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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 32 - E M »d _ J- J -JtJM WrMrvenvptze MmysnpqNfl Nr. 2 Der Staat aber schafft im Wege der Parlamentsmehrheit Gesetze und Einrichtungen, durch welche jener einzelnen, irregeleiteten Gesellschaftsschichte auf Kosten der Juden und mit Verwendung ihrer eigenen Beiträge geholfen werden soll. Die Gewerbepolttik des Grasen Wurmvrand beschränkt die bürgerliche und wirthschaftltche Freiheit der Juden, um einem unvernünftigen Schlagworte gerecht zu werden. Das ist gegen die Natur und die Grundlage des wahren Liberalismus, und dieser Abfall muß sich früher oder später bitter rächen. Wir schließen mit der Mahnung, ui welche O fsermann's treffliche Broschüre ausklingt: „Wer die Geschichte kennt und verstehen will, muß die Ueberzeugung haben, daß nur die Anerkennung der wahren liberalen Ideen, die Rückkehr zur freien Entwicklung der Individualität aus der Noth solcher Zeiten retten kann." Die Juden in der Wissenschaft. Die große Rede, welcher der Rector magniücus Dr.Laurenz Müllner im Landtagevon NiederÖsterreich infolge der sinnlosen und widerwärtigen antisemitischen Angriffe auf die erste Hochschule des Reiches zu halten genöthigt war, ist in den Zeitungen aller Parteischattirungen zum Gegenstände eingehendster Erörterungen gemacht worden. Diese Erörterungen sind naturgemäß sehr verschieden ausgefallen. Man hat aus der einen Sette in volltönenden Superlativen geschwelgt und Weihrauchfaffer geschwungen, deren qualmendes Gewölle schließlich die Persönlichkeit des Redners und die Absicht, aus der heraus er gesprochen, gründlich verhüllte, so daß von besonnener Objektivität bei Beurlheilung der Sachlage keine Rede mehr sein konnte. Die Gegenpartei wieder ist in ihrem maßlosen Jngrimme, in ihrer fürchterlichen Wuth über den Unglücklichen hergefallen. Gerade Rector Müllner, der wiederholt und mit allem Nachdruck betont hat, außerhalb aller Parteien zu stehen, verdient, daß seine Rede nicht vom einseitigen Parteistandpunkle, sondern von einem höheren allgemein menschlichen beurtheilt und aufgefaßt werde. Was für den Parteimann Parteisragen sind, das sind für den Denker nur Probleme, so hat er selbst gesagt. Um denn, wie ein wissenschaftliches Problem wollen wir sein Auftreten im Landtage überprüfen. Wie unvergleichlich schön sagt doch Baruch Spinoza, vor dem er sich ehrfurchtsvoll beugt, in seiner „Ethik" : „Ich bettachte die menschlichen Leidenschaften und Verirrungen, als ob es sich um geometrische Körperlinien, Flächen und deren Beurtheilung handelte": -i- * $ Gregorig, Lueger und Consorten hatten es wieder einmal für gut befunden, ihre profunde Weisheit loszulassen und sind unserer armen Xlwa water mit vergifteten Geschossen hart an den Leib gerückt. — Der Rector schwieg..— Einige der Herren haben in ungewohnter Weise pauschale Verdächtigungen und hämische Ehrabschneidungen so hübsch im Großen und Ganzen und höchst Allgemeinen zum Besten gegeben. Der Rector schwieg noch immer. Dann kam Herr Pfaidler Gregorig, der zur Naturwissenschaft in keinem anderen Verhältnisse steht, als daß er für die höher organisirte Species homo sapiens angeblich paffende Rachtleibel verschleißt, und gab sein Votum ab über das „Mauscholeum", über den Nothnagel, an dem es hängt, über die moderne Wissenschaft, über Anatomie, Tausendgüldenkraut, Heilserum! . . . Da schwieg der Rector nicht mehr. Rector Laurenz Müllner hat nur seine Pflicht gethan, nicht mehr und nicht minder. Er hat das von ihm vertretene Institut vertheidigt, er hat die Wissenschaft vertheidigt — dazu war er da, das mußte er thun, das hätte jeder andere vernünftige und gesittete Mann, mit der Ehrenkette eines Rectors geschmückt, auch thun müssen und auch gethan. AverroLs und Aoicebron. Averroßs soll er in seiner Rede genannt' und von ihm gesagt haben, daß Dante Alighieri diesen Juden hochgeschätzt und verehrt habe. AberAverroes war gar kein Jude, sondern ein Mohammedaner. Tnumphnend spießen die Antisemiten diese Neuigkeit aus Meyer's ConversaüonsUxtton aus lange Stangen und tragen sie im Triumphe spazieren. Nun, was diese Art Herren wissen, das weiß wohl ein Rector Müllner auch! Entweder hat sich der Gelehrte in momentaner, begreiflicher Erregtheit.versprochen oder — was wahrscheinlicher! — die Stenographen haben ihn schlecht verstanden. Es soll ja im Landtag mitunter nicht so mäuschenstille zugehen. Gemeint hat der Rector aber, das wollen wir den Herren sagen, — Aoicebron. Die beiden Worte klingen ja etwas ähnlich und sind entweder vom Sprecher oder von den Stenographen verwechselt worden. Aoicebron (Jbn Gabirol) war Jude. Sein philosophisches Hauptwerk wurde viel bewundert, eifrig studirt und commentirt von der katholischen Scholastik. Wie einen Heiligen verehrte sie diesen Juden! Dante und die Juden. Es war überflüssig. demHerrnG r e g o ri g die „empirische Psychologie" von Wundt zum Studium zu empfehlen, er wird sie ebensowenig studiren, wie er den Dante studiren wird. Der große Florentiner hat nicht den Beifall des Publicums vom „goldenen Luchsen". Den Herrcn ist auch jener Sonetrenkranz vermuthlich unbekannt, welcher von Dante's Freundschaft für den Juden Manoello (Emanuel) beredtes Zeugniß ablegt. Manoel war ein kraftvoller, genialer Dichter, dessen Muse wie die seines Freundes Dante einen Ausflug in die „Hölle und das Paradies" (Tofess w’ha-Eden) machte. Ueber diese Nachbildung der „Göttlichen Komödie" urtheili Theodor Panr (Jahrbuch der deutschen Dante-Gesellschaft, HL, 447): „Richten wir auch einen Blick auf die in der Dichtung sich aussprechende Gesinnung, so darf der Jude Immanuel vor dem Christen Dante wahrlich nicht beschämt zurücktreten. Uebereinstimmend mit Letzterem verurtheilt er diejenigen philosophischen. Richtungen, welche die Persönlichkeit Gottes, ditz Erschaffung der Welt durch Gottes Allmacht und den göttlichen Geist im Menschen leugnen; weit tiefer einschneidend als Dante aber trifft er die Heuchelei im Innersten ihres Wesens; außerdem wallet in der Auffassung Jmmanuel's ein Geist der Duldung gegen Andersgläubige, eine schöne menschliche Unbefangenheit in Glaubenssachen, wie sie in jenem Zeitalter auf christlicher Seite mit der Laterne des Diogenes gesucht werden muß". Der Dichter C.in o da Pi stoj a sandte anBosone da Gobbio nach dem Tode des Juden Manoel folgendes Sonett: Cino an Bosone nach dem Tode Daniels und des Juden Manoel. „Bosone, euer Manoello, Beharrend bei dem Jrrthum seines Glaubens, Ist in die Hölle gefahren und duldet jene Qual, die dem bestimmt ist, der sich nicht bessert, Nicht ist er beim gemeinen Haufen, Sondern bei Dante steht er...." Hierauf lautete die Antwort Bosone's. Manoel, den Ihr nach jenem Abgrund versetzt, Wo Lucifer mehr als ein Anderer herrscht, Gehört nicht.in dessen Reich, der Rebell war gegen Den, welcher die Welt schuf, um sein Reich.auszufüllen, Und wenn er wäre an jenem treulosen Orte, Wohin Ihr ihn versetzt, doch den er nicht erwählt, So hat nicht die Wahrheit geschildert Euer Pinsel, Daß ihn und Dante treffe solche Schmach. Dante und Manoel werden ihren Lauf vollenden, Wo ihnen Mark und Haut verbrannt wird, Bis für sie anlangt die große Hilfe. Jude» in der Wissenschaft des Mittelalters. Der Rector har sich also blos versprochen, er wollte „Avieebron" nennenden jüdischen Dichter und Philosophen Salomon ben JehudaJbn Gabirol, welchen Ritter in der „Geschichte der Philosophie" als „den ersten Selbstdenker in Europa, seitdem Justtnian's Rohheit die philosophischen Schulen in Athen hatte schließen laffen"bezeichnet.SemHauptwerk„MekorChajim"wurde unter dem Namen Aoicebron von einem christlichen Priester ins Lateinische übersetzt. Von den christlichen Kirchenvätern wurde

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