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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 Vestrrreichiphr WochenptzrM Seüe 23 die in diesem Buche niedergelegte Weisheit eingehend benützt. So namentlich von Albert dem Großen, Thomas von Aquino und Duns Scotus (Munk, Mölanges de Philosophie juive et arabe p. 291 ff. Paris 1857—1859). Avicebron war nicht der einzige jüdische Philosoph, dessen die katholischen Gelehrten des Mittelalters ehrenvoll gedachten. Der spanische Rabbiner Levi ben Gerson ist der Verfasser des Werkes Milchamoth, welches von Picus von Mi rando la, Reuch!in, Keppler und anderen christlichen Denkern ehrenvoll erwähnt wird. Die wissenschaftlichen Leistungen der Juden im Mittelalter in den Rahmen eines knappen Artikels zu Pressen, geht nun wohl nicht an und kann füglich auch nicht von uns verlangt werden. In seiner Rede vom 20. Oktober 1891 hat der Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch diesen Gegenstand berührt. Er sagte damals wörtlich: „Bor mir liegt ein Buch „Geschichte der geistigen^Entwickelung Europas von John William Draper", übersetzt von A. Bartels. Ich konstatire, daß der Verfasser ein Christ arischer Abstammung ist, auch der Uebersetzer ist ein Arier, dessen Stammbaum unverdächtiger als der der heutigen Wortführer und Vorkämpfer der Rassenreinheit. (Heiterkeit.) Da finden Sie interessante Daten über die jüdischen Aerzte im Mittelalter in einem Capitel „Einfluß medicinischer Ideen durch die Juden": „In der Philosophie hatten sich die Juden allmählich von dem Einflüsse alter Ueberlieferungen befreit: ihr Fortschritt in dieser Richtung zeigt sich in der thätigen Weife, wie sie die Entwickelung des Reuplatonismus unterstützten." „In dieser geistigen Emancipation gingen ihre Aerzte voran." Er zählt eine größere Anzahl von Aerzten aus und sagt weiter: „An der Schule zu Bagdad soll Josua Ben Run der berühmteste Professor gewesen sein, während die Schule selbst die Uebersetzung griechischer Werke in das Arabische thätig förderte, nicht allein Werke fachwissenschaftlicher sondern auch allgemeiner Art. Auf diese Weise wurden die Schriften Plato's und Aristoteles' gesichert, ja es sollen fast jeden Tag mit Bücherrollen beladene Kameele in den Thoren Bagdads eingezogen sein." „Um den Vorrath zu vermehren, wurde der Kaiser Michael III. durch den Vertrag gezwungen, griechische Bücher zu liefern. Das Ergebniß dieser geistigen Bewegung konnte kein anderes als eine Verbreitung von Licht sein. Schulen erstanden in Bassora, Jspahan, Samarkand, Fez, Marokko, Sicilien, Cordova, Sevila, Granada. So wurden die Araber durch die Juden und Nestorianer mit der medicinischen Wissenschaft Griechenlands und Alexandriens bekannt." Die Juden glänzten besonders in der Arzneikunde! „Man weiß", sagt ein bekannter Historiker, „daß seit Carl dem Großen bis aus Franz I., der sich jüdische Aerzte von Carl V. erbat, kein Fürst war, der nicht einen jüdischen Leibarzt an seinem Hose gehabt hätte." Ich erwähne ferner: König Alphons X. von Castilien, Jacob I. von Aragonien, Johann ll. von Portugal, Kaiser Carl der Kahle, Kaiser Conrad ll., Kaiser Friedrich III., Kaiser Ferdinand I., Heinrich ll. von Navarra, Maria de Medici, König Sigismund von Polen, welche alle jüdische Leibärzte hielten. Auch der Heilige Vater in Rom hatte sein Leben der Kunst eines jüdischen Arztes anvertraut. Und das geschah nicht einmal, sondern sehr oft. Bon römischen Päpsten, die sich von Juden behandeln ließen, nennen wir: Papst Gelasius, Bonisaz IX., Alexander VI., Leo X., Paul III., Julius lll., die sich jüdische Leibärzte hielten. In den Klöstern war es nicht anders, so daß König Friedrich ll. von Sicilien einmal sagte: „Wir sehen, daß für gewöhnlich kein anderer Arzt in Klöster eingeht als ein jüdischer." Bonifaz IX. bezeugt den jüdischen Aerzten, daß sie in Ausübung ihrer Kunst zuvorkommend, wohlwollend und dienstfertig sich erweisen, Armen und Dürftigen zu Hilfe eilen, nicht auf Bezahlung dringen und in ihrer Kunst außerordentlich erfahren sind." Das ist das Zeugniß des Oberhauptes der Christenheit im Mittelalter. Spinoza und die Juden. Der große Botaniker Schleiden macht die tretende Bemerkung: „Auch in der Philosophie darf man sagen: ohne Juden kerne Scholastik und kein Fortschritt, atfo keine Fortbildung in der Philosophie." Die Roth des Lebens oder wie man gegenwärtig sagt, der Kampf ums Dafein, schärfte ihren Geist von Geschlecht zu Geschlecht immer mehr, um Mittel zur Selbsterhattung zu ersinnen. Die jüdische Religion hemmt keineswegs die Enlwrcklung der Intelligenz, verlangt durchaus nicht das Opfer des Jntellecis, im Gegentheil, der Talmud, welcher feit dem Untergange der Selbstständigkeit gewissermaßen eine chinesische Mauer um die Judenheit zog und sie von dem Contacl mit der Außenwelt und von der allgemeinen, geistigen Strömung fernhielt, bot den Juden geistige Nahrung genug, wltzigle sie, machte sie fcharsfichtig und scharfsinnig. Wissen constiluirte unter den Juden den Adel; die höchste gesellschaftliche Schande war Unwissenheit. Der ungewohnte Wissensdrang und Forschungslrieb führte aus der talmudijchen Einseitigkeit zu den anderweitigen, sozusagen, weltlichen Wissenschaften, zur Medicin, Naturkunde, Philosophie, ganz besonders aber zur Kritik, an dem Gegebenen nicht Genüge zu finden, sondern es in Gedanken aufzulöfen und die Wahrheit davon herauszusuchen. Spinoza ist nicht durch elastisches, philosophisches Wissen, nicht durch Aristoteles, sondern durch den Talmud, lange vor Kant, Kritiker der reinen Vernunft geworden. Schleiermacher, Goethe, Hegel, Schelling — alle verkünden einstimmig Spinoza als den Vater des modernen Denkens. Schleiermacher huldigt ihm mit folgenden Worten: „Der erhabene Geist der Welt durchdrang sein Leben; das Unendliche war sein Anfang und sein Ende, das Universelle seine einzige und ewige Liebe; indem er in einer heiligen Unschuld und tiefen Demuth lebte, spiegelte er sich in der ewigen Welt und er gewahrte, daß auch er für die Welt ein der Liebe würdiger Spiegel war; er war voll Religion und voll des heiligen Geistes; daher erscheint er uns einsam, und einzig ein Meister in seiner Kunst, aber erhaben über das Weltliche, ohne Jünger und ohne Bürgerrecht." Nichts verabscheute Spinoza so sehr, als Fanatismus und Lüge; im Capitel 20 des theologisch-politischen Tractates findet sich folgende Stelle: „Was gibt es Traurigeres für einen Staat, als ehreuwerthe Bürger wie Bösewichte zu verbannen, weil sie nicht die Meinungen der Menge theilen und die Kunst der Verstellung nicht verstehen! Was gibt es Berhängnißvolleres, als Männer wie Feinde zu behandeln und sie in den Tod zu schicken, weil sie kein anderes Verbrechen begangen haben, als das, mit Unabhängigkeit zu denken! Schauet daher, wie das Schaffot, der Schrecken der Schlechten, die ruhmreiche Bühne wird, auf welcher die Toleranz und die Tugend in ihrem vollen Glanze strahlen und öffentlich mit Schimpf und Schande die souveräne Majestät bedecken. Sicherlich, man könnte aus diesem Schauspiel nur das Eine lernen, diesen edlen Mätyrern nachzuahmen oder, wenn man den Tod fürchtet, sich zum feigen Schmeichler der Macht zu erniedrigen." Solche Grundsätze sino natürlich nicht nach dem Geschmack des schwarzen Prinzen! Die Antisemiten haben dem Rector Müllner höhnisch zugerufen, daß die Amsterdamer Juden des XVII. Jahrhunderts Spinoza verfolgt haben. Bon Michael Servet und Giordano Bruno wissen sie nichts. Indessen die Antisemiten des XIX. Jahrhunderts machen es mit Nothnagel und Mül ln er nicht anders. Ernest Renan betont mit Recht von Spinoza: „Im Grunde war er den wahren Vätern des Judenthums ergeben und insbesondere dem großen Maimonides, welcher Mittel gefunden hatte, in die jüdische Religion die kühnsten philosophischen Anschauungen einzusühren." In der That war er blos der Dolmetsch der philosophischen Ideen eines spanischen Rabbiners Chasdai Crescas, welcher zuerst principiell den Aristoteles und seine Autorität bekämpfte und mit großem Scharfsinn dessen Weltanschauung und Physik in seinem merkwürdigen Buche „Or Adonai" widerlegte, im Jahre 1410, also lange ehe ein christlicher Forscher wagte, sich gegen die aristotelische Dogmatik aufzulehnen.

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