcher das Wiener Antiquitäten-Geschäft zum Gegenstände seiner verleumderischen und verdächtigenden Angriffe nahm. Der Zweck dieser „Betrachtungen" knapp vor der Weihnachtswoche lag klar zu Tage und gab sich auch in dem drei Spalten langweiligen Lügengewebe ziemlich unverfroren zu erkennen. Ueber eine Anzahl steuerentrichtender, von der Ungunst der herrschenden geschäftlichen Verhältnisse ohnehin schwer genug bedrückter Firmen sollte eine Art Boycott eröffnet und jeder Kauflustige gewarnt und abgeschreckt werden. Dieses Haberfeldtreiben hätten wir wohl ein wenig ernster genommen, wenn es in einem nur einigermaßen gelesenen Blatte und nicht der obscuren „Schmähpost" stattgehabt hätte. So aber schien uns die Sache, der wir durch unsere Besprechung keine größere Publicrtät leihen wollten, mit einer Brieskastennotiz an einen uns persönlich befreundeten Kunstamateur abgethan und erledigt. Das famose „frisch geschriebene" Blatt gibt sich aber damit nicht zufrieden. Es übergießt uns in seiner gewohnten Manier^vor Allem mit einer Hochfluth wüster Beschimpfungen. Da müssen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.