Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021063--04186-3028359- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 16 Veflrrretrtzifttze Wochenschrift Nr. 1 Mittwoch im Alter von 74 Jahren so plötzlich aus dem Leben geschiedenen Freifrau Karl von Rothschild vollzog sich in der gleichen einfachen, schlichten und prunklosen Weise, wie das auch schon bei den früheren ähnlichen Anlässen im Hause Rothschild der Fall war und so ganz und gar den Traditionen und den Gepflogenheiten des Welthauses entspricht. Trotzdem waren gestern die Straßen, namentlich in der Innenstadt, die Neue Mainzer- und Kaiserstraße, Roßmarkt und Schillcrstraße zu beiden Seiten von einer dichten Menschenkette umsäumt und auch der übrige Weg nach dem Friedhof zeigte fast das gleiche, belebte Bild. Im Trauerhause am Untermainquai stand auf erhöhtem Podium der Sarg der Verblichenen im Parterregeschoß in einem nach hinten gelegenen mit einem Wald von Palmen und Lorbeerbäumen decorirten Salon. Es war ein geschlossener, gelbpolirter und außen reich mit Silberbeschlägen ausgestatteter Eichenholz-Sarg, der den Zinksarg mit der Hülle der Verstorbenen barg. Die von Rah und Fern, von Anverwandten, Corporationen und Einzelpersonen eingegangenen Blumen- und Trauerspenden aller erdenklichen Art und Form, und schier unzählbar, waren bereits in der Morgenstunde auf zwei zweispännige besondere Wagen gebracht, die sich dem Trauerconducte anschlossen. Was hier an Kostbarkeit des Blumenmaterials vereinigt war, rief selbst die Bewunderung und das Staunen namhafter Fachleute hervor. Roch am Samstag war ein specieller Courier aus Paris mit drei Kisten hier eingetroffen, welche jede einen Riesenkranz aus frischen Nizza-Theerofen, umwunden mit Trauercrepe — herrliche Kunstwerke der Binderei — enthielt. Aehnliche Blumenspenden aus London waren schon einige Tage vorher hier eingetroffen. Eine Trauerfeierlichkeit im Hause fand nicht statt. Geg-n 10 Uhr wurde der Sarg durch Diener vom Postamente abgehoben und auf den an der Thüre vorgesahrenen Leichenwagen gebracht, worauf sich der Zug durch die schon genannten Straßen nach dem israelitischen Friedhofe in Bewegung setzte. Voran schritten die Waisenmädchen des israelitischen Frauenvereis, deffen P.äsidentinstelle die Verstorbene 42 Jahre lang bekleidete; es folgten die Kränze tragenden Schwestern der Rothschildffchen Krankenhäuser, dem Leichenwagen zu beiden Seiten schritten je vier Diener, ebenfalls Blumen- und Palmenspenden tragend. Hinter dem Sarge folgten der Rabbiner der Hauptsynagoge Dr. R. Plaut neben Lord Rothschild aus London und Baron Willy von Rothschild von hier; dahinter schritten die Schwiegersöhne der verstorbenen Baronin Karl: der Herzog von Grammont und der Fürst von Wagram nebst deren Söhne und Baron Henry von Rothschild aus Paris. Daran schloffen sich dann die übrigen Theilnehmer des langen Trauerzuges, darunter Herr Oberbürgermeister Ad icke s, Herr Stadtcommandant Generallieutenant v S t ü lp n a g e l, die Beamten des Hauses Rothschild, die Vertreter und Deputationen vieler milden Stiftungen und Anstalten u. s. w. Den Schluß bildeten die Rothschildst'chen Equipagen, die beiden Blumenwagen und einige vierzig herrschaftliche Equipagen. Gegen II Uhr langte der Zug vor dem Friedhofe an; der Sarg wurde in die Vorhalle getragen, und nachdem sich um denselben das Trauergefolge gruppirt hatte, hielt Herr Rabbiner Dr. Plaut die Leichenrede, aus welcher wir u. A das Folgende entnehmen. „Die edle Verblichene hat für die Menschheit gelebt und allem geistig und sittlich Hoben ihr Streben geweiht. In fortschreitender Bildung und Erkenntniß suchte sie bis in die letzten Tage ihres geistesfrischen und "geistesklaren Lebens sich zu vollenden. Dabei bewährte sie gern lichte Seelenqröße und übte gern echte Menschentugend, in welcher sie die schönste Aufgabe ihres Daseins erkannte. Mit warmer und treuer Theilnahme förderte sie Menschenglück und Menschenfreude, die zu allen Zeiten das erhabene Ziel edler, hochgesinnter Geister waren. Dadurch hat sie ihrem Leben eine über den Erdengang weit hinausreichende Bedeutung verliehen, es zu einem Vorbild gestaltet, das auch nach ihrem Tode uns hell voranleuchtet, zu einem Segen, der niemals entschwindet. Aus der so mannigfaltigen und wirkungsreichen Thätigkeit der Entschlafenen wollen wir hier nur zwei Beispiele hervorheben, um zu zeigen, wie ihr Leben dem Meuschenwohl, besonders aber den vom Glück Verlassenen gewidmet war. In der Kinderheilstätte, welche sie zum Andenken an ein eigenes, frühverstorbenes Kind errichtet hatte, waren die armen kranken Kinder der Gegenstand rührendster Fürsorge und Aufmerksamkeit. Dieselbe opferwillige Liebe und Barmherzigkeit beseelte sie auch gegen die verw üsten Mädchen des israelitischen Frauenvereins dahier, dem sie Jahrzehnte lang als pflichtbewußte und pflichteifrige Vorsteherin angehörte. Was aber, so nruß man fragen, wird eine Mutter der Armen und Waisen ihren eigenen Kindern gewesen sein? .... Hier ist eine große, für alles Wahre und Gute empfängliche und begeisterte Seele in das ewige Heim aller Sterblichen zurückgekehrt. Sie hat auf diesem Wege Boten vorausgeschickt, die ihr den Weg bahnen zum ewigen Vater. So wird die Verewigte auch nach ihrem Tode ein leuchtendes Lebensbild bleiben und die Stunden und Tage des Schmerzes und-der Trauer werden zu Jahren heiliger, weihevoller Erinnerung werden, die zur Nacheiferung ausfordert, und als ein dauernder Segen fortbesteht." Darnach ergriff Herr Director Dr. H. B a e r w a l d, Vorsteher des Israelitischen Frauenvereins zur Erziehung unbemittelter Waisen weiblichen Geschlechts, das Wort, um namens derselben die Verdienste der Verstorbenen und deren humanitäres Wirken um den Verein zu würdigen. In gleichem Sinne sprach der Vorsitzende des Vorstandes der Freiherrlich Karl von Rothschil d'schen öffentlichen Bibliothek und Herr Rabbiner Dr. H oro w itz namens der Stiftungen, die dem Andenken des Gatten der Verstorbenen gewidmet sind. Darauf wurde der Sarg mit der sterblichen Hülle der Entschlafenen zur letzten Ruhestätte gebracht, die sich an der Seite ihres im Tode vorangegangenen Gatten und ihrer Tochter befindet. Bukarest. Unter dem Titel „Die Dramen der Kaserne" bringen die rumänischen Zeitungen spaltenlange Artikel, welche die traurige und verzweifelte Lage unserer Glaubensgenossen auch in der Armee in einer schrecklichen Beleuchtung schildern. Der jüngste Fall betrifft einen intelligenten, allerseits beliebten jungen Menschen, Namens Josef I a m p o l i s, Recrut im 3. Reiterregimeute, der sich wegen der unglaublich niederträchtigen Behandlung seitens seiner Vorgesetzten, mit Selbstmordgedanken trug, aber bevor er dieselben zur Ausführung brachte, den in der Kaserne erlittenen Qualen erlag. Was der arme Mensch gelitten, geht aus seinem Schreiben an einen Freund hervor und kennzeichnet die Art, wie die jüdischen Soldaten in Rumänien behandelt und wozn sie trotz ihrer höheren Intelligenz verwendet werden. Der Brief lautet: „Ein Sklave bat es besser als bei' jüMfcf>e Soldat, denn er darf wenigstens einige Stunden der Ruhe pflegen. Anders steht es mit unfereinem. tim 10 gehe ich zu Bette, um schon um 2 anszustehen, den Pserdestall auszufegen. Diese Arbeit währt bis 4 Morgens. Von 4 an habe ich 6 Pferde rein zu machen, dies dauert bis gegen 9. Um diese Zeit muß ich zur Instruction, von der Instruction zum Heu, wo ich Ladungen vorzunehmen habe, die über meine Kräf'e gehen. Ich fühle innerlich Schmerzen, das; ich aufschreien möchte. Wenn dieses Leben noch einige Tage fortmährt, so er sch ieße ich m i ch." Zu diesen Zeilen des unglücklichen Jampolis bemerkt „Lumea Nova“: „Wieviel Trauer und wieviel Lebensüberdruß liegt in diesem Schreiben des verzweifelten Recruten! Von 24 Stunden nur 4 Stunden der Ruhe!" Infolge dieser übermenschlichen Anstrengungen wurde Jampolis krank und mußte ins Spital gebracht werden, wo er nach wenigen Tagen seinen Leiden erlag. Soweit das schreckliche Drama. Hierzu bemerkt der „Adeverul-1: „Jampolis vertritt hier typisch die Leidensgeschichte seiner militärischen Glaubensgenossen. In unseren Tagen, in diesem Jahrhundert in welchem die große Trompete der Civilisation geblasen wird, gilt es auch in der Kaserne als Verbrechen, Jude zu sein. Wie oft sind wir nicht Augenzeugen der scheußlichsten Scenen gewesen, w:e oft wurden nicht unschuldige Soldaten'geohrfeigt oder mit der blanken Waffe geschlagen, aus dem e in zig en Grunde, weil sie Juden waren! Wir sind überzeugt, daß diejenigen, die den unglücklichen Jampolis lo gequält haben, bei dpi Nachricht von seinem Tode ausgerufen haben werden: Schadet nichts — ein Jude weniger! Und sw denken nicht, daran, oaß sie ihn, wie so manchen Andern, in der Blüthe der Jahre hingemordet haben, die einzige Stütze und den Trost greiser Eltern .