Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 2. Wien. 11. Jänner 1895. Jahrgang XII. Centralorgan für die gefsmmten Interessen des Iudenthums. -- Herausgeber: Reichsralhs-Avgeordneler vr. KLoch. -»^i 'H1 - Erscheint jeden Freitag. -«>»« <H' - Wan abonniri bei allen Postanstaltrn des In- und Auslandes. Inhalt: Leitartikel: Ein Apostel des eckinn LiberaUsmns. — Die Inden der Wissenschaft: Averross und Avicebro». Dante und die Inden. Cino an Bosone nach dem Tode Dante's und des Juden Manoel. Antwort Bosone's. Juden in der Wissenschaft des Mittelalters. Die Juden glänzten besonders in der Arzneikunde. Goethe und die Juden. — Doctor David Rosin. — Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. — Ein jüdisches Volksbuch. — Die kunstfreundliche „Reichspost". — General-Dersammlung des israel. Bethausvereines im IX. Bezirke. — Jubiläum des Pester israel. Knabenwaisenhauses. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein katholischer Pliester gegen die Antisemiten. Prag. Zum Fall Dreyfus. Zweierlei Mas-. Erinnerung au Samuel Fenichel. Die Juden sind keine Menschen. — C orrespondenzen: Wien, Prag. Breslau, Lille, New-Aork. — Vermisch tes: Wien, Rzeszow, Kolin, Preßburg, Przemysl, Nepomuk, Raab, Brünn, Koste!, Magdcburg. — Feuille 1 on: Der Vorbeter von Cham. — Briefkasten. — Inserate. K. ft. Postsxarftsssrn-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976. Lrdsrtton und Administration: Wien Äranx Jopefs-Nuai Nr. 8. Telephon - Nr. 6535. X- ----— * V ■ ■ ==-—=_ ..=HK Serugsvrris für Sestrrrrich: f Halbjährig 4 fl. — 8 Lr. | Einzelexemplare 25 kr. j Für'» Ausland: halbjährig 5 fl. —!0 Lr. ganzjährig 10 „ 20 Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. X .—V Ein Apostel des echten Liberalismus. Alfred Freiherr von Offermann zählt politisch und literarisch zu den vornehmsten und freiesten Geistern unseres Vaterlandes. Er verfolgt die Strömungen des Tages, aber er steht hoch über ihnen und gewinnt dadurch den Bortheil schärferer Erkenntniß und völliger Unbefangenheit. Schon in früheren Arbnten haben sich diese ausgezeichneten Eigenschaften eines Mannes offenbart, der vom social hervorragenden Standpunkte mit dem Maßstabe einer unbestechlichen, weil auf unerschütterlichen Ueberzeugungen beruhenden Kritik an die vielfach verwirrenden Erscheinungen unseres heutigen Partei- und Gesellschaftslebens herantritt. Die neueste, uns vorliegende Arbeit Baron Alfred Offermann's nennt sich: „Wachsender Fanatismus für allmächtige Staatseingriffe", und fast wären wir geneigt, dieselbe als die reifste Frucht der politischen Studien des Verfassers zu bezeichnen. Sie überrascht zunächst leider durch ein Etwas, was für Niemanden eine Ueberraschung sein sollte, indem sie eine klare, festbegrenzte Definition vom Begriffe des Liberalismus gibt. Wie die eingefrornen und wieder aufgethauten Töne aus Münchhausen's Posthorn vernehmen sich Sätze wie die folgenden: „Die wahre und echte Freiheit besteht darin, daß sich jedes Individuum nach seinen besonderen Anlagen und Kräften ausprägen, jedes seine ganze Natur nach eigener Entschließung ausbilden kann." „Die möglichst freie und kräftige Ausbildung der Individualität ist zugleich auch das Fundament der socialen Wohlfahrt". „Es soll keine verschiedenen bürgerlichen Rechtsclassen geben, in die man durch die Geburt oder sonstwie eingereiht werde -und die der Entwicklung der Individualität im Wege stehen". „Nicht die Geburt oder sonst ein Zufall, sondern nur schon bewiesene und vorhandene Leistung und Leistungsfähigkeit sollen Bedingung und Maß politischer Rechte sein". Das sind Grundsätze, mit denen der Liberalismus steht und fällt, die aber mehr und mehr in Vergessenheit gerathen. Namentlich in Oesterreich hat man die Grundvesten des Liberalismus dadurch erschüttert, daß man zum Maßstabe der politischen Berechtigung nicht die individuelle Leistungsfähigkeit, sondern den Zufall der Geburt in Form des ererbten Adelstitels, der ererbten Nationalität oder des ererbten Besitzes gemacht hat. Was Offermann als das charakteristische Merkmal des alten Feudalstaates bezeichnet, daß nämlich „die Mehrzahl der Rechte an dem regelmäßig durch die Geburt gegebenen Stande der Personen, nicht aber an der Person selbst haftete", das ist auch das Merkmal unseres verwässerten Eonstitutionalismus, und nur auf dem Boden eines solchen konnten sich jene socialen, nationalen und cvnfessionellen Strömungen entwickeln, welche sich auf die Ausschließung ganzer Classen und Stände von der Mitwirkung am Staatsleben und von der bürgerlichen Gleichberechtigung richten und unter welchen vor Allem wir Juden am schwersten zu leiden haben. In einem glänzend geschriebenen Capitel zeigt Offermann, wie der libervle Grundsatz der „freiwilligen Mitwirkung" sich mehr und mehr verfälscht und wie an ihre Stelle die unfreiwillige Mitwirkung, die staatliche Zwangsgewalt tritt. Die freie Religionsübung und Meinungsäußerung, Handels-, Verkehrs-, Preß- und Versammlungsfreiheit sollten nur Mittel zum Zwecke, zur Volkserziehung und zur Ausbildung aller individuellen Fähigkeiten und damit zur Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt sein. Aber heute sucht man das Ziel der allgemeinen Wohlfahrt durch künstliche Beschleunigung, durch directe Zuwendung staatlicher Wohlthaien und Vortheile an einzelne zurückgebliebene Gruppen auf Kosten und zum Schaden der Gesammtheit zu erreichen. Die fortschreitende Ausdehnung der Staatsgewalt, die staatliche Reglementirung ist an Stelle der freien Bethätigung allsr individuellen Einzelkräfte getreten. Man erwartet Alles von der Allmacht des Staates, und der Liberalismus, der früher die absolute Macht des Herrschers bekämpfte, beugt sich heute vor den Uebergriffen der Parlamentsautorität. In seinem Schlußcapitel bekämpft nun der Autor das Axiom vom schrankenlosen Rechte der Majorität. Er führt hiebei folgendes Beispiel an: „In einer Gesellschaft, die mit dem Zwecke, Wohlthätigkeit zu üben, gegründet wurde, findet sich auf einmal eine antisemitisch gesinnte Majorität und diese beschließt, die bereits angesammelten Mittel zur Unterdrückung des Judenthums zu benützen und dadurch indirect — ihrer Weisheit nach — den Christen zu helfen. Werden nun die Beiträge der übrigen etwa jüdischen oder wirklich christlich gesinnten Mitglieder, die alle der Gesellschaft nur beigetreten sind, um wahrhafte Nächstenliebe zu üben, in dieser neuen Richtung unsinniger Fanatiker verwendet werden dürfen? Gäbe es ein schreienderes Unrecht!? Wir haben dieses eine Beispiel aus mehreren herauöegriffen, weil es überaus treffend die Richtung unserer ganzen eutigen Wirthschaftspolitik illustrirt und auf das ganze Staats- und Gesellschaftsleben angewendet werden kann. Eine einzelue Schichte dieser Gesellschaft behauptet, alle wirthschaftlichen Uebel kommen von den Juden her. Was thut nun der Staat und was thut die Majorität des Parlamentes? Die Juden leisten ihre Beiträge an Gut und Blut für die allgemeine Wohlfahrt, sie zahlen ihre-Steuern, sie nehmen hervorragenden Antheil an dem geistigen Leben, sie stellen ihre Söhne zur Armee — sie erfüllen alle staatsbürgerlichen Pflichten bereitwillig und aufopfernd.